Gelesen, vorgelesen, gesehen, gehört im August

Gelesen

Wolfgang Büscher:  Deutschland, eine Reise. Auf dem Handy gelesen, kein Foto. Der Autor ist einmal um Deutschland herumgegangen, auf den Grenzen mäandernd, eine teils etwas surreal anmutende Reise durch all diese Zwischenregionen. Lohnt sich schon wegen der wunderbaren und längeren Lästerei über das Volk in den Cafés in Timmendorf, wenn ich das als ehemaliger Travemünder einmal kenntnisreich anmerken darf.

Theodor Storm: Novellen. Auch als E-Book, auuch kein Foto. Auf Eiderstedt gelesen, das passt natürlich ganz ungemein. Da waren sogar einige dabei, die ich gar nicht kannte, wie isses nun bloß möglich. Aufgefallen ist mir beim Lesen, was bei Literatur aus dem neunzehnten Jahrhundert oft auffällt – wie selbstverständlich Pflanzen eine Rolle in den Geschichten spielen. Die Buche im Hof, der Buchsbaum im Garten und auch immer wieder Blumensorten, deren Namen ich nicht einmal kenne. Das sind Gewächse, die etwas aussagen, die Geschichten ein Stück weit tragen, es sind Pflanzen, zu denen die Menschen einen geradezu intimen Bezug hatten. Nach dieser Lektüre ist es dann doch wieder irritierend, wenn ich hier aus dem Fenster und auf den Spielplatz sehe, auf dem Bäume und Büsche stehen, die ich einfach nur als beliebiges Grün sehe. Keine Ahnung, was da steht, nichts davon hat einen Bezug zu mir. Gut ist das vermutlich nicht, richtig ist es auch nicht.

Uwe Bahn und Gerhard Waldherr (Hrsg.): Inselstolz. Zwischen Strandkorb und Sturmflut – 25 Leben in der Nordsee.

Inselstolz

Die Texte sind so verfasst, wie Isa und ich auch die “Was machen die da”-Interviews schreiben, das sind überarbeitete Monologe von Menschen, die auf den Inseln leben und von ihrem Leben erzählen. Wie sie da gelandet oder aufgewachsen sind, warum sie dort bleiben. Leider eher spärlich bebildert, das ist etwas schade, aber sonst für den Nordsee-Urlaub eine sehr gute Wahl.

Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen. Deutsch von Kathrin Razum

Die Autorin ist schwer krank und muss monatelang im Bett liegen, jemand schenkt ihr einen Blumentopf, in dem eine Schnecke wohnt. Sie hört abends die Schnecke essen und wird dadurch zur intensiven Schneckenbeobachterin und -kennerin. Gute Idee, das mit den Schnecken ist auch tatsächlich interessant, leider ist das Ganze aber auf Kalenderspruchniveau weisheitstriefend.

Robert Seethaler: Jetzt wird’s ernst

Das habe ich abgebrochen, das war mir zu überzeichnet. Als hätte man die Farbsättigung zu hoch gedreht, und zwar viel zu hoch.

Alexander Capus: Himmelsstürmer

Himmelsstürmer

Da geht es um Lebensläufe von Schweizern, die in anderen Ländern erstaunliche Karrieren und Lebensläufe absolviert haben. Madame Tussaud, Marat usw. Könnte man auf den ersten Blick wegen der Beschränkung auf Schweizer uninteressant finden, dann verpasst man aber ein fein erzähltes Buch über unglaubliche Schicksale. Gerne gelesen. Gilt weiterhin: Mehr von Capus lesen.

Franz Hohler: Die Rückeroberung – Erzählungen

Franz Hohler

Noch ein Schweizer. Ein schmaler Band mit Erzählungen, das ist an einem Nachmittag im Strandkorb erledigt. Ich mag ja diese Schweizer Eigenart, in einem höchst bürgerlichen Tonfall in die Anarchie abzudriften. Auch sehr gerne gelesen.

