Wir haben keine Haustiere, ich will auch keine Haustiere. Mit Hunden muss man zu unmenschlichen Zeiten und auch bei widrigstem Wetter vor die Tür; zumindest in Hamburg muss man auch noch hinter ihnen Kacke aufsammeln und einbeuteln, das halte ich nicht für zumutbar. Völlig unbegreiflich, in einer Stadt Hunde zu halten. Katzen kacken und kotzen in die Wohnung, gar kein Gedanke, nicht mit mir. Meerschweinchen, Hamster, Fische und sonstige Tierchen sind sterbenslangweilig, ein Pferd dagegen passt nicht in den Fahrstuhl, nein danke, bitte keine Haustiere, wirklich nicht.

Allerdings stolpere ich dennoch seit Tagen, seit immerhin zwölf Tagen genau genommen, andauernd über eine Katze, wenn ich morgens durch die Wohnung gehe. Über eine Katze, die darauf mit einem klagenden “Mau?” reagiert, mit jenem leicht arrogant klingenden “Mau”, das alle Katzenbesitzer kennen, und das man, in die Menschensprache übersetzt, am besten mit einem indignierten “Sie wünschen bitte?” wiedergeben kann. Dazu ein skeptischer Blick über die Schulter, welcher ausgemachte Volltrottel des Haushalts es denn wieder einmal nicht schafft, über eine so kleine Katze hinweg zu steigen.

Es handelt sich bei dem Tier um Sohn II, der vor zwölf Tagen beschlossen hat, lieber eine Katze zu sein und der die Nummer jetzt durchzieht, denn Sohn II macht bekanntlich keine halben Sachen. “Als Sohn II eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem niedlichen Kätzchen verwandelt”, wie Kafka gesagt hätte. Er schläft nur noch in einem Körbchen, also Sohn II jetzt, nicht Kafka, er isst nur noch Fleisch, er geht auf allen Vieren. Er war gestern erst bereit zum Friseur zu gehen, als man ihm dort feierlich erklärt hat, auch und sogar besonders gerne Katzen zu frisieren. Die Friseuse, die wir natürlich vorher einweihen mussten, wird uns noch auf Jahre hinaus für bekloppt halten. Er verbringt die Vormittage damit, bei einer Kindergärtnerin stundenlang regungslos im Schoß zu liegen, weil Katzen mehr nicht machen müssen, das hat er ganz richtig erkannt. Er streicht uns hier um die Beine, sagt “Mau”und wir haben zu raten, was es zu bedeuten hat. Kein Mau gleicht dem anderen, es ist wie bei den echten Biestern. Will das Tier Futter? Will es raus? Wasser? Streicheln? Spielen? Schoß? Die Situation ist praktisch von dem Besitz einer echten Katze nicht zu unterscheiden, der Grad meiner Genervtheit erinnert auch sehr an meine letzte Zeit mit Katzen im Haus, es ist erfreulich viele Jahre her.

Kleine Katzen möchten selbstverständlich auch nicht angezogen werden, nicht am Tisch sitzen, nicht zum Einkaufen gehen, nicht ins Bett gehen, nicht Zähne putzen und so weiter, es ist wirklich kompliziert. Es kann einen in den Wahnsinn treiben und hätte es nicht auch Vorteile, man würde das Tier vor die Tür setzen und es erst zur Nacht wieder reinlassen, wie man es in Nordostwestfalen ganz selbstverständlich mit den Landkatzen macht. Allerdings gibt es tatsächlich Vorteile, denn Katzen, besonders sehr jungen Katzen, spüren eine gewisse Verpflichtung zur Freundlichkeit. Bei aller Arroganz und Rechthaberei, die ihnen geradezu zwingend zu eigen ist, müssen sie doch über weite Strecken des Tages lieb und possierlich sein. Und auch diesen Part spielt Sohn II als Anhänger des method acting mit Ernst und Hingabe.

Man muss ihn in typisch eskalierenden Streitsituationen, also etwa zwei Sekunden nach immer wieder unglaublichen Zumutung des Weckens, nur daran erinnern, dass er zur Zeit ein Kätzchen ist, schon schmiegt sich einem etwas an die Beine, schon gibt der Mund, der sich gerade zu wildesten Flüchen geöffnet hatte, nur noch ein liebliches “Mau” von sich. Der Rücken krümmt sich rund zum Buckel, man streichelt ein wenig und kommt ganz ohne Gebrüll und Gereiztheit durch den Morgen, es grenzt an ein Wunder.

Wir fangen alle an, uns daran zu gewöhnen. Gestern habe ich beobachtet, wie die Jungs im Kinderzimmer spielten, wie immer gerieten sie sich nach zehn Minuten in die Haare, weil irgendwer zur falschen Zeit die falsche Playmobilfigur angefasst hat. Als ich ins Zimmer kam, holte Sohn II gerade mit einem großen Plastikschwert aus, um seinem renitenten großen Bruder nachdrücklich Benimm beizubringen. Der murmelte allerdings nur wie ein routinierter Zauberer “Kätzchen, Kätzchen” und zack, das Schwert sank zu Boden und Sohn II gab dieses seltsame und schwer zu beschreibende Geräusch von sich, das entsteht, wenn Menschen vergeblich versuchen zu schnurren. Sohn I hat jetzt einen Bruder, der seltsam brummt, aber immerhin neuerdings ganz nett ist.

Doch, im Grunde gewöhnen wir uns langsam an die Vorteile der neuen Rolle von Sohn II. Aber wir gehen demnächst doch einmal mit ihm zum Tierarzt. Katzen müssen dauernd entwurmt und geimpft werden, wenn ich mich recht erinnere.

Wobei, breaking news, die Geschichte gerade noch während ich am Artikel schreibe eine unerwartete Wendung nimmt, denn Sohn II erklärte vorhin: “Ich bin ein Eichhörnchen.” Woraufhin er versuchte, am Regal hochzuklettern. “Ein Eichhörnchen”, sagte Sohn I, “das fängt mit A an.” Er ist gerade von Anfangsbuchstaben fasziniert und stellt bei jedem Wort fest. womit es beginnt. “Genau”, sagte Sohn II von der Höhe des dritten Regalbretts, “mit A wie Ei. Weil nämlich, Eichhörnchen kommen ja aus Eiern.”

“Nein”, sagte ich, denn der Bildungsauftrag der Eltern gilt auch in den wahnwitzigsten Situationen immer fort, “Eichhörnchen kommen nicht aus Eiern, die werden lebend geboren.” Woraufhin mich die Söhne unisono fragten, ob ich das denn schon einmal gesehen hätte, was ich leider verneinen musste, weswegen mir hier wieder kein Schwein etwas glaubt.Ja, ja, lebend geboren, kann ja jeder sagen. Eichhörnchen bauen Nester in Bäumen! Wie Vögel! Und Vögel legen Eier, das weiß man. Immer streng logisch ableiten und nicht jedem alles glauben, Kant hätte seine helle Freude an diesen Kindern gehabt.

Aber immerhin kann ich das alles jetzt endlich in Ruhe aufschreiben, denn Sohn II spielt seit Stunden draußen. Er sucht Nüsse und Eicheln. Sohn I hilft ihm, denn gerade im Winter brauchen die Wildtiere in der Stadt unsere Hilfe, das hat er in der Kita gelernt.

Wer würde da widersprechen.

 

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