Unbenannt

Es ist schon ein halbes Jahr her, seit ein Freund und ich bemerkt haben, dass der europäische Fernwanderweg 1 genau vor unserer Haustür verläuft. Wenn man immer weiter an den Bäumen mit diesem Zeichen entlang marschieren würde, man käme bis ans Nordkap, wo auch immer das ist. Oder bis nach Umbrien, wenn man die andere Richtung nimmt. Beide Ziele könnten allerdings für uns etwas schwierig zu erreichen sein, da wir Familien und Jobs haben, die nicht gerne längere Zeit unbetreut beiben, aber ein paar Meter könnte man den Weg schon einmal entlang gehen, das ist doch reizvoll. So einen einladenden Fernwanderweg hat immerhin nicht jeder vor der Haustür herumliegen. Dachten wir.

Gemäß der alten Regel “Man kommt zu nix” dauerte es nach dem Beschluss aber natürlich noch ein paar Monate, bevor wir tatsächlich zur ersten Etappe aufbrechen konnten und eigentlich hätte ich auch an dem Tag unserer Wahl keine Zeit gehabt, aber so geht es ja nicht. So kommt man nie irgendwohin und das dauernde Sitzen treibt mich sowieso allmählich in den Wahnsinn, also gingen wir einfach los. Trotz Termindruck, halbgarer Projekte und offener Tabs. Computer aus und ab dafür. An einem Sonntag, morgens um acht, während die Stadt noch schlief. Mit Wanderschuhen und Wandersocken, aber ohne Gepäck. Geplant war immerhin nur eine Stadttour, durch recht ziviliserte Gegenden. Von Sankt Georg nach Bergedorf, das ist ein Stadtteil im Osten von Hamburg, 20 km von der Mitte entfernt.

Der Fernwanderweg ist auf der Strecke ein ziemlich geradeaus durchgezogener Wanderweg, den man natürlich überhaupt nicht wahrnimmt, wenn man sich nicht gerade fürs Wandern oder für Radtouren interessiert und schon das fand ich faszinierend. Da ist so ein gut ausgebauter Weg, ein kilometerlanger Grünzug, der fängt am Berliner Tor an und geht für Stadtverhältnisse endlos weit, und den habe ich noch nie gesehen. Der Weg ist nicht nur gut ausgebaut, er wird auch gerade noch besser ausgebaut, er bekommt frisches Pflaster und einen besseren Radweg. Deswegen ist er auf einigen Stücken gerade gesperrt. Hohe Metallzäune stehen in der Gegend herum, dahinter wird gebuddelt. Wir gingen da natürlich dennoch entlang, mein Freund und ich, wir waren jetzt echte Wanderer, da wollten wir uns doch nicht gleich vom ersten Zaun aufhalten lassen und auf die Straße ausweichen, haha. Off-Road!

Und so haben wir es dann geschafft, dass wir nach ein paar Minuten und nur etwa 500 Meter hinter unserer Stadtteilgrenze verblüffend gründlich in der Absperrung einer Baustelle festhingen und ernsthaft überlegten, ob wir eine Böschung hinunterspringen oder über Zäune klettern sollten – oder ob wir nicht vielleicht einfach zu urban versaut für Wanderungen sind. Aber die rettende Lücke im Zaun fand sich dann noch, nachdem ich schon die Meldung “Wander-Blogger verläuft sich im Straßenbegleitgrün” vor mir gesehen hatte. Man muss eben alles erst einmal üben.

Ein paar Meter nach der Baustelle lief uns die gazellengleiche Isa über den Weg, auf dem Weg zu einem Marathonlauf. Oder Halbbmarathon. Oder Viertel? Egal. Das war jedenfalls ein schönes Bild für die Dynamik der Hamburger Blogszene, ich, fröhlich pfeifend aus dem Gebüsch neben einer Baustelle brechend, Isa, tänzelnd in Laufschuhen vor dem U-Bahneingang, während sich die meisten Bürger gerade noch einmal stöhnend in ihren Betten umdrehten. Von wegen Schreibtischtäter! Wir können auch ganz anders.

Wir gingen immer weiter nach Osten, durch menschenleere Gegenden. D.h. die Gegend war schon voller Menschen, sehr sogar, die Wege aber nicht. Links und rechts Backsteinblöcke bar jeder Schönheit, teils in elendsgrau oder auch blassgelb verputzt, wir liefen durch die Gegend, die im Zweiten Weltkrieg komplett weggebombt worden ist. Was man da wieder aufgebaut hat, das ist naheliegenderweise nicht schön, das ist zweckmässig. Und der Zweck war damals, Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben, nicht kommende Szeneviertel zu erbauen. Man geht endlos an diesen Wohnblöcken vorbei, immer noch einer und noch einer. Erst wenn man das Gebiet einmal abläuft, ahnt man wirklich, wie viel damals gebrannt hat. Nichts sieht man hier von der schönsten Stadt der Welt, wie Hamburg so oft und so überaus fahrlässig genannt wird, hier wird Straße um Straße beinhart abgewohnt. Keine Antipasti-Edel-Imbisse, keine Latte-Macchiato-Muttis, keine Läden mit Dekobedarf für kreative Zahnarztgattinnen. Auch wenn am Rand von Borgfelde schon die Mieten steigen, wie man hört, hier sieht noch nichts aufgeschickt aus.