Ralf Rothmann: Hitze

Hitze

Schon vom Titel her die beste Buchwahl in den heißen Wochen des Sommers. Ich bin nicht weit gekommen, da kam dann das Thema Flüchtlinge dazwischen und ich habe nur noch Nachrichten gelesen. Was ich aber schon im Buch gelesen habe, fand ich sehr ansprechend. Detailreich erzählt, und das kann man, wenn ich es richtig sehe, bei deutschen Autoren im Moment gar nicht so oft behaupten. Also detailreich und interessant in Kombination, versteht sich, die Mode geht eher dahin, ziemlich schnell zu erzählen, geht sie nicht? Das hier liest sich teilweise so detailreich wie im guten alten Realismus, und warum auch nicht. Taucht ein neuer Raum auf, braucht es erst einmal drei, vier Seiten, bis er vor einem steht, dann steht er aber auch gestochen scharf da. Sind Nebenfiguren anwesend, werden auch die mit feinen Strichen gezeichnet, ganz langsam, ganz gründlich. Das Berlin, um das es hier geht, sieht man sehr deutlich.

Alle anderen lesen natürlich gerade “Im Frühling sterben”, das möchte ich nicht. Thematisch unerträglich.

Vorgelesen

Sebastian Lybeck: Latte Igel und der Wasserstein. Mit Bildern von Daniel Napp

Das hat die Herzdame den Söhnen auf Eiderstedt vorgelesen, das fanden sie beide sehr gut und sehr, sehr spannend. Davon gibt es noch mehr Bände, die sind dann wohl bald fällig.

Ich habe mit den Söhnen etwas mehr Zeit mit Apps verbracht. Sie hatten beide zum Ferienende nach Lern-Apps gefragt, die kleinen Streber. Nein, das sind sie in Wahrheit tatsächlich nicht, sie hatten nur die Hoffnung, das iPad öfter zu bekommen, wenn sie das Spielen pädagogisch wertvoll verbrämen. Da haben sie gut aufgepasst, immerhin. Ich habe mir ein paar Apps für die Schule angesehen, gut gefallen hat mir bisher nur die Variante “Lernerfolg Grundschule” von Tivola. Darin gibt es Lernspiele Deutsch/Mathe/Englisch für jede Klasse in der Grundschule, die Stufen und Fächer kann man einzeln kaufen, oder auch alle im Paket. Sohn I findet es gut und die Inhalte passen wohl tatsächlich perfekt zum Lehrplan, zumindest zu seinem. Überraschende Erkenntnis nebenbei, man kriegt ja dank Ganztagsschule längst nicht alles mit: das Kind kann schon wesentlich mehr Englisch, als ich gedacht habe. Und auch mehr, als er weiß, er denkt nämlich, er kann gar nichts. Das läuft da also ganz nebenbei, und nebenbei kann man eine Menge lernen, wie es aussieht. Faszinierend.

Und Sohn II, ab nächste Woche Vorschüler, wollte dann natürlich auch so etwas. Und das gibt es auch, “Lernerfolg Vorschule” mit Capt’n
Sharky. Auch das kam sehr gut an.

Gesehen

Motivationsfilmchen für das Longboardfahren, eh klar.

Carving the Mountains from Juan Rayos on Vimeo.

Ich bin mittlerweile mit dem Longboard auch schon zur Arbeit gefahren, das macht allerdings nicht so viel Spaß, die Wege sind hier im kleinen Bahnhofsviertel und auch im benachbarten Hammerbrook einfach zu voll. Auf dem Rückweg habe ich mich, das gehört dann auch so, natürlich prächtig hingelegt, an einer Stelle, wo gar nichts war, einfach so. Und während ich noch japsend auf dem Rücken lag, kam ein freundlicher Jugendlicher über die Straße, beugte sich zu mir runter und sagte: “Ey! Mussu auch steuern, das Teil!” Das ist schön, wenn junge Menschen so Anteil nehmen.

Gehört

Der Ohrwurm des Monats passt zu meinem demnächst startenden Lindy-Hop-Kurs: My baby can dance. Immer mutig voran.

