Wider den Zeitgeist: Clowns

Es ist so oft die Rede davon, dass man gegen den Hass angehen muss, gegen den allgegenwärtigen Schwachsinn und den Irrsinn, ich hatte dazu in der letzten Zeit auch einige Texte hier verlinkt, etwa zum Umgang mit Trollen. Aber Verlinken reicht nicht, man muss auch etwas tun, weswegen ich jetzt eines der brandaktuellen Themen dem Zeitgeist entreiße und in diesem kleinen und kulturverklärenden Blog auf ein harmloses, wenn auch sehr trauriges Lied zurückführe, in dem die Figuren aus dem Titel ausdrücklich überhaupt nicht vorkommen, zumindest nicht als reale Erscheinung. Nix mit Horror, nix mit Grusel, es sei denn, man hält Liebeskummer für ein Thema in diesen Kategorien, aber das führt jetzt zu weit.

“Send in the clowns” von Stephen Sondheim ist ein Klassiker im Repertoire aller großen und ganz großen Sängerinnen und Sänger, ein zunächst vielleicht nicht übermäßig kompliziert wirkendes Stück, aber wohl nicht eben einfach zu singen. Und beim ersten Hören vielleicht auch gar nicht recht zu verstehen – worum geht es da? Es geht um etwas Tragisches, das hört man gleich, um eine schmerzhafte Erfahrung, aber was genau? Es geht um falsches Timing in der Liebe. Eines verliebt sich, das andere will nicht recht, dann doch – da ist der Zug schon abgefahren, “nun steh ich da, vor leerem Haus” – mehr dazu hier.  Im Theater hat man früher Clowns auf die Bühne geschickt, wenn etwas schief ging, um die Panne zu überspielen: send in the clowns. Wobei das eventuell historisch gar nicht stimmt, aber so ist das Bild jedenfalls gemeint, das hat Sondheim immer so erklärt. Das muss man vorab wissen, sonst versteht man den Song nicht.

Auch Frank Sinatra erzählte übrigens bei einem seiner Auftritte, dass ihn wieder und wieder Menschen gefragt haben, was das mit den Clowns denn bloß bedeuten soll, es erschließt sich also auch englischsprachigen Hörern nicht sofort.

Beginnen wir zum besseren Verständnis aber gleich mit der deutsche Version von Tim Fischer, wobei das eigentlich die Version von Zarah Leander ist, geradezu gruselig genau wiedergegeben, da sitzt wirklich jeder Konsonant.

Und danach dann Frankie und Tony Mottola, ebenfalls eine großartige, aber auch hinreißend entspannt wirkende Aufnahme von zwei Altmeistern.

Dann kann man nach seltsameren Sachen suchen, wer hat das denn noch aufgenommen? Da gibt es auch Überraschungen.

Hier noch mit etwas Kontext und Kostüm aus dem Stück, das ist die Version von Liz Taylor:

Man merkt vielleicht schon, das Stück wird nicht zwingend besser, wenn es “schön” gesungen wird, im Gegenteil. Aber noch einmal zum Vergleich:

Es gibt herrliche Clips, in denen Sondheim selbst das Lied unterrichtet, sein Lächeln ist ganz wunderbar und es ist sehr interessant, was er anmerkt:

Aber die Killerversion ist und bleibt doch die von Judi Dench. Herzzerreißend, todtraurig, hoffnungslos. Das ist großes Schauspiel, man sehe sich einmal die Mimik über das ganze Stück hinweg genau an. Umwerfend.

Und so hat man Clowns dann doch wieder ganz gerne – als Andeutung, als etwas unklares Symbol, als bloße Metapher für Pannenhilfe und Seelentrost, als Verkörperung des schöneren Scheiterns. Dazu muss man die Clowns nicht einmal sehen, man muss es nicht einmal für möglich halten, dass sie tatsächlich auftauchen – und da ist auch gut so.

Kleine Anmerkung zum Thema Kindkrankmeldung

Hier drüben gab es etwas zum Wahnsinn der Kindkrankmeldungen, ein völlig irres Thema, je länger man darüber nachdenkt. Auch die Kommentare sind dort lesenswert, da kommen dann noch spannende Zusatzthemen wie etwa Privatversichungen und Beamte. Es ist kompliziert.

Ich kann mich ja schon aufregen, dass einen dieser komplett wahnwitzige Vorgang dazu zwingt, Briefe hin- und herzuschicken, ich meine: Briefe! Mit bunten Briefmarken und so! Alle Welt hat meine Daten, Datenschutz gibt es längst nur noch als Gerücht, aber wenn es einmal total sinnvoll und praktisch wäre, diese auch auszutauschen, dann geht das plötzlich nicht, dann muss man im letzten Schreibwarenladen der Stadt Umschläge kaufen und Briefe schreiben und im Kinderzimmer Stifte suchen und per Hand Adressen abmalen und herausfinden, ob diese Postkutschen heute überhaupt noch fahren und danach auch noch, wo eigentlich im Betrieb dieses Personalbüro ist von dem immer alle reden und wer da für was zuständig sein mag und das alles. Das erzeugt an allen Ecken und Enden des Prozesses komplett sinnfreie Beschäftigungen, nichts als ABM, jemand verkauft Umschläge, jemand trägt Briefe aus, jemand öffnet Briefe, jemand schreibt sie ab, jemand rechnet etwas nach, jemand kopiert ein Blatt, jemand heftet etwas ab und vermerkt etwas darauf, vermutlich sind sogar Stempel im Spiel, die Älteren erinnern sich, alles sinnfrei, ich kann so etwas schon aus beruflichen Gründen nicht ab, das macht mich wahnsinnig. 

Und dann ist es ja so, dass jeder Betroffene irgendwann auf die Idee kommt, dass es doch wirklich wesentlich einfacher ist, sich selbst krank zu melden, statt dieses Riesenrad “Kindkrank” zu drehen und dafür noch finanziell bestraft zu werden, zumal man ja beim Nachdenken über das Thema tatsächlich Kopfschmerzen bekommt. Ich mache das natürlich nicht, ich mache immer alles richtig, eh klar. Aber Menschen bei Verstand? Man muss sich ja nur mal etwas im Bekanntenkreis umhören. Das System zwingt einen geradezu zur Lüge, man kommt sich doch bekloppt vor, wenn man sich dabei richtig verhält. Und wer kann damit schon umgehen, sich bekloppt zu fühlen? Also wer außer mir? Eben.

Ich kann mich noch gut an mein Staunen erinnern, als ich mich zum ersten Mal brav, systemkonform und schafdumm kindkrank gemeldet habe – und mir dann erklärt wurde, wie das geht. Das Procedere ist ein Relikt aus der Bürosteinzeit, das war 1980 vielleicht mal eine moderne, zeitgemäße Lösung, aber das ist wirklich schon eine Weile her.