Was schön war

Ich hatte einen Termin in einem Stadtteil, in dem ich nicht so oft bin. Ich fahre dann immer besonders früh und gehe da ein wenig durch die Straßen, ich gucke nämlich gerne Straßen und ich stehe auch gerne an fremden Orten sinnlos etwas herum und habe nix zu tun, ich mag das.

Da war ein Geschäft für Modelleisenbahnen, ein ziemlich großes Geschäft sogar, ich stand eine ganze Weile vor dem Schaufenster . Da gab es Züge und Loks und Häuser und all das, Signalanlagen und Straßen und Berge, die ganze Welt im Miniformat. Ein Sortiment sehr kleiner Menschen in allen möglichen Posen und Moden, bei der Kartoffelernte und an der Ampel, Autos aus vielen Modellreihen, Fabriken und Kirchen und Bäume und Blumen. Blumen! Wirklich winzige Blumen, kleinfingernagelgroß nur, ach was, halb so groß. Wenn überhaupt. 

Ein Dahliensortiment gab es da, eine Schachtel nur voller Dahlien, ganze hundertzwanzig Stück. Und die muss man, wenn man sie kauft, zuhause auch noch erst einmal zusammenstecken, die Blüten auf die Stängel, hundertzwanzigmal, das muss ein irres Gefummel sein. So etwas machen die Leute, die so etwas als Hobby haben, dann wohl an diesen langen Winterabenden, von denen alle immer reden. Eine Schachtel voller Blumen also. Verschiedene Farben, versteht sich! Buntblüher!

Hundertzwanzig winzigkleine und quietschbunte Plastikdahlien im Bausatz – und auf der Schachtel stand groß und in roten Buchstaben auf gelbem Grund: “Natur pur”.

Das fand ich schön.

Die Kaffeehörerin

Ein paar Kategorien können hier etwas Wiederbelebung vertragen, beispielsweise die mit dem Titel “Hochgucken”.Da ging es um das, was man sieht, wenn man nicht auf sein Handy sieht, was sich besonders in Kassenschlangen, an Ampeln, auf Rolltreppen oder in der S-Bahn anbietet. Weswegen ich also morgens auf der Fahrt zur Arbeit wieder öfter Leute anstarre, nicht die Timelines. Gestern morgen hat die Dame, die mir in der S-Bahn gegenüber saß, ihren Coffee-to-go-Becher hochgehoben, an ihr Ohr gehalten, eine Weile gelauscht und dann lächelnd genickt. Das war eine ganz normale Dame, Business-Outfit, Notebooktasche, Handtasche, alles eher etwas schicker als der Durchschnitt. Ich selbst hatte keinen Kaffeebecher zur Hand, ich kaufe ja seit einer Weile keinen Mitnehmkaffee mehr, weil Umwelt. Stimmt gar nicht, zwischen den Jahren habe ich mir doch einmal einen gekauft, aber das war nur ein kleiner Rückfall, so etwas kommt vor, Raucher und Trinker verstehen das. Im Grunde bin ich clean.

Hätte ich aber einen Kaffeebecher in der Hand gehabt, ich wäre sehr in Versuchung gewesen, auch einmal kurz zu lauschen, man muss doch immer neugierig bleiben. Macht Kaffee im Becher überhaupt irgendein Geräusch? Platzen die feinen Milchschaumbläschen vielleicht leise ploppend, als würden winzigkleine Wesen genüsslich winzigkleine Luftpolsterfolienbläschen zerdrücken? Spricht der Kaffee auf diese Art flüsternd zu uns, wenn wir nur offen genug sind? Letztlich ist unsere Wahrnehmung bei so etwas eh nur ein Zucken des Unterbewusstseins, genau wie bei allen anderen Orakeln. Das funktioniert auf viele Arten, Kristallkugeln folgen auch nur diesem banalen Prinzip, man starrt ins Ungewisse und sieht irgendwann irgendwas, weil das Unterbewusstsein sich langweilt. Das wusste die Dame vielleicht, das gehört ja auch zur Allgemeinbildung. Und verrückt sah sie wirklich nicht aus, sie wirkte im Gegenteil ziemlich sortiert, wach und zurechnungsfähig.

