Woanders – Der Wirtschaftsteil

Es geht um das, was Sie vielleicht gerade beiseite geschoben haben, um diese Kolumne zu lesen, es geht um die Arbeit. Und da fangen wir gleich mit einem besonders schwierigen Aspekt an. Zumindest ist es ein Aspekt, der uns in den Medien immer wieder begegnet, es ist eine Frage, die offensichtlich viele Menschen umtreibt, die Frage der Vereinbarkeit.

Die Vereinbarkeit ist manchmal schon schwierig, bevor überhaupt ein Kind geboren wird, dazu ein Text in der Zeit. Und wenn die Kinder da sind, dann geht die Sache mit dem Nichtfinden los. Zum einen finden Eltern keine Kitaplätze, zum anderen finden die Kitas kein Personal, wobei der letzte Aspekt etwas seltener in den Nachrichten vorkommt. Dabei sind Erzieher mittlerweile so gefragt wie früher Informatiker – es hat nur leider keine vergleichbaren finanziellen Folgen.

Und während man so allerseits nichts findet, kommen einige Eltern auf die Idee, nicht mehr zu suchen. Sie gründen selber einen Coworking-Space mit Kinderbetreuung. Und das ist dann vermutlich so ein Fall, wo eine ganz neue Idee ganz weit zurückweist, denn was stellt man da her? Ist das nicht eine Art Großfamilienbetriebssituation? Die Kinder sind in der Nähe der Erwachsenen, quasi auf dem Hof, und sie haben immer eine Bezugsperson greifbar. Die Eltern machen, was sie machen müssen, um von irgendwas zu leben, sie sehen zwischendurch nach dem Kinderrudel und trösten, wenn es aufgeschlagene Knie gibt. Zu den Mahlzeiten kommen alle zusammen… das kommt einem doch bekannt vor? Es fehlt eigentlich nur noch die angeschlossene Seniorenbetreuung und etwas Urban Gardening. Haben wir nicht die letzten hundert Jahre damit zugebracht, genau dieses an ein Dorf erinnernde Idyll Stück für Stück und ziemlich gründlich abzuschaffen? Womöglich war es ein Irrweg? Vielleicht sollten wir es einfach wieder herbeibasteln – nur ohne die ganzen Nachteile von damals, versteht sich. Und natürlich mit WLAN.

Aber man muss bei Vereinbarkeit gar nicht immer nur an Kinder denken, man kann auch anderes mit der Arbeit vereinbaren oder eben nicht, beispielsweise schlicht das eigene Leben. Also den Teil davon, den man traditionell schöner findet als die Arbeit. Die FAZ vermisst in diesem Zusammenhang eine Teilzeitkultur in Deutschland.

Im Text über die Teilzeitarbeit werden die Niederländer erwähnt, die im Schnitt viel stärker von der Vollzeit abweichen als wir, in den Niederlanden ist aber auch sonst einiges anders. Zum Beispiel die Sache mit dem Home-Office.

Unter uns Effizienzmicheln arbeitet man aber lieber die volle Zeit und beim Arbeitgeber, versteht sich, in Deutschland neigt man zum – und wir haben da gleich ein besonders schönes Wort für den Smalltalk auf der Arbeit – Präsentismus. Wir gehen auch krank zur Arbeit, wir denken wie Unternehmer, wir opfern uns auf. Das sagt jemand, der in der Zeit als “Stressexperte” vorgestellt wird, ein Begriff, der zweifellos auf sehr vielen Visitenkarten stehen könnte.

Auch in dem italienischen Unternehmen Loccioni werden die Mitarbeiter als Unternehmer im Unternehmen bezeichnet, in dem folgenden Artikel aus der brandeins ist genau dieser Aspekt aber positiv belegt. Denn in dem Betrieb läuft einiges anders als üblich. Und wenn man sich etwas umsieht, findet man selbstverständlich noch mehr Betriebe, auch in Deutschland, in denen man die Struktur der Organisation aufbricht und ganz anders wieder zusammenbaut, als wir es gewohnt sind. Vielleicht sind neue Antworten zur Frage der Vereinbarkeit auch ein Nebenprodukt dieser Veränderungen, wer weiß.

Und in der FR gibt es gerade ein üppiges und lesenswertes Special zum Thema Arbeit, darauf weisen wir noch eben hin und beenden damit den Schwerpunkt: Arbeit – unsere Religion.

