Umschulung

Ich bin durch die Kinder zum Frühaufsteher geworden, das ist ein Schaden, mit dem man auch nicht unbedingt rechnet, wenn man eine Familie plant. Aber seit dem ersten Babyjahr wache ich unweigerlich irgendwann zwischen 5 und 6 Uhr morgens auf, meist mit mehr Nähe zur 5. Dazu brauche ich keinen Wecker, kein Tageslicht, kein schreiendes Kind, das ist einfach so. Ich hatte das nicht bestellt, ich fand mein Leben als Langschläfer vorher auch in Ordnung. Aber seit den ersten Monaten von Sohn I werde ich früh wach. Immer. Dann gehe ich direkt an den Schreibtisch, das war jahrelang auch recht praktisch so. Und reicht jetzt aber nicht mehr.

Ich bin nämlich, haha, auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Mir fehlt seit einem halben Jahr mindestens eine Stunde am Tag, die ich früher am Nachmittag zur Verfügung hatte, um zu schreiben. Diese Stunde ist organisatorischen Zwängen zum Opfer gefallen, puff, weg war sie, das kommt in Familien vor. Wenn ich die wieder haben möchte, muss ich künftig um 4 Uhr aufstehen, das ist sogar mir viel zu früh – oder ich muss abends länger aufbleiben und meinen Rhythmus überhaupt wieder etwas umstellen, denn da sind abends noch zwei, wenn nicht sogar drei Stunden zu erbeuten, die ich für mich haben könnte und die ich im Moment meist schon schlafend verbringe. Diese Stunden will ich haben, ich schule also versuchsweise auf Eule um. Ich versuche viertelstundenweise, mich abends etwas länger wachzuhalten, ich versuche, morgens etwas länger liegenzubleiben, das fällt mir beides schwer. Aber ein Versuch lohnt sich vielleicht, also gebe ich dem eine Chance. Manches kann man erst beurteilen, wenn man es durchgespielt hat.

Unabhängig davon kam mir neulich der Gedanke, dass ich schon seit etwa sechzehn Jahren den gleichen raspelkurzen Haarschnitt trage, also quasi kaum Haare habe. Und in meinem Alter muss man sich bei solchen Themen ab und zu fragen, ob man da noch stilsicher ist oder nicht doch vielleicht schon starrsinnig. Ich kenne erschreckend viele ältere Menschen, die immer noch Mode aus den Achtzigern tragen, mit Schulterpolstern und allem, so möchte man auch nicht enden. Deswegen lasse ich jetzt einfach mal wachsen, mal gucken, wie das eigentlich aussieht, wenn ich eine Frisur habe. Außerdem brauchen wir in Zeiten von Trump wieder mehr Hippies, eh klar.

Weil die Haare jetzt schon ein klein wenig mehr Länge haben, als sie in den letzten Jahren je haben durften, gibt es einen ersten Effekt, that escalated quickly: Ich habe morgens wirre Haare, wenn ich aufstehe. Also auf sehr, sehr kurzem Niveau, versteht sich, aber doch eindeutig unordentlich. Geradezu zauselig, jedenfalls mit meinen Maßstäben betrachtet. Ich stehe morgens vor dem Spiegel und sehe durch diese wirren Haare plötzlich um 05:30 nicht mehr aus wie jemand, der voll da ist, umgehend an den Schreibtisch geht und ohne weiteren Verzug losarbeitet, ich sehe jetzt um diese Uhrzeit eher aus wie jemand, dem man erst noch sorgsam erklären muss, wo er ist, wer er ist und warum. Und mir fiel heute auf, dass die beiden Themen, die Haare und das Frühaufstehen, ganz wunderbar zusammenpassen. Denn ich bin natürlich noch kein Langschläfer geworden, das ist ein weiter Weg, aber ich sehe frühmorgens immerhin schon überzeugend wie einer aus.

Ich verbuche das natürlich als sensationellen Teilerfolg, man muss sich auch motivieren und begeistern können. Es ist eben richtig, was in den Ratgeberbüchern steht: Man kann alles erreichen, wenn man sich nur stetig selbst optimiert. Und sei es durch angemessene Verstrubbelung.

Ein paar Bücher

Ein paar Bücher der letzten Zeit kamen hier gar nicht vor, sollen aber kurz erwähnt werden.

Walter Moers: “Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär”. Das lese ich gerade den Söhnen abends vor, es ist etwas ergiebiger (700 Seiten) und hält eine Weile, das ist auch einmal schön. Ich lese den Blaubär in Hamburger Aussprache, betont norddeutsch, breit und mit spitzem s-t und s-p wie damals bei Helmut Schmidt, die Söhne haben Spaß. Und ich auch.

Jim Holt: “Gibt es alles oder nicht? Eine philosophische Detektivgeschichte” Deutsch von Hainer Kober. Der Titel klingt etwas unterhaltsamer als das Buch dann ist, tatsächlich ist es zwischendurch sogar erheblich anstrengend. Zumindest wenn man versucht, den Gedankengängen ernsthaft zu folgen, das erfordert nämlich stellenweise verschärft sportliches Denken. Das Hirn kommt gerne mal an seine Grenzen, wenn man über die Anfänge der Zeit oder von allem nachdenkt. Was war vor dem Urknall, wieso gab es den überhaupt und war der nicht sehr, sehr unwahrscheinlich, fast unmöglich? Was heißt das für uns? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass es nichts gibt? Warum gibt es dann etwas und wieviel davon? Was war vor der Zeit? Ich habe das gerne gelesen, bin zwischendurch allerdings geistig etwas ausgestiegen (Wittgenstein! Heidegger! In diesem Leben bitte nicht mehr) und habe ein paar am Rande erwähnte Themen von unerwarteter Seite aus durchdacht, es geht z.B. auch um Zahlen und Mathematik. Gott kommt ebenfalls in dem Buch vor, als philosophische Option. Und die Art, wie er vorkommt, oder wie sie vorkommt, bitte, ganz nach Belieben, die ist für religiöse und nicht religiöse Menschen gleichermaßen von Interesse. Beim Lesen können überraschende Gedanken nicht ganz ausgeschlossen werden.

Iwan S. Turgenjew: „Väter und Söhne”. Deutsch von Annelore Nitschke. Vor längerer Zeit schon einmal angefangen, jetzt wieder fortgesetzt. Das ist diese Art von klassischer Weltliteratur, bei der einem nach ein paar Seiten schon einleuchtet, dass das Buch auf jeden Fall und zweifelsfrei in diesen Kanon gehört. Die Art von Literatur, bei der man ab und zu zurückblättert und sich fragt: “Wie hat er das jetzt wieder gemacht? Da steht doch nur, dass sie durch den Garten gehen, wieso wirkt das denn bloß so?” Ich lese die üppig illustrierte Ausgabe mit den großartigen Zeichnungen von Matthias Beckmann aus der Büchergilde.

Roger Willemsen: “Gute Tage. Begegnungen mit Menschen und Orten.” Hervorragende Reiselektüre, ich habe es in einem Zug im Zug durchgelesen, von Stadt zu Stadt immer ein Kapitel. Berichte über Gespräche mit berühmten Menschen, darunter mehrere Interviews, die einen noch etwas länger beschäftigen, etwa das mit Margaret Thatcher, unheimlich und intensiv. Interessant sind alle Gespräche, sogar die, die man sich als gescheitert vorstellen muss (etwa mit Madonna), weil Interviewer und Zielperson wegen geradezu dramatischer Wesensfremdheit einfach nicht zueinander fanden. Mit beträchtlichem Genuss gelesen, eines der besten Bücher der letzten Zeit.