Und wenn ich mich musikalisch und tänzerisch rückwärts orientiere, dann läuft hier irgendwann unweigerlich Dean Martin, der in der All-Time-Playlist meines Lebens vermutlich einen der ersten drei Plätze belegt, mit dem bin ich schon großgeworden. Eine der ersten Stimmen, an die ich mich erinnern kann, neben Frank Sinatra. Als ich geboren wurde, war Strangers in the night auf Platz 1 in den Charts, das konnte man mal irgendwo nachschlagen. Wer auch immer in dieser Play-List meines Lebens mittlerweile auf Platz 1 sein mag. Element of Crime? Die dürften in den letzten Jahren jedenfalls mächtig aufgeholt haben.

Über den Promillewert bei diesem Auftritt von Dino hier mag man gar nicht nachdenken, aber selbstverständlich ist er dennoch gelungen, wie fast immer bei ihm.

In Heavy Rotation läuft nach wie vor aber auch Eels:

Und ein Ohrwurm, denn man zunächst durchaus ganz nett finden kann, der nach dem zehnten Hören aber befremdlich lästig wird: Model von Balanescu Quartet.

Woanders – Sonderausgabe Flüchtlinge und Fremdenfeindlichkeit

Die Texte aus der letzten Woche, die mir besonders aufgefallen sind.

Deutschland: Martin Gommel war in Weissach, wo ein Haus abgebrannt ist, das ein Flüchtlingsheim werden sollte.

Naher Osten: Bei Carta geht es um den neuen Dreißigjährigen Krieg, ein Vergleich, der wohl leider ziemlich passend ist.

Deutschland: “10 von 800.000”. Zehn Geschichten, die wir uns nicht vorstellen können.

Deutschland: Die Polizei möchte die illegale Einreise entkriminalisieren.

Deutschland: Und bei Spreeblick gibt es einen etwas längeren Text zur aktuellen Lage im Land, den ich für ziemlich zutreffend halte.

Deutschland: Und über diesen Text kann man auch mal nachdenken, es ist allerdings fortgeschritten kompliziert. Es geht um Beleidigungen.  Und auch im Sprachlog geht es gerade um Begriffe, die jetzt besonders tief fliegen.

Deutschland: Wenn Menschen mit der falschen Hautfarbe die Wurst anfassen. In der FR geht es um alltägliche Fremdenfeindlichkeit.

Deutschland: Sarah ist ein schöner Name.

Europa: In der FAZ versucht man, Albanien zu verstehen.

Europa: In der Zeit versucht man, Kosovo zu verstehen.

 

Ricardo und die Ideale

Seit Tagen starre ich immer wieder stundenlang die Timelines an. Sie halten mich vom Schreiben und vom Denken ab, diese Nachrichten von brennenden Flüchtlingsheimen und Rechtsextremisten einerseits, die Berichte von Menschen, die Flüchtligen helfen andererseits. Ich komme nicht mehr hinterher und fühle mich überrollt, das passiert mir gar nicht so oft, es ist mir jahrelang nicht passiert. Man kann vor Twitter einfach sitzenbleiben und die Texte und Links durchrauschen lassen, wenn man eine oder zwei Stunden wartet, ist schon wieder etwas Furchtbares passiert. Gleichzeitig kann man auf Facebook nachsehen, was die Hilfsgruppen in der eigenen Stadt auf die Beine stellen, und gerade in Hamburg kann sich das auch sehen lassen, gar keine Frage.

Zwischendurch eine Eilmeldung der Tagesschau auf dem Handy, man öffnet so etwas im Moment mit einem gewissen Grusel – und dann ist es vielleicht nur irgendein Sportquatsch, dem Himmel sei Dank. Da freue auch ich mich einmal über Sport, es ist selten genug. Oder, wie gestern, ist es doch wieder das Grauen. Ins Bett gehen und am Morgen nachsehen, was nun wieder passiert ist. Und ja, es ist etwas passsiert, und morgen vermutlich wieder, da muss man sich nichts mehr vormachen. Die Lage ist jetzt so.

