Die Herzdame redet: beim Frauenmahl in Böblingen

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die ihre erste richtige Rede gehalten hat.

Es ist mittlerweile schon ein paar Tage her, dass ich auf Reisen war, aber wie der Gatte hier bereits schrieb, man kommt ja zu nix. Schon Ende Oktober war ich nämlich eingeladen eine Rede zu halten, beim Frauenmahl in Böblingen.

Die wenigsten Leser-/innen werden wohl wissen, was sich hinter einem Frauenmahl verbirgt, deshalb will ich das hier kurz erklären. Bei dieser Veranstaltung treffen sich Frauen zu einem festlichen Essen, um sich über die Zukunft von Religion und Kirche auszutauschen. Es gibt ein mehrgängiges Menü und zwischen den einzelnen Gängen trägt eine Rednerin eine Rede vor, über die während des Essens gesprochen und diskutiert werden kann.

Die Rednerinnen kommen nicht zwangsläufig aus kirchlichen Kreisen – ich ja auch nicht – befassen sich in ihrer Rede aber durchaus mit christlichen Themen. Vor allem die Gespräche während des Essens sorgen für einen interessanten Diskurs über die Verantwortung sowie Gegenwart und Zukunft der Kirche.

Die Frauenmahle sind in Anlehnung an die Tischreden im Hause Luther entstanden und sollen auch an die Frauen der Reformationszeit erinnern, wie z.B. an die Ehefrau und Gastgeberin Katharina von Bora. Hierfür legte das erste Marburger Frauenmahl 2011 den Grundstein, mittlerweile werden diese Gastmahle deutschlandweit ausgerichtet, u.a. auch in Böblingen.

Das diesjährige Frauenmahl in Böblingen stand unter dem Motto „Reden. Essen. Feiern. Weil wir Freiheit haben“. Und eingeladen hatte mich die ebenfalls bloggende und twitternde Pastorin der Stadtkirche Böblingen, Frau Feine. In meiner Rede sollte es neben meiner Rolle als bloggende Gattin vor allem auch um mein Spendenprojekt „St. Georg hilft“ gehen, welches ich 2015 aus dem Boden gestampft habe (zugegebenermaßen für die Bloggerszene nicht unbedingt etwas Besonderes, für Kirchenkreise aber dann doch).

#Böblingen

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Natürlich habe ich mich wahnsinnig gefreut. Versteht sich. Aber als ich dann die Liste der bisherigen deutschlandweiten Tischrednerinnen gesehen habe, ist mir doch etwas anders geworden. Etliche bekannte, große Frauen. Und gefühlt jede Zweite mit einem „Dr.“ oder „Prof. Dr.“- Titel. Oder zu mindestens was mit Politikerin, Pastorin, Vorsitzende oder Direktorin. Die Herzdame in bester Gesellschaft! Ich hätte ja auch gerne meinen Mann geschickt, der das besser kann als ich, aber das schloss sich irgendwie von selbst aus.

Also tief Luft holen und die Challenge annehmen. Und um nicht als total dusselig und dumm dazustehen, habe ich erstmal recherchiert, worauf ich mich da eingelassen habe. Dabei habe ich dann auch eine ganze Menge gelernt, die Hälfte aber auch schon wieder vergessen.

Am 29. Oktober war der große Abend meiner ersten Tischrede gekommen. Ich war, Gott sei Dank, nicht die letzte Rednerin, sonst hätte ich wahrscheinlich den ganzen Abend völlig paralysiert und nicht ansprechbar vor mich hingestarrt und wäre am Ende doch noch heimlich durchs Klofenster abgehauen. Ich hätte auch um ein Haar den Fototermin verpasst, weil ich vor lauter Aufregung 100 mal auf Klo musste.

Mit mir waren noch vier sehr interessante Frauen eingeladen, die tolle Reden gehalten haben, von denen ich eine Menge mitgenommen habe.

