Der Urlaub naht und es ist noch nicht alles verbloggt, so geht es ja nicht!

Ich war mit meinem Wanderfreund wieder unterwegs, davon ist noch zu berichten. Am letzten Wochenende sind wir zu unserer zweiten Tour aufgebrochen, wir wollten von Sankt Georg nach Blankenese, dann mit der Fähre über die Elbe und runter bis nach Neugraben. Das war zumindest der Plan, den wir aber vor dem Start schon wieder verworfen haben, denn mein Wanderfreund hatte seinen zweijährigen Sohn II dabei, den er auf dem Rücken trug, was nicht gerade zu Bestleistungen einlädt. Aber wir haben ja auch keinen Leistungsdruck, wir gehen einfach nur irgendwo längs, auf der Suche nach Erholung und Content. Ein etwas längerer Spaziergang also, von hier bis zur S-Bahn in Blankenese sind es rund 16 Kilometer.

Die Wanderung fand einen Tag vor der Wahl statt, die ganze Stadt war noch zugepflastert mit Wahlplakaten, teils sogar in erstaunlichem Ausmaß. Unser kleines Bahnhofsviertel etwa war in einer so unvorstellbaren Dichte mit dem Gesicht von Johannes Kahrs (SPD) beklebt, dass es wahrscheinlich nicht weiter aufgefallen wäre, wenn man sich den auch zuhause als Fototapete ins Wohnzimmer montiert hätte. Überall dieses Gesicht, immer wieder, immer wieder, noch eines, noch eines – und als reaktanter Bürger dachte ich vor jedem einzelnen “Nein, ich wähle dich nicht, dich erst recht nicht” und das wurde auf Dauer doch ein wenig anstrengend. Das Bahnhofsviertel also ein einziges Kahrsland, wir zogen durch einen wahren Plakatwald in Richtung des Dammtorbahnhofs und blieben dann an der Grenze zu Harvestehude verblüfft stehen, weil quasi auf der gedachten Grenzlinie zwischen den Stadtteilen das erste CDU-Plakat hing. Eines von vielen in Harvestehude, versteht sich, das war ganz unterhaltsam, denn die kannten wir alle noch nicht. Am Dammtor vorbei und durch Planten un Blomen (mit ohne d, das gehört so) runter nach Sankt Pauli. Durch einen menschenleeren Park, dessen manchmal verblüffende 70er-Ästhetik dadurch besonders schön zur Geltung kam. An der Eislaufbahn vorbei, am Gefängnis vorbei und schließlich am Bismarck vorbei, runter zur Elbe, wo es gar nicht mehr menschenleer war, sondern brechend voll. Touristenhorden an den Landungsbrücken, Outdoorjackengeschiebe und guck mal, ein Schiff, ein großes Schiff! HA-FEN-RUND-FAHRT! Mit der Barrrrrrrrkasse! Na, Herr Konsul, auch ein Ticket?

Wir wollten kein Ticket, wir wollten nach Westen. Wir gingen zügig, denn der Sohn II von meinem Wanderfreund schlief in seiner Kraxe und ein schlafendes Kind ist ein gutes Kind, wenn man voran kommen will. Wir gingen immer weiter an der Elbe entlang. Ein Weg, von dem jeder Hamburger größere Abschnitte von den Sonntagsspaziergängen kennt, ich natürlich auch, aber ich bin ihn noch nie am Stück gegangen. Ganz interessant, diese Einzelteile zusammenzufügen, ach, das kommt also dahinter? An Övelgönne vorbei, immer im Gedenken an Peter Rühmkorf, der dort gewohnt hat, da ist man als Literaturfreund natürlich in der Pflicht. „Bleib erschütterbar und widersteh“, eine seiner bekannteren Zeilen, darüber hätte man kurz vor der Wahl auch einmal einen Besinnungsaufsatz schreiben können.

Unbenannt

Uns kam ein gleitender Mann entgegen, bei näherem Hinsehen fuhr er auf einem Elektro-Longboard, was es nicht alles gibt! Nie gesehen, so etwas. Er war etwa Mitte dreißig und er hatte die Hände beim Fahren in den Hosentaschen und guckte betont gelangweilt, das mit der Coolness musste bei ihm wirklich sehr dringend sein, dachte ich mir, während er vorbeiglitt.

Die Häuser wurden immer teurer, mein Wanderfreund wies mich darauf hin, dass alle großen Städte in Europa nach Westen hin edler werden, das war mir gar nicht bekannt. Ist das wirklich so? Gibt es Ausnahmen? Wir dachten über Städte nach und murmelten Stadtteile, mir fiel herzlich wenig ein. In Hamburg stimmt es, in London auch, aber sonst – was weiß ich. Eine Villa nach der anderen an der Elbchaussee, SUVs in den Einfahrten, junge, sehr junge Erwachsene, die pfeifend in Porsches kletterten. Klischees, Klischees, was soll man machen, wegsehen hilft ja auch nicht. Auf einem Balkon einer schneeweißen Villa saß eine Dame unter einem Heizstrahler. Es war ein warmer Tag im September, aber wenn man doch ein wenig fröstelt, dann macht man eben den Heizstrahler an, nicht wahr? In der Schanze überlegen die Hipsterökos, wie sie bloß noch mehr Strom sparen können und lassen die Geräte nachts nicht mehr auf Stand-by, hier macht man den Elektroheizstrahler an, wenn ein Wölkchen über den Himmel zieht, weil: wir hams ja. Weil: mir doch egal. Weil: davon geht die Welt jetzt auch nicht sofort unter.