In etlichen Blogs stehen gerade Artikel zu dieser aktuellen Lage, darunter auch etliche Berichte von Menschen, die irgendwo helfen. Auf vielen Seiten stehen Geschichten über vertriebene Großeltern oder Urgroßeltern, über Fluchterfahrungen in der eigenen Familie, da geht es um Ostpreußen und Pommern, da geht es um Rumänien und um andere Gebiete, um ungezählte Parallelen, es ist auch vollkommen egal. Flucht ist Flucht, übrigens auch aus einem sogenannten sicheren Drittland. Die Großmutter der Herzdame kam damals aus Pommern, dazu gehört ein langer Bericht, der reicht für viele Albträume, ich kenne ihn teilweise. Das sind Geschichten, die jetzt überall erzählt werden, manchmal leider eine Generation zu spät. Aber doch besser spät als nie. Es ist nicht einfach, solche Geschichten ohne Pathos zu erzählen, denn es sind große Tragödien und es geht um die ganz großen Themen.

Das Folgende spielt vor etwa zwanzig Jahren.

Ricardo, zu dessen Familie ich einmal gehörte, saß mir abends am Esstisch gegenüber. Wir sprachen über Literatur, wie wir es häufig taten, es ging um die Erzählungen von Stefan Zweig. Man konnte gut mit Ricardo diskutieren, er war belesen und neugierig. Ein älterer Mann, der sich bewundernswert gut in der Nachrichtenlage auskannte, viel besser als ich, er war in vielen Themengebieten bewandert und hatte viele, viele Reisen hinter sich. In seinem Arbeitszimmer stapelten sich die Spiegeljahrgänge, gewissenhaft gelesen und gebündelt. Morgens die dünne Regionalzeitung als Pflichtlektüre zum Frühstück, und er hätte abends nie freiwillig eine Tagesschau oder den Weltspiegel versäumt, damals war der Medienkonsum noch in allgemeingültigen Timeslots organisiert. Die Bücherwand im Wohnzimmer war sehr respektabel bestückt, auch mit Grundlagenwerken der Politik, der Philosophie und der Wirtschaft, und die standen da nicht als Deko, die waren durchgearbeitet und zerlesen. Ich war jung, es war kurz nach meiner Zeit im Antiquariat, ich war also randvoll mit Wissen über Literaturgeschichte und Dichter, mehr aber auch nicht. Ich war sicherlich etwas anstrengend in meiner daraus entsprießenden Weisheit, in mir war alles noch Theorie und Lehrbuch und Größenwahn. Wie man eben ist, wenn man noch nicht allzu viel erlebt, aber umso mehr schon gelesen hat.

“Stefan Zweig”, sagte ich, “dem hat Marcel Reich-Ranicki ja einmal parfümierte Prosa unterstellt.” Und ich freute mich, dass ich das wusste, so ein charmantes kleines Zitat, mit dem man einen bekannten Dichter mal eben komplett abschießen konnte, so etwas mochte ich. Parfümierte Prosa, was für eine gelungene Formulierung. Ricardo, das merkte ich erst nach einer Weile, Ricardo hörte mir gar nicht mehr zu. Er hatte das Buttermesser aus der Hand gelegt, sah aus dem Fenster in den dunklen Garten und hatte Tränen in den Augen. “Stefan Zweig”, sagte er nach einer Weile leise, “Stefan Zweig war ein so dermaßen netter Mensch. So höflich und hilfsbereit.” Und ich brauchte dann ziemlich lange, um zu verstehen, dass er ihn gekannt hatte.

Ricardo war als Jugendlicher aus dem Deutschen Reich geflohen, mit seiner engeren Familie, damals trug er noch einen anderen, einen deutschen Namen, er ist nicht schwer zu raten. Sie flohen in letzter Sekunde und es war knapp. Sie hatten guten Grund für die Flucht, von der großen Familie haben nur etwa sechs Personen die Nazizeit überlebt. Der Rest starb in den Lagern. Sie flohen damals nach Südamerika, wo Ricardo ein paar Jahre später an einer Exilzeitung mitarbeitete, dort hat er auch Stefan Zweig kennengelernt, der manchmal ebenfalls für dieses Blatt schrieb.

