Der große Sohn ist jetzt im Schwimmverein, der kleine Sohn denkt über Fußball nach. Das ist wieder eine neue Phase, dass man als Vater zum Sport mitgeht und zusieht, am Rand sitzt, anfeuert und sich über die Kinder wundert. Das gab es bei uns noch nicht, damit muss man erst einmal umgehen  können.  Das ist nicht ganz so einfach, wie es vielleicht klingt. Man kommt nämlich dauernd auf Gedanken.

Der Schwimmvereinssohn etwa lernt gerade Kraulen. Er schwimmt also wie ein richtiger Sportler, wer hätte gedacht, dass das mit sechs Jahren schon so gut aussehen kann? Ich habe nie Kraulen gelernt, ich kann nur langweiliges Brustschwimmen. Warum eigentlich? Es fällt mir gar nicht mehr ein. Aber schon kann ein ziemlich kleines Kind mehr als ich, das fühlt sich seltsam an. Da fällt einem unangenehm auf, was man alles im Leben nicht gemacht hat. Was man nicht gelernt hat, was man gar nicht erst versucht hat. Keine Zeit gehabt, kurz einmal keine Lust, keine Ausdauer und zack, schon war die Chance vertan, war das Zeitfenster zu. Wirklich schade. Man besteht als Erwachsener aus lauter nicht genutzten Möglichkeiten und vertanen Gelegenheiten. Es ist doch ein wenig betrüblich, denke ich, während der Sohn seine Bahnen zieht. Man ist natürlich etwas geworden, das schon, aber eben auch so vieles nicht. Wer weiß, wie man noch hätte sein können? Wenn man nur öfter zum Schwimmen gegangen wäre vielleicht?

Der Sohn macht da ganz einfache Übungen, das sieht so schwer nicht aus. Er ist mit Feuereifer dabei und sieht gar nicht, wie ich auch ins Wasser gehe, im Becken nebenan. Und ein wenig abgucke und übe. Ich werde doch lernen können, was ein kleines Kind in zwei Stunden lernen kann? Ich gleite durchs Wasser und lasse die Arme kreisen. So schwer ist es wirklich nicht.

Wer weiß, wie ich noch werde.

(Dieser Text erschien als Sonntags-Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

 

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