Vielleicht brauchte sie nur gerade dringend eine Antwort auf etwas und hatte keine Münze, um sie zu werfen. Außerdem ist Münzenwerfen in der S-Bahn auch so eine Sache für sich, am Ende ruckelt die Bahn im falschen Moment, die Münze rollt durch den Wagen und man erregt unfreiwillig Aufsehen, dabei wollte man nur ganz simpel ein Ja oder ein Nein. Vielleicht war ihre Frage komplexer und nicht einfach mit zwei Möglichkeiten zu beantworten, so eine Münze ist eine Entscheidungshilfe mit begrenzten Möglichkeiten. Ein Becher, der irgendwas murmelt, wie früher die Bäche oder die raunenden Brunnen, der ist da schon ergiebiger, das kann man sich doch gut vorstellen. Und dass man am ersten Werktag des Jahres auf dem Weg ins Büro die eine oder andere nagende Frage in sich verspürt, das kann man sich auch gut vorstellen, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Als halbwegs phantasiebegabter Mensch verstand ich also die Dame nach einer Weile recht gut, man muss sich manchmal nur ein wenig einfühlen. Ich habe es jedenfalls bedauert, nicht auch spontan an einem Becher lauschen zu können.

Andererseits hätte es die Dame vielleicht gekränkt, wenn ich sie so mit dem Becher am Ohr nachgemacht hätte, das hätte auch wieder unangenehm werden können. Obwohl ich sie mit meinem eigenen Becher am Ohr natürlich nur in bester Absicht ausdrücklich ernstgenommen hätte, aber ach, das wäre alles kompliziert gewesen. Auch in dieser Hinsicht hat es sich bewährt, keinen Coffee-to-go mehr zu kaufen, das war ein guter Entschluss, der sei hier noch einmal zur Nachahmung empfohlen.

Neulich habe ich übrigens, jetzt folgt eine Erzählung, die sehr ausgedacht klingt, aber vollkommen wahr ist, irgendwo etwas über die Bibliomantie gelesen (in dem verlinkten Wikipedia-Artikel kommt das schöne Wort Homeromantie vor, ist das nicht toll? So ein großartiger Begriff.). Ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf kam, vermutlich durch die Bücher von Alberto Manguel, es fällt mir jedenfalls bei Orakeln gerade wieder ein. Bibliomantie, also das Wahrsagen oder Orakeln mit Büchern, ist im letzten Jahrhundert aus der Mode gekommen, das macht man heute nicht mehr.

Ich habe es nach der Lektüre natürlich dennoch sofort gemacht, ich funktioniere da verlässlich, ich mache jeden Unsinn mit, wenn ich dafür nicht vor die Tür muss. Da nichts anderes in der Nähe lag, schon gar kein Homer, habe ich einfach einen der hier überall herumfliegenden Comics von Sohn I an beliebiger Stelle aufgeschlagen, meinen Finger ohne hinzusehen auf die Seite gelegt und dann gelesen, was da stand. Und da stand, meine Damen und Herren, es ist wirklich wahr: “Die Bewegung zur Herstellung der Harmonie ist gescheitert.” Das war noch im Jahr 2016, an das wir uns alle so ungern erinnern, und es war ein wirklich passender Orakelspruch für dieses elende Jahr, wenn auch kein wahnsinnig hilfreicher. Aber damit gab es damals in Delphi auch schon immer Probleme.

Das mache ich 2017 jedenfalls nicht noch einmal, wollte ich sagen, so genau will ich es vorher gar nicht wissen. Sonst ist der Comic, den ich dann greife und aufschlage, nachher zufällig ein Lustiges Taschenbuch mit Donald Duck oder so, und in der Sprechblase,, auf die der Finger zeigt, steht nur irgendwas wie “Ächz” oder “Würg”. Und dann steht man schön blöd da mit seinem Orakelspruch für 2017.

Egal. Jetzt Brandsalbe aufs Ohr.

Hochgucken: Eine ältere Dame liest in der S-Bahn

Diese Rubrik, in der ich das beschreibe, was man sieht, wenn man ausdrücklich einmal nicht aufs Handy sieht, besonders in der S-Bahn, droht schon wieder auszutrocknen – also schnell mal etwas nachgießen.

