Im Grunde ist es egal

Einer der Texte, die ich in der letzten Woche gebloggt hätte, wenn ich online gewesen wäre.

Es ist kalt in Nordfriesland, man ist sogar in Versuchung, so etwas wie saukalt zu sagen. Es sind vielleicht die kältesten Tage, die ich überhaupt je im August erlebt habe, es ist so verdammt kalt, man möchte morgens das Bad beheizen und abends am Kamin sitzen und Herbstgedichte lesen und heiße Getränke mit Schuss zu sich nehmen, so lange, bis einem das Wetter da draußen wirklich egal ist. Dazu ist es windig, damit einen die Kälte auch ja überall erreicht, dazu regnet es, natürlich regnet es auch, wie könnte es in diesem seltsamen Sommer anders sein, und der Wind haut einem den Regen mit erstaunlicher Kraft quer um die Ohren. Es ist ein so ausdrücklicher Verpiss-Dich-Regen, dass man definitiv lieber drinnen bleibt, wenn es irgend geht.

Weil man aber nicht im Strandkorb auf dem Ferienhof sitzen kann, fahren die Menschen alle nach Sankt Peter-Ording, da kann man in die Dünen-Therme gehen. Die ist beheizt, da stehen die Strandkörbe drinnen und man kann dann immerhin sagen, man habe im Strandkorb gesessen, wozu macht man sonst Urlaub an der deutschen Küste. Und weil es einerseits Sommer ist und man ja Ferien hat, es andererseits aber so schweinekalt ist, dass man sich dem doch irgendwie stellen muss, tragen die Leute auf dem Weg in die Therme oben herum dicke Outdoorjacken und Wollmützen – und unten herum kurze Hosen und Sandalen.

Die Kinder rutschen in der Therme stundenlang, denn die Wasserrutschen in der Therme sind das, worum es hier eigentlich geht, zumindest aus ihrer Sicht. Noch einmal und noch einmal – und dann bitte doch noch ein einziges Mal, so vergeht dann schließlich auch ein grauer Vormittag und die Kinder sind zufrieden.

Hinterher gehen wir in einen Fischimbiss mit auffallend unfreundlichem Personal, aber das macht nichts, das passt zum Wetter, zum Himmel, zum Wind – und das Essen schmeckt trotzdem. Eine Frau fragt die Imbissmannschaft nach Frau Merkel, wo die denn wohl sei. Der Mann an der Fischbrötchentheke denkt etwas nach, bevor er antwortet, das macht man hier so. Dann sagt er: „Zu Frau Merkel gehen Sie rechtsherum, dann kommen Sie zu ihr.“ Die Frau nickt. Der Mann an der Fischbrötchentheke ist aber noch nicht fertig, der denkt immer noch nach: „Sie können aber auch linksherum gehen, dann kommen Sie auch zu Frau Merkel.“ „Ach“, sagt die Frau. „Jo“, sagt der Mann an der Fischbrötchentheke, „im Grunde ist es egal.“

Dann geht die Frau zu Frau Merkel, die da irgendwo öffentlich spricht, denn man merkt es zwar nicht recht, aber es ist doch Wahlkampf in Deutschland und da tritt sie eben irgendwo auf, morgen vermutlich auch in Ihrer Stadt. Es regnet nicht mehr, dann hört man sich die eben mal an. Während wir zum Auto gehen, hören wir noch ab und zu, wie sie in den Gesprächen der Passanten erwähnt wird. Seltsamerweise wird sie in jedem Fall Frau Merkel genannt, nie die Kanzlerin, die Merkel, die Angela, wir hören auch keine Beleidigungen. Sie ist immer Frau Merkel, und es ist ganz egal, ob man rechts oder links herum zu ihr kommt. Am Ende steht sie da mit Raute und allem und ist Kanzlerin, so wird es wohl auch im Herbst sein. Irgendwie regt es keinen mehr auf, weder so noch so.

Die Veranstaltung mit ihr verläuft friedlich, hören wir später im Radio. Da sind wir schon wieder drinnen und sehen an den Fensterscheiben, dass es noch einmal anfängt zu regnen.