Väter und Söhne am Boden

Nein, das hat mit dem Familienleben gar nichts zu tun. Mir fiel nur gerade ein, dass “Väter und Söhne” von Turgenew das Buch ist, das ich eigentlich gerade lese. Seit etwa einem Jahr, glaube ich, wenn nicht sogar länger, wahrscheinlich sogar länger. So lange habe ich es jedenfalls nicht in der Hand gehabt, aber ich weiß doch noch ungefähr, wo ich gewesen bin, als ich es zuletzt weggelegt habe. Nein, wo ich bin, denn ich bin ja noch beim Vorgang des Lesens. Irgendwie.

Neben meinem Bett liegt der Stapel ungelesener Bücher, da liegen die Väter und Söhne ganz unten, die sind das Fundament des Turms. Mein Problem ist, dass ich bei neu erworbenen Büchern zwanghaft immer direkt nach dem Erwerb kurz hineinsehen muss, was dann dummerweise leicht ausartet und mich ein, zwei Kapitelchen weit in die Handlung hineinführt, wo ich dann aber leider auch nicht bleiben kann, weil ich ja weiter Bücher erwerbe oder – Gott bewahre! – auch noch welche aus der Bücherei hole, die ich dann natürlich noch dringender und mit erheblichem Zeitdruck lesen muss, diese Büchereibücher haben also eh immer Vorfahrt vor allen anderen. Wobei es aber auch bei Büchereibüchern vorkommen kann, dass ich in dieser Woche einen Stapel und in der nächsten Woche einen anderen … na, und immer so weiter. Weswegen ich übrigens auch Bücher nie kapiere, bei denen man irgendwo in der Mitte einen entscheidenden Satz mitbekommen und verstehen muss, einen winzigen Hinweis nur, der dann der Schlüssel zu allem ist. Ich scheitere an so etwas ziemlich kategorisch. Genau genommen hoffe ich nur, dass es an einem Leserverhalten liegt, dass ich so etwas oft nicht verstehe. Es kann andererseits auch sein, dass ich einfach etwas dumm bin, das soll man als Erklärungsmöglichkeit nie voreilig ausschließen.

Vielleicht ist mein Leserverhalten auch der tiefere Grund, warum es in den Büchern, die ich gerne lese, fast immer hauptsächlich um Liebe und Familien geht. Da weiß man immerhin nach wenigen Sätzen Bescheid, wenn man wieder quer irgendwo einsteigt, wo man der vagen Erinnerung nach vermutlich schon einmal gewesen ist. Er liebt sie, sie liebt ihn, er sie nicht, sie ihn nicht, sie dürfen nicht, sie können nicht, sie scheitern an sich oder an den Umständen, sie leben in seltenen Fällen glücklich bis ans Ende ihrer Tage und ihren Nachkommen wird eines Tages das alles gehören. Das kann man sich meistens nach drei, vier Dialogzeilen wieder halbwegs zusammenreimen, auch wenn man gerade versehentlich acht Wochen Pause vom Buch gemacht und sich mit einem anderen Paar in einem anderen Roman amüsiert hat.

Aber bei einem Krimi, einem Agentenroman, einem Thriller, einem historischen Roman usw. – keine Chance. Mir sind auch AutorInnen sympathisch, die sich thematisch wiederholen, die an Figuren, Schlüsselszenen und Konstellationen hängen, da liest man dann oft über die Büchergrenzen hinweg auf vertrautem Grund. Ulrich Treichel ist so einer, die Geschichte mit dem verlorenen Bruder, die sich immer wiederholt, in mittlerweile etlichen seiner Bücher. Bei Max Frisch ist es die vergeigte Reaktion eines Mannes auf die Schwangerschaft seiner Frau, die kommt in mindestens drei Büchern von ihm vor, das finde ich gut. Dann verstehen das nämlich auch unstete und flüchtige Leser wie ich. Leitmotive for the win!

Die Väter und Söhne liegen derweil die ganze Zeit geduldig am Boden des Stapels. Ich weiß noch, dass es ein sehr gutes Buch ist. Die beiden männlichen Hauptfiguren stehen gerade im Garten hinter einer Hecke, jemand kommt vorbei und hört einen Teil des Gesprächs. Und dann geht es irgendwie weiter, ich werde es noch herausfinden, doch, doch. Irgendwann.