Gelesen, vorgelesen, gesehen, gehört im Juni

Bov Bjerg: Auerhaus

Auerhaus

Das Buch ist noch gar nicht erschienen, erst in ein paar Tagen, das können interessierte Leserinnen aber bereits bestellen – und das sollte man auch tatsächlich tun, das ist nämlich das Buch des Monats, wenn nicht des Jahres. Ein wunderbares Werk über Jugend und Liebe und Tod und Rettung und Verderben, das ist sehr komisch und todernst, in einem Tonfall erzählt, der so dermaßen gut getroffen ist, dass man dauernd und vielleicht sogar mit ein wenig Neid “Sehr gut, Herr Bjerg!” sagen möchte. Das hat man nämlich gar nicht oft, dass ein Ich-Erzähler bei Berichten aus der Jugendzeit ganz ohne anbiedernden, falschen Ton auskommt, sondern so klingt, als wäre man selbst wieder so jung und als würde alles einfach passen. Das nimmt einen an die Hand und führt einen zurück und man denkt immer, ja, genau so, ganz genau so, so war es doch wirklich, so hat man sich benommen, so hat man gedacht, so hätte man doch damals auch leben wollen. Hat man aber nicht, man hat irgendwie anders gelebt, ganz ohne Auerhaus, was der innere Jugendliche dann beim Lesen doch ein wenig bedauert. Die Stimme des Erzählers, die Wortwahl, die Sichtweisen, das Geschehen – so muss das. Und nach der letzten Seite möchte man es sofort jemandem aufdrängen, hier lies mal, super Buch, echtjetzmal, los, fang an. So ein Buch ist das. Hier mehr dazu. Ausdrückliche Empfehlung! Großartiges Buch!

Robert Seethaler: Die Biene und der Kurt

Die Biene und der Kurt

Das ist wieder eine Roadmovievorlage, ein Außenseiterroman mit betont kinotauglichen Szenen, schräg und schön, ich kann es gar nicht verstehen, dass Seethalers Bücher nicht verfilmt worden sind. Oder sind sie? Und würde ich das überhaupt merken? Fragen über Fragen. Kann man gut in einem Rutsch durchlesen, bestens für den Urlaub geeignet.

Halldór Laxness: Das Fischkonzert. Aus dem Isländischen von Hubert Seeelow

Das Fischkonzert

Das habe ich gekauft, weil um mich herum plötzlich alle nach Island reisen. Ich komme da nicht hin, das klappt nicht, aber ich kann ja wenigstens Bücher von da lesen. Ein Buch mit einem wunderbaren Anfang, sehr anziehend, man möchte gleich zwei Tage freinehmen um weiterzukommen, das ist so ein Hängemattenbuch. Ich bin dann aber doch nicht weitergekommen, weil ich zwischendurch in das unten folgende Buch hineingelesen habe und dann da hängenblieb. Ich bin überhaupt ein furchtbarer Zickzackleser, es gibt ja immer diese Versuchung, beim nächsten Buch auf dem Stapel auch schnell ein paar Seiten anzulesen, nur so zwei, drei und zack – ist man auf literarischen Abwegen. Und hat plötzlich mehrere Bände auf einem neuen Stapel neben dem Stapel ungelesener Bücher: “Demnächst mal weiterlesen”.

Stefan Zweig: Balzac

Stefan Zweig: Balzac

Das ist ein immerhin über 500 Seiten starker Versuch, sich dem seltsamen Phänomen Balzac zu nähern, also einem Autor mit einer vollkommen unfassbaren Gesamtleistung und einem Menschen mit einem höchst erstaunlichen Charakter, der so gar nicht zu dem passt, was man sich bei den Größten der Weltliteratur vielleicht vorstellt. Es ist nebenbei auch ein höchst interessantes Buch über das Schreiben, über das Ringen mit Stoff und über Literatur als Arbeit, Beruf und Besessenheit. Und das natürlich in doppelter Hinsicht, denn Stefan Zweig schreibt nicht wissenschaftlich, sondern ist selbst Literat mit einem nicht kleinen Werk, das ist also ein Spiel mit Trick und Spiegeln. Man kann intensiv darüber nachdenken, warum Stefan Zweig meint, zu Balzac dies und das meinen zu müssen oder zu wollen – man kann sich aber auch ganz entspannt davon überraschen lassen, was für überaus seltsame Vögel unser literarisches Erbe gestaltet haben.