Zum Schluss wie fast immer noch der Link für den Freundeskreis Fahrrad. Diesmal ein englischer Text aus der New York Times, den wir unbedingt schon wegen der Schlagzeile zitieren müssen: “Families ditch cars for cargo bikes”.

GLS Bank mit Sinn

Ein Update bei „Was machen die da“

Wir haben Daniel Beskos und Peter Reichenbach vom Mairisch-Verlag interviewt. Die haben nicht nur einen sympathischen Verlag mit äußerst lesbarem Programm, die haben auch eine interessante Firmengeschichte, die sich ziemlich wohltuend von einigen anderen abhebt.

Zum Interview bitte hier entlang.

Programmheft Mairisch-Verlag

 

Woanders – diesmal mit Kinderbildern, Umgangsformen, Erdmöbel und anderem

Familie: Es gab und gibt wildeste Diskussionen zum Thema Kinderbilder im Netz. Einige Artikel sind bei Johnny verlinkt , der selbst wiederum einen der besten Texte zum Thema schreibt. Ein anderer guter Text beim Nuf, sogar mit vielen interessanten Kommentaren, das ist auch mal erfreulich. Und dann gibt es noch einen wichtigen Artikel beim Leitmedium, dort geht es auch um Texte, nicht nur um Bilder, das finde ich richtig so. Ich wurde anderweitig nach meiner Meinung gefragt, wobei ich ja bekanntlich der Meinung bin, gar nicht immer eine Meinung haben zu müssen. Oder zumindest keine felsenfeste. Tatsächlich entscheide ich das mit den Bildern zwar nicht nach Tagesform, wohl aber nach so etwas wie Jahresform und aktuellem Erkenntnisstand. Es gab hier lange überhaupt keine Bilder, bis ich einmal einen Auftragstext geschrieben habe, der ohne ein Bild der Söhne einfach keinen Sinn ergeben hätte. Der erschien dann tatsächlich mit Bild, das war bisher allerdings ein einmaliger Fall. Sohn II war gerade vor ein paar Wochen in einer Zeitschrift, von beiden Söhnen gab es auch einmal Babybilder online, wenn auch sehr wenige. Ich weiß nicht recht, was richtig ist. Oder ich weiß es nur für jetzt gerade – jetzt gerade erscheinen hier in der Regel keine Bilder von ihnen, es sei denn von hinten oder zumindest nahezu völlig unkenntlich. Wenn mir morgen ein guter Grund für eine andere Regelung einfällt, dann wird das eben so sein. Jede Familie hat ihre eigene Logik und ihre ganz eigene Situation, ich glaube bei solchen Themen generell nur bedingt an die Übertragbarkeit.

Wobei ich es immer deutlicher als Problem sehe, wenn Kinder in Bloggerhaushalten Eltern haben, die dauernd irgendwie auf Sendung sind, sie selber aber quasi unsichtbar sein sollen. Aus Gründen, die sie tendenziell eher nicht verstehen werden. Das ist nicht ganz einfach, und ich habe noch keinen perfekten Plan für diese Situation. In angemessener Form online zu erscheinen ist am Ende eben auch ein wichtiger Teil der Onlinekompetenz, die sie nach meiner Vorstellung irgendwann zu erlernen haben, womöglich von mir, wahrscheinlich sogar von mir, denn die Schule leistet das vermutlich nicht. Ich bin online nicht nur Konsument, ich bin online Produzent. Und mit oder ohne Absicht, ich bin damit evtl. ein Vorbild für die Kinder. Sohn I bloggt bereits mit, das wird vermutlich eher mehr als weniger. Wie weit darf er dabei eigentlich er sein? Oder, wie ich es auf Twitter formuliert habe – wann wächst den Kindern denn ein Gesicht? Mit sieben Jahren ist man dafür ganz sicher nicht alt genug, finde ich, aber ich weiß nicht genau, wann man das ist. Mit 12? Mit 14? Im besten Fall merke ich, wenn es soweit ist.

Nein, ich habe wirklich keine feste Meinung zu dem Thema, ich muss das immer wieder neu entscheiden. Die Onlinewelt ändert sich, die Kinder ändern sich – und im besten Fall bleibe ich auch flexibel. Wir teilen alle diese Artikel von den Achtjährigen aus den USA, die auf Youtube Unmengen Dollars mit Spielzeugtestvideos verdienen, wir klicken auf Tumblr-Postings mit lustigen Kinderbildern, aber die eigenen Kinder sollen um Gottes willen nicht stattfinden. Hm. Es ist wirklich kompliziert, ist es nicht? Ich finde auch die Argumente, die betonen, dass die Gesellschaft immer kinderloser wird, auch optisch, überhaupt nicht abwegig. Das stimmt durchaus – und das ist nicht gut so.

Im Moment meine ich, dass es keinen Grund für zahllose Kinderbilder im Netz gibt, ich finde aber ohnehin die ganze Bilder- und Selfie-Flut der Teenies und Erwachsenen vollkommen gruselig und abwegig, das ist alles nicht meins. Ich sehe das eher wie hier dargestellt, aber bitte, das soll jeder machen, wie er will und sich mein sinnloses Krückstockgefuchtel dazu einfach vorstellen. Ich finde es nicht tragisch, wenn ab und zu ein gutes Foto von einem Menschen egal wechen Alters erscheint, so eines, mit dem man mutmaßlich auch weiterhin noch gut leben kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später blöd finden, was die Eltern zu dem Thema einmal entschieden haben, sie liegt eh bei vermutlich 90%, ganz egal, wie viele Gedanken man sich jemals gemacht hat.

Also, ich habe heute wohl doch eine Meinung, aber ich gebe gar nicht viel darauf. Ich kann morgen einen anderen Beschluss fassen. Man muss sich eh immer wieder fragen, ob die Konsequenz, mit der man gerade eine Meinung vertritt, wirklich eine charakterliche Heldentat ist, oder vielleicht doch nur eine Sparmaßnahme im Denkprozess. Zu dem Stil übrigens, in dem auch beim Thema Kinderbilder manchmal argumentiert wird, siehe Don Dahlmanns “Fuck-off-Text” über rabiate Umgangsformen.

Familie: Der Titel klingt, als würde es noch einmal um die Medien und die Kinder gehen, das tut es dann auch, aber doch ganz anders, denn der Sohn von Frau Modeste ist selbst Instagram.

Familie: Und dann noch Frau Novemberregen über die Medienerziehung und wie lange ein Kind was darf. Man beachte den Abschnitt mit dem Zeitfenster – das ist sehr richtig und wird ganz merkwürdig wenig bedacht.

Feuilleton: Es gibt ein neues Video von Katzenjammer. Katzenjammer ist super.

Feuilleton/Gesellschaft: Falls die Kolumne jemand nicht kennt, in der Zeit kann man mit dem Bundesrichter Thomas Fischer nachdenken. Über Recht und Gesellschaft, Literatur und Philosophie und Verbrechen – und das ist unbedingt empfehlenswert, auch die älteren Ausgaben.

Feuilleton: In der FAZ geht es um den Hörbuchmarkt in Deutschland. Ich würde eigentlich auch gerne ab und zu ein Hörbuch konsumieren, ich weiß nur nicht, wann ich das könnte. Ich glaube, Hörbücher sind eher was für Jogger. Oder für Privatiers mit reichlich Zeitguthaben? Für Menschen, die im Auto täglich eine Stunde zur Arbeit pendeln? Oder wie machen das die Leute denn bloß alle?

Hamburg: Ein Farbfilm aus Hamburg, gedreht 1945.

 

 

Bei Wind und Wetter

Die Balkonsaison ist eröffnet. Wie in jedem Jahr verbringt die Herzdame Stunden und Stunden auf den paar Quadratmetern, immer mit verblüffendem Einsatz bestrebt, noch mehr und noch schönere Blumen dort unterzubringen. Und Johannisbeeren. Und Erdbeeren und Tomaten. Und Kräuter, eh klar. Und Balkonmöbel und Deko und überhaupt, es ist erstaunlich, wie viel Liebe, Zeit und Mühe diesem winzigen Plätzchen gewidmet werden. Ich bin da nur Zuschauer, nein, ich bin nicht einmal das. Aufgrund langer ehelicher Tradition ist der Balkon nämlich komplett ihr Ding. Ich halte mich da raus.