Jede von uns hat eine Patin aus der Reformationszeit zugedacht bekommen. Das fand ich eine sehr schöne Geste. Mir zur Seite gestellt war Katharina Zell, in der Wikipedia findet man Folgendes zu ihr: „An der Seite ihres Mannes wurde sie ihm eine hilfreiche Partnerin in seinem Amt und verfasste ab 1524 ihre ersten literarischen Werke. Sie kümmerte sich um Arme, Kranke, Leidtragende und Gefangene. An der Seite ihres Mannes bemühte sie sich um ein gastfreies Pfarrhaus. Das große Münster-Pfarrhaus glich oft einer Herberge für Schutzsuchende und Notleidende.“ Schön, nicht? Das mit der Herberge. An den ersten literarischen Werken muss ich noch etwas arbeiten. Hüstel.

Vor mir dran war die Verlegerin und Theologin Reinhilde Ruprecht aus Göttingen, die eine leidenschaftliche Rede über das Thema „Freiheit in beweglichen Lettern“ gehalten hat und an ihre Reformationspatin Katharina Gerlach erinnerte, die als Buchdruckerin mit eigener Werkstatt als Pionierin galt und später als Verlegerin auch zur Verbreitung der reformatorischen Ideen beitrug.

Dann kam meine Rede „Einfach machen“, die ich ohne schlimmeres Gestotter oder in Ohnmacht zu fallen über die Bühne brachte. Danach konnte ich dann endlich entspannen, musste auch nicht mehr ganz so oft aufs Klo und konnte meine Tischnachbarinnen kennenlernen.

Nach mir folgte die grüne Politikerin und stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Bündnis90/Die Grünen Baden-Württemberg Thekla Walker mit ihrer Rede „Von der Freiheit Politik zu gestalten“ über Elisabeth von Rochlitz, die politisch Einfluss auf die Reformation nahm, als einzige Frau im Schmalkaldischen Bund mitwirkte und diesen auf Grund ihres umfangreichen Netzwerkes mit Informationen versorgte.

Danach kam Johanna Machado, Kantorin und studierte Kirchenmusikerin mit Hauptfach Popularmusik, die mit ihrer Band BetaGrooves Choräle neu und modern verpackt in Jazz, Funk & Soul. Wie das geht, hat sie den Zuhörerinnen mal eben am Flügel demonstriert. Cool! Ihre Patin war Elisabeth Cruciger, die als erste Kirchenliederdichterin der evangelischen Kirche gilt.

Zum Schluss rezitierte die Stuttgarter Schauspielerin Luise Wunderlich stimmgewaltig und ausdrucksstark die Briefe der Reformatorin Argula von Grumbach an die Professoren der Uni in Ingolstadt. Eine Frau, deren Eintreten für die Reformation den Ehemann das Amt kostete.

Die Herzdame als Menüpunkt.

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Alles in allem ein gelungener, schöner Abend. Ich bin sehr froh, dass ich mich auf meine Herausforderung eingelassen habe und dabei mal ganz neue Perspektiven und interessante Menschen kennenlernen durfte, mit denen ich sonst vielleicht nicht zusammengekommen wäre. Eine tolle Sache, wirklich.

Hier eine Nachlese der Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung

Wir nicken uns anerkennend zu …

.. die Herzdame und ich. Denn im Onlinefamilienkalender steht auch in diesem Jahr Mitte November wieder etwas sehr Kluges drin. “Ab hier keine Termine mehr”, das steht da wörtlich. Und eindeutig wie eine klare Anweisung steht das da, ganz so als könne man sich daran halten, als wäre das möglich oder überhaupt nur denkbar. Einfach so und mitten aus dem Alltag heraus und zu viert. Ab hier keine Termine mehr.

Gemeint ist natürlich bis Jahresende, das wissen wir, auch wenn das da nicht ausdrücklich steht. Das Jahr besinnlich ausklingen lassen, die ruhige Zeit, solche Phrasen haben uns da vermutlich umgetrieben, als wir das in den Kalender eingetragen haben.Irgendwann im Januar war das sicher, als wir über die jährlich wiederkehrenden Termine nachgedacht haben, über die Geburtstage und Jahrestage und Feiertage und was da so alles immer wieder anfällt und erinnert oder irgendwie bedient werden will.