Vorgelesen

Jujja Wieslander: Mama Muh und die Krähe. Bilder von Sven Nordqvist, Deutsch von Angelika Kutsch

Mama Muh

Die Reihe zählt wohl schon zu den modernen Klassikern, sie ist bei Sohn II immer noch sehr beliebt. Und passt auch Sohn I ganz gut, die Bücher sind nämlich leicht vorzulesen, das kann er auch.

Hilke Rosenboom: Ein Pferd namens Milchmann. Mit Bildern von Anke Kuhl

Das lese ich gemeinsam mit Sohn I und wir sind beide sehr angetan. Da läuft einem Jungen ein Pferd zu und benimmt sich äußerst verdächtig, dann tauchen noch weitere Pferde auf und die Lage wird immer seltsamer – sehr spannend und rätselhaft, so spannend jedenfalls, dass Sohn I auch nach dem Vorlesen noch selber weiterliest. Laut Sohn I eines der besten Bücher in letzter Zeit.

Ein Pferd names Milchmann

Kirsten Boie: Seeräuber Moses. Mit Bildern von Barbara Scholz

Seeräuber Moses

Das hatten wir schon einmal, das liest die Herzdame gerade morgens vor. Die Tradition des morgendlichen Vorlesens ist bei uns noch gar nicht so alt, hat sich aber sehr bewährt. Während ich am Schreibtisch bei der Frühpatrouille durchs Internet bin, liest die Herzdame noch im Bett den Jungs ein paar Seiten vor. Seeräuber Moses gefällt beiden Jungs – und bereichert den Sprachschatz ganz ungemein um etliche maritime Prachtexemplare von Vokabeln.

Teufelskicker

Teufelskicker

Das haben wir nicht vorgelesen, das war eine PR-Sendung von Europa, eine CD mit einer Geschichte. Eine CD, die Sohn mehrmals gehört hat, was natürlich immer ein gutes Zeichen ist. Seine Rezension ist allerdings sehr kurz wiederzugeben, die erschöpft sich in diesem klassischen Dialog:

Ich: “Und, wie ist die CD?”
Sohn I: “Gut.”

Unter Siebenjährigen reicht das vermutlich auch als Produktbewertung vollkommen aus. “Gut.” Klare Sache und damit hopp.

Gesehen

Hände weg von Mississipi.

Dazu hier ein Interview mit Detlev Buck. Den Film habe ich gar nicht gesehen, aber sonst aller in der Familie – und die fanden ihn auch alle gut. Oder sogar sehr gut. Und da Sohn I in den Sommerferien auch ein wenig ohne uns auf dem Land bei den Großeltern sein wird, schadet etwas vorauseilende Romantisierung sicher nicht.

Signature

 Ein ganz kurzer Film, der Sohn I sehr beeindruckt hat – und vermutlich der erste Film überhaupt, der uns dazu gebracht hat, über Filmtechnik zu reden. Wie haben die das mit der Kamera gemacht, wie wird die denn bloß so mitgeführt? Aus dem Auto, mit dem Fahrrad, wie macht man das denn? Warum ist der Film schwarzweiß gedreht?  Und der Mann auf dem Skateboard trägt auch schwarze und weiße Sache, das kann einem dann auch dabei auffallen, sagt Sohn I, sonst wäre die Wirkung ganz anders, oder? In welcher Stadt ist das, oder ist das gar nicht wichtig? Ist es eigentlich schwer, so etwas zu drehen? Deswegen haben wir in der Folge dann auch etwas gedreht, weil ich ja sehr überzeugt davon bin, dass Medienkompetenz in Zeiten des Internets nicht nur Verständnis, sondern auch „Machen“ beinhalten sollte. Aber darüber schreibt in Kürze Sohn I etwas.
 

Signature from Kristijan Stramic on Vimeo.

Gehört

Tonangeberei: Songs für jedes Alter ab 3

Das läuft hier gerade andauernd im Kinderzimmer, eine frühe Heranführung an Größen wie Helge Schneider, Rocko Schamoni, Bernadette La Hengst, Blumfeld etc. Auch für Erwachsene sehr gut zu ertragen. Ich kann, das stellt man dann nebenbei fest, auch unter Dauerbeschallung von “Katze geil” (natürlich Helge Schneider) in heavy rotation jedenfalls noch halbwegs vernünftig arbeiten.

Tonangeberei

Eels

Der Ohrwurm des Monats. Und auch sonst gar nicht verkehrt.

17 Hippies

Die Truppe kannte ich gar nicht,. die ist aber interessant, hier steht etwas mehr über die Band.

