Usedom-Bemerknisse (4)

In Heringsdorf gibt es Strand, Sandstrand genau genommen. Hier und da ein paar Steine, Muscheln, Tang, Wellen, Meer, eine Seebrücke. Wie Strand an der Ostsee eben so ist. Nicht zu breit, nicht zu schmal, ein Strand eben, ein schöner sogar.

Im benachbarten Ahlbeck gibt es auch Strand. Der erfüllt genau die gleichen Kriterien. Noch ein Strand eben. Auch schön.

Die Söhne haben an diesen beiden Stränden gespielt, sie haben dort also Löcher und Burgen gebuddelt und gebaut und interessante Steine gesammelt oder uninteressante Steine ins Wasser geworfen und Möwen beobachtet und sich von den Wellen jagen lassen und sich nasse Füße geholt usw., was man eben am Meer so macht, wenn man sechs oder acht Jahre alt ist. Sie haben an beiden Stränden in der gleichen Weise gespielt, es lagen nur ein paar Stunden dazwischen.

Wenn man die Söhne nun fragt, welcher Strand der bessere war, sagen beide unisono und sofort und sehr überzeugt: “Ahlbeck!”

Warum ist das so? Das ist so, weil in Ahlbeck die Sonne herauskam, als sie gerade über den Strand rannten, dadurch war es dort ein paar Grad wärmer als in Heringsdorf. Es war plötzlich Es-geht-auch-ohne-Jacke-Wetter. Dadurch war Ahlbeck total super und Heringsdorf, das bis dahin auch total super war, fiel dann doch etwas ab. Ich habe das den Söhnen erklärt, was da in ihren Köpfen passierte, ich war aber vollkommen chancenlos. Sie haben ihre Wahrnehmung sofort rationalisiert und kamen mir mit Argumenten wie der Sandqualität, schöneren Steinen, besserem Wellengang, mehr Fischen in Ahlbeck, mehr Möwen und so weiter. Es schien ihnen nicht möglich, dass ihre klaren Präferenzen einfach nur an vier Grad Lufttemperatur mehr und ein paar freundlichen Sonnenstrahlen und einfach guter Stimmung liegen konnten. Der Strand war nicht gefühlt besser, der Strand war an sich besser, das war quasi Ehrensache.

Würde man die Söhne jetzt entscheiden lassen, ob wir das nächste Mal nach Heringsdorf oder nach Ahlbeck fahren, sie würden ganz sicher Ahlbeck wählen. Das kann man sich ja spaßeshalber einmal vorstellen, dass wir sie entscheiden lassen würden, so etwas macht man manchmal. Und dann würden wir das Mal darauf vermutlich auch wieder nach Ahlbeck fahren, weil es dann ja schon Tradition geworden wäre dahin zu fahren und weil wir hier alle Traditionen mögen und sicher auch schon wüssten, wo es dort z.B. die besten Fischbrötchen gibt. Und beim vierten Mal würden wir da nicht nur die guten Restaurants und Supermärkte und Kioske kennen, nein, wir würden auch schon jemanden kennengelernt haben, Einheimische mit Kindern vielleicht, mit denen die Söhne beim fünften Mal dann natürlich auch wieder spielen würden. Und das könnten dann durchaus dicke Freunde werden und womöglich auch bleiben. Die vier Kinder würden sich alle Ferien wieder treffen und eine in Teilen gemeinsame Jugend verbringen, so dass die Söhne die Zeit in Mecklenburg-Vorpommern irgendwann ziemlich super finden würden. Und sie würden vielleicht später, nach der Schulzeit, in dieser tollen Gegend dort einen Beruf erlernen, warum auch nicht, irgendwas mit Küstenschutz oder so, das könnten sie schon seit Strandbuddelzeiten im Sinn gehabt haben. Und dann würden sie hinterher noch für ein Jahr ins Ausland gehen, um an andere Küsten mehr zu lernen, wo sie dann weitere Menschen kennenlernen könnten, die sie sonst natürlich niemals getroffen hätten, und dann wäre einmal auch die große Liebe dabei, na, wie es eben so geht, das ist ja alles möglich und gar nicht abwegig, so läuft es doch im Leben. Und so würde es dann jedenfalls laufen, weil die Sonne kurz rauskam. Damals in Ahlbeck.

Wir halten hier dennoch fest: Der Strand in Heringsdorf ist genau so schön.

In der nächsten Folge: Ein für Nichteltern garantiert vollkommen sinnfreier Tipp für Ahlbeck.

Gelesen: Clara Sánchez – Letzte Notizen aus dem Paradies

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen.

Wieder ein Coming of age-Roman, diesmal spielt die Handlung in einer spanischen Vorstadt. Endlich mal etwas anderes, Vorstädte sind ja sonst geradezu zwingend in den USA. Die männliche Hauptfigur jobbt in einer Videothek, da wird einem schon wieder ganz nostalgisch zumute. Videotheken sind auch so etwas, das man dem Nachwuchs kaum noch erklären kann, ohne leicht irre zu wirken. Sie sind also damals in einen Laden gegangen, um sich einzelne Filme gegen Bargeld auszuleihen, is’ klar.

Das Buch hat im spanischen Sprachraum reihenweise Preise abgeräumt, ich habe es leider sehr zerstückelt gelesen, konnte es daher nicht recht würdigen und habe das Ende nicht verstanden. Da war auf den letzten Seiten irgendein Dreh, wenn Sie das Buch auch lesen sollten, schalten Sie da bitte einen Gang runter, dann klappt das sicher auch. Aber die Liebesgeschichten waren schön, die Figuren interessant, was will man mehr. Ich finde Szenen und Stimmungen eh wichtiger als Handlung, Handlung wird total überschätzt, was natürlich jeder gerne komplett anders sehen darf. Hier noch eine Rezension, die Begeisterung hält sich dort deutlich in Grenzen.

Für sportlich orientierte Menschen: Es gibt reichlich Jogging-Szenen im Buch, manche Menschen lesen doch so gerne etwas über ihre obskuren Freizeitbeschäftigungen in der Literatur nach. Und hätte ich den Roman am Stück gelesen, er hätte mir vielleicht ganz gut gefallen.