Beifang vom 28.06.2017

Jedoch sind gegenwärtig die Worte noch nicht fertig.” Über Song-Lyrics.

“Einsamkeit ist ein Kopfsalat.”

Eine Bilderstrecke in der NZZ: “Architektur für das Zusammenleben”.

Hier noch meine Links zum Wochenanfang bei der GLS-Bank. Allerdings finde ich manchmal doch mehr Links, als ich dort unterbringen kann, ein paar werde ich also hierher retten müssen. Etwa den hier über die Lamas in der Schweiz. Oder diesen mit der kurzen Geschichte der Arbeit. Schon lesenswert.

Falls Sie sich gerade mit einer Frage herumquälen, die man orakelhaft nebenbei klären kann, hier noch schnell die Antwort via Instagram. Bitte, gerne.

Das war es auch schon fast. Der abschließende Musiktipp kommt heute wieder aus der Reihe “Was hören eigentlich die jungen Leute”, stammt also von Sohn I. Er empfiehlt ein Stück, das auch älteren Leserinnen noch geläufig sein könnte, “Emanuela” von Fettes Brot. Man hört eben auch in dieser Generation nicht nur die Lochis und dergleichen, ein paar “alte” Bands haben Bestand, neben Fettes Brot übrigens auch die Beatles, Queen und, nun ja, Torfrock. Wir sind eben norddeutsch, nech.

Der Refrain „Lass die Finger von Emanuela” hat beide Söhne hier schon jahrelang begeistert, sie haben das beide wirklich gerne oft und laut gesungen. Und jetzt dürfen alle mal raten, welchen Vornamen die Leiterin der Kita hatte.

Kurz und klein

Terminhinweis für Sankt Georg

Einmal im Jahr gibt es hier im kleinen Bahnhofsviertel einen besonderen Markt. Der findet charmanterweise direkt vor unserer Haustür statt und dieses Blog ist mit einigen Standbetreibern dort auf die eine odere andere Art verbunden. Am 01. Juli von 12 bis 18 Uhr.

(Fotos: Carsten Buck)

Es geht um regionale Lebensmittel – ich zitiere mal aus der Pressemeldung der unterstützenden Kirchengemeinde, mit der dieses Blog bekanntlich auch ab und zu verbunden ist: 

“Es geht ums Entdecken, Probieren, Genießen und Mitnehmen eigenwilliger und selbstgemachter Lebensmittel und Gerichte von überzeugten und überzeugenden Herstellern. Und es geht um deren Wertschätzung.

Im Mittelpunkt steht die selbstbewusste Präsentation von Lebensmitteln – auf die Hand und für Zuhause. Vom Grill oder Küchentisch, auf Strohballen oder in der Sonne auf der Kirchentreppe. Tische unter Bäumen und eine musikalische Atmosphäre laden zum Treffen und Bleiben ein, Stadtimkerei, Grüne Kiste, Regionalwert AG, Mausi die Kuh und Kinderkochbücher werden vorgestellt. Dazu spielt Live-Musik aus dem Stadtteil.”

Unter den Ausstellern auch Patricia, die schon einmal mit Herzdame gebacken hat, und die mittlerweile beruflich komplett auf Food umgeschwenkt ist. Und bei der oben erwähnten Regionalwert AG erinnern sich einige vielleicht noch an das Interview mit dem Regionalulf bei “Was machen die da”? De öko Melkburen wiederum kamen schon diverse Male im Wirtschaftsteil vor, na, und so weiter.

Mit anderen Worten: Das wird gut. Und eine Kuh haben wir auch nicht jeden Tag auf dem Spielplatz.

