Gelegentlich werde ich gefragt, wie viel ich denn dazu erfinden müsste, um auf genug Content für diese Seite zu kommen. Gerade die Sachen mit den Kindern, das könne doch so nicht sein? Dauernd neue Geschichten?

Die Frage kommt meistens von Nicht-Eltern. Eltern wissen, dass man den Kindern nur ein wenig zuhören muss, um etwas aufschreiben zu können. Wenn man dazu noch ihre Lebensumstände beobachtet, ihre Freunde, ihre Spiele, dann kommt man gar nicht mehr hinterher, wenn man alles notieren möchte, was man bemerkenswert, lustig oder tiefsinnig findet. Und da hat man dann noch gar nichts zur Kita gesagt, zum Elterngeld, zum Betreuungsgeld, zur Ernährung, zu Kinderfilmen, zur Kindermode, zu Haustieren, Elternabenden, Notfallbonbons, Motto-Partys, Legopreisen und so weiter.

Am letzten Sonntag kam Sohn I gegen sechs Uhr verschlafen aus seinem Zimmer, er ist ein Frühaufsteher, wie ich. Er wankte schlaftrunken an meinen Schreibtisch, sah kurz darunter und stützte sich dann mit dem Ellenbogen auf die Tischkante, als stünde er an einer Bar.

Sohn I: “What kind of cellar is this?”

Ich: “Bitte was?”

Sohn I: “WHAT KIND OF CELLAR IS THIS?”

Ich: “Was soll das denn heißen?”

Sohn I: “Papa, das ist Englisch. Es heißt: was für ein Keller ist das?”

Ich: “Ja, das war mir schon klar, aber wie kommst du zu dem Satz?”

Sohn I: “Na, aus der Kita. Haben wir da gelernt.”

Ich: “Ein seltsamer Satz.”

Sohn I: “Wieso? Damit kann man doch ganz gut ein Gespräch anfangen?”

Danach geht er ins Wohnzimmer und liest etwas, er ist morgens bemerkenswert pflegeleicht. Die ersten Stunden des Tages verbringt er gerne mit Lektüre. Zwei Stunden später wacht auch Sohn II auf, ein entschlossener, ein geradezu verbissener Langschläfer, ganz die Mutter. Er kommt aus dem Kinderzimmer und trägt ein Holzscheit unter dem Arm, das er gestern draußen gefunden hat. Er hat schon seit langer Zeit eine Leidenschaft für große Holzstücke, die er verblüffend ausdauernd mit sich herumtragen kann und zu denen er eine recht innige Beziehung entwickelt. Erinnerungen an eine gewisse amerikanische Fernsehserie drängen sich auf, er kann sie natürlich noch gar nicht kennen. Das hält den Sohn allerdings nicht davon ab, mit dem Holz zu sprechen.

Er stellt sich neben meinen Schreibtisch, den Blick finster, die Haare zu Berge stehend. Es ist nahezu unmöglich, sich Sohn II am frühen Morgen in einer gut gelaunten Version vorzustellen.Er drückt das Holzscheit an sich und murmelt düster, schwer zu sagen, ob ich gemeint bin oder das Holz. Es dauert eine Weile, bis ich verstehe. wovon er spricht.

Sohn II: “Morgen ist der letzte Tag.”

Ich: “Ach? Und dann?”

Sohn II: “Nichts mehr.”

Ich: “Und wenn danach doch noch ein Tag kommt?”

Sohn II: “Dann ist das der letzte Tag.”

Es ist vielleicht beruhigend zu wissen, dass er letzte Tage schon sehr, sehr oft prognostiziert hat. Wie wir alle wissen, lag er bisher nicht richtig, als Seher kann man ihn wohl nicht durchgehen lassen. Sohn II tätschelt sein Holz und geht ins Wohnzimmer. Er muss den Bruder vom Lesen abhalten, er hat einen ziemlich klaren Sinn für seine Aufgaben im Haushalt. Wie gesagt, man muss nichts erfinden, wenn man Kinder hat. Die Kunst besteht eher darin, sich rechtzeitig Notizen zu machen.

Heute ist Freitag, genießen Sie Ihr Wochenende, es ist in wenigen Stunden erreicht. Wie mir Sohn II soeben mitteilt, wird es das allerletzte Wochenende sein. Rückfragen dazu richten Sie bitte an ein Holzscheit Ihres Vertrauens.

 

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