Beifang vom 30.11. 2016

Man kann das Thema schon nicht mehr hören, aber hier dennoch eine weitere Wahlanalyse (USA).

Eine Einladung von Christoph Kappes.

Gunter Dueck wird adventlich, ich sage es ja, wir schalten jetzt kollektiv um. Alles-wird-gut-Modus. (Nice try, ich weiß.)

Und wo wir schon beim Umschalten sind, ich habe gestern einen kleinen Fehler gemacht. Na, vielleicht nicht gerade einen Fehler, aber doch immerhin eine Unachtsamkeit. Da habe ich doch einen Sinatra-Song als Trotzmittel zur Novemberbluesabwehr und zur Belebung der Lage verwendet. Denn die Lage, und die Stimmung scheinen nicht nur bei mir noch jahreszeitgemäßer als sonst zu sein, was ich prinzipiell übrigens nicht falsch finde, dafür ist dieser Monat eben da, das ist sein Verwendungszweck. Alle Serviervorschläge zum November kommen nun einmal ohne dunkelgraue Deko nicht aus. Aber wenn man im Alltag Dialoge hört, wie ich neulich an der Supermarktkasse …

Kassierer 1: “Ich muss mal Pause machen.”

Kassierer 2: “Jo. Und irgendwann musste sterben.”

… dann hat der November auch seine Schuldigkeit getan und kann allmählich gerne gehen, man möchte so etwas ja nicht überreizen. Da ist ein Song im Prinzip nicht so falsch, es gibt aber einen viel besseren von Simatra als den gestern verwendeten. Einen, der den November im Text und in der Stimmung hat (“So I’m down and so I’m out”), einen, der lässig relativiert (“but so are many others”), einen, mit dem man dennoch zum Lächeln zurückfinden kann, vielleicht sogar zu einem dezenten Tanzschritt. Und wenn man tanzt, alte Regel, wird eh alles besser. 

In Büros war es vor langer Zeit einmal witzig, sich Stempel mit “Dennoch!” zuzulegen, der Song “Cycles”ist ein gesungenes Dennoch. Nicht wütend, nicht giftig, nicht zynisch, eher elegant und humorvoll, so möchte man das doch haben. Und das Lied ist wunderbar anwendbar für die eigene Situation, man muss einfach nur im letzten Vers das “keep on tryin‘ to sing” gegen etwas anderes eintauschen, was weiß ich, etwa gegen “tryin‘ to blog” oder was gerade passt. Und dann läuft das wieder.

[geht fingerschnippend in den Tag]

Beifang vom 29.11.2016

Patricia Cammarata war auf einer Väterveranstaltung. Ich war da auch eingeladen, aber ich konnte nicht, denn – Achtung, Spitzenwitz – ich war hier familiär eingebunden.

Ich gucke ja keine Serien, ich gucke eher überhaupt nichts, aber ich habe quasi aus Versehen beim Kochen gerade die ersten beiden Folge von One Mississippi auf Amazon Prime gesehen. Und fand sie gar nicht schlecht, wenn auch eher auf die novemberige Art, für die es allmählich etwas knapp wird, wir schalten doch schon in wenigen Tagen kollektiv auf Jauchzen und Frohlocken um. Hier eine passende Rezension zur Serie.

Wonach schmeckt übrigens der November im Abgang? Nach Dunkelheit natürlich.

Auch die Blogosphäre hat ihre AuslandskorrespondentInnen, weswegen wir hier ein wenig zur Lage in Frankreich nachlesen können. Und zum befremdlichen Vorfeiern im Nachbarland. Die spinnen, die Franzosen.

Das Jahr ist noch nicht vorbei und gibt sich noch auf den letzten Wochen große Mühe, mich trickreich zu ärgern. Das war kein sehr angenehmes Jahr, um es zurückhaltend auszudrücken, nein, dieses Jahr kann wirklich in fast jeder Beziehung gerne weg. Bis es aber wirklich weg ist, halte ich musikalisch einfach vollkommen wirklichkeitsignorant dagegen. Im Keller zu pfeifen soll bekanntlich hilfreich sein.

