Kinder wissen, wann sie was können sollten. Ein Zweijähriger wird nicht versuchen, auf ein Fahrrad zu steigen, ein Dreijähriger ist nicht verzweifelt, weil er nicht lesen kann. Mit sieben Jahren hat man keinen Kummer, weil man Algebra nicht versteht usw. Kinder haben ein sicheres Gefühl dafür, wie entspannt sie bei diesen Themen sein können. Und sie wissen auch, wann sie nicht mehr entspannt sein können, wann sie dran sind und etwas passieren muss. Der Fünfjährige wird vehement aufs Fahrrad wollen, der Sechsjährige bringt sich das Lesen vielleicht sogar selber bei, der Siebenjährige wird sich schämen, wenn er nicht schwimmen kann – er weiß eben, dass es sein muss.

Als Erwachsener verliert man diesen Sinn für das Timing. Das ist eigentlich schade, nicht wahr? Wenn ich nur an zwei wichtige Meilensteine des menschlichen Lebens denke, an das Erreichen von Weisheit und Gelassenheit, so habe ich trotz mehrerer abgelaufener Jahrzehnte immer noch nicht die leiseste Ahnung, wann die wohl endlich für mich erreichbar sein werden. Ich bin weder gelassen noch weise, ich bin eher ein hektischer Wirrkopf, das aber gründlich. Wie lange muss ich warten, bis die nächste Phase dran ist? Und werde ich es dann so exakt bestimmen können, wie mein Sohn, der mit bemerkenswerter Präzision über seinen Zuwachs an Kompetenz Bescheid weiß?

Er saß auf dem Sofa und kämpfte mit dem widerspenstigen Knopf an dem Ärmel seines Hemdes. Ich sagte: “Himmel, du bist jetzt fast sechs, das musst du doch allmählich können?” Und er antwortete, ohne sich im Geringsten beirren zu lassen: “Papa, ich werde erst nächste Woche sechs. Ich werde es also nächste Woche können.”

Ich hatte auch gerade Geburtstag. Aber ich bin bisher nicht darauf gekommen, was ich jetzt mehr kann. Verdammt.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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