Roger Willemsen fährt mit dem Zug durch Deutschland, steigt hier und da mal aus und stellt sich in die Gegend oder setzt sich in die Bahnhofskneipe, ins Bordell oder sonstwohin. Guckt zu und schreibt mit, denkt herum und fährt weiter. Das Buch erschien zuerst 2002, ist also mittlerweile als historisch zu betrachten. Und wenn man z.B. die Passagen liest, die im Osten oder in Bayern spielen, dann merkt man, dass Roger Willemsen verblüffend genau hingesehen hat und man merkt auch, wie vieles abzusehen war. Die Geschichte gab ihm Recht, und zwar geradezu unangenehm gründlich.

Wirklich schlimm ist aber, dass man bei der Lektüre allzu leicht eine Art Fernweh für den Nahbereich bekommt. Man möchte auch so in einen Zug steigen, in irgendeinen, losfahren, irgendwo mal irgendwas nachsehen, ohne den geringsten Plan zu haben. Leute, Orte und Zeugs ansehen, denken, träumen und vielleicht schreiben. Heute aus der Innenstadt von Mannheim, morgen von den Kreideklippen, den Zusammenhang suchen oder verneinen. Beobachten, was die Leute anziehen und was sie machen, zuhören, wie sie reden. Heimat erkunden oder verdrängen, neu lernen oder ignorieren – jedenfalls aber hinsehen. Doch, dazu bekommt man wirklich große Lust, wenn man dieses Buch liest. Aber man kommt ja zu nix.

Ich kaufe Bücher gerne gebraucht, ein Folgeschaden meiner Zeit als Verkäufer im Antiquariat. In diesem Exemplar hat jemand auf den ersten zwanzig Seiten schwierige Wörter angestrichen, “Pykniker” und “Promiskuität” etwa. Dann noch ein zaghaft-dünner Bleistiftstrich bei “makadamisiert”, dann keiner mehr. Aufgegeben? Ob das Schullektüre war? Man weiß es nicht. Ich fand die Lektüre jedenfalls lohnend und erhellend.

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