Und so klingen die, hier ein deutsches Beispiel, bei dem man kein Wort versteht, das ist Hessisch, wenn ich es recht mitbekommen habe – macht nichts.

Viel ruhiger:

Und noch der Instrumentalohrwurm für den Sommer, Stephane Wrembel mit Bistro Fada:

Woanders – diesmal mit den Krautreportern, einem Wolf, WLAN und anderem

Irgendwasmitmedien: Felix Schwenzel über seine Gründe, das Krauteporter-Abo zu verlängern. Sehe ich auch so. Und hänge noch einen Grund dran: ich finde bei den Krautreportern regelmäßiger als bei mancher anderen Quelle Artikel für den Wirtschaftsteil. Und das ist für mich ein sehr guter Grund, die weiter zu unterstützen. Während mir übrigens das, was sie da dauernd von Community oder von App und Meetings usw. erzählen, vollkommen egal ist. Isch möschte in gar keine Community. Ich möchte gute Texte, und diese möglichst per Full-Text-Feed, dann bin ich schon zufrieden. Dafür hätte man meinetwegen nicht einmal etwas programmieren müssen. Schreibt einfach. Passt schon.

Feuilleton: Die Bilder von diesem Kunstwerk aus Holz habe ich versehentlich den Söhnen gezeigt, sie sammeln jetzt noch mehr Holz als immer schon. Schlimm. Aber das Kunstwerk ist toll.

Feuilleton: Textile Hoaxes. Sohn I ist sieben Jahre alt und weiß schon: “Aber ob ein Bild echt ist, das kann man ja nie wissen.” Zeigt Kindern Bildbearbeitung!

Schule: Fünf Tipps, um WLAN an Schulen zu verhindern. Klingt alles total plausibel.

Schule: Die FAZ über Ungleichheiten und Ungereimtheiten bei den Abiturprüfungen im föderalen Wunderland der Schulpolitik.

Familie: Praxiserprobte Tipps für Eltern von Kita- und Schulkindern. Das mit den Korkplatten, das ist durch und durch richtig. Wir haben die nämlich nicht, wir hängen neue Zettel immer mit Magneten an den Kühlschrank, der deswegen gar nicht wie ein Kühlschrank aussieht, sondern eher wie ein seltsamer Buckel im Altpapier. Schöner Wohnen geht anders.

Schule: Katrin Scheib mit einem Text über eine 5. Klasse der deutschen Schule in Moskau. Welche Fragen dort zum Thema Internet und soziale Medien gestellt werden. Ich hätte nicht alle beantworten können.

Küche: Stevan Paul demnächst mit neuem Kochbuch, hier auch der Trailer.

Gesellschaft: Andreas Wolf über den ganz gewöhnlichen Rassismus und das allmähliche Verzweifeln. Jo.

Hamburg: Ein Kommentar zur Hamburger Luft. Ein Thema, das noch für richtig Spaß sorgen wird, weil unpopuläre Maßnahmen, na, sagen wir es ruhig, alternativlos sein werden. Als Innenstadtbewohner kann man nur hoffen, dass es bald losgeht.

In eigener Sache: Ich habe es schon überall begeistert verkündet, nur hier im Blog noch nicht: die kleine Interviewreihe “Was machen die da” von Isa und mir gibt es jetzt auch in gedruckter Version.

Nido

 

Die Zeitschrift Nido hat uns gebeten, ein paar Folgen zum Thema “Kultur für Kinder” zu erstellen, das geht in der aktuellen Ausgabe los. Wir haben uns mit Martin Paas unterhalten, dem Puppenspieler von Ernie aus der Sesamstraße. In den nächsten Heften geht die Reihe dann weiter.

Nido

 

Und in der aktuellen Ausgabe der Szene-Hamburg habe ich einen Artikel über den Sommer mit Familie in der eigenen Stadt geschrieben.

Szene Hamburg

 

Kurz und klein

Woanders – Der Wirtschaftsteil

In der letzten Ausgabe dieser Kolumne gab es gar keinen Fahrradlink, das ist natürlich ungeheuerlich. Dann wollen wir uns dem Thema Rad und Verkehr in dieser Woche doch einmal etwas gründlicher widmen. Es ist nämlich auch so, dass zur Zeit ganz ungewöhnlich viele Artikel zum Thema Verkehr und Radverkehr in Deutschland und auch weltweit erscheinen, man könnte fast meinen, in das Thema kommt endlich Schwung und Bewegung.

