Das Blog geht nach, es geht sogar erheblich nach. Hier kamen beitragswürdige Ereignisse nicht vor, die sind schon Wochen oder Monate her, da liegen hingesudelte Stichwörter auf Halde, zu denen fällt mir mittlerweile schon nix mehr ein. Wieso steht da Milch? Was wollte ich bloß zu Milch schreiben? Oder war das mal ein Einkaufszettel? Ich habe keinen Schimmer. Das liegt diesmal nicht nur am üblichen “Man kommt zu nix”, das liegt diesmal auch an der Schule. Und an den Kindern, eh klar. Der eine Sohn will Hilfe, der andere braucht Hilfe, währenddessen ist Sommer und die Söhne sind draußen im Park oder Gott weiß wo unterwegs, sie sind jedenfalls nicht da, wo man ihnen diese Hilfe angedeihen lassen könnte. Also versucht man permanent, die wenigen freien Stunden, die man überhaupt nur gemeinsam als Familie verbringt, so kunstvoll, verdichtet, qualitätsbewusst und dennoch pädagogisch wertvoll und natürlich auch spaßorientiert auszufüllen, dass man sich schier einen Wolf daran denken kann, wie das bloß hinzubekommen ist. Der Familienterminplan als Gesamtkunstwerk, Eltern kennen das. Und immer diese Versuchung, irgendwie doch wieder an den Randbedingungen des ganzen Konstrukts zu raspeln, aber da gibt längst nichts mehr nach, alles Stahl und Beton, festgefügt und unverrückbar.

Die Söhne haben mittlerweile deutlich mehr Termine als ich, was mich in die seltsame Situation bringt, dass ich hier bald derjenige bin, der für die Kinder Handys haben möchte, noch bevor sie selbst dringend welche haben wollen. Was man natürlich nicht laut sagen darf, aber es macht mich allmählich irre, dass man sich mit ihnen nicht mal eben zwischendurch abstimmen kann, wo das doch so wahnsinnig praktisch wäre. Aber nein, man muss ihnen hinterherradeln und sie erst einmal finden, wenn es irgendwelche unvorhergesehenen Entwicklungen gibt, man muss sich face to face mit ihnen abstimmen. Und das nervt. Ich kann ihnen nicht “Bring Apfelsaft mit” per was auch immer schicken, dabei wäre das eine so große Erleichterung. Je länger ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher finde ich es sogar, dass die Herzdame und ich die Söhne so üppig mit Aufträgen eindecken werden, wenn sie erst Handys haben, dass sie vermutlich schon bald lieber wieder offline und ungebunden durch die Stadt laufen werden. Was natürlich ein pädagogisch ungemein wertvoller Plan ist, keine Frage.

Ein paar der Blogstichwörter landen auf Twitter oder Facebook und manchmal sind da Sachverhalte dabei, die muss ich hier kurz wiederholen, damit sie auch die mitbekommen, die nicht in den sozialen Medien lesen. Wie etwa die wunderbare Rechenaufgabe von Sohn II vorgestern. Ich fragte ihn, was 8+4 ist. Sohn II ist in der ersten Klasse, die Aufgabe flog hier auf einem Zettelchen herum. Der Sohn wusste die Antwort, allerdings hat mich gewundert, wie er darauf kam, er hat nämlich aus 8+4 im Kopf 16-4 gemacht, er fand das einfacher so. Also 8+4 = 16-4=12. Logisch?

Den Reaktionen auf Twitter und im Bekanntenkreis nach zu urteilen, gibt es drei typische Reaktionen von Erwachsenen auf dieses Rechenspiel. Eine Minderheit sagt: “Logisch, ist doch klar.” Weil das Kind da erfolgreich mit der Viererreihe spielt, weil es die Rechenaufgabe in einen Zehnerblock zusammenzieht und dann nicht mehr über eine Zehnergrenze hinweg rechnen muss.

Eine zweite und größere Gruppe denkt erst einmal nach, vielleicht auch einen Moment länger -und versteht dann, was da gemacht wurde. Der eine oder die andere spielt dann selbst etwas herum, und fragt sich, ob das auch mit anderen Aufgaben geht und wie die Logik nun genau ist? Dann kommen sie darauf, selbst wenn sie nie im Leben so gerechnet haben, und vielleicht finden sie es sogar interessant.

Eine dritte Gruppe bekommt Panik nach dem ersten Blick auf die überraschende Gleichung und gibt sofort auf. Denkt dann vielleicht doch noch einmal nach. Sieht irgendwann ein, dass die 12 jedenfalls schon passt und lässt es schließlich dabei bewenden.Man muss sich ja nicht mit jedem Quatsch belasten. Zu dieser Gruppe hätte ich als Kind übrigens auch gehört.

Und noch etwas fiel mir auf, gerade bei der oben erstgenannten Schnelldenkertruppe. Es gibt da einen gewissen Nerdstolz, den es in meiner Kindheit noch nicht gab. In meiner Kindheit war Mathe definitiv uncool, aber so etwas von. Und wer Mathe konnte, war kein Nerd, die waren damals ja noch nicht erfunden. Wer Mathe konnte, war einfach doof. Also nach der damals gültigen und allgemein verbindlichen Coolnessgewichtung jedenfalls. Heute ist man nicht mehr doof, wenn man Mathe kann, heute ist man eben gut in den MINT-Fächern, man ist Nerd, Geek, künftiger IT-Profi, angehender Programmierer oder Ingenieur, so etwas in der Art. Das halte ich für eine gute Entwicklung.

Und was ist mit Deutsch? Für Deutsch lesen die Erstklässler zuhause Bücher, irgendwelche Bücher, irgendwelche Texte, es kommt gar nicht darauf an, was das genau ist. Wenn sie fünf Minuten gelesen haben, dann können sie auf einem Arbeitsbogen einen kleinen Bären ausmalen, wenn sie zehn Minuten gelesen haben, können sie einen großen Bären ausmalen. Auf dem Bogen sind große und kleine Bären für drei Stunden, wenn sie alle ausgemalt worden sind, geht das Exemplar von den Eltern unterschrieben zurück in die Schule. Also eine Art Bonussystem, das allerdings besser funktioniert als in vielen Betrieben. So lesen sich schon die Grundschüler einen Bären – und ich bin jetzt versucht, bei Kiki nach Lesebären für Erwachsene zu fragen, denn ich bin leider sonst in keinem Bonusprogramm. Vielleicht nach jedem Roman einen ausmalen? Da könnte ich endlich einmal nennenswerte Erfolge erzielen.

“Machst du endlich Licht aus?”

“Nur noch drei Seiten bis zum Bären!”

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