Alles kann übers Meer kommen

Ich bin für den Septemeer von Kiki fast schon etwas knapp, aber noch sind ein paar Stunden Zeit, da werfe ich doch noch etwas in die Runde. Eine gekürzte Version der Geschichte “Alles kann übers Meer kommen”, die Teil eines größeren Stücks ist, für das ich wohl noch Ewigkeiten brauchen  werde. Diese Geschichte ist in etwas längerer Version bereits in Buchform erschienen (Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017) und ich habe sie auch schon mehrmals öffentlich vorgelesen – da kann sie auch ruhig ins Blog, denke ich.

Ich liefere keinen Kontext, die Geschichte fängt mitten drin an, aber es geht um die Liebe, da findet man dann schon rein. Mit der Liebe kennt sich die eine oder der andere ja aus. Wie es mit Rolf und Miriam dann weitergeht, erfährt man später. Viel später, wenn ich meine aktuelle Schreibgeschwindigkeit bedenke. Wobei es der Sache vielleicht auch gut tut, mal wieder eine Geschichte ins Blog zu werfen, dieses Schreiben auf Vorrat ist irgendwie nichts für mich, stelle ich immer wieder fest.

Die Geschichte ist zwar gekürzt, aber für Blogverhältnisse immer noch länglich, es ist also Zeit genug, eine Tasse Tee dabei zu trinken. Oder was auch immer. Und nun geht sie los:

 

Alles kann übers Meer kommen

 Früher, als es noch gut lief, war Rolf oft mit Miriam nach Helgoland gefahren. Aber erst bei ihrer letzten Reise hatte er gemerkt, dass es die Insel zweimal gab. Zweimal das Oberland, zweimal das Unterland, zweimal den roten Felsen, das Leuchtfeuer, die Düne, zweimal alles. Beim ersten Besuch hatte er nur die eine Insel gesehen, die alle dort sehen, er hatte auch nur gemacht, was alle dort machen, es war ein normaler Inselausflug übers Wochenende. Eine Verabredung aus einer Laune heraus, weil sie die Werbung für die Überfahrt in der Hamburger S-Bahn gesehen hatten. Da hatte er Miriam gerade kennengelernt, als sie diesen Ausflug zur Insel gemacht haben, und sie hatten noch Einzelzimmer im Hotel gebucht. Von denen sie dann nur eines genutzt haben, aber das konnte er vorher nicht absehen. Hätte er bei der Buchung ein Doppelzimmer vorgeschlagen, es wäre seltsam und unbeholfen gewesen, wie ein vorschneller Griff ans Knie oder schlimmer. Es war noch alles offen zwischen ihnen, jede Idee, die eine weiter entfernte Zukunft als den nächsten Tag betraf, war eine heikle Angelegenheit, hätte die Richtung der Geschichte noch ändern können. Weswegen sich Rolf jeden Satz gut überlegte und wochenlang wenig sprach, weil er so viel wollte und dabei so viel nachdenken musste und dann vor lauter Konzentration auf nichts mehr kam. Nach der ersten gemeinsamen Nacht auf der Insel wurde er deutlich gesprächiger, was Miriam tagelang irritierte. Er hörte aber auf zu reden, wenn sie ihn küsste. Sie küsste ihn oft in den nächsten Wochen, denn es gefiel ihr, wenn er wenig und langsam sprach, sie mochte diese bedachte Ausstrahlung. Rolf hatte eine tiefe Stimme, sie fand es gut, wenn er mit dieser Stimme kurze Sätze sprach, das passte auch zu seiner bärigen Statur. Er wirkte dann wie Charlton Heston in einem Katastrophenfilm, der mit einem bündigen „Ich mache das“ im letzten Moment alles doch noch auf den richtigen Weg bringt, er allein. Und alle wissen, er wird es auch schaffen. (mehr …)