Projektidee, ab in den Zettelkasten

Wo ich neulich schon bei Max Frisch war, dachte ich, könnte ich ja noch schnell bei Uwe Johnson hineinsehen. Die beiden kannten sich, die schrieben sich Briefe und waren befreundet, so kommt man als Leser von Dichter zu Dichter. Das ist nämlich auch so eine Bildungslücke bei mir, zu dem Herrn Johnson bin ich bisher noch nie gekommen. Und nach den ersten dreißig Seiten von “Mutmaßungen über Jakob”, was er übrigens “Mutmassungen” schreibt, er war da etwas eigensinnig, bin ich mir auch nicht sicher, ob das nicht vielleicht so bleiben kann. Aber in die “Jahrestage” gucke ich natürlich auch noch, stets bemüht wie ich bin.

“Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen”, das ist der berühmte erste Satz in dem Buch. Einerseits ein erster Satz, bei dem man sich gleich vorstellen kann, wie aus ihm heraus eine Geschichte generiert wird, wie alles aus diesem Satz kommt, sozusagen aus der Überschrift fällt und am Ende einen Kreis schließt. So gesehen ein großer, ein meisterhafter Satz, der klingt schon nach Literaturlexikon, und das schafft nicht jeder erste Satz. Andererseits aber auch ein Satz, der so bierernst vor Bedeutung strotzt, dass es vielleicht doch schon wieder unangenehm ist. Da steckt ein so hemmungsloses “Los, interpretier mich! Du willst es doch auch!” drin, ich weiß ja nicht, das ist womöglich etwas over the top, ist es nicht? “Zur Bedeutung des “quer” bei Uwe Johnson”, man sieht Tausende von Scheinen, von Studentinnen emsig herbeigeschrieben, der Stapel wächst immer noch weiter, noch jahrzehntelang, und immer weiter und weiter geht Jakob quer über die Gleise.

Der viel bekanntere erste Satz ist der gebetsmühlenhaft bei dem Thema erwähnte “Ilsebill salzte nach”, natürlich vom ollen Grass. Im direkten Vergleich würde ich den tatsächlich in diesem Fall bevorzugen, das Erwecken des Leserinteresses durch den seltsamen Namen Ilsebill ist doch ganz gelungen, finde ich, fast könnte man dabei Humor vermuten, hätte man nicht immer das Bild des griesgrämig herabhängenden Schnauzers vor Augen.

Egal. Man soll von den Großen lernen, deswegen ziehe ich gerade in Erwägung, eine Geschichte in ihrer Tradition zu schreiben, natürlich mit ihren Themen. Es muss also um Deutschland gehen, gerne mit den früheren Ostgebieten dabei, unbedingt geschichtlich weit ausholend, am besten gleich bis in die Steinzeit. Tragisch muss es sein, eh klar. Die Hauptfigur ist, was weiß ich, Foodbloggerin, da kenne ich mich halbwegs mit aus, das ist modern und weckt Interesse, da hat man gleich die Blogszene an Bord und dann noch die ganzen Foodies, das wird quasi ein Selbstläufer. Und diese Foodbloggerin macht, irgendwo muss der Bezug ja herkommen, vielleicht etwas mit pommerscher Küche, das hat nämlich auch schon ihre Großmutter gemacht – und deren Mutter und immer so weiter. Selbstverständlich ist sie irgendwie seltsam, vermutlich geht es in ihrem Blog um den Verzehr von Fleischbergen, weswegen sie dauernd im Kriegszustand mit der veganen Schickeria ist, so etwas in der Art. “Kraut und Rüben haben mich vertrieben”, das gibt es doch als Volkslied, fällt mir gerade ein, wenn das kein einladendes Detail ist! Das reicht doch schon für ein Kapitel. Mindestens. Wo war ich?

Pommersche Küche also, die durch diese Foodbloggerin in Berlin plötzlich total hip wird und dann aber auf einmal in der falschen Szene gegessen wird, bei den Rechtsradikalen also, dabei hat sie das doch nie gewollt, na, und so weiter. In Rückblenden werden zwischendurch selbstverständlich und in epischer Breite die Geschichten der vorhergehenden und mal mehr, mal weniger unterdrückten Generationen eingebaut, immer schön sinnlich um die Ernährungstraditionen der Gegend herum gruppiert, so dass die Leserinnen sich irgendwann vor Lust auf Räucherfisch und Klackerklüten gar nicht mehr lassen können, wobei ich Klackerklüten gar nicht kenne, das habe ich nur gerade schnell gegoogelt, Recherche, Baby!

Den Namen der Protagonistin entnehme ich am besten direkt einem bekannteren Werk, denn man muss Bezüge für spätere Literaturwissenschaftlerinnen auch ansprechend klar machen und bedeutungsschwangere Namen sind dabei unbedingt von Vorteil. Und überhaupt kann man sich mittlerweile bekanntlich großzügig an fremden Werken bedienen, das geht kulturell klar, hey, es ist 2017.

Ich bin noch nicht sehr weit, aber der erste Satz ist schon einmal der Hammer: “Ilsebill salzte quer.”