Nach Travemünde

Wir haben tatsächlich noch einen spontanen Ausflug gemacht und waren in Travemünde. Es ist ein wenig merkwürdig für mich, wieder dort zu sein, weil ich da überhaupt niemanden mehr kenne – es fühlt sich aber alles so an, als müsste ich jemanden kennen. Als müsste ich sogar viele kennen, als müsste ich Stammgast in den Kneipen sein, jeden Strandkorbvermieter grüßen und ein Zuhause dort haben, die Nachbarn seit Jahren kennen und mit dem Postboten morgens das Wetter bewerten. Es ist seltsam, alte Heimaten zu sehen. Man kennt das Stück, dass da aufgeführt wird, man weiß, was passieren wird und wie ein Tag verläuft, das ändert sich so leicht nicht, Orte haben ihre Skripte. Die Menschen gehen immer noch genau wie damals am Meer spazieren und in die Restaurants und Hotels, an den Strand und ans Steilufer, in die Cafés und die Imbisse, das bleibt immer gleich. Sie essen immer noch Pommes und Fischbrötchen, sie stehen wie früher auf der Promenade und atmen durch, sie sehen nach ihren Kindern, die weiter hinten selig buddeln, sie suchen beim Spaziergang schöne Steine und rosafarbene Muscheln kurz vor der Brandung, ob es nun 1978 oder 2017 ist. Sie halten die Füße ins Wasser und kreischen, sie schieben Sonnenbrillen in die Haare und zurück. Weiter hinten dann die Segler und die Fährschiffe, die Surfer. Am Horizont hat das Meer genau die gleiche Farbe wie der Himmel, die Schiffe dort sehen aus, als würden sie sehr tief über dem Wasser schweben. Beim Gehen am Strand knirschen wie immer die Muschelschalen unter den Füßen der Touristen. Der alles überlagernde Geruch nach Sonnenöl fehlt noch, der kommt erst ab 20 Grad, aber das ist auch bald erreicht. Auf den Eiskarten vor den Imbissen sieht man wieder: Brauner Bär.

Allerdings hat man bei dem Theaterstück doch etwas an der Ausstattung und auch an der Dekoration herumgeschraubt. Die Straßen laufen nicht mehr ganz so wie früher, die Hotels und Eisdielen haben jetzt andere Namen und die Telefonzellen fehlen. Auf den Stegen ins Meer sitzen Kormorane und starren ins Wasser. Ich muss grübeln, ob es die früher auch gab. Ich kann mich nicht an Kormorane erinnern, nein, wirklich nicht, mein Gedächtnis gibt nichts her. Am Strand liegen überall Seesterne, ich kann mich auch nicht an Seesterne erinnern. Ich würde sogar wetten, dass da in meiner Kindheit keine Seesterne lagen, schon gar nicht Hunderte, Tausende. Wieso liegen da jetzt Seesterne? Und alles voll? Als ich Kind war, lagen da Miesmuscheln und Tang und sonst gar nichts. Ich weiß das, ich kann das bei mir selbst nachlesen, das ist total praktisch. Es gab ein Hotel Seestern, aber die Tiere nicht. Heute verfällt dieses Hotel Seestern, es ist eine schäbige Ruine. Dafür die Tiere. Über die Seesterne läuft ein Austernfischer, also so ein Vogel. Aber was macht der da? Der gehört doch an die Nordsee! Nie habe ich Austernfischer an der Ostsee gesehen, ich könnte es schwören. Ich laufe zusehends irritiert über den Strand, hier ist der Gegend doch die ganze Biologie verrutscht. Wenigstens sind die Möwen noch die alten Möwen, sie gucken von oben, wer da geht und was der da macht. Und was der da auch immer macht – sie kommentieren es schroff und beleidigt.

Wo ich einmal gewohnt habe, da gibt es jetzt ein paar Meter weiter einen Spielplatz, einen ganz guten sogar, mit Wasser und großem Klettergerüst. Der hätte uns damals auch gefallen, aber wir hatten ja nichts. Die Söhne spielen heute auf diesem Spielplatz, wir kriegen sie da kaum noch weg. “Den Spielplatz gab es hier früher gar nicht”, sage ich, “hier war nur ein Weg.” “Na und”, sagt Sohn I. Was soll er auch sagen.

Dahinter die Liegewiese, da haben wir früher – und dann höre ich lieber auf. Opa erzählt vom Krieg. Nur eines noch – wir waren dann noch bei Niederegger im Café und was soll ich sagen – der Kuchen dort war früher besser. Viel besser. Und größer. Und billiger. Und die Straße davor war früher keine Fußgängerzone wie heute, auf der Straße davor fuhr früher der Bus, mit dem ich jeden Tag zur Schule – egal.

Vielleicht sollte ich doch lieber andere Küstenorte anpeilen.