Ich fahre am frühen Abend mit der S-Bahn. Es ist ein Freitagabend und die ersten Pulks von Jugendlichen, die in Richtung Reeperbahn oder zu ähnlich vielversprechenden Zielen unterwegs sind, steigen schon ein. Bierflaschen und Energydrinkdosen gehen in den Gruppen herum, wildes Schultergeklopfe und hysterisches Gekicher, so ein Freitagabend kann eine spannende Angelegenheit sein, wenn man im richtigen Alter dafür ist.

Mir gegenüber sitzen keine Jugendlichen, mit gegenüber setzt sich eine ältere Dame hin, die einen großen Einkaufstrolley dabei hat. Sie scheint es eilig zu haben, so schnell, wie sie sich hinsetzt, einmal durchatmet und dann sofort im Einkaufstrolley herumwühlt, mit schnellen Bewegungen, fast hektisch. Es sieht aus, als hätte sie womöglich etwas vergessen, vielleicht findet sie ihren Schlüssel nicht oder dergleichen? Dann kramt sie dort aber ein Buch hervor, und zwar ein Buch von äußerst respektabler Dicke, man könnte es glatt auf sechshundert Seiten oder noch mehr schätzen. Ein Wälzer, und zwar ein ganz neuer Wälzer, der ist noch in Folie. In Folie, die von der Dame sofort ungeduldig abgerissen wird. Dann schlägt sie das Buch auf und liest den ersten Satz, atmet wieder durch und sieht sich noch einmal kurz um, wobei sie nicht aussieht, als würde sie etwas mitbekommen von dem, was im Waggon um sie herum passiert, das ist ihr alles vollkommen egal, das ist alles unwichtig. Sie hat hier den ersten Satz einer langen, langen Lesereise vor sich und sie liest so gierig, so aufmerksam über das Buch gebeugt, dass man unweigerlich neugierig auf dieses Buch wird, das sie vom ersten Satz an so konzentriert, schnell und völlig versunken liest, als müsse sie es bis zur Endstation geschafft haben, was allerdings vollkommen unmöglich ist. Sie liest schnell, sie blättert schnell, ihre Finger folgen ungeduldig aufs Papier tippend den Absätzen, noch einer, noch einer, noch einer, nächste Seite, die fliegen nur so, die Seiten, das ist wirklich großer Lesesport, was sie da zeigt.

Die Jugendlichen trinken und lachen und stürzen sich ein paar Stationen später in das Leben. Die Dame ignoriert sie und liest vom Leben und als sie das erste Kapitel durch hat, nickt sie einmal kurz und ist dann schon zwei, drei Absätze weit im nächsten, aber in diesem Nicken liegt so viel Zustimmung, dass man annehmen kann, sie stürze sich auch gerade in das Leben, wenn es auch an diesem Abend das Leben anderer Menschen ist, das Leben literarischer Figuren.

Ich habe das Buch natürlich sofort auf dem Handy gegoogelt, es handelt sich um “Melnitz”, von Charles Lewinsky, eine jüdische Familiensaga aus der Schweiz, hier eine ausführliche Rezension dazu. Vielleicht sollte man mal wieder einen richtigen Wälzer lesen. Er hat tatsächlich immerhin fast achthundert Seiten.

 

Hochgucken: Kassandra

Die Rubrik “Hochgucken” wurde hier sträflich vernachlässigt, das muss sich wieder ändern. Es ging, das erkläre ich für die Neuzugestiegenen kurz noch einmal, um Beobachtungen von Szenen, die man sonst verpasst, wenn man auf sein Handy sieht. Die ersten Texte dazu finden sich hier. Ich habe das zunächst mit gezählten Tagen betitelt, das war aber keine sehr gute Idee, das setze ich jetzt lieber mit ganz normalen Überschriften fort.