Ab hier keine Termine mehr, weil es ja die langen Winterabende gibt, noch so eine Phrase, die langen Winterabende, an denen man endlich alles machen kann, was man immer schon machen wollte. Irgendwas mit Gemütlichkeit oder mit hygge, wie man jetzt sagt. Oder wenigstens mit einer nice cup of tea. Irgendwas mit draußen ist es dunkel und drinnen ist es warm, mit Selbstgebackenem und leiser Musik im Hintergrund, mit ruhig spielenden Kindern und einem Bücherstapel auf dem Nachttisch, der mit jeder Woche ein wenig kleiner wird. Irgendwas mit schaurigen Graupelschauern am Fenster und heulendem Wind ums Haus und man rückt auf dem Sofa ein wenig enger zusammen und guckt dann einen familientauglichen Film mit schönen Menschen, flauschigen Hunden und Happy End. So denkt man sich das doch.

Ab hier keine Termine mehr, das steht da zwischen den ganzen Terminen, das steht da wie irgendein beliebiger anderer Termin, und danach kommen noch gefühlte tausend Termine bis Jahresende. Und wenn der Tag um ist, an dem das da steht, dann klicken wir das weg, wie man eben Sachen wegklickt, zu denen man eh nicht kommt, die überholt sind, fehlgeplant, längst von anderen Prioritäten überrollt, doch nicht so wichtig.

Ab hier keine Termine mehr, das steht da und wir klicken es also weg, aber vorher nicken wir uns kurz anerkennend zu und stoßen vielleicht sogar mit irgendwas an, ein Prost auf die gute, auf die wirklich sehr gute Absicht.

Denn doof sind wir ja nicht, die Herzdame und ich. Wir machen schon ganz gute Pläne. Jedes Jahr wieder.

Gehört

Ich mache noch etwas weiter damit, im Vorbeigehen gehörte Sätze und Dialogtrümmer hier zwar ohne Kontext aus der Situation, aber doch mit etwas Gedankengarnitur wiederzugeben. Es ist in den letzten Wochen allerdings nicht viel zusammengekommen, vielleicht liegt es an der Jahreszeit, vielleicht habe ich gerade einfach kein Sammlerglück.

Dafür gibt es vorweg zwei schöne Beispiele für Sätze oder Wörter, die falsch gehört wurden.

Die Söhne interessieren sich gerade für die Sportart Parkour, es gibt demnächst sogar ein Probetraining. Ein anderes Kind aus dem Bekanntenkreis, so hörten wir, macht das auch, schon länger sogar. Allerdings passten die Erzählungen dieses Kindes so überhaupt nicht zu dem, was wir uns unter Parkour vorstellen, das war alles eher abwegig. Mit Verbeugung vor Trainingsbeginn? Hä? Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden haben, dass das andere Kind gar nicht Parkour macht – sondern Pa-Kua, eine Kampfsportart. Pa-Kua, Parkour, zumindest für Norddeutsche ist das überhaupt nicht unterscheidbar. Wir treffen uns an der Parkuhr, wir gehen zum Pa-Kua und dann noch zum Parkour. Meine Güte.

Ebenfalls wunderschön war ein Verhörer von Sohn II, dem ich etwas damit erklärte, dass es aus Tradition so gemacht wird, wie es gemacht wird. Er verstand nicht “… das wird aus Tradition so gemacht”, er verstand “… drei Idioten haben das gemacht”. Und wenn das keine wunderschöne Definition für die Tradition ist? Wir haben das sofort in die Familiensprache übernommen. Das gehört alles so, das haben schon drei Idioten so gemacht. Großartig.

Ansonsten im Vorbeigehen auf der Straße von großen Vorhaben gehört:

“Wenn wir heiraten, dann fliegt jeder von der Party, der Stress macht. Ob nun aus deiner oder aus meiner Familie.”

“Haha.”

Manchmal hört man auch Sätze, da möchte man spontan stehenbleiben und einen kleinen Vortrag aus dem Stegreif halten, aber man ist ja nun einmal nicht zuständig:

“Später, wenn ich erst Kinder habe, dann wird alles einfacher.”

Und goldene Lebensregeln, wohlfeil wie eh und je:

“Es ist ja so, du musst es einfach machen. Du machst es oder du machst es nicht. Mehr ist es nicht. Mehr ist es nie.”

“Ach, ich weiß nicht.”

Und manchmal Sätze aus höchst realen Kurzgeschichten, irgendwo aus dem vorderen Drittel, die Spannung nimmt gerade Fahrt auf:

“Willst du das wirklich machen, Birgit, willst du das wirklich machen? Jetzt gehen?”

