In unserem Garten stehen drei Koniferen, eine riesig, zwei immerhin sehr groß. Die stehen da mit ihrer dunklen und immer etwas mahnmalhaften Ausstrahlung etwas seltsam platziert herum. Das riesige Exemplar verschattet den Rasen, die beiden sehr großen verschatten die Laube. Die Laube, die noch abgerissen wird.

Wenn wir Besuch im Garten haben, Nachbarn, Freunde, Bekannte, wenn da irgendwer vorbeikommt, dann sagt der oder sagt die irgendwann unweigerlich: “Die kommen aber weg, ne?” Alle sagen das, ausnahmslos. Ein Blick reicht, eine kurze Überlegung, was ist das da, Koniferen – die können weg. Es gibt Unkräuter und Ungräser in der Fachliteratur, die Konifere scheint so etwas wie ein Unbaum zu sein. Irgendwann (70er? 80er?) war sie einmal schwer in Mode, irgendwann fand man die attraktiv, im Moment scheint sie das Unbeliebteste zu sein, was man im Garten nur finden kann, also knapp nach dem Giersch und dem Riesenbärenklau zumindest.

Unser Gartenvorgänger hat die beiden sehr großen Koniferen vor der Laube irgendwann vor seine Fenster gepflanzt, um etwas Sichtschutz vor der Bar in seiner Laube zu haben, so viel scheint klar. Er hatte tatsächlich eine recht große Bar in der Laube, das scheint einmal ein betont feierfester Garten gewesen zu sein. Dann sind die beiden Pflanzen im Laufe der letzten zehn, zwanzig Jahre allerdings etwas eskaliert und jetzt stehen sie für so viel Sichtschutz, dass die Laube schon etwas geradezu hobbithöhlenhaft Geborgenes hat. Sie machen da aber nicht nur einfach irgendeinen Schatten, nein. Sie machen mit ihrer stoischen und etwas leblos anmutenden Art einen tief schwermütigen Schatten, so einen Memento-Mori-Schatten, in den man sich besser nicht schlechtgelaunt oder leicht angeschickert oder nach Herbstspaziergängen setzen sollte.

Dabei sind sie es doch selbst, denen jeder den Tod an den Hals wünscht, wollte sagen an den Stamm. Sie hatten einst einen Zweck, der Zweck ist jetzt weg, sie haben ihre Schuldigkeit getan, sie können gehen, nein, sie sollen gefälligst abhauen.

Und mir tun die natürlich leid, eh klar. Stehen da herum und machen nix, können auch nichts dafür, haben sich den Platz ja nicht ausgesucht. Haben jahrzehntelang einen tollen Job gemacht, da hat sich nie jemand beschwert, im Gegenteil, immer beste Leistung und vorzeigbare Ergebnisse. Und dann: Die Welt hat sich geändert, es kommt alles ganz anders, raus hier, aber schnell. Hier kommt Luft und neues Leben hin, hier soll es jetzt bunt zugehen und moderner werden, ihr kommt aus dem falschen Jahrzehnt mit Eurem sturen Aushalten, mit Eurem Festhalten an alten Methoden. Und tief in mir denke ich – so eine Konifere ist am Ende auch nur ein Arbeitnehmer.

Noch aber haben sie etwas Zeit und Gnadenfrist, noch stehen sie da herum, von jedermann beschimpft und ungeliebt. Und wenn man neben ihnen steht und etwas nachdenkt, sich erinnert, dann kommt man auch auf Zeiten im eigenen Leben, in denen man sich so ungeliebt, unverstanden und abgeschoben und nutzlos gefühlt hat. Es fällt einem für einen kurzen Augenblick wieder ein, wie sich das anfühlt. Ein jähes Erinnern an schlimme Zeiten, was waren das für Schmerzen damals, was war man heillos jung und was war das schlimm. Nur einen ganz kurzen Augenblick fühlt man da vorsichtig hin, so grässlich war das und man muss sich ja auch nicht an alles erinnern, aber in diesem kurzen Augenblick möchte man sich doch glatt neben die beiden Koniferen vor der Laube stellen und deklamieren: “Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte.”

Aber man will es mit der Empathie auch nicht übertreiben, nein, nein, das möchte man nicht. Wenn man einen Garten hat, muss man sich auch gegen etwas entscheiden können, auch gegen diese dunklen Brüder. Den Rest besorgt dann nicht die Zeit, wie Klaus Hoffmann irgendwann sang, den Rest erledigt der Bagger. Demnächst. Im Herbst oder so.

 

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