Was schön war

In der Zentralbücherei war wieder jeder Platz, jeder Tisch, jeder Treppenabsatz mit Lernenden besetzt. Auf meinem Weg zur Gartenabteilung sah ich überall Menschen, die sich über Bücher, Zettel, Hefte, Karteikarten beugten, manche flüsternd in Gruppen, manche gedämpft diskutierend, manche im konzentrierten Zwiegespräch, manche leise lesend, Textmarker in der Hand, Lineale, Radiergummis, Kugelschreiber. Die meisten lernten Sprachen, viele Deutsch. Ich ging an ihnen vorbei in die etwas entlegene Abteilung meines Interesses, ich lerne in der Zentralbücherei gerade nur Gemüse. Aber es hat doch immer wieder eine schöne Wirkung, dieses allgemeine Lernen, man möchte gleich noch viel konzentrierter in sehr dicke Bücher sehen und sich auch Notizen machen, man möchte mehr wissen, mehr verstehen, schlauer aus dem Gebäude rausgehen, als man reingekommen ist.

Überall um mich herum waren lernende Menschen aus wer weiß wie vielen Ländern, Menschen, die hier arbeiten, studieren, gelandet sind, hergeflohen sind, zu Besuch sind, was auch immer, man sieht es ihnen nicht an, auch wenn man manchmal glaubt, es ihnen anzusehen. Man sollte sich da selbst aber erst einmal gar nichts glauben, erst recht nicht in der Mitte einer Millionenstadt.

Einer redete Russisch mit einem, der in deutscher Sprache antwortete, das war dann wohl eines dieser Lerntandems, dachte ich. Vielleicht war es aber auch etwas ganz anderes, vielleicht war es auch gar kein Russisch, was versteht man schon, wenn man nur mal eben vorbeigeht. Jedenfalls sah das alles nach großer Wissbegierde aus, wie auch immer motiviert.

Zwei junge Männer, gerade mal achtzehn oder neunzehn vielleicht, Berufsanfänger wohl, standen neben einer älteren Dame zwischen zwei Regalen. Sie redeten sehr leise, sie hatten sich extra in diese Ecke zurückgezogen, um niemanden zu stören. Ab und zu sahen sie sich um, ob auch wirklich niemand in der Nähe war, sie entschuldigten sich schon einmal bei mir, obwohl ich ein paar Meter entfernt stand. Die Männer schienen viele Fragen zu haben, es ging da gerade um deutsche Sätze, die man im Restaurant sagt, als Kellner, als Gast. Die Karte, die Getränkekarte, das Menü, was darf es sein und darf es noch etwas sein und ich möchte bitte zahlen. Beiden redeten ganz langsam, aber in ziemlich gut sortierter Grammatik. “Wie sagt man”, hörte ich, “Was kann man noch sagen?” Die Dame erklärte einen Satz, erklärte ihn noch einmal und sagte dann, wie es noch höflicher geht. Und noch höflicher und noch höflicher, also schon ganz fein. Die Männer murmelten, wiederholten und nickten, einer schrieb etwas auf. Dann verabschiedete sich die Dame und drehte sich um, diese Lektion schien beendet, aber einer der jungen Männer ging ihr schnell einen Schritt nach, ihm fehlte noch etwas. “Bitte”, sagte er nur halblaut, immer noch bemüht, bloß niemanden zu stören, “bitte – haben Sie noch ein paar Adjektive?”

Und das war schön. Fragt da jemand nach Adjektiven, als seien es erstrebenswerte Kostbarkeiten.