(Fotos: Carsten Buck)

Projektidee, ab in den Zettelkasten

Wo ich neulich schon bei Max Frisch war, dachte ich, könnte ich ja noch schnell bei Uwe Johnson hineinsehen. Die beiden kannten sich, die schrieben sich Briefe und waren befreundet, so kommt man als Leser von Dichter zu Dichter. Das ist nämlich auch so eine Bildungslücke bei mir, zu dem Herrn Johnson bin ich bisher noch nie gekommen. Und nach den ersten dreißig Seiten von “Mutmaßungen über Jakob”, was er übrigens “Mutmassungen” schreibt, er war da etwas eigensinnig, bin ich mir auch nicht sicher, ob das nicht vielleicht so bleiben kann. Aber in die “Jahrestage” gucke ich natürlich auch noch, stets bemüht wie ich bin.

“Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen”, das ist der berühmte erste Satz in dem Buch. Einerseits ein erster Satz, bei dem man sich gleich vorstellen kann, wie aus ihm heraus eine Geschichte generiert wird, wie alles aus diesem Satz kommt, sozusagen aus der Überschrift fällt und am Ende einen Kreis schließt. So gesehen ein großer, ein meisterhafter Satz, der klingt schon nach Literaturlexikon, und das schafft nicht jeder erste Satz. Andererseits aber auch ein Satz, der so bierernst vor Bedeutung strotzt, dass es vielleicht doch schon wieder unangenehm ist. Da steckt ein so hemmungsloses “Los, interpretier mich! Du willst es doch auch!” drin, ich weiß ja nicht, das ist womöglich etwas over the top, ist es nicht? “Zur Bedeutung des “quer” bei Uwe Johnson”, man sieht Tausende von Scheinen, von Studentinnen emsig herbeigeschrieben, der Stapel wächst immer noch weiter, noch jahrzehntelang, und immer weiter und weiter geht Jakob quer über die Gleise.

Der viel bekanntere erste Satz ist der gebetsmühlenhaft bei dem Thema erwähnte “Ilsebill salzte nach”, natürlich vom ollen Grass. Im direkten Vergleich würde ich den tatsächlich in diesem Fall bevorzugen, das Erwecken des Leserinteresses durch den seltsamen Namen Ilsebill ist doch ganz gelungen, finde ich, fast könnte man dabei Humor vermuten, hätte man nicht immer das Bild des griesgrämig herabhängenden Schnauzers vor Augen.

Egal. Man soll von den Großen lernen, deswegen ziehe ich gerade in Erwägung, eine Geschichte in ihrer Tradition zu schreiben, natürlich mit ihren Themen. Es muss also um Deutschland gehen, gerne mit den früheren Ostgebieten dabei, unbedingt geschichtlich weit ausholend, am besten gleich bis in die Steinzeit. Tragisch muss es sein, eh klar. Die Hauptfigur ist, was weiß ich, Foodbloggerin, da kenne ich mich halbwegs mit aus, das ist modern und weckt Interesse, da hat man gleich die Blogszene an Bord und dann noch die ganzen Foodies, das wird quasi ein Selbstläufer. Und diese Foodbloggerin macht, irgendwo muss der Bezug ja herkommen, vielleicht etwas mit pommerscher Küche, das hat nämlich auch schon ihre Großmutter gemacht – und deren Mutter und immer so weiter. Selbstverständlich ist sie irgendwie seltsam, vermutlich geht es in ihrem Blog um den Verzehr von Fleischbergen, weswegen sie dauernd im Kriegszustand mit der veganen Schickeria ist, so etwas in der Art. “Kraut und Rüben haben mich vertrieben”, das gibt es doch als Volkslied, fällt mir gerade ein, wenn das kein einladendes Detail ist! Das reicht doch schon für ein Kapitel. Mindestens. Wo war ich?

Pommersche Küche also, die durch diese Foodbloggerin in Berlin plötzlich total hip wird und dann aber auf einmal in der falschen Szene gegessen wird, bei den Rechtsradikalen also, dabei hat sie das doch nie gewollt, na, und so weiter. In Rückblenden werden zwischendurch selbstverständlich und in epischer Breite die Geschichten der vorhergehenden und mal mehr, mal weniger unterdrückten Generationen eingebaut, immer schön sinnlich um die Ernährungstraditionen der Gegend herum gruppiert, so dass die Leserinnen sich irgendwann vor Lust auf Räucherfisch und Klackerklüten gar nicht mehr lassen können, wobei ich Klackerklüten gar nicht kenne, das habe ich nur gerade schnell gegoogelt, Recherche, Baby!

