Unbenannt

 

Es ist September, es frühherbstelt ein wenig, da stellen die Söhne fest, dass sie in dieser Wohnung ein eigenes Zimmer haben, voller Bücher, Buntstifte, Spielzeug und Stofftieren. Das kann man natürlich im Laufe eines ausgesprochen sonnigen Sommers glatt vergessen, wenn man immer nur draußen spielt, bis man ins Bett muss, das wird jeder verstehen. Ein paar Wochen ohne Regen und in der Vorstellungswelt der Söhne besteht diese Wohnung hier nur noch aus dem Kinderbett, einen weiteren Nutzen hat sie gar nicht mehr.

Der Regen fällt jetzt aber stetig auf die Dachfenster im Kinderzimmer, der Himmel ist grau  und sieht nicht aus, als würde er sich in Kürze wieder in ein strahlendes Blau wandeln. Die Söhne sitzen auf dem Boden und nehmen die Dinge aus den Regalen und Schränken in die Hand, als wäre alles neu. Das ist mit ein Grund, warum ich den Herbst so liebe: die Kinder spielen friedlich. Sohn I liest stundenlang halbvergessene Bücher und malt versonnen Bild um Bild, die Sonne der letzten Woche strahlt auf allen Blättern. Sohn II hat Lego für sich entdeckt und baut und baut. Er baut ein Haus, er mauert mit Feuereifer. Er reißt Wände hektisch wieder ein, weil er die Tür vergessen hat. Reißt sie dann nochmal ein, weil er auch die Fenster vergessen hat, so ein Bau erfordert eine umsichtige Planung, damit hat man es mit vier Jahren noch nicht so, auch wenn ich bei jedem Spaziergag durch die Hafencity mahnend den Finger vor der Elbphilharmonie hebe. Er sitzt zwischen den Legosteinen, die Zunge zwischen den Zähnen, hochkonzentriert. Es dauert wirklich lange, bis die Mauern gleich überall hoch sind, bis die Tür gerade eingebaut ist, die Fenster zu öffnen sind und ansprechend auf die Mauern verteilt.

Schließlich schiebt er mir das Haus stolz hin. “Guck, ein Haus. Fertig. Hab ich gebaut.” Ich sehe mir das Ergebnis an. Ein Haus mit vier Wänden, einer Tür und Fenstern. Ein Zaun davor, ein Garten, ein Baum, eine Blume. Alles super. Allerdings hat das Gebäude kein Dach. Das Dach ist natürlich besonders schwer zu bauen, aber das könnten wir ja gleich zusammen machen, denke ich. Ich sehe also demonstrativ von oben in das Haus hinein und frage ihn, ob da nicht etwas fehlt? Etwas, das bei einem Haus gar nicht so unwichtig ist? Und das bei unserem Haus auch angebaut ist? Der Sohn sieht mich ratlos an. Ich frage noch einmal, was da fehlt – jetzt, wo es doch so deutlich Herbst wird? Und dauernd Regen gibt? Es also nass wird, so von oben? Oft? Meine Hand fährt gestikulierend ins Innere des Gemäuers.

Er nimmt mir das Haus aus der Hand und sieht hinein. Denkt nach. “Hm?” frage ich dezent. “Ich weiß!” sagt er schließlich. “Da drin fehlt ein Schrank. Für all die Schlafanzüge, die man so hat.”

Es wird Herbst, seien Sie gewarnt. Wer jetzt keinen Schlafanzugschrank hat, baut sich keinen mehr.

 

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