Unbenannt

Sohn II hat also tatsächlich Blümchen gestreut. Wir haben, damit die Braut nicht Helm tragen musste, aus Sicherheitsgründen allerdings auf einem Behältnis aus Stoff bestanden. Es gab auch tatsächlich keine Verletzten, die Blümchen landeten korrekt auf dem Boden, es lief alles ganz mustergültig. Obwohl es etwas schwierig begann. Und das kam so.

Sohn II hatte sich, wie wir auf dem Weg zur Hochzeit merkten, hauptsächlich durch die Aussicht auf das schöne Kleid der Braut dazu motivieren lassen, ihr bei der Hochzeit dienlich zu sein. Schöne Kleider, schöne Frauen, da ist er immer interessiert, dafür kann man ruhig einmal etwas tun, findet er. Zumal eine seiner Freundinnen gerade explizite Heiratspläne hat (“wir heiraten und dann kaufst du uns so ein schönes Haus an der Alster”), da könnte so eine Hochzeit ja auch zur Weiterbildung beitragen, vermutete er. Er war wirklich sehr neugierig. Wir saßen in der S-Bahn nach Sankt Pauli und er fragte schon wieder nach dem Kleid, wie das denn nun aussehen würde, wie denn ganz genau, mit Perlen, mit Rosen, mit Schleier, mit Schleppe? Und da fiel mir erst ein, dass bei einer Hochzeit auf Sankt Pauli, bei der zwei sehr engagierte Sankt-Pauli-Fans heiraten, das mit dem schönen Kleid vielleicht ein falsches Versprechen war. Immerhin gibt es im Umfeld des Vereins ein ganz eigenes Schönheitsideal, zu dem nicht gerade weiße, wallende Brautkleider gehören. Ich fragte die Herzdame daher flüsternd, ob ihre Freundin eigentlich in einem Kleid oder etwa in Jeans heiraten würde. Sie wusste es nicht. Mir wurde etwas mulmig. “Ist das Kleid denn auch richtig, richtig schön?” fragte Sohn II. “Bestimmt”, sagte ich. Manchmal muss man auf Risiko spielen.

Wir saßen in der Kirche. Und während ich mich noch wunderte, dass es in der Kirche keine alten Bänke, sondern nur schlichte Stühle gab, kam das Brautpaar schon herein und sie trug ein weißes Kleid, hatte Blumen im Haar und der Sohn machte “oh”. Sie ging an uns vorbei, das Kleid war am Rücken durchbrochen, Strass glitzerte über den freien Stellen, lichtes Gefunkel über ihren Schultern. Blumen in ihren Händen, sie lächelte uns im Vorbeigehen zu und der Sohn hauchte “Oh, die ist sehr schön”. Manchmal muss man etwas Glück haben.

Dann folgte der Gottesdienst, der natürlich für die Söhne nicht allzu spannend war. Langweiliges Gerede, langweiliges Gesinge, Aufstehen, Hinsetzen, Beten, Aufstehen – oder in welcher Reihenfolge auch immer, ich kenne mich da nicht aus. Fürbitten, Gitarrensolo,  Trauzeremonie, das nahm  und nahm kein Ende, zumindest nicht aus Sicht der Kinder, deren Augen immer kleiner wurden. Bis der Pastor irgendwann zur Gemeinde sagte: “… und wenn sie jetzt da oben einmal zum Kreuz schauen wollen…” und er zeigte nach oben, wo in unserem Rücken, vor der Orgel, die Jesusfigur hing. Und die ganze Gemeinde drehte weisungsgemäß die Köpfe,  “… dann sehen sie da eine Wäscheleine.”

Das belebte sowohl die Söhne als auch die Hochzeitsgemeinde, die bei dem Satzanfang wahrscheinlich mit irgendeinem langweiligen Gleichnis gerechnet hatte. Es war aber eine wirkliche Wäscheleine, mit wirklicher Wäsche, die da hing. “Denn wir haben”, sagte der Pastor, “in dieser Kirche jede Nacht achtzig Gäste, die hier schlafen. Gäste aus Afrika, sie haben vielleicht in den Zeitungen davon gelesen. In den Medien nennt man sie Flüchtlinge, ich möchte sie aber doch lieber Gäste nennen. Da oben hängt ihre Wäsche.”  Ich habe mit der Kirche so gut wie nie etwas zu tun, aber manchmal schätze ich sie doch ganz spontan sehr.

Und der Pastor erzählte etwas von der Situation der jungen Afrikaner, die seit Wochen vor der Kirche campieren und nachts darin schlafen, wobei es dann natürlich praktisch ist, dass man die Stühle einfach wegtragen kann. Auch vor der Kirche hängt Wäsche, es ist ein belebtes und von Bedrängten umlagertes  Gebäude. Und als die Orgel beim Hinausgehen des Brautpaares “You’ll never walk alone” spielte, konnte man das auf vielfältige Weise deuten. Es gibt vieles an Sankt Pauli, das ich sympathisch finde.

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Sohn II streute Blumen. Er machte alles ganz richtig und zum richtigen Zeitpunkt. Sogar mit einem liebenswürdigen Lächeln im Gesicht. Es war überaus verblüffend und es dauerte über eine Stunde, bis die Herzdame und ich merkten, dass er damit sein gutes Benehmen wahrscheinlich auf Wochen hinaus aufgebraucht hat. Der Rest des Tages war dann ein wenig anstrengend. Anstrengend im Sinne von: eine Mutter-Vater-ohne-Kind-Kur wäre jetzt auch nicht schlecht. Aber egal!  Die Pflicht wurde erfüllt.

Die Blumen waren gestreut, das Körbchen war leer, Sohn II setzte es sich also als Helm auf, das war natürlich besser, als es sinnlos am Arm herumzutragen, wer würde das nicht verstehen. Er sah zwar etwas seltsam aus, aber okay. Man kann nicht alles haben. Er war in der richtigen Minute fotogen gewesen, mehr konnte man wirklich nicht erwarten.  Immerhin war es im Nachhinein doch sehr gut, dass er der Blumenjunge war und nicht nicht etwa Sohn I. Der hatte nämlich seinen plötzlichen Anfall von schwerer Schüchternheit, der ihn quartalsweise einmal ereilt. Weswegen er sich ebenfalls unter eine etwas spezielle Kopfbedeckung flüchtete. Als Blumenjunge hätte er damit doch etwas seltsam ausgesehen, nehme ich an.

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Auf den Gruppenfotos wird man die Söhne auch in etlichen Jahren noch leicht als “die beiden mit den Dingern auf dem Kopf” erkennen können.

Hauptsache, man bleibt in Erinnerung.


 

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