Den Namen der Protagonistin entnehme ich am besten direkt einem bekannteren Werk, denn man muss Bezüge für spätere Literaturwissenschaftlerinnen auch ansprechend klar machen und bedeutungsschwangere Namen sind dabei unbedingt von Vorteil. Und überhaupt kann man sich mittlerweile bekanntlich großzügig an fremden Werken bedienen, das geht kulturell klar, hey, es ist 2017.

Ich bin noch nicht sehr weit, aber der erste Satz ist schon einmal der Hammer: “Ilsebill salzte quer.”

Krachendes Blau

“Aber am besten war es, wenn die Jungen zusammen ans Ruder durften, mit Tom Platt in Rufweite, und die We’re here ihre Leereling ins krachende Blau schmiegte und über dem Spill ungebrochen einen kleinen selbst gemachten Regenbogen hochhielt. Dann wimmerte die Klau jedes Baums gegen den Mast, und die Schoten knirschten, und die Segel füllten sich brüllend; und wenn sie in eine Mulde glitt, zappelte sie wie eine Frau, die sich in ihrem Seidenkleid verfangen hat, und kam wieder hoch, der Klüwer nass bis zur halben Höhe, und sehnte sich und spähte aus nach dem großen Doppelfeuer von Thatcher’s Island.”

“Über Bord” von Rudyard Kipling, Deutsch von Gisbert Haefs. Und was für ein Deutsch! Maritim bis zum Anschlag, absatzweise sogar so maritim, dass man als stinkige Landratte nur man gerade so halbwegs ahnt, was da gemeint ist. Und dass man da beim Lesen glatt die Hälfte seiner Ahnung verliert, das ist ganz seltsam erholsam, als würde man eine Woche auf einem Segelboot zubringen, mitten drin in dem krachenden Blau.

Ein äußerst verwöhnter Millionärssohn, halbwüchsig und schwer verzogen, geht auf einem Passagierschiff über Bord, als er sich seekrankheitsbedingt etwas außenbords hängt. Das passiert mitten im Atlantik (eingeschworene Element-of-Crime-Fans murmeln hier zwanghaft was von “Niemand ist gern allein mitten im Atlantik”, der Rest ignoriert diese Klammer bitte einfach), der Jüngling ertrinkt aber nicht, er wird von Fischern aus dem Meer gezogen. Fischer, die monatelang auf Kabeljau gehen und überhaupt nicht daran denken, den kuriosen Passagier vor Ablauf der Saison zurück an Land zu bringen, da könnte ja jeder kommen, bzw. vorbeischwimmen. Erst die Arbeit und dann.

Mangels anderer Wahl muss der Gerettete also an Bord mitarbeiten, wobei er sich erstaunlich prächtig entwickelt, was aber auch egal ist, wen interessiert schon die Handlung – viel wichtiger für die Lesenden ist doch, dass man da auf diese angenehm altmodische Schmöker-Art dabei ist, an Bord ist, im krachenden Blau ist.

In einigen Bundesländer sind schon Sommerferien, hört man. Vielleicht ist das Buch aber gerade für die eine Empfehlung, die noch keinen Urlaub haben, keine Ferien, keine Reisezeit, die also nichts als Alltag und Routine und immerwährenden Landgang haben. Mit diesem Buch kommt man nämlich doch kurz mal raus. Und sogar ziemlich weit.

“Über Nacht waren weitere Schoner angekommen, und die lange blaue Dünung war voll von Seglern und Dorys. Weit weg am Horizont besudelte der Rauch eines Liners mit unsichtbarem Rumpf das Blau, und im Osten war es viereckig eingekerbt von den eben auftauchenden Bramsegeln eines großen Schiffs. Disko Troop lehnte am Kajütendach und rauchte – ein Auge bei den Schiffen ringsum, das andere beim kleinen Windanzeiger am Haupttopp.”