Bei der Kaltmamsell gab es gerade die Frage, wovon die Großeltern gelebt haben. Dann will ich da auch einmal etwas beitragen:

Mein Großvater väterlicherseits kam aus Swinemünde auf Usedom und war angestellter Glaser in Lübeck. Ich habe ihn nicht kennengelernt, er starb, als ich Kleinkind war.

Mein Großvater mütterlicherseits arbeitete in einer Glashütte in Gerresheim. Ich habe auch ihn nicht kennengelernt, er fiel im Zweiten Weltkrieg. Wenn die Familiengeschichten stimmen, zwei Tage vor dem Ende der Kämpfe. Oder sogar einen Tag? Na, das macht keinen Unterschied. Als Kind war mir das ganz selbstverständlich, dass der gefallen ist, das sagten auch alle so, der ist gefallen, das war eben so. Aber je älter ich werde, desto seltsamer und ungeheuerlicher erscheint es mir, dass mein Opa (ich habe nie jemanden Opa genannt) in einem Krieg umkam. Auf einem Schlachtfeld. Erschossen oder was auch immer.

Der Vater dieses Großvaters mütterlicherseits, wenn ich schon einmal dabei bin, kam aus Polen mit vier Töchtern nach Gerresheim, es ist nicht ganz zu ergründen, ob aus religiösen oder sonstigen Gründen verfolgt und vertrieben oder doch eher wirtschaftlichen Interessen folgend. Klar ist aber jedenfalls, da es sich als Bild in Geschichten seltsam klar erhalten hat, wie er auf einem Panjewagen in Gerresheim ankam. Das habe ich von den Familienältesten noch gehört, dieses “ich seh ihn noch vor mir, wie er da auf dem Panjewagen ankam”. Ein losgelöstes, einzelnes Bild, wie er also aus dem Osten heranrollte. Mit zwei Pferden vor dem Wagen, mit immerhin zwei Pferden, wie es hieß. Ich weiß sonst fast nichts von ihm, abgesehen von dem schönen Vornamen Jean Stanislaus. Jean Stanislaus auf dem Panjewagen mit zwei Pferden vor ihm und vier Töchtern hinter ihm, der in einer fremden Stadt hält um zu bleiben, das ist doch immerhin ein interessantes Bild, das wäre auch ein guter Einstieg in einen Familienroman, vierhundert Seiten Minimum. 

Meine Großmutter mütterlicherseits war eine rheinische Unfrohnatur, sie hat einmal, vermutlich aber nur kurz, als Modistin gearbeitet, bevor sie Hausfrau und Mutter wurde und nie wieder einem Beruf nachging. Später, in meiner Kindheit, war sie doppelt verwitwete Rentnerin und von eher fatalistischer Lebenseinstellung, welch Wunder: “Ach, was soll das alles noch werden?

Ich weiß nicht, ob meine Großmutter väterlicherseits jemals einen Beruf oder eine Arbeit hatte. In meiner Wahrnehmung war sie beruflich immer Vollzeit-Großmutter und mit größter Selbstverständlichkeit Familienoberhaupt. Immer tätig, sich um alles und alle kümmernd, alle bekochend, backend, Brote schmierend: “Iss doch was!” Sie war in Hausdingen durch und durch kompetent. Von Gartenfragen über Viehhaltung bis hin zum Umgang mit sämtlichen Nahrungsmitteln war sie in allen Fragen des Überlebens kundig, wie man es heute längst nicht mehr ist. Sie konnte aus allem etwas Essbares und Wohlschmeckendes machen, ohne irgendwo nachzuschlagen. In ihrer Generation konnte man das eben. Auch in dem Sinne konnte man das allerdings, dass man verdorbene Lebensmittel unbedingt vor ihr in Sicherheit bringen musste, sie hätte sie sonst gnadenlos verwertet: “In der Suppe geht das noch!” In meiner Erinnerung bereitet sie immer gerade Essen zu: “Ich schneid Speck, ich schneid Speck, schneid den Daumen mit weg.” Noch heute schmeckt Speck für mich nach Heimat. Ich erinnere aus meiner Kindheit auch noch Familiendiskussionen, weil sie es nicht lassen konnte, im Garten Zwiebeln zu stecken, Speisezwiebeln natürlich. Weil da noch Platz im Beet war, weil es ging, weil man das so machte, weil das ja kaum Mühe kostete, weil das doch dann Geld sparte. Die nächsten Generationen wollten aber einfach hübsche Blumen im Garten haben, kein Gemüse. Gemüse gab es doch mittlerweile im Supermarkt. Es dauerte, bis sie das einsah. Ihre Vorfahren kamen aus dem Memelgebiet, ich habe keine Ahnung, was sie da gemacht haben, ich weiß auch so gut wie nichts über das Memelgebiet.

Die Geschichte meiner Familie weist überhaupt immer nach Osten, meines Wissens hatte aber keine der Wanderbewegungen nach Westen etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Mag sein, dass vielmehr der Erste Weltkrieg jeweils der Auslöser war, das ist aber nur geraten. Es wurde in einer Familie nicht viel von früher erzählt, vielleicht weil man vor lauter Gegenwart sowieso zu nichts kam.

Ich stecke neuerdings wieder Zwiebeln in die Beete, fällt mir gerade auf, Gemüsezwiebeln. Weil da noch Platz ist, weil das ja kaum Mühe kostet … Manches überspringt eben eine Generation. Und vom Generationen prägenden Glas bin ich beruflich zwar weit, weit entfernt – aber mein Bruder ist noch dabei.

Sie können hier gerne kommentieren, allerdings werden wegen irgendwas, wegen Technik eben, etliche Kommentare zur Zeit nicht oder nicht richtig angezeigt. Der Techniker ist informiert, vor Mitte Januar wird hier aber nichts mehr gelöst. Weil Dezember.

 

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