Die Rubrik lag etwas brach, weil es Sommer war und ich im Sommer wenig S-Bahn fahre, denn ich gehe zu Fuß nur zwanzig Minuten bis zur Arbeit. Und wenn ich doch einmal gefahren bin, habe ich nichts gesehen. Also natürlich habe ich irgendwas gesehen, aber, wie Frau Gminggmangg sagen würde, ohne jedes Bemerknis, daher also auch ohne Blogartikel hinterher. Oder ich habe doch einmal etwas gesehen, kam dann aber tagelang nicht zum Schreiben und dann war es mir irgendwann zu lange her. Ich schreibe ja gerne fangfrisch. Jedenfalls im Blog. Da mir die Rubrik aber doch gut gefällt, werde ich mir mit ihr wieder mehr Mühe geben und jetzt auch Situationen aufnehmen, die nicht in der S-Bahn stattfinden. Nicht auf das Handy gucken kann man überall, sagt man. Also zumindest ab und zu, wir wollen nicht übertreiben. Und dann sieht man schon irgendwas. Wie die Szene hier, die sich in der letzten Woche vor dem Hamburger Hauptbahnhof abspielte.

Vor dem Hamburger Hauptbahnhof, auf der Seite nach St. Georg hin, liegt ein Platz, auf dem nichts ist. Auf der einen Hälfte des Platzes stehen Taxis, auf der anderen ist gar nichts. Da stehen Touristen und entblättern ratlos Faltpläne oder fotografieren den Bahnhof, da sitzen ein paar Obdachlose, leeren Bierflaschen und rauchen gesammelte Kippen, da strömen Menschen mit schnellen Schritten nach Sant Georg oder von Sankt Georg zum Hauptbahnhof. Auf der anderen Straßenseite der angrenzenden Kirchenallee ist das Schauspielhaus, da wollen auch viele hin, wenn die Tageszeit passt.

Sie passt aber nicht, es ist erst drei Uhr am Nachmittag, da gibt es noch keine Vorstellung. Zumindest nicht im Theater, denn auf dem Platz ist dann doch eine Vorstellung, und was für eine. Eine Vorstellung mit nur einer Person, die allerdings spielt, als ginge es um ihr Leben. Eine ältere Dame ist das, Wirrnis im Blick, verrutschte Kleidung, der Gesamtzustand etwas desolat. Die Bluse hängt aus der Hose. Es ist aber keine schlechte Bluse, die Frau ist nicht heruntergekommen. Ihre Haare sind zerwühlt, man sieht aber noch, sie hat durchaus eine Frisur. Vermutlich also keine Obdachlose, sicher aber eine Frau abseits der Normalität, denn sie spricht vor sich hin, ziemlich laut sogar. Eigentlich sollte man eher sagen: Sie deklamiert. Sie deklamiert einen Text, von dem man im Vorübergehen nicht alles verstehen kann, nur einige Sätze werden deutlich, es sind die Sätze, die immer wieder lauter als die anderen gesprochen werden, wobei sie die Hände ringt. Das ist ein fast ausgestorbener Ausdruck, man ringt heute nicht mehr die Hände, das ist aus der Mode gekommen. Die verwirrte Dame ringt aber ganz zweifellos die erhobenen Hände, in Sichtweite des Schauspielhauses tut sie das und bühnenreif sieht es aus.

Sie steht vor der Bushaltestelle des 6ers, der fährt in die Innenstadt. Ein Bus rollt gerade heran, da werden die beiden verständlichen Sätze lauter und lauter gesprochen, gerufen fast. Die Hände erheben sich zitternd zum Himmel, fahren immer wieder durch die ohnehin nach oben stehenden Haare, weisen auf den Bus. Ein dürrer Zeigefinger zielt auf die Wartenden an der Haltestelle und sie ruft mit bebender Stimme: “ES IST DER TOD! DER TOD IST IM BUS!”

Die Wartenden sehen sich um. Die Aussteigenden gehen auf die Dame zu, bleiben kurz vor ihr stehen. “STEIGT NICHT EIN! DER TOD IST IM BUS!” Die Dame krümmt sich, als würde ihr das Spezialwissen an den Gedärmen zerren, ein Arm schlingt sich um den Bauch, der andere fährt wieder hoch zum Himmel, kreist, sinkt nieder, bleibt auf halber Höhe und weist auf die Wartenden, die jetzt gerade zu Einsteigenden werden: “ES IST DER TOD!” Die Ausgestiegenen gehen kopfschüttelnd weiter, ein paar gehen links an ihr vorbei, ein paar gehen rechts an ihr vorbei.

