Zu den Pflanzen, die ich in letzter Zeit im Garten verbuddelt habe, gehören naheliegenderweise auch Astern, die gibt es ja gerade quasi an jedem Kiosk. Lilafarbene Astern, lilafarbene Literaturblümchen, denn natürlich sieht man als Möchtegernbildungsbürger beim Verbuddeln von Astern nach oben um zu prüfen, was denn die Götter da nun gerade mit der Waage machen. Sie erinnern sich vielleicht dunkel an Schulzeiten, Gedichtinterpretation, Benn, zehnte Klasse oder so und was will der damit sagen? Schwälende Tage? Hm? Der Lehrer stand und lehnte und sah der Klasse zu.

Klimatisch kommt es 2017 übrigens gar nicht hin, dieses Gedicht zu murmeln, die dort gemeinte zögernde Stunde findet in diesem Jahr einfach nicht statt, so schnell und zügig schreitet das Jahr durch die Wochen. Wir befinden uns vom Wetter her ja schon Ende Oktober, mindestens, da zögert nichts, nicht einmal eine halbe Stunde. Zurückbleiben bitte, der Herbst fährt ein, wir haben eine Fahrplanänderung. Und auch die Rosen bringt man nicht mehr mit Rausch in Verbindung, die Rosen sehen eher so aus, als müsse man sie in Sicherheit bringen, vielleicht mit einer Beschwörung, einem Bann? Die Schwalben sind schon abgereist, die schlauen Biester, die streifen keine Fluten mehr, die sind drüber weg. Und der Sommer steht und lehnt auch nicht, der Sommer steht verprügelt in seiner Ecke und spricht mit seinem Trainer eher lustlos über die nächste Saison.

Was aber doch interessant ist, man kann mit dem Gedicht einen kleinen und lustigen Versuch machen. Dazu müssen Sie nur den Anfang kurz mal sprechen, Sie kennen den ja sicherlich.

Astern

Astern – schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.

Noch einmal die goldenen Herden – na, und so weiter.

Wie spricht man das? Vermutlich so wie fast alle, mit einer bedeutungsschwangeren Pause nach dem Namen des Blümchen.

“Astern” [*wart*]

Nicht wahr? Die Astern erst einmal einwirken lassen, als würde dem Pflanzennamen schon so viel Bedeutung mitgegeben sein, dass diese Pause da völlig klar ist. Dann überdeutlich und langsam weiter mit den “Schwälenden Tagen”, feinakzentuiert und die Pausen auch vor der Beschwörung und dem Bann nicht vergessen, das ist ja alles wichtig und ernst und irgendwie feierlich, ist es doch.

Wenn man auf Youtube nach dem Gedicht guckt, dann spricht man das da so. Wenn man Freunde spaßeshalber fragt, dann sagen sie den Anfang so auf, denn die Astern dürften zu den bekanntesten Gedichten abseits der Klassik im deutschsprachigen Raum gehören. Alle sind sich einig, wie man das zu rezitieren hat, nur einer macht das falsch, ganz falsch: Der olle Benn.

Der leiert das wie nebenbei und unbewegt runter, als würde er im Radio die Verkehrsmeldungen aus NRW aufsagen. Wie bei Youtube jemand kommentiert hat: “Ich höre seine Stimme gerade zum ersten Mal. Finde sie eher enttäuschend, ein bischen emotionslos. Ganz im Gegensatz zu dem Gedicht selber, das mich tief berührt.”

Setzen, sechs! Emotionsloser Vortrag, vermutlich gar nicht verstanden, worum es geht. Aber wir, wir wissen das, wir machen die Pause richtig, wir sprechen den Titel und den Beginn der ersten Zeile quasi in Fraktur und sechzehn Punkt, damit die Pause auch gerechtfertigt ist, wir machen die Lücke zwischen Beschwörung und Bann schön groß, da passt dann wirklich eine enorme Menge Bedeutung rein, wir machen die Lücke mindestens groß wie ein Pflanzloch, während wir vor dem Beet knien und graben. Denn nur so verbuddelt man Astern angemessen geistreich im Erdreich. Wobei sie bei mir dennoch direkt nach dem Pflanzen den besagten Geist aufgegeben haben.

Nächstes Mal zögernder graben! Egal. Mein grüner Daumen wächst noch.

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