Im November wird weiter gesammelt.

Beifang vom 20.10.2017

Die Sache mit der schlechten Luft in norddeutschen Städten und den ausbleibenden Lösungen: “Es fehlt nicht am Weg, es fehlt eher am Willen.”

Das Stadtradsystem in Hamburg soll ausgebaut werden.

Eine neue Ausgabe von Keiner davon ist witzig”.

Eine Busgeschichte.

Eine Fluggschichte.

Eine Zuggeschichte.

Ich bin gestern auch Zug gefahren, das dritte Bahndesaster in diesem Jahr. Oder, wie die Zugbegleiterin sagte: “Einmal die Fahrscheine bitte. Oder eher die Standscheine, haha!” Sehr lange in Schleswig-Holstein sinnlos herumgestanden, 40 Minuten mit Blick auf Brombeergestrüpp und Brennnesseln, so gesehen hätte es schlimmer werden können, immerhin war das Natur, keine Großstadtbrache. Ab und zu verzweifelte Durchsagen des Lokführers, “ich weiß auch nicht, wann wir wo ankommen, aber keine Sorgen, wir haben einen Schlafwagen dabei.” Dann Weiterfahrt fast in Schrittgeschwindigkeit, man konnte immer noch die Brombeerranken vor dem Fenster zählen, die Stäbe an den Brückengittern (146!), die herbstlichen Birken am Bahndamm, die Kühe auf den Weiden. Das alles in historisch anmutenden Waggons, die Mitreisenden und ich versuchten, sie dem richtigen Jahrzehnt zuzuordnen, das war gar nicht so einfach. Ein Aufkleber innen an der Abteiltür, auf dem gebeten wurde, zur eigenen Sicherheit doch bitte die Tür zu verriegeln. Daneben baumelte tatsächlich eine Kette, wie man sie von Wohnungstüren kennt. Hinter Pinneberg war dann das Netz weg, wie immer, warum soll man nicht einmal in Ruhe Birken zählen, digital Detox und so. Aber unterm Strich – es geht mit der Bahn eher abwärts, geht es nicht?

Der Musiktipp kommt heute von der Herzdame, Buridane mit Badaboum.

Olle Kamellen

Es gibt Blogeinträge, die ich im Geiste vorformuliere, etwa abends im Bett oder morgens in der S-Bahn oder auch zu beiden Gelegenheiten. Manchmal mache ich das sogar tagelang immer wieder, weil ich ja nie zum Schreiben komme, aber doch gerne möchte, Sie kennen das. Dann schreibe ich eben nur im Geiste, aber das dann immerhin. Ich formuliere also so herum, ich versuche mir – sinnlos, aber ganz spaßig! – gute Einstiege zu merken, während ich in der Bahn vor dem Ausstieg warte. Und denke mir so, wenn Du mal Zeit hast, dann musst du das nur noch abtippen, was Du jetzt gerade gedacht hast. Easy.

Aber dann habe ich doch wieder keine Zeit und am nächsten Tag auch nicht, und irgendwann vergesse ich natürlich, überhaupt noch an den Text zu denken. Mit etwas Glück habe ich mir wenigstens irgendwo eine Notiz gemacht und ich kann sie sogar lesen und verstehen, dann fällt mir der Text später, sehr viel später wieder ein. Wenn ich aber richtig lange über den Text nachgedacht habe, kommt es mir manchmal auch überzeugend so vor, als hätte ich ihn tatsächlich schon geschrieben und veröffentlicht. Dann mache ich mein eigenes Blog auf und suche darin nach Stichwörtern. Was bei Texten zu eher allgemeinen Themen gar nicht so einfach ist, wenn ich keinen markanten Begriff verwendet habe. Oder verwenden wollte. Und je länger ich blogge, desto schwieriger wird das natürlich, weil ich immer mehr Suchergebnisse für eher allgemeine Begriffe erhalte, weil ich immer mehr schon erzählt habe. Es gibt mittlerweile Texte, die nie erschienen sind, weil ich sie theoretisch schon einmal geschrieben haben könnte. Es gilt zu vermeiden, Geschichten doppelt zu erzählen, das ist eine wirklich unschöne Vorstellung, wenn ich da einen Spitzenschwank aus dem Leben erzähle und zehn Leute kommentieren sofort: “Wissen wir doch schon.” Ein echter Bloggeralbtraum. Geschichten bewusst doppelt oder dreifach zu erzählen, das ist okay, Opa erzählt wieder vom Krieg, das kann durchaus seine Berechtigung haben. Aber aus Versehen? Um Gottes willen. Das ist ja schon beim Gespräch in der Kneipe schlimm genug.

