Die Herzdame liest: Madame le Commissaire

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die im Vergleich zum Gatten eher leichtere Lektüre liest. Zum Beispiel Krimis.

Nachdem Text über das Schlafbuch war der Gatte der Meinung, ich müsse jetzt öfter Buchrezensionen schreiben. Das ehrt mich, ist aber leichter gesagt als getan. Denn sobald ich den Buchdeckel final zugeklappt habe, ist der Inhalt auch schon wieder aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich kann nur noch sagen: „Das Buch war schön“ oder „Das Buch hat so schöne Bilder in mir wachgerufen“ oder „…die Stimmung, die Charaktere, die Landschaftsbeschreibung, die Liebe … na, du weißt schon… einfach schön“.

Nun habe ich bestimmt eine halbe Stunde vor meinem Bücherregal gestanden und überlegt, an welches Buch ich mich noch so gut erinnere, dass ich eine sinnvolle Rezension darüber schreiben könnte. Aber es ist hoffnungslos.

Ich kann nicht mal über das aktuelle Buch schreiben, da lese ich schon so lange dran, dass ich nicht mal mehr weiß worum es geht. Aber doch, es gefällt mir sehr gut! Ich habe nur gerade keine Zeit. Das heißt, weil ich gerade öfters wieder „Die Zeit“ habe, habe ich keine Zeit mehr für anderes.

Deshalb werde ich jetzt erst mal bis auf weiteres über Bauchgefühl-Bücher schreiben und fange wahllos einfach mal mit einem an und zwar mit dem Krimi hier:

Pierre Martin ist ein Pseudonym, wer sich dahinter verbirgt, ist nicht bekannt. Allerdings bin ich sicher, dass es KEIN Franzose ist. Mittlerweile gibt es keine Region in Frankreich ohne Krimireihe mehr und nicht ein Autor davon ist Franzose.

Um überhaupt etwas zum Inhalt beizusteuern, habe ich hier mal den Klappentext abgetippt:

„Isabelle Bonnet, hochdekorierte Leiterin einer geheimen Spezialeinheit in Paris, wäre bei einem Sprengstoffattentat fast ums Leben gekommen.

Um sich zu erholen, reist sie in ihren beschaulichen Geburtsort Fragolin im Hinterland der Côte d’Azur. Doch aus der ersehnten Ruhe wird nichts: In einer Villa wird eine halbnackte Frauenleiche gefunden, und der Hausherr, ein mysteriöser Engländer, ist spurlos verschwunden.

Isabelle Bonnet lässt sich überreden, den Fall zu übernehmen – was bei den Kollegen vor Ort nicht gerade Begeisterung auslöst “

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir tatsächlich die Landschaftsbeschreibung sowie das Lebensgefühl der Provence. Ich bin mit der Kommissarin französisch Essen gewesen, mit ihr durch das Massif des Maures (oder so) gefahren, mit einem Boot auf das Mittelmeer hinaus und habe das französische Savoir-vivre erlebt.

Ob das alles gut recherchiert ist, kann ich nicht sagen. Ist mir aber auch egal, die Bilder in meinem Kopf, die stimmen jedenfalls. Alles in allem eine schöne Urlaubslektüre.

Beifang vom 21.05.2017

Ein Mann rezensiert vergessene Bücher.

Bei Read on wird getanzt. Oder auch nicht.

Hier geht es um die zweite Schulzeit, ein Thema, das mich auch zusehends fasziniert.

Für die GLS Bank habe ich hier sechseinhalb Links zum Wochenende zusammengestellt. Mit blühenden Landschaften! Und Fahrstühlen!

