Friedell, Goethe, Shakespeare

Lese weiter in den Tagebüchern von Erich Mühsam. Es ist immer noch das Jahr 1911, er lebt in München und mitten in der Schwabinger Bohème, um ihn herum lauter Menschen, die man heute fast sämtlich im Literaturlexikon nachschlagen kann, auch die entfernteren Bekannten. Darunter Egon Friedell, dessen schier unglaubliche Allgemeinbildung man wohl zwingend beeindruckend findet, wenn man etwas von ihm liest, die Kulturgeschichte der Neuzeit ist da gut geeignet. Erich Mühsam beschreibt einen lustigen Kneipenabend:

Egon Friedell war ganz auf der Höhe, und wir amüsierten uns – auch Rößler und Feuchtwanger nahmen daran teil, indem wir Dramentitel erfanden und den Autor dafür ermittelten, bzw. für gewisse Autoren Titel ersannen. Nachher deklamierte Friedell den Tasso, wie er lauten würde, wenn er von Shakespeare wäre. Seine Fähigkeit, die Shakespearsche Sprache aus dem Stegreif auf bekannte Verse zu okulieren, ist fabelhaft. Ich erinnere mich aus der Wiener Zeit, wie er alle möglichen Zitate und lange Dramenstellen variierte, indem er die Sprache andrer Dichter darauf anwandte.”

Das war also damals in diesem Kreis ein typischer Kneipenspaß, ein Werk von Goethe mal eben in Shakespeare-Verse umzumünzen, da darf man doch als heutiger Leser, der auch in Kneipen mal eben die Twittertimeline nachliest, etwas beeindruckt sein. Was würde man wohl sagen, wenn man per Zeitmaschine in solch einer Szene landen würde, wenn man plötzlich als Botschafter der Zukunft vor dem deklamierenden Friedell in dieser illustren Runde bekannter Dichterinnen und Dichter stehen würde – “Respekt, Digga?”