Vitalisiert

Neulich habe ich eine Parfümerie betreten, da fühlte ich mich gerade frisch und im besten Alter. Wie man sich eben fühlt, wenn man einen Herbstspaziergang durch angenehm kühle Luft hinter sich hat. Vitalisiert nennt man das wohl, und das Wort passt auch schön zum Sprachgebrauch in diesen Geschäften. So vitalisiert war ich, dass ich Lust bekam, mal wieder mein Rasierwasser zu wechseln. Was man eben so tut, wenn gerade kein Baum zum Ausreißen herumsteht.

Ich fragte eine junge Verkäuferin nach den Düften eines bestimmten Herstellers. Ich erinnerte mich dunkel an etwas, das ich früher von dem genommen hatte. Sie zeigte mir die Flakons,  aber die sahen falsch aus. Das Design war wohl verändert worden. Ich fragte, ob die Flaschen früher anders gewesen seien? Die Verkäuferin guckte irritiert und fragte, wann denn genau. Ich überlegte. Ich überlegte sogar ziemlich lange und fing schließlich an zu rechnen. Wann hatte ich das Zeug eigentlich genommen? Welche Lebensphase war das denn bloß? Ich versuchte mich an die Umstände und Badezimmerregale zu erinnern, ich zählte Jahre ab, das war gar nicht so einfach. Die Verkäuferin sah mich an, für ihr Alter war sie bemerkenswert geduldig. “Nun”, sagte ich, “es kann fünfzehn Jahre her sein.”

Die Verkäuferin lächelte. Sie stand seit etwa einem Jahr im Berufsleben, vor fünfzehn Jahren hat sie noch Kuchen aus Sand auf dem Spielplatz gebacken. “Wir können die Dame an der Kasse fragen”, sagte sie, “die geht bald in Rente. Vielleicht weiß sie noch was von früher.” Und die Dame an der Kasse sah mich über ihre Lesebrille hinweg verständnisvoll an. Ich verließ den Laden als Senior, der mit einer Ruhestandskandidatin ein nettes Gespräch über damals geführt hat.

Manchmal reicht ein kurzer Dialog, um so schnell zu altern, dass es sich anfühlt wie im Zeitraffer.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Selbst als aufgeschlossener, technikfreundlicher Mensch liest man manche Meldungen doch eher kopfschüttelnd und staunend. Was bringt diese Entwicklung nun wieder? Hatten wir es früher nicht doch einfacher?  Früher, als man sich z.B. noch auf das Lehrpersonal verlassen musste, wenn es einem mitteilte, dass man unterirdische Leistungen erbringt. So im Vergleich zu anderen. Heute kann man sich den Vergleich natürlich von einer App liefern lassen.

Bringt das nun irgendwen wirklich weiter, oder muss man hier doch eher den Bogen zum Lamento von Juli Zeh neulich schlagen, als es um die Versicherung ging, die ihre Kundschaft kontrollieren will? Geht es um Egozentrik, wie Johannes Mirus meint?

Man muss es eben immer wieder neu überlegen, geht es nur um Kontrolle – oder hat das alles wirklich einen Nutzen? Und ist es eigentlich wirklich Kontrolle, oder ist es vielleicht doch nur Werbung? Und wenn man über das nachdenkt, was mit den Daten passiert, sollte man natürlich auch nicht vergessen, dass Daten manipulierbar sind.

Aber, schon klar, die ganze Datenwolke und die Darstellung im Netz hat tatsächlich Vorteile. Und seien sie so banal wie ein Preisnachlass im Hotel(englischer Text).

Noch knapp in diesem Zusammenhang streuen wir den Smalltalkbegriff der Woche und murmeln was vom “Digitalen Arbeitschutz”. Erwähnen Sie das ruhig mal im Büro, das ergibt lustige Reaktionen.

Was noch? Man hört gerade wieder viel zum Thema Klimakonferenz, bzw. Klimagipfel. Na, was wird dabei schon herauskommen, denkt man da, nicht wahr? Kennt man ja, bringt doch alles nichts. Im folgenden Text ist nicht nur dieser Satz interessant: “Das Schlechtreden der Klimakonferenzen folgt politischem Kalkül.” Wie Kempowski gesagt hätte: Da mal drüber nachdenken.

Oder über Nachhaltigkeit nachdenken, und über die Frage, ob die ins Grundgesetz soll. Wäre das nicht zeitgemäß? Da ist man schon wieder bei der Sinnfrage, warum macht man eigentlich was? Auch mit seinem Geld? Dazu noch ein Stichwort: Social Impact Investing.

Die Frankfurter Rundschau spricht vom “Zarten Pflänzchen Nachhaltigkeit” und macht Interesse auch bei Banken aus, und nicht nur bei der GLS Bank. Na, dann dreht es wohl wirklich. Alles wird grün, der Mensch wird gut, die Wirtschaft sinnvoll. Aber vielleicht doch nicht sofort, denn kaum scrollt man einen Link weiter, liest man mit Staunen, was man so deutlich vielleicht doch gar nicht mehr erwartet hat: “Banker-Boni enorm gewachsen.” Die betroffenen Banker würden es vielleicht so sagen: die Boni sind nachhaltig gewachsen.

Zum Schluss noch eine letzte Englischvokabel im Nachhaltigkeitskontext, da hat man ja längst nicht mehr jeden Fachbegriff parat, weil permanent so viele neue eingeführt werden. Oder kannten Sie (englischer Text) den “Poo Bus”?

GLS Bank mit Sinn