Ich war heute in Husum, habe dort am Deich und zwischen Heckenrosen gelegen und “Der Mensch erscheint im Holozän” von Max Frisch durchgelesen, man kann hier in der Wikipedia wieder erstaunlich viel über das Buch nachlesen. Das ist natürlich etwas seltsam, mit Blick auf die Nordsee ein Buch zu lesen, dass hoch in den Bergen spielt, aber egal. Unterm Strich könnte man das Werk recht leicht ins Norddeutsche übertragen, mit aller Metaphorik, gar kein Problem wäre das, gewaltige Natur können wir hier immerhin auch. Das Buch gefiel mir sehr, wie der Mensch da erst sich und dann der Welt abhanden kommt, doch, das ist gut. Und bemerkenswert fand ich, wie niederschmetternd einer der so harmlos wirkenden Schlüsselsätze im Text wirken kann: “Der Mensch bleibt ein Laie.”

Der Musiktipp kommt heute einmal von der Herzdame, das hatten wir bisher noch gar nicht. Aber nachdem Jojo aka Sohn I jetzt öfter etwas zu dieser Rubrik beisteuern möchte, kann der Rest der Familie ja auch nachziehen.  

Ich: “Sag mir mal einen Musiktipp fürs Blog, bitte.”

Die Herzdame: “Ich weiß nix.”

Ich: “Dann denk eben nach.”

Und dann hat sie stundenlang nachgedacht, war für den Rest des Tages kategorisch nicht mehr ansprechbar und hat mir hochkonzentriert für diese Rubrik eine Playlist mit satten 214 Songs zusammengestellt. Es gibt Menschen, die neigen in ganz seltsamer Weise zur Gründlichkeit. Die Musik der Herzdame ist meist flotter und tanzbarer als meine, aber das wird der einen oder der anderen vermutlich recht sein.

Kurz und klein

Beifang vom 18.05.2017

Ein Test für Frau Novemberregen.

Frank Drieschner über Gutmenschen.  Ich weiß ja nicht, aber ich glaube, ich bin bestenfalls ein Mittelmensch. Ein Stetsbemühtmensch vielleicht.

Sehr gerne gelesen – ein Abschied von den Piraten, ganz ohne Häme. Und es geht ja weiter, hier etwa geht es um eine Hip-Hop-Partei. Warum auch nicht.

Radium Girls. Klingt wie eine Band, ist aber schlimmer. Gefunden via Meike Lobo auf Twitter, glaube ich.

Ich lese die Erzählungen von Arthur Miller, “Presence”, aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. Mir war gar nicht klar, dass “Misfits” eine Story von Arthur Miller ist, dabei ist das ja einigermaßen naheliegend. Man hat aber auch Bildungslücken! Schlimm. Es ist übrigens schwül da draußen, und falls Ihnen auch gerade unangenehm heiß ist, hier zur Abkühlung der Anfang einer eiskalten Story aus dem Buch, “Die Wahrsagung”:

Nicht alle, aber manche Winter sind in der Gegend fast unerträglich. Ende November setzt sich in den ehemals holländischen Tälern der Nebel fest und verzieht sich bis Ende April nicht mehr richtig. Manchmal taucht er nachts auf den Bergkuppen auf, während das Tiefland frei bleibt, und obwohl kein Mensch weiß, warum er wandert, tut er das, legt sich manchmal tagelang um ein einzelnes Haus und sonst nirgends hin. Dann zieht er ab und belagert ein anderes Haus. In manchen Wintern kommt die Sonne zwei Monate am Stück nicht richtig zum Vorschein. Wie Wasser ersäuft das Grau jede Aussicht, und es tropft den lieben langen Tag von den Bäumen, sofern die Äste nicht von knarrendem Eis umschlossen sind.

Bei Anbruch des Winters besteht natürlich immer die Hoffnung, dass es ein guter wird. Aber wenn Tag für Tag, Woche für Woche derselbe gleichtönende Wind alle Wärme aus dem Haus zieht und sich am stählernen Himmel nicht der kleinste Riss zeigt, dann leidet das Gemüt erst der Alten und dann aller anderen. Es kommt zu unerklärlichen Streitereien in den Supermärkten und an den Zapfsäulen, es entstehen lebenslange Feindschaften, Nachbarn beschließen, für immer fortzuziehen, und tun es, es häufen sich unnötige Verkehrsunfälle. Die Leute brechen sich die Arme, krachen in Bäume, deren Standort sie eigentlich im Schlaf kennen, ein bis zwei werden immer in der eigenen Auffahrt von ihren zurückrollenden Wagen erfasst, und es werden aus Verzweiflung Entscheidungen gefällt, die etliche Leben für immer verändern.

