Das Kindkrankgefühl

Sohn II hatte Fieber, ich blieb mit ihm zu Hause. Das scheint so eine der Aufgaben zu sein, die Väter nach wie vor eher nicht übernehmen, wenn ich mir meinen Bekanntenkreis so ansehe. Weil das Vollzeitmenschen, was die Väter meistens immer noch sind, nicht können, nicht wollen, nicht dürfen, wie auch immer. Ich finde, man sollte das schon aus egoistischen Motiven auch als Vater machen und das erkläre ich jetzt mal am praktischen Beispiel.

Das Kind schwächelt also, mit Störungen im Betriebsablauf ist zu rechnen, etwa in der Form, dass es morgens erst einmal über dem Klo hängt. Ein Lager im Wohnzimmer wird gebaut, ausreichend mit Handtüchern etc. ausgestattet, so dass man mit etwaigen Problemsituationen umgehen könnte. Schüssel griffbereit, Zwieback, Wasser, Tee. Es gibt aber kein weiteres Problem, es gibt nur einen Sohn, der mit glasigen Fieberaugen vorgelesen haben möchte, was natürlich nett ist. “Der glückliche Löwe” von Louise Fatio, illustriert von Roger Duvoisin, übersetzt von Regina und Fritz Mühlenweg. Eines der Bücher, bei denen ich nicht die allerleiseste Ahnung habe, wie sie in diesen Haushalt kamen. Das ist ganz nett, das Buch, allerdings möchte der Sohn nur dieses Buch vorgelesen haben – und zwar immer wieder. Und dann noch einmal. Kranken Kindern erfüllt man selbstverständlich Wünsche, ich lese also schon wieder den Glücklichen Löwen, das Buch wird mir im Laufe des Vormittages immer unsympathischer. Bücher mit eher dick aufgetragener Moral liegen mir nicht und dass der Löwe in seinem Käfig glücklich ist, das ist eine vollkommen abwegige Vorstellung für alle, die schon einmal Löwen im Zoo gesehen haben. Aber egal. Das Kind schläft kurz ein, das Kind wacht auf. Das Kind sieht ganz munter aus, man könnte es auch zum Arzt bringen. (mehr …)

“Was machen die da” – das Dienstagsupdate

Dana Lüke ist Fußpflegerin und mag ihren Beruf. Und das ist natürlich eine ganz wunderbare Abwechslung nach den etwas kulturlastigen letzten Folgen, die Interviewserie dort soll schließlich keine einseitige Veranstaltung werden. Begeisterung kann eben überall sein, auch dort, wo man sie gar nicht erwartet.Das kommt leider oft zu kurz, wenn über Leidenschaft im Beruf und Selbstverwirklichung geschrieben wird, dass man dafür nicht zwingend Künstler oder Heilige werden muss. Das geht auch anders.

Von Dana kam übrigens der Begriff des “Werkstolzes”, den wir schon verschiedentlich erwähnt haben, und den man sicher nicht spontan mit der Fußpflege in Verbindung bringt. Aber wenn man liest, was sie erzählt, wird es dann doch nachvollziehbar. Finde ich.

Das ganze Interview hier.

Und in der nächsten Woche geht es um ein wiederum gänzliches anders Thema, für das wir sogar Hamburg verlassen haben. Wir trauen uns ja was.

 

Man kommt herum

Für die meisten Menschen wurde das Fahren durch Navigationsgeräte einfacher, nehme ich an. Für mich gilt das allerdings nicht.

Bevor es Navis gab, hat die Herzdame mich vom Beifahrersitz aus gelenkt, das war nicht immer ganz einfach. Sie hat eine ausgeprägte Links-Rechts-Schwäche und ich keinen Orientierungssinn, das störte dabei schon manchmal. Dann haben wir ein Navi gekauft, und zwar eines vom billigen Ende des Spektrums. Es war ein schlechtes Navi, vermutlich war es sogar das weltschlechteste Navi. Es hatte keine Links-Rechts-Schwäche, konnte aber sonst nichts, vor allem brauchte es eine Stunde, bis es überhaupt mal anging. Da hatte man ordentlich Vorsprung, um sich zu verfahren.

Dann wurde uns ein viel besseres Gerät vererbt. Das war toll, das Ding ging wesentlich schneller an und wusste tatsächlich immer Rat. Allerdings sagte es andere Wege an als das alte Navi, was die Herzdame vor die Grundsatzfrage stellte, welches Navi nun richtig lag. Im Zuge dieser Überlegungen kam sie darauf, noch eine Navi-App auf ihr Handy zu laden – und die kommt zu noch ganz anderen Schlüssen.

Wenn ich jetzt an spannenden Kreuzungen stehe, sagen mir drei Navis Möglichkeiten an. Die Herzdame blickt auf die Geräte und versucht, sich eine eigene Meinung zu bilden, denn am Ende sollte immer der Mensch entscheiden, das ist bei Technik bekanntlich ganz wichtig. Wenn ich vorsichtig frage, wo ich abbiegen soll, weil hinter mir zehn Autos hupen, sagt sie: „Ich bin noch nicht sicher.“ Dann biege ich irgendwo ab, weil man nicht im Weg stehenbleiben kann und weil es irgendeinem Navi schon recht sein wird.

Wir fahren durch nie gesehene Gegenden, philosophieren über technische Hilfsdienste und kommen viel und sehr weit herum. Denn so ist das ja mit jedem technischem Vorsprung: man kommt immer weiter. Ob man da nun hinwollte oder nicht.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.