Sohn I ist nun in der Vorschule. Das merkt man auch daran, dass sein Wissensdurst sich in irre Ausmaße steigert, als ob er sofort die ganze Welt verstehen müsse. Die Bettkantengespräche drehen sich nun nicht mehr um alberne Ritter oder Indianer. Der Sohn fragt jetzt mit ernstem Blick nach seriösen Themen. Was ist Werbung? Wozu gibt es die? Wer verdient daran? Wo geht das Geld eigentlich hin, wenn wir es ausgegeben haben? Kommt es wieder? Wieso gibt es in der Wohnung Strom? Gibt es in jeder Wohnung Strom? Ist Solarstrom anders als Windstrom? Was ist Eisenerz? Und wo wird es gefördert? Was ist Fördern überhaupt?

Er springt von Thema zu Thema, ich kann ihm kaum folgen. Mitten in meinen zögernden Erklärungen ist er schon weiter, während ich noch versuche, mir zusammenzureimen, was es mit Eisenerz auf sich hatte. Wo kam das noch vor? Und wie wird das gefördert? Was weiß ich denn. Bin ich Bergmann? Und wie geht Strom, wie erklärt man das denn bloß. Ich denke, dass Strom aus der Steckdose kommt, aber da wird wohl mehr Ernsthaftigkeit bei der Antwort verlangt. Ich rede also lieber weiter über Werbung und Geld, davon weiß ich wenigstens etwas mehr als vom Eisenerz. Ich drücke mich vor dem Stromthema, dabei könnte es wirklich peinlich werden, schwant mir. Da muss ich überspielen, dass ich keine Ahnung habe, das muss ich alles erst nachlesen. Aber man muss doch Sechsjährigen noch nicht zu erkennen geben, bei wie vielen Themen man wie ein Idiot durchs Leben geht, oder? Gibt es dem Kind denn nicht Sicherheit, dass Papa ihm jederzeit die Welt deuten kann? Lieber weiter reden, immer knapp an der Blamage vorbei. Nur gut, dass man als eloquenter Erwachsener die Kinder im Gespräch noch so leicht lenken kann!

Bis der Sohn mich unterbricht und tröstend sagt: „Papa, ich weiß doch, dass Erwachsene auch nicht alles wissen. Das ist schon okay. Du kannst jetzt aufhören.“

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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