Wenn es ein Hollywoodfilm wäre, man sähe jetzt die Gesichter der normalen Leute, die da einsteigen, lächelnd, plaudernd. Die Kamera würde die Busfenster entlang fahren, langsam, ganz langsam. Man sähe im Bus Mütter mit Kindern, Männer mit Zeitung, dämmernde Großmütter – und dann Jack Nicholson, satanisch grinsend und der irren Dame kameradschaftlich zuzwinkernd. In der Musik gäbe es in der Sekunde eine ganz leichte Disharmonie und man wüsste gleich, die nächsten zehn Minuten würden nicht alle überleben.

Wenn das ein schwedischer Film aus der freundlichen Ecke wäre, einer der Einsteigenden würde einen trockenen Scherz über die Frau machen, trocken aber gut, richtig gut. Die Dame, die vor dem Tod warnt, würde kurz darauf von ungeheuer freundlichen Pflegern abgeholt werden, abgeholt in ein Heim, in dem alle wahnsinnig nett wären und in dem lauter skurrile Typen leben würden, solche Typen, die für etliche kleine Geschichten gut wären. Einer der netten, aber insgeheim doch überforderten Pfleger würde sich in die etwas unscheinbare junge Frau verlieben, die ihre verwirrte Tante jeden Dienstag besucht, und darum würde es dann im Rest des Films eigentlich gehen und es ginge auch gut aus, natürlich doch.

Das ist hier aber kein Film, das ist Hamburger Wirklichkeit.Niemand achtet hier länger als eine Sekunde auf die Frau, hier gibt es genug Irre, die den ganzen Tag vor sich hin faseln, da kann man nicht jedem zuhören, wirklich nicht. Die Bustüren schließen sich, der Bus fährt ab. Die verwirrte Dame fährt sich durch die Haare, sieht zum Himmel, sie hat Tränen in den Augen, wischt sie weg. Sie schüttelt den Kopf, vielleicht fragt sie sich, wie viele sie noch verlieren soll, es hört ihr doch einfach keiner zu, sie kann machen, was sie will. Sie steht starr und guckt in den unverändert sommerlich friedlichen Himmel, an dem kein Wölkchen sich zu einem Zeichen formt, nein, ganz bestimmt nicht. Sie steht und guckt einfach nach oben, als würde sie auf etwas warten oder als würde sie im Blau oder im Flug der Tauben etwas sehen, was andere nicht sehen können. Sie steht und steht und sie guckt. Bis der nächste Bus kommt.

Dann hebt sie langsam ihren Zeigefinger.

Hochgucken, Tag 5

Die Kinder treiben einen zu den seltsamsten Freizeitbeschäftigungen, so fahre ich neuerdings auch des öfteren Bus. Ich habe, das ist natürlich Zufall, in Hamburg bisher immer so gewohnt und gearbeitet, dass ich mit Bahnen auskam, Busse sind für mich eher exotisch. Ich staune immer, wenn Menschen wissen, welcher Bus hier wohin fährt, ich kenne nur den 5er und den 6er, der Rest ist mir rätselhaft. Angeblich komt man mit Bussen auch in Stadtteile ohne jede Bahnanbindung! Wenn mir einmal sehr langweilig ist, werde ich vielleicht darauf zurückkommen und es testen. Allerdings ist mir nie langweilig. Hm.

Nun ist Sohn I aber mittlerweile in einem Schwimmverein, und zum Training kommt man tatsächlich am besten mit dem Bus, quer durch die Stadt. Aufgrund einer Tradition, auf deren Anfänge ich gar nicht mehr komme, nimmt sich Sohn I mein Handy, sobald wir in einen Bus steigen, im Bus ist es nämlich seins. Immer. Dann macht er darauf irgendwelche Vorschulspiele, ich sehe mir die Leute an, das Hochgucken braucht in dem Fall also gar keinen Plan, das geht gar nicht anders. Wobei das Hochgucken im Bus oft eher ein Hochhorchen ist, im Bus hört man Gespräche nämlich viel besser als in der S-Bahn.