Erstens habe ich von Blumen überhaupt keine Ahnung, zweitens finde ich, dass man da so selten sitzen kann. Es ist immer zu heiß oder zu kalt. Oder es regnet. Oder die Sonne blendet, der Wind stört, und aus den Blumentöpfen krabbeln lästige Insekten. Ich bin ein eher seltener Gast auf dem Balkon. Ich warte immer auf den perfekten Moment, auf das exakt passende Wetter und die genau richtige Stimmung – und manchmal kommt das sehr lange nicht zusammen. Dennoch stehen auf dem Balkon vier Stühle, theoretisch könnte jederzeit die ganze Familie dort sitzen. Zumindest war das bis gestern so. Als ich gestern kurz nach dem vielleicht doch einmal perfekten Balkonwetter sehen wollte, konnte ich mich gar nicht mehr auf meinen Platz setzen. Auf dem steht jetzt nämlich eine Laterne. Eine schicke, riesige Gartenlaterne mit Glasscheiben und Metallrahmen und dicker Kerze drin.

Und die Herzdame hat mir erklärt, die Laterne sei dekorativer als ich, könne sowohl Regen als auch Sonne ab und sei abends ein großes Licht, wenn ich schon müde werde. Womöglich findet Sie meine Haltung beim Thema Balkon etwas anstrengend? Doch, könnte sein.

Aber das macht eigentlich auch nichts, es war eh ein wenig zu windig auf dem Balkon.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Woanders – Der Wirtschaftsteil

In der letzten Ausgabe hatten wir gar keinen Link zu Fahrradthemen, so geht es natürlich nicht. Also nehmen wir uns in dieser Folge gleich ein paar mehr davon vor.

Wir fangen an mit einer Betrachtung zur Frage, warum man eigentlich Rad fahren sollte. Da werden die gängigsten Argumente erst einmal aussortiert, der Text bleibt dennoch nachvollziehbar und wir sind schon mitten in der Verkehrspolitik. Und wenn wir dann also alle mit dem Rad fahren, weil es nun einmal schneller geht, wo fahren wir dann? In der Fahrbahnmitte? Ist das auch noch nachvollziehbar? Oder schon allgemeines Kopfschütteln?

Beim Deutschlandradio Kultur wirft man einen Blick auf die Fahrradsituation in Europa, da ist die Rede von einem Boom des Rades. In manchen deutschen Städten muss man dem Text einfach glauben, erleben kann man es wohl eher schlecht. Wobei in dieser Infografik immerhin zwei deutsche Städte recht prominent dastehen, Kenner des Themas werden sie kaum überraschen. Die gleichen europäische Städte wie beim Deutschlandradio werden auch bei den Krautreportern erwähnt, dort geht es ausführlich um ein Berliner Start-Up, das hier übrigens schon einmal vor längerer Zeit vorkam. Velogista, ein Unternehmen, dessen Idee vielleicht ein wenig ändern kann. Ein klein wenig, denn wir reden immer noch nur über kleine Schritte, wenn wir von Deutschland reden, wenn wir von Verkehrspolitik in Deutschland reden.

“In Rostock tagen die Verkehrsminister. Es geht mal wieder nicht ums Fahrrad.” So negativ fängt ein Artikel in der taz an, man beachte beim Lesen bitte die Zahl 82.

Verkehrspolitik heißt bei uns bis auf weiteres eben nicht Fahrradförderung, heißt immer noch Straßenbau und Regelungen für Autos, eine Wende ist noch nicht recht zu erkennen. Ob Verkehrsminister eigentlich das Braess-Paradoxon kennen? Egal, Sie kennen es jedenfalls gleich. Das wertet jeden Smalltalk zum Thema Verkehr ungemein auf, das müssen Sie sich unbedingt merken, das kann man auch am Stadtplan der Gemeinde mal durchgrübeln. Ebenfalls smalltalktauglich ist sicher die Anekdote vom Ausbruch des Tamboras, der das Fahrrad auf den Weg gebracht haben soll.

Wem das an Fahrradlinks immer noch nicht reicht – beim Zukunftsinstitut wurden noch ein paar zusammengestellt, da fehlen auch die Blogs zur zeitgemäßen Fahrradmode nicht.

Zum Schluß nur noch etwas Musik, leichte Fahrradmusik. Natürlich nicht zum effizienten Herumrasen, eher zum heiteren Radeln auf besonnten Parkwegen, zum sachten Rollen durch den Frühling. Wenn man dieses Lied dabei pfeift, wird alles gleich noch entspannter.

GLS Bank mit Sinn