(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Es ist nicht immer leicht, auf einen Text zu kommen. Also etwa auf einen Text für diese Kolumne. Obwohl die thematisch offen ist. Es kommt dennoch vor, dass die Tage an einem nur so vorbeifliegen, man hat andere Sachen zu erledigen, zu schreiben – und plötzlich muss schon am nächsten Tag etwas fertig sein. Oder in zwei Stunden! Das muss ein Text sein, der ganz locker daherkommt, vergnügt und sonntäglich. Vielleicht mit einer angedeuteten Tiefe, aber doch klar im Unterhaltungsprogramm verortet, eine typische Kolumne eben. Und man sitzt da verkrampft vor der Tastatur, mit leerem Blick und nichts im Kopf. Man überlegt, was man kürzlich erlebt hat, aber da war nichts. Was hat man denn gelesen, gesehen, gehört? Keine Ahnung, alles vergessen. Worüber denkt man nach? Gar nicht. Man denkt nicht. Man sitzt und starrt auf den weißen Bildschirm.

Ich gehe dann in die Stadt und spaziere etwas herum. Ich sehe mir Menschen an und warte auf Eindrücke. Ich höre den Gesprächen der Passanten zu, achte auf die Mode, die Schaufenster, auf alles. Ich mache mich locker und aufnahmebereit, ich vergesse den Stress und pfeif mir eins. Und dann findet sich schon was. Ich gebe mich einfach, als sei ich der entspannteste Mensch der Welt. Ich kann das richtig gut. Dachte ich.

Neulich ging ich so durch die Stadt und stand irgendwann wartend in einem Hauseingang, weil es etwas regnete. Die Tür ging auf, eine Dame kam heraus und sah mich prüfend an. „Sie wollen doch bestimmt zu mir, was? Dritter Stock, ich komme gleich wieder.“ Damit verschwand sie um die Ecke. Ich wollte nicht zu ihr, ich hatte keine Ahnung wer das war, ich stand da nur ganz zufällig. Aber ich sah doch nach, ob an dem Haus ein Schild war. Und nachdem ich es gelesen hatte, glaubte ich nicht mehr, dass ich richtig entspannt aussehe, wenn mir gerade kein Text einfällt.

“Psychiatrische Praxis, 3. OG“ stand da.


 

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