Ein Frühlingstag, die Sonne scheint und die Kulisse der Stadt wirkt ungewöhnlich angenehm. Erstes Grün an Büschen und Bäumen, bunte Blüten im Straßenbegleitgrün, erste Frühjahrsmode an den Menschen. Entspannte Gäste räkeln sich in Straßencafés, Touristen fotografieren irgendwas vor knallblauem Himmel, guck mal, das ist Hamburg, das war echt schön. Der Bus ist halbleer und sonnendurchflutet, der Fahrer pfeift leise vor sich hin. Weiter hinten erzählt ein junger Mann, stellen Sie sich einfach ein Erstsemester mit prächtigem Hipsterbart vor, es wird schon passen, was er im Fernsehen gesehen hat. Nämlich einen krassen Film über die Massentierhaltung. Da waren Szenen drin! Alter! Also das hat er natürlich alles schon mal gehört, ist ja klar, aber jetzt eben auch gesehen und dann wird es einem doch erst klar, sagt er. Also Szenen! Alter! Ey!

Die Freunde, drei andere junge Männer, die ihn umstehen, nicken mit leichter Panik im Blick und dann kommt, was kommen muss: der Erzähler fängt bei den ersten Szenen an, es geht um gekürzte Entenschnäbel, und berichtet detailliert, was da gezeigt wurde. Eine klare, junge, deutliche Männerstimme, die hört man ohne jede Konzentration ein paar Sitzreihen weit, zumal er sich beim Reden etwas aufregt und dadurch immer lauter wird. Auf den Gesichtern der anderen Fahrgäste ringsum sieht man erstaunliche und verblüffend wilde Bewegungen, als würde man neben ihnen sehr laut mit Kreide über eine Tafel quietschen. Köpfe sinken tiefer zwischen Schultern, Hände bewegen sich in Richtung der Ohren und der Bericht geht von Station zu Station unerbittlich immer weiter, er ist gerade bei den geschredderten Hähnchen angekommen und geht jetzt noch zu Ferkeln über, da ist ja das mit der Kastration, wisst Ihr das? Alter! Wisst ihr, wie man das macht? Nein? Also…

Eine Frau setzt sich Kopfhörer auf und wirkt danach deutlich erleichtert. Die ältere Dame mir gegenüber beugt sich zu ihrer Freundin, die ob des zwangsweise mitgehörten Themas mittlerweile etwas grünlich im Gesicht wirkt, und fragt, wo man denn heutzutage eigentlich noch Hähnchen kaufen könne. Na, wo denn? Hm? Die Freundin sagt, beim Aldi jedenfalls nicht, das könne sie mal glauben, und dann denken beide über Supermärkte nach. Ob Rewe denn besser sei? Oder der Edeka? Der habe ja doch bessere Sachen, oder? Hinter mir höre ich andere Damen diskutieren, da fällt gerade ein “Fisch geht ja auch nicht mehr”. So setzt sich die Erzählung des Erstsemesters in anderen Gruppen fort, hier ein Satzbrocken, dort eine Ergänzung. Jeder weiß etwas zu dem Thema, so ist es ja nicht. Es sind dann aber doch alle recht froh, als die jungen Männer aussteigen und man nur noch das vergnügte Pfeifen des Fahrers hört.

Die Mutter neben mir hat von all dem nichts mitbekommen, sie redete nämlich die ganze Zeit engagiert auf die Freundin neben ihr ein. “Die Frage ist doch”, sagt sie gerade zum wiederholten Male, “die Frage ist doch – wie kommt das Kind aufs Gymnasium? Das ist doch die Frage.” Dabei streicht sie ihrem Sohn durchs Haar und man fragt sich, ob er wohl mit der Frage gemeint ist oder ob er vielleicht noch größere Geschwister hat. “Das ist doch die Frage”, sagt sie noch einmal sehr energisch, und es muss wirklich eine wichtige Frage sein, so ernst, wie sie guckt.

Eine wichtige Frage, die das Kind aber überhaupt nicht interessiert. Es beschäftigt sich vielmehr konzentriert mit der Produktion von Spuckebläschen. Was man eben so macht, wenn man etwa ein Jahr alt ist.

#spring

 

 

Hochgucken, Tag 4

Mir gegenüber ein älterer Herr, für den man extra man die hübsche Vokabel soigniert wiederbeleben müsste. Lange nicht mehr gehört, das Wort.