Und dass da etwas in Bewegung ist, das bringt man natürlich nur allzu gerne mit “Peak Car” in Beziehung, wenn nicht sogar mit “Carmageddon” oder der “Carpocalypse.” Im Guardian denkt man detailreich über die Verkehrswende nach (englischer Text).

In Deutschland kommen die Trends angeblich aus Berlin. Dort werden die Autos zwar nicht gerade abgeschafft, aber man hofft doch immerhin, einen Großteil zu elektrifizieren, das ist ja auch etwas.

Die Elektroautos werden also mehr, die Fahrräder werden auch mehr, und wie. Man sehe sich etwa die Zahlen für Hamburg an (sorry, Link kaputt), also für eine Stadt, die bisher keineswegs jemals durch eine fahrradfreundliche Politik aufgefallen ist, im Gegenteil. Vielleicht sind da Menschen auf Rädern unterwegs, die die Sache mit der effektiven Geschwindigkeit verstanden haben. Noch überraschender klingen übrigens Zahlen aus Wien, dort möchte man den Anteil des Autoverkehrs am Gesamtaufkommen auf 15% senken, das ist doch einmal ein sportliches Ziel.

Aus deutscher Sicht wirkt das vielleicht nicht locker erreichbar, Niederländer dürften das sicher schon anders sehen. In Amsterdam fahren immerhin so viele Bewohner jeden Tag mit dem Rad, dass es dort schon ein eklatantes Fahrradparkplatzproblem gibt.

Die Zeichen sind ziemlich klar, dem Fahrrad gehört die Zukunft, zumindest in den Großstädten. Wobei – würde man Enschede, Almelo und Nijverdal als Metropolen bezeichnen? Eine Radschnellstraße wird es zwischen denen dennoch geben. Auch abseits der Großstädte geht etwas.

Und es bewegt sich überall auf der Welt in der Verkehrspolitik, nur der Autoverkehr, der bewegt sich oft gar nicht, der steht herum. Weswegen Städte auf kreative Maßnahmen kommen, denn eines ist klar, so wie in der Vergangenheit geht es einfach nicht weiter. Hier ein Beispiel aus China (englischer Text). Oder hier, ein Beispiel aus der deutschen Heimat, aus Münster.

Und auf Bewegung muss man selbstverständlich nicht nur warten, die kann man auch einfordern, etwa als Radl-Guerilla.

Ein Punkt, der in amerikanischen Medien immer wieder betont wird und in deutschen Medien bisher eher keine oder eine nur untergeordnete Rolle spielt, ist das Interesse des Einzelhandels. Weniger Autos, mehr Geschäft, das wird hier in kommunalen Diskussionen noch ziemlich oft bestritten und angezweifelt. Am Ende des folgenden Artikels kann man sich einen Ted-Talk von Janette Sadik-Khan ansehen, sie war eine Weile für den Verkehr in New York zuständig und hat in diesem Zusammenhang interessante Erfahrungen gemacht: “More people on foot, more business.” Was machen währenddessen die, die für den Verkehr in Deutschland zuständig sind? Seltsame Kampagnen.

Und es geht auch nicht alles fröhlich vorwärts, manche Meldungen wirken auch wie ein Rückschlag. Grundschüler können weniger radfahren? Bitte? Also doch noch kein Grund, sich entspannt über alle Entwicklungen zu freuen, man muss schon noch mitmachen, Und z.B. die eigenen Kinder aufs Rad setzen. Statt ins Auto.

Zum Schluss zur Entspannung ein paar Filmminuten mit einer ziemlich speziellen Radtour – auf der höchsten befahrbaren Straße der Welt. Holen Sie sich einen Kaffee und sehen Sie den beiden einfach sieben Minuten lang zu. Es ist großartig.

GLS Bank mit Sinn

 

Zwischendurch ein Dank…

… und zwar an Micha von Salzkorn, was in dieser Schreibweise wie ein besonders bezaubernder Adelstitel klingt, merke ich gerade, und an die Übersetzerin Lisa Grüneisen, die mich und auch die Söhne mit Sommerlektüre beschenkt haben. Große Freude! Danke! Zu den Büchern dann später mehr, versteht sich.

Und die Sommerpause naht sogar tatasächlich, auch wenn sich nichts, aber auch gar nichts auch nur annähernd danach anfühlt. Noch 15 Werktage, wenn man beruflich teilweise als Graf Zahl unterwegs ist, dann weiß man natürlich auch so etwas.