Auf dem Weg zur Kita kommen wir jeden Morgen am Spielplatz vorbei. Trotz des strömenden Regens öffnet Sohn I das große Tor, läuft durch das nasse Gras und springt dann einmal quer über die Sandkiste. Er ignoriert fröhlich den aufspritzenden Matsch, morgendliche Rituale müssen bei jedem Wetter durchgezogen werden. Dann bückt er sich plötzlich und hebt etwas auf, ein großes, blaues, triefendes Ding, das neben der Sandkiste im Schlamm lag. “Papa”, ruft er”, Papa, hier liegt ein Buch! Ein ganz großes Buch!”

Er schleppt das Buch zu mir und Sohn II. Ein aufgeweichter Pappeinband, zusammengeklebte Seiten. Soweit man überhaupt noch etwas erkennen kann, war das einmal ein Bildband über Indien oder dergleichen. Golden glänzende Tempeldächer im Sonnenlicht, geschmückte Elefanten, man erkennt noch ein paar Bilder. “Das ist das Buch Gottes”, sagt Sohn II feierlich und mit Kennermiene. Da er alles mit Kennermiene sagt, beweist das allerdings noch nicht viel , und sein großer Bruder ist durchaus nicht überzeugt. Zumal er sich nicht ganz sicher ist, ob die Sache mit Gott nicht sowieso komplett uncool ist. Die Kitagruppe ist da etwas unschlüssig, die Mehrheiten sind unklar, da hält man sich besser bedeckt.

“Doch”, sagt Sohn II, “das ist das Buch Gottes. Weiß ich doch. Hat er bestimmt verloren.”

Von der Buchruine, die Sohn I immer noch hochhält, reißt währenddessen der Einband langsam ein. Er legt sie lieber vorsichtig ab. Sohn II ist sichtlich beleidigt, weil weder sein Bruder noch sein Vater seine Ansicht teilen, dass dies das Buch Gottes ist. “Er hat es verloren”, sagt er noch einmal, “Gott hat es verloren. Es ist ihm runtergefallen.” Er zeigt energisch nach oben, in den unaufhörlichen Regen. “Und nun?” frage ich, “was macht er dann jetzt wohl? Wenn es einen Gott gibt, dann sollte der doch wohl nichts verlieren dürfen, oder? Das wäre ja eine ganz seltsame Vorstellung.”

Sohn II geht völlig unbeeindruckt weiter. Es ist generell nicht ganz einfach, ihn zu beeindrucken. “Jetzt schreibt er eben ein neues Buch”, sagt er über die Schulter zu seiner ungläubigen Familie. Da hätte man auch selbst drauf kommen können, sagt sein Blick, aber er schweigt in einem seltenen Anfall von Rücksicht auf unsere Dummheit.

Sollte es sich bei Sohn II wider Erwarten um einen Propheten handeln – die neue Bibel steht dann demnächst auch in Ihrer Buchhandlung. Wird bestimmt auch ein Bestseller, wie schon die ersten beiden Bände. Die liefen ja ganz gut.

 

%d Bloggern gefällt das: