Kurz und klein

Beifang vom 01.09.2017

Bei der GLS Bank habe ich fünf Links zur Landwirtschaft zusammengestellt.

In der NZZ geht es um die Fokussierungs-Illusion. Das weiß man im Prinzip alles, man vergisst es nur dauernd.

Die Welt über das “Birding”. Durch die verbindlich geltende Kalauerpflicht in deutschen Redaktionen natürlich mit der Formulierung “Volkssport Vögeln.” 

Sven Regener im Interview über sein neues Buch. Gleich mal vormerken als Herbstlektüre.

Noch so ein Projekt von jungen Großstadtjournalisten über die deutsche Provinz. Da ist meistens irgendetwas dabei, was mich interessiert, aber allmählich wird es auch Zeit für das Umkehrporojekt. Können jetzt bitte gestandene Lokaljorunalisten kurz vor der Verrentung nach Berlin oder Hamburg fahren und sich in den Szenevierteln umsehen? Und darüber auch so befremdet schreiben?

Für die Hamburger LeserInnen: Bei der Elbmelancholie ändert sich etwas.

Ein Artikel über Shirley Collins und alte Lieder. Bitte mal bei dem dort eingebetteten Video von Mississippi Fred McDowell den Absatz darüber lesen und dann auf Play klicken, dann kriegt man den Blues. Und wie. Und das lasse ich dann auch mal so als Musiktipp für heute stehen. 

Nein, lasse ich doch nicht, es ist ja September! Wir können uns kopfüber in die Herbststimmung stürzen.

Was schön war

Ein Großparkplatz in Nordfriesland, einer dieser Plätze, wo alle Touristen irgendwann landen, wenn sie hier mehrere Tage verbringen und Attraktionen abklappern. Ein Auto hält dicht neben unserem, darin auch eine Familie, auch Mutter und Vater, auch zwei Kinder, allerdings Töchter. Alle vier sehen schwerst genervt aus. Die Mutter und der Vater bleiben diese eine Sekunde zu lange sitzen, atmen einmal zu viel tief durch, bevor sie zur Autotür greifen und aussteigen. Diese eine Sekunde, in der man sich einen Ruck gibt, um das hinter sich zu bringen, was da eben gerade Programm ist, zu dem niemand Lust hat, so etwas kommt wohl in jeder Familie manchmal vor. Sie gehen ums Auto herum zum Kofferraum, während die Kinder laut streitend aussteigen und sich anpöbeln, finstere Blicke, verheulte Gesichter, dieser Morgen ist ihnen irgendwie entgleist, und zwar gründlich. Dabei regnet es gerade nicht einmal.

Der Mann macht den Kofferraum auf. Es ist ein SUV-ähnliches Auto, so dass die Sachen im Kofferraum nicht vor einem liegen, wenn man ihn aufmacht, sondern sich vor einem aufstapeln. Er nimmt ein Paar Kindergummistiefel heraus, nein, er möchte es herausnehmen, er zieht nur etwas daran. Dadurch gerät aber das ganze Gefüge des Familienausflugsgepäcks in Bewegung, er versucht noch, mit der anderen Hand etwas aufzuhalten, aber vergeblich, das ganze Gemenge aus Schuhwerk, Strandspielzeug, Proviantkorb, Picknickdecken, Trinkflaschen, Laufrad, Kescher, Kekspackungen, Sonnenmilch, Regenschirmen, Regenjacken, Thermoskannen und so weiter, es fällt ihm alles komplett vor die Füße. Es sieht ein wenig so aus, als hätte sich der Kofferraum direkt vor ihm erbrochen. Er steht da, rührt sich nicht und guckt. Die Frau steht daneben und guckt auch, schweigend starren sie auf das Chaos, das einer von ihnen vielleicht vor wenigen Minuten erst in den Kofferraum hineingestopft hat, man kann sich vorstellen, in welcher Stimmung. Vermutlich läuft da vor ihren Füßen gerade irgendwas aus, der Kaffee für später, der Apfelsaft. Die Kinder gucken und lachen jetzt, die Eltern starren weiter mit hängenden Schultern.

Schließlich bücken sich beide zum exakt gleichen Zeitpunkt. Man ist ja auch schon länger Paar und schon länger Eltern, man weiß, auch da muss man jetzt durch. Und ganz egal, wie bescheuert der Rest der Familie oder der Rest des Tages oder diese Phase ist, das Zeug da muss zurück in den Kofferraum, es nützt nun einmal nichts. Die Kinder werden es wohl kaum aufräumen und liegenlassen kann man es nicht. Und weil sie sich genau zeitgleich bücken, müssen sie einander nichts vorwerfen, da müssen sie auch nicht weiter herumschmollen, nein. Sie können jetzt etwas zusammen machen, das verbindet wieder. Sie basteln also mühsam alles zurück und streiten dabei auch nicht neu. Sie reden ganz friedlich und überlegen zusammen, wie man das alles irgendwie besser stapelt. Sie schließen den Kofferraum und nehmen jeder ein Kind an die Hand und gehen dann machen, was man als Tourist eben macht.

Nehme ich jedenfalls an, wir gehen in eine andere Richtung. Aber dieser kurze Moment des perfekt synchronen Bückens – schon schön.

Beifang vom 27.08.2017

Die Blumen des Bösen wurden neu übersetzt, beim Deutschlandfunk ist man nicht begeistert, das aber detailreich.

Über Boethius und das Schicksal. “Die grössten Schicksalsschläge haben Sie ohnehin bereits überstanden.” Dann geht’s ja.

“Das brummt wie Schwein.” Über den seltsamen und mir völlig unbegreiflichen Trend zu Gabionen. Wenn man so über Land fährt, wie wir es gerade reichlich gemacht haben, sieht man sie überall. Ein Anblick grässlich und gemein.

“His passion is moving heavy items.” Warum auch nicht.

Wolfgang Michal über Parteien und Alterstrukturen.

Die Geburt einer neuen Insel: Norderoogsand (gefunden via Markus Trapp auf Twitter).

Und nun noch ein Song über einen wichtigen Buchstaben. Ohne B kein Buddenbohm.

Im Grunde ist es egal

Einer der Texte, die ich in der letzten Woche gebloggt hätte, wenn ich online gewesen wäre.

Es ist kalt in Nordfriesland, man ist sogar in Versuchung, so etwas wie saukalt zu sagen. Es sind vielleicht die kältesten Tage, die ich überhaupt je im August erlebt habe, es ist so verdammt kalt, man möchte morgens das Bad beheizen und abends am Kamin sitzen und Herbstgedichte lesen und heiße Getränke mit Schuss zu sich nehmen, so lange, bis einem das Wetter da draußen wirklich egal ist. Dazu ist es windig, damit einen die Kälte auch ja überall erreicht, dazu regnet es, natürlich regnet es auch, wie könnte es in diesem seltsamen Sommer anders sein, und der Wind haut einem den Regen mit erstaunlicher Kraft quer um die Ohren. Es ist ein so ausdrücklicher Verpiss-Dich-Regen, dass man definitiv lieber drinnen bleibt, wenn es irgend geht.

Weil man aber nicht im Strandkorb auf dem Ferienhof sitzen kann, fahren die Menschen alle nach Sankt Peter-Ording, da kann man in die Dünen-Therme gehen. Die ist beheizt, da stehen die Strandkörbe drinnen und man kann dann immerhin sagen, man habe im Strandkorb gesessen, wozu macht man sonst Urlaub an der deutschen Küste. Und weil es einerseits Sommer ist und man ja Ferien hat, es andererseits aber so schweinekalt ist, dass man sich dem doch irgendwie stellen muss, tragen die Leute auf dem Weg in die Therme oben herum dicke Outdoorjacken und Wollmützen – und unten herum kurze Hosen und Sandalen.

Die Kinder rutschen in der Therme stundenlang, denn die Wasserrutschen in der Therme sind das, worum es hier eigentlich geht, zumindest aus ihrer Sicht. Noch einmal und noch einmal – und dann bitte doch noch ein einziges Mal, so vergeht dann schließlich auch ein grauer Vormittag und die Kinder sind zufrieden.