Erst mit diesem Gespräch habe ich verstanden, und das war tatsächlich ein Schock für mich, dass die ganze Exilzeit, diese ganze Exilliteratur, etwas von gerade eben war. Das war gar nicht lange her, das lag nicht etliche Generationen und Zeitalter zurück. Das war gestern, dass Menschen weltweit gegen Nazis gekämpft hatten, vor ihnen geflohen waren. Menschen aus meinem direkten Umfeld erinnerten sich noch daran, an die Zeit, an die Erlebnisse, an die Schrecken, an alles. Menschen um mich herum wussten das alles noch – sie sprachen nur nicht darüber. Nicht in dieser Familie, nicht in anderen. Das habe ich natürlich auch vor diesem Gespräch gewusst, ich hatte es nur nicht wirklich verstanden, es war nur Theorie für mich. Das Gespräch an diesem Abend hat mein Weltbild verändert, ich habe die Exilliteratur nach diesem Gespräch ganz anders gelesen. Ich habe Geschichte anders empfunden, ich habe meine Einsortierung in die Weltgeschichte anders wahrgenommen. Und ich bin wohl ein wenig aus der Arroganz der Gegenwart, aus den lustigen Neunzigern gefallen.

Ricardo reiste gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zurück nach Deutschland, er wollte hier die Demokratie aufbauen, vielleicht auch Bundeskanzler werden oder wenigstens Minister. Das war nicht ironisch oder anmaßend gemeint, das fand er selbstverständlich, das war eben ein Gebot der Stunde. Was sollte man denn mit dem brachliegenden Land schon tun? Es musste ja vorwärts gehen, die Geschichte musste vorwärts gehen, also auch dieses zerstörte Land, dessen Sprache er nun einmal praktischerweise konnte. Und da fehlten doch sicher Menschen, die sich für den demokratischen Neuaufbau einsetzten. Also reiste er los. Seine Familie fand das allerdings nicht so naheliegend, er kam ganz alleine zurück.

Er war ein Mann, der für seine Ideale lebte, er war Demokrat durch und durch, er war Sozi, er war Pazifist. Er arbeitete mit heiligem Ernst an der Umsetzung seiner Ideale, obwohl er hier dann doch nur in der Lokalpolitik landete, nicht in Bonn. Er hat seine Aufgaben aber nicht geringgeschätzt, er fand, dass auch der kleinste politische Schritt mit Überzeugung und Einsatz gegangen werden musste. Er ging in seine kleinen Ortsverbandssitzungen im hintersten Winkel der Provinz wie in den Bundestag, er machte da keinen Unterschied. Er war auf diese Sitzungen bestens vorbereitet, er war umfassend informiert, er machte seine politischen Gegner wahnsinnig mit seinem unermüdlichen Einsatz. Er rechnete die Kosten für ein sommerliches Dorffest oder eine neue Straßenbeleuchtung am Sportplatz durch, wie er auf anderer Ebene auch die Entwicklungshilfe für Nicaragua durchgerechnet hätte, nämlich bis zu einem vernünftigen und vor allem verhandelbaren Ergebnis. Wenn die Aufgabe sinnvoll war, dann musste sie eben jemand machen, und im Zweifelsfall war er es. Er glaubte an keinen Gott, aber er glaubte an den Menschen und daran, dass Geschichte ein Ziel hat. Ein utopisches Ziel vielleicht, aber doch ein Ziel. Eine freie, gerechte, soziale Welt. Und wenn man ihm halb im Scherz erklärt hätte, dass dieser Glaube wohl auch eine Religion ist, er hätte den Witz nicht einmal verstanden. Er war kein humorvoller Mann, das nicht. Er meinte es ernst, er war ernst. Er war eher der Hans-Jochen-Vogel-Typ eines Sozialdemokraten, nicht Willy Brandt mit Gitarre und Damenbegleitung.

Er arbeitete also in der Lokalpolitik und am Weltfrieden, für ihn war das miteinander verbunden. Er war früh dabei, als man hier zu Zeiten der Friedensbewegung auf die atomwaffenfreien Zonen kam, dabei war er überhaupt kein Hippie-Freak, kein Spinner, kein Fundi-Grüner, nicht einmal ansatzweise. Er hatte sich nur überlegt, dass er beim Thema Abrüstung in der Weltpolitik nichts bewegen konnte, wohl aber vor Ort. In seinem kleinen Ortsverband. Er konnte da vielleicht vier von sieben Parteimitgliedern überzeugen, eines nach dem anderen, und so machte er unerschütterlich weiter. Nach dem Ortsverband den Kreisverband, da ging doch etwas. Er hat nicht alles erreicht, was er erreichen wollte, aber er hat auch nicht aufgegeben. Und es liegt sicher auch ein wenig an Menschen wie ihm, von denen es durchaus ein paar mehr gab, dass die Nachkriegsgeschichte in Deutschland so gelaufen ist, wie wir sie kennen. Er hat den Dingen eine Richtung gegeben.

Er war immer bereit, für die Ideale aus seiner Jugend einzutreten, mit einer Geradlingkeit, die man heute nicht mehr kennt, wenn es um Politik geht. Nicht zu lösende Probleme konnten ihn bis zur Besessenheit umtreiben, ich sehe ihn noch grübelnd im Garten auf und ab gehen, weil er nicht auf die richtige Strategie kam, die Welt wieder ein winziges Stück besser zu machen. Er redete mit sich selbst, stand mit verschränkten Armen kopfschüttelnd vor einer Hecke, die jemand dringend hätte schneiden müssen. Für so etwas hatte er weder Zeit noch Sinn, das war nicht sein Thema. Er ging kopfschütttelnd wieder weiter über den Rasen und blieb abrupt stehen, wenn ihm etwas einfiel. Ging irgendwann schnell an den Schreibtisch, die Tür zum Arbeitszimmer flog hinter ihm zu, dann hörte man ihn tippen. Das ist mittlerweile etwas aus der Mode gekommen, so allein mit sich und seinen Gedanken zu ringen, vielleicht ist es schade.

Es konnte in seinen Grübeleien tagelang um engste lokalpolitische Themen gehen, manchmal aber auch um die großen Krisen der Welt. Das war ein Mann, der am Nahostkonflikt verzweifeln konnte, weil er die Lösung nach einer längeren Reise durch die Krisenregionen doch auch nicht wusste. Das war in seinem Weltbild nicht vorgesehen, dass etwas nicht lösbar war. Ich sehe ihn vor mir, mit welcher Irritation er von Israel und Palästina erzählte. Weil er einfach nicht wusste, was zu tun war. Es musste doch einen Weg geben? Er betrachtete das wie ein Schachspiel, und er kam nicht auf den richtigen Zug. Obwohl es ihn geben musste, davon rückte er nicht ab. Er wollte Frieden und Fortschritt und Gerechtigkeit, er wollte das ganze alte SPD-Zeug, von dem heute kaum noch etwas mehr übrig ist. Er war überzeugt, dass die Welt zu verbessern sei, dass sie jetzt sofort und direkt vor Ort zu verbessern sei – und er wäre nicht darauf gekommen, nicht zuständig zu sein.

Er hat in Gaststätten nie mit dem Rücken zur Tür gesessen. Weil man ja nie wusste. Das war eine Folge der Flucht, jede Flucht wirkt ein Leben lang nach.

Mir fällt Ricardo gerade wieder ein, weil er so anders auf Probleme reagierte, als es viele tun. Nicht mit Angst oder Aggressionen und Beleidigungen, nicht mit Pathos, auch nicht mit Hurra und Theaterzauber. Nein, er hat einfach überlegt, wo er anfangen könnte, an der Sache zu arbeiten. Auf seine unspektakuläre, sachliche Art. Und dann ging es eben los. Immer den Idealen nach, weil es doch die einzig mögliche Richtung war.

In den letzten Tagen habe ich oft an ihn gedacht. Morgen, am 29.8., kann man übrigens um 15 Uhr wieder mit den Flüchtlingen aus der Hamburger Messehalle auf dem Karolinenplatz essen und Willkommen feiern. Etwas Essen und Getränke mitbringen, wie zu anderen Partys auch. Einfach so. Ganz unspektakulär.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir fangen mit einem Text an, der dem Titel dieser Kolumne geradezu mustergültig gerecht wird. Es geht um Wirtschaft, um Wirtschaft pur. Es geht auch etwas um Süß- und Salzwasser, und es geht um das Versprechen von immer mehr von allem. Es ist ein langer Text in der Zeit, und lassen Sie sich bitte von der volkswirtschaftlichen Deko des Artikels nicht abschrecken. Das ist schon interessant und es betrifft uns tatsächlich alle. Und es erklärt auch nebenbei so einiges der aktuellen Nachrichtenlage: “Mehr ist nicht”.