Eben jedenfalls suchte ich gerade nach “Astschere” in meinem Blog, denn ich war mir nicht mehr sicher, ob ich die heitere Sache mit den drei Astscheren und dem Serienmörder und dem Mädchen in der S-Bahn schon erzählt habe, das heißt, ich war mir zwar nicht ganz sicher, aber doch ziemlich sicher. Und es ist irritierend, aber ich finde nichts mit “Astscheren”. Gar nichts. Die Geschichte ergibt ohne Astscheren aber definitiv keinen Sinn, und das ist so ein prächtiger Suchbegriff. Oder gibt es ein anderes Wort für Astscheren, habe ich die womöglich kunstvoll umschrieben? Baumzangen? Zweigknipser? Nichts.

Ich scheine bisher auch keinen Text geschrieben zu haben, der das Wort “Serienmörder” enthält, das ist fast schon erstaunlich, nicht wahr, nach all den Jahren. Also abgesehen von diesem hier, versteht sich. Wenn ich jetzt wieder nicht zu der Geschichte komme und dann irgendwann nach Astschere und Serienmörder im Blog suche, werde ich künftig nämlich immer diesen Text finden. Und dann muss ich nicht mehr länger nachdenken, dann kann ich einfach, zack, sofort die Geschichte aufschreiben. Die mit den drei Astscheren und dem Serienmörder und dem Mädchen in der S-Bahn. Genau so mache ich das, das klappt bestimmt. Nächstes Mal. 

Buchtipp für in vierzehn Tagen. So in etwa.

Denn es ist ja so – erst einmal kommt der ach so goldene Oktober, der findet mittlerweile sogar auf den Titelseiten der Zeitungen statt, wie früher nur das Kirschblütenfest oder der Hafengeburtstag, wie ein jährlich wiederkehrendes Festival also, mit Wurstbuden und Bierständen und hey, die Natur macht auch mit, wie toll ist das denn. Der goldene Oktober, jetzt auch in Ihrer Stadt. Mit unwirklichen Farben, intensivierten Gerüchen, ungeheuer attraktiver Herbstmode und ausgezeichneten Kürbissuppen, und alles ist schön, schön, schön, und alle haben sich lieb und tollen gemeinsam mit Kindern und jetzt besonders goldenen Retrievern durchs Laub und hach und so. Kennt man. Macht man auch mit.

Dann aber dräut der November und fegt das alles wieder weg, grau und nass und dunkel liegt die Welt, im Kalender stehen nur noch Montage, die Stimmung sinkt unaufhaltsam und Menschen sind allgemein schwer auszuhalten, die sollen weggehen, was stehen und sitzen die so dicht? Die stören nur die Untergangsstimmung, nicht einmal beim Weltschmerz hat man seine Ruhe. Man möchte da doch einfach nur sitzen und schwarzen Gedanken nachhängen, dazu kommt man ja sonst nie und es könnte immerhin interessant sein, am Ende ist das eigene Unglück irgendwie speziell und reizvoll? Könnte doch sein! Come in and find out, dazu ist der November eindeutig da.

Und genau im Moment des Übergangs vom goldenen Oktober zum grauen November, genau in dieser Woche kann man schnell bei Jackie Thomae reinlesen, “Momente der Klarheit”. Ein Buch über Trennungen und Nichtliebe, über das Scheitern von Beziehungen und unzureichende Anziehungskraft, eiskalt beobachtet, mitleidlos geschildert und je treffender man es findet, desto mehr Farbe verschwindet draußen aus dem Bild. Doch, das müsste sehr gut passen, ich möchte das dringend empfehlen.

#reading

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Zum Dezember hin kann man dann ja rechtzeitig wieder vorweihnachtlich kuschelig werden, Lebkuchen, Liebkuchen, das sollte eigentlich kein Problem sein, das hat man doch schon öfter geschafft.

Alle Angaben wie immer ohne Gewähr.