Hinterher gehen wir in einen Fischimbiss mit auffallend unfreundlichem Personal, aber das macht nichts, das passt zum Wetter, zum Himmel, zum Wind – und das Essen schmeckt trotzdem. Eine Frau fragt die Imbissmannschaft nach Frau Merkel, wo die denn wohl sei. Der Mann an der Fischbrötchentheke denkt etwas nach, bevor er antwortet, das macht man hier so. Dann sagt er: „Zu Frau Merkel gehen Sie rechtsherum, dann kommen Sie zu ihr.“ Die Frau nickt. Der Mann an der Fischbrötchentheke ist aber noch nicht fertig, der denkt immer noch nach: „Sie können aber auch linksherum gehen, dann kommen Sie auch zu Frau Merkel.“ „Ach“, sagt die Frau. „Jo“, sagt der Mann an der Fischbrötchentheke, „im Grunde ist es egal.“

Dann geht die Frau zu Frau Merkel, die da irgendwo öffentlich spricht, denn man merkt es zwar nicht recht, aber es ist doch Wahlkampf in Deutschland und da tritt sie eben irgendwo auf, morgen vermutlich auch in Ihrer Stadt. Es regnet nicht mehr, dann hört man sich die eben mal an. Während wir zum Auto gehen, hören wir noch ab und zu, wie sie in den Gesprächen der Passanten erwähnt wird. Seltsamerweise wird sie in jedem Fall Frau Merkel genannt, nie die Kanzlerin, die Merkel, die Angela, wir hören auch keine Beleidigungen. Sie ist immer Frau Merkel, und es ist ganz egal, ob man rechts oder links herum zu ihr kommt. Am Ende steht sie da mit Raute und allem und ist Kanzlerin, so wird es wohl auch im Herbst sein. Irgendwie regt es keinen mehr auf, weder so noch so.

Die Veranstaltung mit ihr verläuft friedlich, hören wir später im Radio. Da sind wir schon wieder drinnen und sehen an den Fensterscheiben, dass es noch einmal anfängt zu regnen.

In einer fernen Galaxie

Da es in Südtirol kaum WLAN gab, wird der August 2017 wohl der textloseste Monat seit Bestehen dieses Blogs, denn ich hatte diesmal einfach keine Lust, mir entsprechende Cafés etc. mit Weltanschluss zu suchen, das ist auch in den Bergen gar nicht mal so einfach.

Und es geht noch so weiter, in den nächsten Tagen werde ich mich hauptsächlich in Nordfriesland aufhalten, bin also aus Sicht von O2 außerhalb der bewohnten Welt, in einer fernen Galaxie, in Weiten, die nie zuvor ein Mensch … na, und so weiter.

Der Wetterbericht für Nordfriesland läuft auf den Weltuntergang hinaus, Starkregen, Gewitter, Sturm, einmal mit alles und scharf – aber das macht nichts, ich habe Gartenbücher dabei. Viele.

So. Ich bin ein bisschen weg, ich bin ein bisschen da.

Beifang vom 17.08.2017

Bei der GLS Bank habe ich, sehr passend zu meiner neuen Gartenbegeisterung, sechs Links zum Grün in der Stadt.

Denis Scheck über Huckleberry Finn.

Diogenes verliert Simenon.

Aus naheliegenden Gründen fräse ich mich gerade durch sämtliche Gartenbücher der Hamburger Zentralbücherei, dabei fallen ein paar Werke auf, weil sie mir irgendwie anwendbarer als andere vorkommen. Eines davon ist das “Spriessbürger”-Buch (nein, nicht mit ß, wirklich nicht), das im kleinen Horrorgarten umfänglich besprochen wird, dann kann ich mir das ja sparen. Im Text drüben ist der Verlag verlinkt, dort findet man übrigens auch deren Blog, ebenfalls lesenswert.

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Der Musiktipp kommt heute wieder von der Herzdame, denn noch ist ja kein Herbst, in dem ich dann wieder hemmungslos Lieder für den gepflegten Trübsinn verbreiten werde. Obwohl ihr Titel auch nicht gerade euphorisch klingt: “Immer schlimmer” von den Mobylettes.

Die Herzdame liest: Wanderspaß mit Kindern – Südtirol

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die nie im Leben gedacht hätte, jemals einen Wanderführer zu lesen.