Der abschließende Musiktipp kommt heute wieder einmal von Jojo aka Sohn I, eloquent begründet mit den Worten: “Cooles Video, coole Musik.” Und für nächste Woche weiß er auch schon was, sagt er.

Vor einem Café

Ich habe etwas gemacht, was ich selten mache, ich habe vor einem Café gesessen und gelesen, wie so ein Mensch mit Zeit. Es war warm, fast schon heiß, ich saß im Schatten und trank Kaffee, ich hatte eine Stunde Zeit.

Ich las in Max Frischs Berliner Journal, denn ich brauche im Moment etwas ausdrücklich Nichtromanhaftes, da ich mich bis gestern komplett durch Gerhard Henschel Romanzyklus gewühlt habe und nun einen kleinen Puffer vor dem nächsten Epos brauche, einen Zwischengang. Ein Tagebuch also, warum nicht. Es sind interessante Stellen darin, doch, doch.

Auch sehr feines Geläster über Thomas Mann findet man da, aber das nur am Rande. Mit Max Frisch bin ich bisher nie recht warm geworden, mit dem Journal werde ich mich wohl anfreunden können.

Ich sah hoch, als ich schnelle Schritte hörte, da lief eine junge und auffallend schöne Frau von links nach rechts durchs Bild, so schnell, das musste wirklich verdammt eilig sein. Eine Frau wie aus einem Musikvideo, es sah etwas unwirklich aus, gestellt, wie sie da in adretter Bürokleidung erstaunlich sportlich und mit wehenden Haaren lief, es sah ausgedacht aus, inszeniert, gecastet. Sie bog um die Ecke und verschwand. Sekunden darauf kam von rechts ein Elektrolastenrad, gesteuert von einem ebenfalls bemerkenswert gut aussehenden jungen Mann. Für meinen Geschmack fuhr der etwas zu schnell, er bog auch unangemessen rasant um die Ecke, Passant hätte man da lieber nicht sein wollen. Und wenn sich beide immer weiter um den Block bewegt haben, dann haben sie sich genau auf der anderen Seite dieses Blocks getroffen, gegenüber von meinem Platz. Das konnte ich natürlich nicht sehen, da waren mehrere Häuser im Weg. Das konnte ich nur raten, und das habe ich mir dann vorgestellt, wie die beiden da in ihrer Eile aufeinander zuflogen, wie sie für Sekundenbruchteile überlegten, wer da nun wie und wohin ausweichen sollte, sie keuchend, er angespannt und vorgebeugt über dem Lenker, beide fluchend. Wie sie dann sicherheitshalber beide doch kurz stehenblieben, sich vor dem Weiterhetzen kurz und unwillig ansahen und ZOOM, man kennt das. Traumpaar, Abspann. Und wenn sie später jemand fragt, wie sich kennengelernt haben: “Er wollte mich mitten auf dem Fußweg überfahren!” “Sie ist mir wie eine Furie vors Rad gesprungen!”

Oder die Variante finnischer Film, er fährt mit erheblichem Restalkohol, nagelt sie um und erkennt dann, zu spät, versteht sich, denn für sie gibt es natürlich keine Rettung mehr, dass diese Frau es gewesen wäre, dass sie alles gewesen wäre – Abspann, Tango.

Es ist ganz unterhaltsam, so vor einem Café zu sitzen und sich dabei etwas umzusehen, ich mache das immer noch zu selten.

Dann kam ein dicker Mann aus dem Café, der eine große Tasche mit dem Aufdruck “Unstoppable” trug und seinen Bauch ernst und energisch vor sich her schob. Was mich natürlich daran erinnerte, dass ich auch wieder weitergehen musste.