Gelesen – Christoph Peters: Stadt Land Fluß / Heinrich Grewents Arbeit und Liebe

Der Herr Peters ist jemand, der herausragend gut Berufe literarisch darstellen kann (kam hier schon einmal vor), das ist wirklich auffällig. Man liest da in “Stadt Land Fluss” von einem verkrachten Kunsthistoriker und von einer strebsamen Zahnärztin und auch von niederrheinischen Bauern, und immer denkt man, ja, das ist so, das passt perfekt, das ist gut, das sieht man alles vor sich, so arbeiten die, wie interessant, da können gerne noch ein paar Seiten kommen. Und dann fällt einem wieder auf, wie selten normale Berufe gut beschrieben in Romanen vorkommen.

Christoph Peters recherchiert gründlich, das merkt man, und er kann dann, ich weiß gar nicht, wie er das macht, das gesammelte Material so unterhaltsam darstellen – Sendung mit der Maus nichts dagegen, nur eben als Literatur. Obwohl er reichlich Fakten darstellt, kommen die immer als Geschichte rüber, da ist nichts dröge oder langweilig, nie fällt das in einen referatartigen Stil und doch kommt immer noch ein Detail. Ich finde das bewundernswert, das scheint mir kaum jemand in der aktuellen Literatur so zu machen. Oder ich lese zu wenig oder die falschen Bücher, das kann natürlich auch sein.

Ansonsten geht es um eine Liebe, die aus Gründen vergangen ist, die man erst nach und nach versteht, das ist tragisch und herbstlich gerade passend. Es geht aber auch um verschwindende Dörfer und um ein Landleben, das so nicht mehr wiederkommt und jede Romantik verliert, Beton gegen Fachwerk, das ist also nicht die heiterste Lektüre, aber doch gut für den November.

Bei “Heinrich Grewent” wiederum wird u.a. Büroarbeit geschildert, die noch ganz ohne Computer stattfindet. Und ohne weitere Komplimente sei hier nur kurz erwähnt, dass ich bei den ersten Kapiteln den Backflash des Jahres hatte. Neunziger Jahre, im Büro bis spätabends auf dem Fußboden herumkrabbeln, um etliche getippte Seiten zusammenzutackern, deren Gesamtbild jemand anderes dann wieder an der Schreibmaschine weiterverarbeitet, da dann hektisch und handschriftliche Randnotizen ergänzen, alles noch einmal zurückgeben, später stundenlang am Kopierer stehen, mit Schere und Kleber arbeiten, bis endlich nach Tagen voller Überstunden ansprechende Berichte entstehen, die dann mit dem Kurier in eine Druckerei geschickt werden, damals, hundert Jahre vor Powerpoint, wir hatten ja nichts! Ich kann mich endlos in solchen Details verlieren. Beruflich beschäftigt sich die Hauptfigur hier übrigens sehr überzeugend mit feuchtem Toilettenpapier, und daran ist gar nichts albern, nichts überzogen, das ist ganz selbstverständlich, das ist eben ein Job, ich möchte Herrn Peters einen Orden dafür geben.

Aber auch sonst ein interessantes Buch, wieder mit einer seltsamen Krise in der Liebe und einem unvermutet herausgeforderten Protagonisten, der sich dem Elend tapfer stellt, das passt also auch noch ins Herbst-Package und dafür seien die beiden Bücher auch ganz ausdrücklich empfohlen.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Ein Wirtschaftsteil in passender Pausenlänge, es geht um die Arbeitszeit. Zuerst eine vielleicht etwas irritierende Meldung – schon ab zwei Überstunden in der Woche sind wir im Problembereich? Das ist natürlich unangenehm für alle, bei denen die Überstundenzahl zum Imponiergehabe im Büro gehört, und wenige sind das ja nicht. Aber um herauszufinden, ob an der Meldung etwas stimmen könnte, müsste man erst einmal eine Weile ohne Überstunden arbeiten. Schwierig. Zu der Meldung passt noch, dass jeder Zweite weniger arbeiten möchte. Oder jeder Zehnte. Oder jeder Fünfte? Es ist kompliziert. Vielleicht würde es auch erst einmal helfen, mehr Muße im Job zuzulassen (schöner letzter Satz: “Nichtstun – tun Sie es!”).

“Wir sollten die Arbeitsmoral herausfordern und alternative Lebensweisen vorantreiben, die weniger arbeitsorientiert sind. “ Das ist ein Satz aus einer Meldung im Freitag, in der es um weniger Arbeit geht – also um generell weniger Arbeit. Da geht es etwas mehr ins Grundsätzliche, ist es denn überhaupt sinnvoll, viel zu arbeiten? Oder, da kann man gleich weiterdenken, hat man vielleicht sogar einen Bullshitjob?

Wenn es die Hölle wirklich gibt, dann ist sie ein Büro.” Dieser Satz steht auch in der Zeit, da geht es nicht mehr um Arbeitszeiten, da geht es um den Arbeitsort, der in Deutschland eine ganz besondere Rolle spielt. Wer den Text mit der Hölle jetzt gerade im Großraumbüro liest, kann ruhig ein paar Passagen laut vortragen, das wird sicher alle interessieren. Aber Vorsicht, wer das zu laut macht, der gewinnt ein Personalgespräch, wozu es im Sommer übrigens einen wunderschönen Text gab, den hatten wir noch gar nicht.

Vielleicht zum Schluss doch noch einmal kurz zurück zur oben bereits Muße und da noch einen Gedanken drangehängt: Die größten volkswirtschaftlichen Kosten entstehen nicht durch Nichtstun, sondern durch Arbeit.Darüber kann man doch wirklich einmal etwas länger nachdenken. In der nächsten Pause etwa.

GLS Bank mit Sinn