Zwischendurch tauchte unten am Elbufer ein Biergarten auf. Gar nicht schick, gar nicht modern. Überwuchert von Verbotsschildern, besetzt von mäßig freundlichem Personal, das grottenschlechten Kaffee ausschenkte, man wähnte sich nicht in Hamburg an der Elbe, eher in Ratzeburg am See. Auf dem Fluss zogen Containerriesen vorbei, hoch beladen, das erinnert mich immer an bunte Legokonstrukte im Kinderzimmer.

Auf der anderen Elbseite dann bald Airbus, in Hamburg gerne kumpelig “der Airbus” genannt. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der beim Airbus arbeitet. Oder gearbeitet hat. Beim Airbus war man schon einmal, über den Airbus weiß jeder irgendwas, Anekdoten ohne Ende. Vermutungen über Gehälter, Geschichten über das Firmenwachstum, Fachwissen aus der Logistik. Umweltsauereien und Managementstreitereien, Airbus ist hier Volksgut. Wenn man am Airbus entlangwandert, dann ist er aber vor allem: unfassbar hässlich. Eine monströse, graue, gigantomanische Fabrik, die den Ausblick über den Fluss auf einer irrsinnig langen Strecke komplett versaut. Auf dem Nordufer stehen edelste Villen, von deren Terrassen man Blick auf ein Gewerbegebiet hat, das auch nicht charmanter aussieht, als eine beliebige Farbenfabrik in Dortmund. Oder sieht es eher nach Kaserne aus? Nach Gefängnisinsel? Schwer zu sagen. In jedem Fall möchte man das eigentlich nicht sehen. Man geht daran entlang, es hört so bald nicht auf, es geht weiter und weiter, das merkt man aus dem Auto heraus gar nicht, wie lang diese Anlage wirklich ist. Sie ist endlos.

Unbenannt

Die Garderobe der Menschen, die uns entgegenkamen, wurde immer gepflegter, gesteppte Jacken, wohin man auch sah. Ich finde das immer wieder faszinierend, wie sehr in Hamburg die Mode nach Stadtteilen scharf abgegrenzt ist, man geht ein paar Meter weiter und die Passanten sehen plötzlich anders aus. Die Hunderassen am Strand wurden exotischer, die Wege wurden gepflegter. In Blankenese schließlich kam es uns vor, als hätten wir das Land gewechselt, so anders sahen die Menschen dort aus. Wahrscheinlich war es Zufall, dass nahezu alle, die uns begegneten, so dermaßen nach Geld aussahen, ganz so schlimm kann es eigentlich auch in Blankenese nicht sein. Aber es gibt nun einmal eine bestimmte Sorte Pullover, der man sofort ansieht, bei welch gepflegten Herrenausstattern sie gekauft wurde. Es gibt Cordhosen in Farben, die man nur in gewissen Kreisen trägt. Es gibt diese leicht jilsanderisierten Silhouetten älterer Damen, wallende Mäntelchen oder Strickensembles, an denen man kein Markenschild finden wird, und bei denen man doch alles über die Preislage weiß, wenn man nur genauer hinsieht.

Wir tranken einen Kaffee vor einer Bäckerei, gelangweilte Menschen in Kaschmirpullovern neben uns. Notare, Apotheker, Verleger, Therapeuten und Chefärzte, wenn man diese Rollen für einen Tatort besetzen müsste, man hätte hier jeden Gast nehmen können. Abgesehen von meinem Wanderfreund und mir natürlich, wir wären dann eher die Verdächtigen gewesen. “Zwischentöne sind nur Krampf – im Klassenkampf” dachte mein innerer Sechzehnjähriger, während mein wahres Alter gar nichts mehr sagte und nur noch staunte, wie sehr hier alles nach Karikatur aussah. Das könnte man so in keinem Roman unterbringen, alles völlig überzeichnet.

Bei den Altglascontainern gegenüber tauchte ein älterer Herr auf, auch er sehr fein gekleidet, Brille mit Goldrand, Seidenschal, Wildlederslipper, man möchte beim Schreiben an den Stereotypen ersticken, aber was soll man machen. Ein Gesichtsausdruck, als hätte man schon vor vielen Jahren eine gewisse gelangweilte Blasiertheit hineingestanzt. Er holte Weinflaschen aus einem Lederbeutel. Wechselte die Brille, las das Etikett der ersten Flasche, nickte und warf sie dann ein, mit einem seltsam energischen Nachstoßen der Hand, als wollte er sicher sein, dass sie auch ganz gewiss an den anderen Flaschen im Container zerschellen würde. Eine merkwürdig aggressive, etwas herrische Geste war das, dieses Nachstoßen, irgendwo zwischen angewidert und aufgebracht. Dann nahm er wieder eine Flasche aus dem Beutel, las sorgsam das Etikett durch und nickte, bevor er auch diese so einwarf wie die Flasche davor. Eine ganz langsame Bewegung zur Öffnung im Container hin, ein bedächtiges Verweilen, dann ein kräftiges Stoßen, er lauschte dem Klirren und nickte wieder, bevor er die nächste Flasche hervorsuchte, das ging immer so weiter. Auf die Kurzgeschichte, die diese Szene vielleicht erklärt, könnte man irgendwann einmal zurückkommen. Vor ihm, neben ihm und hinter ihm übrigens Wahlplakate, sie standen so dicht wie in Sankt Georg, allerdings warben sie hier nicht für die SPD, sondern für AfD und FDP.

Mein Wanderfreund und ich sahen uns um, hier war tatsächlich alles voll mit AfD und FDP, es war gar keine andere Partei zu sehen. Das war, wenn man die Wahlergebnisse von Blankenese kennt, auch eine durchaus sinnvolle Maßnahme für diese Parteien.

Unbenannt

Das nächste Mal gehen wir dann von Blankenese aus Richtung Süden. Nachdem wir die Fähre benutzt haben, versteht sich. Mal sehen, wie die Leute da herumlaufen.

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