Nadelstreifen, aber keine geckenhafte 30er-Jahre-Verschnitt-Variante, nur einfach ein guter Anzug. Blankgeputzte Schuhe, Krawatte mit Nadel, daran etwas, das ein Clubabzeichen sein könnte, ganz klein. Man müsste schon sehr nah herangehen, um es genau zu erkennen. Weißes Hemd, dezente Manschettenknöpfe, mattes Silber. Keine Outdoorjacke, wie sie sonst alle tragen, sondern ein Kleidungsstück irgendwo zwischen Mantel und Jacke. So etwas wie Loden vielleicht, aber nicht in grün, sondern in grau und ohne jeden volkstümlichen Schnickschnack. Herrenausstattermode. Der Stoff sieht weich und teuer aus. Walkstoff, auch so ein Wort, das mir kaum je begegnet. Randlose Brille, graue Haare, im gleichen Ton wie die Jacke.

Er sieht ein wenig zu alt aus, um noch in ein Büro zu fahren, zumindest tut er das nicht mehr als Angestellter. Als Inhaber ist es vielleicht etwas anderes, als Berater, als Seniorchef, als wissenschaftlicher Beirat, als Aufsichtsrat. Fährt ein Aufsichtsrat mit der S-Bahn? Er hat es nicht eilig, er sitzt da sehr entspannt. Keine Zeitung, kein Buch, kein Handy, er sieht einfach aus dem Fenster. Nicht interessiert, sondern so, wie man eben aus dem Fester sieht, wenn da draußen irgend etwas vorbeizieht, das einem völlig egal ist. Hammerbrook ist das in diesem Fall, ein Stadtteil, der den meisten Hamburgern völlig egal ist. Der Herr sitzt und guckt, seine Mimik ist leicht, ganz leicht bewegt. Ab und zu gehen die Augenbrauen ein klein wenig nach oben, ab und zu ahnt man ein Nicken,ein Kopfschütteln, eine kaum wahrzunehmende, wiegende Bewegung. Dann ein etwas rhythmischeres Nicken, auch das sehr zurückhaltend. Seine Finger tippen manchmal sachte auf die Knie. Er hört Musik .

Er hört Musik aus Kopfhörern, wie sie jetzt aktuell sind, groß und voluminös. Es ist gar nicht lange her, da hätte man so etwas von der Form her noch für Lärmschutz gehalten und nur in Fabrikhallen aufgesetzt. Heute tragen das aber alle auf dem Weg in die Fabrikhallen, die natürlich nur noch Büros sind. Die Kopfhörer des soignierten Herrn sind, das kann man auch bei freundlicher Betrachtung kaum anders ausdrücken, in einer Farbe gehalten, die man als Brüllpink-Metallic wohl annähernd korrekt bezeichnet. Er trägt mit der größten anzunehmenden Würde ein Accessoire, das an ihm genau so falsch und grotesk aussieht, wie ein Hello-Kitty-Rucksack oder ein Lillifee-Krönchen. Es glitzert schrill an seinem Kopf.

Und er hört damit, man kann das natürlich nur ahnen und raten, klassische Musik. Dieses ganz leichte Wiegen des Kopfes, die Augenbrauen, die ab und zu sachte in die Höhe gezogen werden und dort oben leicht schaukelnd einen kleinen Moment verweilen… die folgen doch Violinen, möchte man annehmen.

Ich stehe auf und steige aus, der Mann sieht mich an, lächelt und nickt. Ein verbindliches Nicken, als hätte ich eben bei ihm einen Bausparvertrag unterschrieben oder einer Firmenfusion zugestimmt. Er ist es gewohnt, höflich zu sein. Ein kultivierter Typ, gar keine Frage.

Dann sieht er wieder aus dem Fenster, wo Zimmerleute auf einem Fleet an Hausbooten bauen. Sie tragen gerade Latten vom Ufer auf die Schiffe. Aber der Herr sieht nicht so aus, als würde er das wahrnehmen. Er hört einfach nur konzentriert Musik. Aus pinkfarbenen Kopfhörern. Mit Glitzer.

#hamburg #hammerbrook