Fair ins Museum: Game Masters

Vermutlich wird Sohn I auch noch etwas zur Ausstellung “Game Masters” über Video- und Computerspiele im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe schreiben, ich beschränke mich daher auf eine kleine Anmerkung aus Sicht eines nicht spielenden Vaters, der sich sogar in aller Regel nicht einmal ansatzweise für Spiele interessiert, weder für solche auf Brettern, noch für solche auf Konsolen oder Tablets.

Museum für Kunst und Gewerbe - Foto: Roman Henze

(Foto freundlich zur Verfügung gestellt von Roman Henze, das ist ein Fotograf aus unserem kleinen Bahnhofsviertel)

Ich möchte diese Ausstellung aus pädagogischen Gründen nämlich ausdrücklich gerade Elternteilen empfehlen, die mir in dieser Aversion ähneln. Nicht, weil wir da etwas lernen würden, man lernt ja eher nichts, wenn man sich nicht interessiert – sondern weil es so fair gegenüber den Kindern ist, dort hinzugehen. Denn da hat man endlich einmal vertauschte Rollen im Museum! Die Kinder bleiben dauernd entzückt vor vollkommen nichtssagenden Ausstellungsstücken stehen, wollen alles ganz genau wissen, vertiefen sich, lesen alles nach, wollen gar nicht wieder gehen. Man steht ratlos daneben, guckt an die Decke, guckt auf den Boden, guckt in die Gegend. Man fragt nach zehn, fünfzehn endlosen Minuten vor nur einem Ausstellungsstück vorsichtig: “Können wir weitergehen?” Die Frage wird nicht einmal gehört, die Kinder sind so konzentriert, es muss ja alles angesehen und ausprobiert werden (und man kann übrigens alles ausprobieren, jedes Spiel – stundenlang). Man kann nicht begreifen, was an den Spielen so toll sein soll, zumal die sich alle ähneln, kennste eines, kennste alle. Man möchte weiter, man möchte an die frische Luft, man möchte was trinken, man muss mal, man meint, an der Bewegungslosigkeit nervlich Schaden zu nehmen. Den Kindern ist das egal, die Kinder machen hier in Kultur und verweisen zwischendurch kurz auf die Wichtigkeit der Ausstellung, hallo, das ist hier im Museum, Papa! Da lernt man was!

Man sieht auf die Uhr, man setzt sich irgendwo hin, nicht genau wissend, ob man da überhaupt sitzen darf oder ob es am Ende ein Ausstellungsstück ist, was man nach erster Einschätzung für einen Hocker hält. Man rollt mit den Augen, man stöhnt, man fragt noch einmal … egal. Es hört sowieso keiner zu. Man übt sich in Duldungsstarre, wie damals im Schulunterricht in der siebten Stunde. Die Kinder fachsimpeln, die Kinder probieren und beurteilen, die Kinder freuen sich sichtlich über das kulturelle Angebot. Die Kinder sagen irgendwann, man könnte doch auch öfter ins Museum gehen.

Es ist ein Gebot der Fairness, dass ich mich an diese Szenen unbedingt wieder erinnere. Und zwar dann, wenn ich mit den Söhnen wieder einmal irgendwo in einem anderen Museum verzückt vor einer Galerie alter Ölbilder stehen werde, gähnende Kinder in fortgeschrittener Duldungsstarre neben mir. Kinder, die mit den Augen rollen, die zur Decke sehen, zum Boden, die sich schließlich irgendwo hinsetzen, ganz egal, worauf. Die nicht begreifen, was an alten Bildern toll sein soll, zumal die sich auch noch alle ähneln, kennste eines, kennste alle. Und die dann nach zehn, fünfzehn Minuten leise fragen, ob wir nicht vielleicht endlich, endlich einmal weitergehen können. Und die mal müssen. Und frische Luft brauchen, weil sie sonst vielleicht nervlich Schaden nehmen. Und man möchte gerade etwas von Kultur murmeln – dann muss man sich erinnern.

Doch, ich glaube wirklich, es ist ein Akt der Erwachsenenbildung, sich diese Ausstellung anzusehen.

Blasenspiegelung selbstgemacht: Die Liste Familie & Schule

Was diese Auswertung soll, hatte ich hier bereits erklärt. Ich sehe etwas genauer nach, was in meinen Timelines eigentlich geteilt wird und wie ich mich also informiere.

