Wenn ich S-Bahn fahre, sehe ich immer diesen Satz oben an den digitalen Hinweistafeln durchlaufen: “Bitte beachten Sie das geltende Rauch- und Alkoholverbot!” Und jedesmal ärgere ich mich über den Schwachsinn dieses redundanten “geltende” im Satz. Es ist eben nicht nur ein Verbot, nein, es ist sogar ein geltendes Verbot, na dann! Dann halten wir uns natürlich lieber dran. Würde da nicht “geltend” stehen – nicht auszudenken. Man wüsste gar nicht, ob es wirklich und in echt und auch jetzt gerade gilt. Kann ja sein, es gilt oder gildet, wie die Söhne sagen würden, nur vormittags, nur nachts oder in ungeraden Wochen. Da ist es doch tröstlich, dass man sich das nicht fragen muss, dass es da ganz klar steht, es ist geltend. Himmel.

Ich hatte mal einen Chef, ich erwähnte ihn schon ein paarmal, der ein sehr intelligenter Mann war, vielleicht der intelligenteste, der mir je über den Weg gelaufen ist. Er hatte eine interessante Sonderbegabung, die vielleicht auch eine Störung war, wer weiß, er dachte zwanghaft in Zusammenhängen. Er konnte kein Haus sehen, ohne sich zu fragen, woraus es gebaut worden ist, woher die Baumaterialien kamen und zu welchem Preis und was da eigentlich vor dem Haus gestanden hat und wie die Gegend sich im nächsten Jahr entwickeln wird und immer so weiter. Er konnte an keiner Pommesbude vorbeigehen, ohne die monatlichen Umsätze und die Anzahl der Kunden pro Stunde, Tag und Monat und die Miete zu überschlagen und alle Posten bis auf den Verdienst des Studenten herunterzubrechen, der da gerade Salz auf die Pommes für uns streute. Dann aß er und murmelte plötzlich eine Zahl. Wenn ich irritiert nachfragte, war die Zahl der geschätzte Gewinn, denn der Laden abwarf. Er stellte sich kurz vor, Pommesbudenbesitzer zu sein, er wollte das verstehen. Er ging durch die Stadt und dachte an Mieten, Gehälter, Architekturgeschichte, Stadtentwicklung, Soziologie und immer so weiter. Das machen wir alle in irgendeinem Ausmaß, er machte das allerdings zwanghaft und exzessiv. Er las Sachbücher ohne Ende und behielt unvorstellbar viel Wissen im Kopf.

Und wenn er etwas nicht wusste, dann fragte er eben nach. Er fragte wildfremde Menschen nach allem, was er durch bloßes Ansehen nicht herausbekommen konnte. Man ging mit ihm spazieren und plötzlich ging er mitten im Satz in ein Restaurant, denn er hatte im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel eine rot lackierte Wand darin schimmern gesehen. Woraus war die nun genau, wieso glänzte die so schön, wie hat man das gemacht? Und er war bei diesen Fragen so charmant und so leidenschaftlich neugierig, dass er den Leuten nicht auf den Geist ging, sondern kurz darauf mit dem Inhaber des Restaurants an einem Tisch saß, natürlich per Du war, zu etlichen Freigetränken eingeladen wurde und mit ihm ein absurd detailliertes und abendfüllendes Fachgespräch über japanische Lacktechniken in der Innenraumgestaltung führte. Weil doch alles interessant war. Ich saß daneben und staunte. 

Als ich einmal ein Meeting mit ihm hatte, klebte er einen Zettel außen an die Bürotür, auf dem stand: “Bitte nicht stören, solange dieser Zettel hängt.” Ich habe gelacht und ihm erklärt, dass der zweite Satzteil aber so etwas von entbehrlich sei, denn wenn der Zettel nicht hängt, dann – so unter uns Schlaubergern, nicht wahr – kann auch keiner auf die Idee kommen, nicht stören zu dürfen. Sinnvoll wäre doch nur der Hinweis: “Bitte stören, wenn dieser Zettel nicht hängt”, aber das auch nur, wenn sich jemand den Inhalt merken würde, um diese Anweisung dann direkt nach dem Entfernen des Zettels umzusetzen. Oder als Alternative: “Bitte stören, wenn dieser Zettel hängt”, so als Aufforderung zur Belustigung gelangweilter Vorgesetzter. So war das aber gar nicht gemeint, es ging doch einfach nur um ein “Bitte nicht stören”, mehr nicht. Und wenn der Zettel nicht hängt, dann ist da eben keine Anweisung mehr vorhanden, weswegen man einfach jederzeit stören kann.

Woraufhin mein Chef und ich vergaßen, worum es in dem Meeting gehen sollte und uns lange und intensiv um Logik stritten, um Anweisungen und Verbote und Kommunikation und Sprache. Es war ein heißer Sommertag, die Lage der Abteilung war heikel und wir waren beide angespannt. Die Tür mit dem Zettel draußen dran flog irgendwann krachend zu. Und so heftig stritten wir, dass er irgendwann einen Locher nach mir warf. Die Älteren erinnern sich, das war einmal ein Bürogerät, so etwas gab es im letzten Jahrhundert an jedem Arbeitsplatz. Ein Locher war üblicherweise in Größe, Form und Gewicht als Wurfgeschoss recht gut brauchbar, er verfehlte mich aber dennoch und wir vertrugen uns auch noch am gleichen Tag wieder. Mit Logik ist eben nicht immer zu spaßen. Es blieb eine tiefe Schramme in der Raufasertapete und es wurden nach diesem Vorfall nie wieder Zettel an Türen gehängt.

Ich habe neulich erst gehört, dass der Mann nicht mehr lebt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er im Jenseits erst einmal ein paar drängende Fragen zu gewissen Zusammenhängen gestellt hat, die er immer schon verstehen wollte. Weil doch alles interessant ist.

In meinem papierlosen Büro heute gibt es übrigens nichts mehr, womit man werfen könnte, also abgesehen vom Notebook, aber damit wirft man ja nicht. Man beachtet natürlich das geltende Notebookwurfverbot. Aus nostalgischen Gründen könnte ich aber auch “Nicht mit Notebooks werfen, solange dieser Zettel hängt” auf ein Blatt Papier malen.

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