Abgesehen von Isa sah man vielen Menschen, die uns begegneten, eindeutig an, dass sie nur der fallende Alkohol- und/oder Nikotinpegel aus dem Bett getrieben hatte. Vor den Kiosken Grüppchen von meist männlichen Gestalten, einer fertiger als der andere, Bild und Bier zum Frühstück. Das ging so immer weiter. Und noch weiter. Wir gingen durch ganz normale Wohnviertel, aber das normale sah man um diese Uhrzeit noch nicht, es war einfach zu früh für normal. Wach und unterwegs war hier nur das Elend. Und mein Freund und ich. In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es selbstverständlich auch nicht gerade wenig Trinker, aber sie fallen morgens zwischen den Touristen viel weniger auf. In der Gegend östlich der Mitte von Hamburg sieht man keine Touristen, die Stadtteile sind keine Reiseziele. Der Wanderweg vermittelt ein ganz anderes Bild von Hamburg als die Postkarten unten am Hafen, das ist eine erhellende Erfahrung, dort zu gehen.

Erst in Steinbek wurde es plötzlich netter. Da stehen noch Altbauten, da stehen alte Bäume, da fühlt es sich an, als würde die Stadt aufatmen und sich strecken, da wird es luftiger und leichter. Der Weg entfernte sich etwas von den großen Straßen, es roch plötzlich nicht mehr nach Benzin und Diesel, sondern dezent nach dunstigem Frühherbst. Vor den Kiosken standen keine aus dem Bett gefallen Trinker mehr. Vor den Kiosken stand überhaupt niemand, die hatten nämlich zu, wir waren also am Stadtrand angekommen. Jedenfalls, wenn man es von der Hamburger Innenstadt aus betrachtete. Tatsächlich geht das Hamburger Stadtgebiet noch viel weiter, aber es verliert hier diese gewisse Großstadtausstrahlung und gewinnt sie auch nicht wieder. Man sah kleinere Altbauten, frei stehende Häuser, das war hier einmal Dorf, man merkt es immer noch.

Unbenannt

Ich habe lange überlegt, ob ich die Kamera überhaupt mitnehme, das Ding wiegt schon etwas und beim Wandern möchte man eigentlich nichts tragen. Aber das Handy reicht manchmal nicht, für gewisse Bilder ist die Kamera besser. Also habe ich sie mitgenommen. Und dann habe ich damit nur ein einziges Foto gemacht, weil wir gar keine Pausen gemacht haben. Das muss ich also noch einmal überdenken, das Konzept. Mehr Fotos machen? Und dafür dauernd stehenbleiben? Oder gar keine Fotos machen, gar nicht erst daran denken? Alles nicht so einfach.

Dann kamen bald schon die Boberger Dünen, das ist ein Naturschutzgebiet, das jeder Hamburger kennt. Und ich jetzt auch, vorher hatte ich es tatsächlich noch nie dahin geschafft. Das Gebiet ist erstaunlich groß, da läuft man stundenlang durch – und zwar im wörtlichen Sinne. Es ist landschaftlich überraschend, man wähnt sich plötzlich in Mecklenburg oder in – guck mal, die Birken im Morgenlicht! – Russland. Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga, Birken im Frühherbst auf sandigem Boden, das kann man ruhig einmal gesehen haben, das war wie Urlaub. Im Laub flackerte schon vereinzelt erstes Gold auf, die Landschaft ringsum war menschenleer und ganz ruhig, oben kreisten nur ein paar Segelflieger vor mildem Blaugrau. In einer kleinen Birkengruppe lagen bunte Schlafsäcke. Männer diskutierten leise, im Vorbeigehen hörten wir, dass sie Russisch sprachen. Kommen aus Russland, um in Hamburg unter Birken zu schlafen, das kann man dann bitte in einen Roman oder einen Kinofilm einbauen, nicht wahr. Liegen da auf dem einzigen Stück Hamburg herum, dass ein wenig nach russischer Weite aussieht, räumen fluchend Müll zusammen und starten dann in einen deutschen Sonntag. Man geht an so vielen Geschichten vorbei, wenn man mal ein paar Meter mehr geht.

Und dann endete der Weg etwas unvermittelt in Bergedorf, kurz vor der S-Bahn. 20 km in genau vier Stunden sind wir gelaufen. Die S-Bahn braucht für die gleiche Strecke 20 Minuten, wenn man damit fährt, fühlt es sich schon ziemlich weit an. Aber wenn ich jetzt wieder mit der Bahn nach Bergedorf fahre, dann weiß ich auch, wie das zu Fuß geht, das finde ich großartig. Die Stadt fühlt sich auf der Strecke jetzt ganz anders an. Der Weg war anstrengend, aber auf angenehme Art anstrengend, ich mag Gehen einfach gerne. Während mich beim Laufen eine empörte innnere Stimme fortwährend fragt, ob ich den Unsinn nicht bitte lassen könne, fragt mich beim Gehen eine freundliche Stimme immer, ob ich nicht bitte noch bis zur nächsten Ecke… zum nächsten Block…. zur nächsten Kreuzung – und so weiter. Kein Muskelkater am nächsten Tag, nur ein winziges Ziehen beim Treppensteigen, gar kein Problem. Ich glaube, das ist ein feiner Sport für mich.

Das nächste Mal gehen wir von Sankt Georg aus nach Blankenese, kreuzen dort die Elbe mit der Fähre und gehen dann südlich nach Neugraben. 33 Kilometer werden das sein. Ein wenig steigern können wir uns noch, glaube ich.

Eigentlich würde ich wirklich gerne einmal um Schleswig-Holstein herumgehen. An der Ostsee entlang rauf, an der Nordsee entlang runter. Organisatorisch herausfordernd nennt man das dann wohl.

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