Sibylle Berg wird man vermutlich nicht als Wirtschaftsexpertin auf dem Zettel haben, es ist dennoch sinnvoll, direkt nach dem Text aus der Zeit diesen Text beim Spiegel zu lesen. Passt schon.

Und dann, wir basteln an einem seltsamen Dreiklang, noch ein Artikel aus dem Handelsblatt, und bevor Sie den lesen, müssen Sie eigentlich im Kopf die Titelmelodie von “Dallas” abspielen, die Älteren erinnern sich. Da geht es nämlich um den Ölpreis, da geht es auch wieder um das Ende vom Mehr und um alten Geld- und Industrieadel. Und um den Wechsel zu etwas ganz anderem. Wenn man sich die im Artikel geschilderten Wechselwirkungen lebhaft genug vorstellt, kann man sich vermutlich ein halbes Wirtschaftslehrbuch sparen. Und apropos Öl, da gibt es noch einen kleinen Nachtrag zur letzten Woche, als es um fossile Brennstoffe und den Klimawandel ging. Für LKW gibt es da nämlich auch eine science-fictionmäßige neue Idee.

Mehr von allem, mehr Geld, mehr Gewinn, auch mehr Sinn? Wenn wir schon dabei sind, dann geht es gleich so ernsthaft weiter. Um das mit dem Sinn geht es nämlich bei Christoph Koch. Er hat darüber geschrieben, wohin wir uns mit der Suche nach dem Sinn im Beruf bringen können. Und in der brandeins fragt sich ein Autor, der aus guten Gründen nicht unter seinem richtigen Namen schreibt, was er beruflich kann. Und was er eigentlich falsch gemacht hat.

Wenn man etwas kann und auch einen Beruf hat, dann spielt man mit, dann ist man aber womöglich auch gleich Mittäter des Systems – und das System ist neoliberal, ob es einem passt oder nicht. Darum geht es in einem langen Interview in der SZ. Interessant darin besonders der Absatz über Kreative in der neoliberalen Ordnung, das ist alles sehr deutlich formuliert. Da mal drüber nachdenken, wie Kempowski gesagt hätte.

Im nächsten Artikel gibt es einen Begriff, den man vermutlich auch im Hinterkopf haben sollte, wenn man an seinen Job und an seine Leistung und überhaupt an sein Leben denkt: Negativity Bias. Wir neigen dazu, Dinge zu schlecht zu sehen, weil das evolutionär einmal Sinn gemacht hat. Oder immer noch macht? Der Artikel heißt aber verheißungsvoll: “Alles wird gut”. Ist das die Meldung, die uns hier immer gefehlt hat? Oder ist das nur ein weiteres, programmgemäß einsortiertes Versatzstück aus dem neuerdings so beliebten Baukasten “Constructive News”? Denn eventuell ist auch die positive Meldung nur Ausdruck des wirtschaftlichen Kalküls einer Medienfirma. Es ist so dermaßen kompliziert – und war Meinungsbildung eigentlich einmal einfacher?

Für den Freundeskreis Fahrrad gibt es in dieser Woche leider nichts, dafür aber etwas für alle Menschen, die ab und zu auch ihre Füße als Verkehrsmittel einsetzen. In Wien gibt es eine Fußverkehrsbeauftragte, da ist schon die Berufsbezeichnung so nett, das muss man doch unbedingt verlinken. Und zu der Fußverkehrsbeauftragten passt noch ein anderer Begriff aus folgendem Text, da geht es um die bespielbare Stadt. Und so enden wir mit positiven Nachrichten und schönen Bezeichnungen, das ist auch einmal erholsam.

GLS Bank mit Sinn

Kurz und klein