Auf meiner Twitterliste “Familie & Schule” sind im Moment 316 Leute, darunter natürlich viele ElternbloggerInnen. Im November war das meistgeteilte Blog in dieser Rubrik der Familienbetrieb, gefolgt vom Nuf und Allerlei-Themen Danach die SZ, aber es geht dann gleich mit Blogs weiter: 2KindChaos, Papa Pelz, Halbe Sachen, Kinderfilmblog, Mutterseelesonnig. Dann erst SPON, dann dieses Blog hier. Interessant finde ich, dass die Top 20 danach ausschließlich mit Blogs aufgefüllt werden, keine weitere Medienseite dabei: Grosse Köpfe, Pia Ziefle, Tollabea, Frühes Vogerl, Familie Berlin, Berlin Mitte Mom, Öko-Hippie-Rabenmütter, Herzundbuch und Journelle

Das fühlt sich größtenteils wie ein recht vertrauter Club an, wobei die in den Blogs vertretenen Meinungen manchmal stärker auseinandergehen, als man auf den ersten Blick denkt . Auch auf den weiteren Plätzen sind fast nur Blogs, kaum Medienseiten, kaum Überraschungen. Positiv kann man sagen, dass Elternbloggerinnen sich also gegenseitig genug Content verschaffen. Wenn man etwas negativ sehen möchte, was natürlich immer geht, bedient die Presse die Themen dieser Zielgruppe offensichtlich im Moment eher nicht erfolgreich. Was man wiederum auch positiv sehen kann, da haben die Blogs wohl eine klaffende Lücke geschlossen.

Sämtliche dedizierten Elternmedien spielen in der Ergebnisliste übrigens überhaupt keine Rolle. Da klappt etwas nicht. Nicht bei Nido, nicht bei Eltern etc., nirgendwo.

Zwischendurch ein Dank …

… an den Leser B.V., der mir “Die Wiedergewinnung des Wirklichen – eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung” von Matthew B. Crawford geschenkt hat. Deutsch von Stephan Gebauer.

Eine sehr willkommene Lektüre, quasi auf den Punkt. Da geht es um Aufmerksamkeitsökonomie, das treibt mich ohnehin gerade um. Warum beschäftigen wir uns mit was – und wozu führt das? Es ist kein Buch mit hysterischem Digitalhass, ganz und gar nicht, das kann man auch als Onlinejunkie oder immerhin netzaffiner Mensch ruhig lesen. Also wenn man noch genug Aufmerksamkeit für ein Philosophiebuch aufbringen kann, versteht sich. Wo war ich?

Der Autor ist Philosophieprofessor und daneben auch beruflicher Motorradschrauber, es geht u.a. um den Gegensatz zwischen Handwerk und geistiger Arbeit, bei der Dinge aller Art nur noch als Abbild am Bildschirm oder im Text vorkommen. Dargestellt wird das an Beispielen, da geht es etwa um Orgelbauer oder um Glasbläser. Letztere sind für mich besonders faszinierend, da das meine Familiengeschichte spiegelt, vor zwei, drei Generationen war man noch in der Werkstatt oder in der Glashütte, jetzt am Notebook. Was ändert das, wenn man es philosophisch betrachtet?

Es werden unterwegs ziemlich viele andere Themen gestreift, auch die Politik, das macht Spaß, also mir jedenfalls. Um Begriffe wie Aufmerksamkeitsethik und Aufmerksamkeitsallmende (da geht es um den durch Ablenkungen aller Art versauten öffentlichen Raum, siehe Werbeplakate etc.) kann man als dauerabgelenkter Mensch ruhig einmal etwas herumdenken, finde ich.

Sehr anregende Lektüre, ich bin ganz begeistert. Nicht eben die leichteste Lektüre, aber das macht nichts, man kann auch einmal etwas länger auf Texten kauen.

Hier noch eine ausführliche Rezension. Mir war der Autor zum ersten Mal durch diesen Text über das Selbermachen aufgefallen, der ist auch immer noch lesenswert und hat eine schöne Schlussfolgerung.