„Lass uns mal in der Berge fahren“, hat mein Mann vor ein paar Jahren gesagt. Da habe ich ihm erst mal einen Vogel gezeigt. Der Mann hat sich sofort Wanderschuhe gekauft, weil er so ziemlich jedes Vorhaben erst mal mit neuem Zubehör startet. Ich habe darauf bestanden, mir keine Wanderschuhe kaufen zu müssen und in Flipflops auf den Berg steigen zu dürfen. Noch lieber am Pool bleiben zu dürfen, während er mit den Kindern und den neuen Wanderschuhen auf den Berg steigt.

Mittlerweile sind wir das dritte Mal in den Bergen, genauer gesagt in Südtirol. Ich steige nicht in Flipflops auf den Berg, sondern in meinen Lindyhop-Tanzschuhen und der Gatte hat sich angenähert und seine Wanderschuhe zu Hause gelassen. Wir sind also alle in gemütlichen Turnschuhen unterwegs, die Wander-Ausrüstung wird abgerundet durch zwei Wanderstöcke – für jedes Kind einen.

Nachdem wir die Kinder im ersten Jahr mit der Bobbahn auf dem Meran 2000 angefixt haben, auf einen Berg zu steigen, kam im letzten Jahr der Sessellift auf dem Vigiljoch dazu. Ansonsten sind wir immer ziemlich gut damit gefahren, einfach hinter unserem jeweiligen Hof mit dem Spazierweg zu starten und zu schauen, wo uns der Weg hinführt, immer der Nase nach. Oder auf der anderen Seite des Tales was Interessantes am Berg zu sehen und rauszukriegen, was es ist und wie man da hinkommt. Dieses Jahr sind wir auf diese Art zu den Eislöchern bei St. Michael/Eppan spaziert. Das sind Felsspalten im Berg, aus denen richtig kalte Luft kommt, sehr faszinierend besonders im Hochsommer.

Auf der Suche nach weiteren Attraktionen in der Höhe, habe ich dann in der Buchhandlung vor Ort etliche Kinder-Wanderführer studiert und mich dann für „Wanderspaß mit Kindern – Südtirol“ von Lisa und Wilfried Bahnmüller aus dem Bruckmann-Verlag entschieden. Die Autoren beschreiben 47 erlebnisreiche Touren in drei Schwierigkeitsstufen auf jeweils rund 4 Seiten, verteilt über ganz Südtirol. Den Fotos nach zu urteilen, auf denen gefühlt immer dieselben Kinder zu sehen sind, sind sie diese Touren auch alle selbst gewandert. Chapeau!

Wanderführer Südtirol Einband

Besonders überzeugt haben mich das Layout und die Aufbereitung der relevanten Informationen mit Piktogrammen zu dem, was die Tour zu bieten hat, Kartenausschnitt mit der angegebenen Route sowie einem Infokasten mit den wichtigsten Informationen wie Altersempfehlung, Tourencharakter, Strecke in Kilometern und Zeit sowie Anfahrt oder Einkehrmöglichkeiten. Für besonders ambitionierte Nerds sind noch GPS-Daten angegeben.

Wanderführer Südtirol Layoutbeispiel

Das Tolle daran ist, ich muss den ganzen Beschreibungstext nicht lesen. Erst mal nicht jedenfalls. Ich fahre mit dem Finger die Piktogramme ab, dann den Infokasten und weiß Bescheid – passt, passt nicht. Heute mal mit Seilbahn – zack, fertig. Und wenn es noch schneller gehen soll, gibt es im Anhang quasi eine Tourenmatrix, wo man auf einen Blick in einer Tabelle sehen kann, welche Tour wie lang und wie schwer ist, welche Features hat und für welches Alter ist.

Wanderführer Südtirol Layout

Wenn jetzt alles passt und das zugehörige Foto nett aussieht, dann kann ich immer noch den Text lesen. Ich glaube, so schnell hatte ich selten einen Reiseführer durch. Sehr praktisch.

Auf diese Weise habe ich uns jetzt als nächstes einen Spaziergang auf den Latemar rausgesucht. Die Kinder wollen Seilbahn fahren – check. Eltern wollen Aussicht – check. Die Tour ist für verweichlichte Stadtkinder (und -eltern) in Turnschuhen kurz und einfach – check. Man kann einkehren – check. Es gibt einen Spielplatz – check. Und Wasser – check. Na gut und für bildungsbewusste Eltern gibt es auch noch so einen Lehrpfad – check, check, check.

Latemar, wir kommen!