Gartenvideos

Ich lerne nach wie vor viel Gartenzeug, das ist natürlich auch notwendig, da ich im Sommer bei Null angefangen habe. Nachdem ich mich mittlerweile in der Zentralbücherei einmal komplett durch die Gartenabteilung gefräst und wie damals zu Studienzeiten reichlich Notizen gemacht habe, nachdem ich mir auf Instagram Tausende Gemüsegartenbilder angesehen habe, denn bei dem Thema sind auch Bilder wirklich lehrreich, bin ich jetzt in der Youtubephase und sehe mir also Gartenvideos an. Viele.

Zu meiner Überraschung finden das auch die Söhne spannend, weswegen wir also zu dritt vor den Filmchem des Selbstversorgers Rigotti sitzen, vor Selfbio oder vor dem Gartenkanal usw., es gibt da einige zu finden. Bei den Söhnen liegt übrigens Rigotti weit vorne, der hat aber auch mit Abstand am meisten Geräte und Bastelmöglichkeiten. Und Hühner! Es wird hier zunehmend zum Problem, dass wir keine Hühner haben, zumindest nach Sohn II, aktueller Berufswunsch Selbstversorger und Gärtner. Der ist der Familie weit voraus und gedanklich schon beim Getreideanbau und Mühlenerwerb, weil man auch Brot unbedingt selbst machen sollte, findet er zumindest.

Von den deutschen Gartenvideos kam ich zu den englischen Gartenvideos, denn auch dort gibt es Schrebergärten, allotments. Vielleicht liegt es daran, dass ich ohnehin gerade sehr viel lerne, es macht mir plötzlich wieder Spaß, Vokabeln zu lernen. Beim Gartenvokabular habe ich größere Lücken, das kam alles so in der Schule nicht vor und in meinem späteren Leben erst recht nicht, aber jetzt freue ich mich über Begriffe wie comfrey tea oder, noch banaler, parsnips, das sind so Vokabeln, die habe ich längst vergessen.

Das finden die Söhne dann nicht mehr ganz so interessant, es schadet ihrer Allgemeinbildung aber auch nicht, wenn sie die Filme ab und zu bei mir mitbekommen, ganz im Gegenteil.

Ich: “Was machen wir jetzt?”

Sohn I: “A nice cup of tea.”

Die nice cup of tea aus den englischen Gartenvideos wird hier gerade zum Familienkult, es wird ein Winter mit unfassbar viel Tee in allen Varianten. Warum auch nicht, wir trinken jetzt vor allen Vorhaben erst einmal eine nice cup of tea, es entschleunigt ungemein.

Bei Sean James Cameron (Kanal hier) habe ich mich zuerst gewundert, wieso er zwischendurch völlig ungeniert seine Parzellennachbarin filmt, bis mir klar wurde, dass die auch Gartenyoutuberin ist: Vivi. Und Vivi hat eine Begeisterungsfähigkeit, die mich wieder an meine verstorbene Freundin J. erinnert, so Menschen, die sich vor Freude über eine Pastinake gar nicht mehr einkriegen, ich finde das ja sehr belebend. Hier ein beispielhafter Film von Vivi, in dem sie eine pappeinfache Suppe kocht, sich dabei aber über alles so freut – man möchte sie sofort als Nachbarin haben und ab und zu bei ihr in der Küche sitzen. Die Suppe muss schmecken, schon wegen der Freude, die sie daran hat.

Beifang vom 04.11.2017

Luna bloggt jetzt auch.

Und Liva schreibt über die irren Erwartungen an das Jahr nach der Schule.

Bevor es in den Kommentaren zum letzten Text untergeht, eine Leserin empfahl dort diesen faszinierenden Sportfilm: “Extreme Wheelbarrowing”.

Der Spiegel mit einer vernichtenden Kritik an den Bahnhofsplanungen in Hamburg

Und apropos Verkehr in Hamburg, da gibt es etwas Neues: Ampeln auf Autobahnauffahrten. Da sich aber enorm viele hier nicht mehr für rote Ampeln interessieren, werden die vermutlich auch egal sein.

Der Klimawandel in Kiribati.

Der Klimawandel in Alaska.

Der Klimawandel und die Gesundheit.

Don Dahlmann über Löhne, Bürgergeld und warum sich nichts ändert.

Und nun noch Lhasa mit “Rising”.

Gehört

Ich mache noch etwas weiter damit, im Vorbeigehen gehörte Sätze und Dialogtrümmer hier zwar ohne Kontext aus der Situation, aber doch mit etwas Gedankengarnitur wiederzugeben. Es ist in den letzten Wochen allerdings nicht viel zusammengekommen, vielleicht liegt es an der Jahreszeit, vielleicht habe ich gerade einfach kein Sammlerglück.

Dafür gibt es vorweg zwei schöne Beispiele für Sätze oder Wörter, die falsch gehört wurden.

Die Söhne interessieren sich gerade für die Sportart Parkour, es gibt demnächst sogar ein Probetraining. Ein anderes Kind aus dem Bekanntenkreis, so hörten wir, macht das auch, schon länger sogar. Allerdings passten die Erzählungen dieses Kindes so überhaupt nicht zu dem, was wir uns unter Parkour vorstellen, das war alles eher abwegig. Mit Verbeugung vor Trainingsbeginn? Hä? Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden haben, dass das andere Kind gar nicht Parkour macht – sondern Pa-Kua, eine Kampfsportart. Pa-Kua, Parkour, zumindest für Norddeutsche ist das überhaupt nicht unterscheidbar. Wir treffen uns an der Parkuhr, wir gehen zum Pa-Kua und dann noch zum Parkour. Meine Güte.

Ebenfalls wunderschön war ein Verhörer von Sohn II, dem ich etwas damit erklärte, dass es aus Tradition so gemacht wird, wie es gemacht wird. Er verstand nicht “… das wird aus Tradition so gemacht”, er verstand “… drei Idioten haben das gemacht”. Und wenn das keine wunderschöne Definition für die Tradition ist? Wir haben das sofort in die Familiensprache übernommen. Das gehört alles so, das haben schon drei Idioten so gemacht. Großartig.

Ansonsten im Vorbeigehen auf der Straße von großen Vorhaben gehört:

“Wenn wir heiraten, dann fliegt jeder von der Party, der Stress macht. Ob nun aus deiner oder aus meiner Familie.”

“Haha.”

Manchmal hört man auch Sätze, da möchte man spontan stehenbleiben und einen kleinen Vortrag aus dem Stegreif halten, aber man ist ja nun einmal nicht zuständig:

“Später, wenn ich erst Kinder habe, dann wird alles einfacher.”

Und goldene Lebensregeln, wohlfeil wie eh und je:

“Es ist ja so, du musst es einfach machen. Du machst es oder du machst es nicht. Mehr ist es nicht. Mehr ist es nie.”

“Ach, ich weiß nicht.”

Und manchmal Sätze aus höchst realen Kurzgeschichten, irgendwo aus dem vorderen Drittel, die Spannung nimmt gerade Fahrt auf:

“Willst du das wirklich machen, Birgit, willst du das wirklich machen? Jetzt gehen?”

Im November wird weiter gesammelt.

Die Herzdame veranstaltet ein Kettensägenmassaker

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, brrmmmm, brrmmm.

Ich bin auf den Geschmack gekommen. Seit einiger Zeit. Genau genommen, seitdem wir uns für einen Garten entschlossen haben.

Aufgewachsen als Tochter eines Bauunternehmers und zwischen Baumaschinen hatte ich schon als Kind eine Leidenschaft für Bagger und schweres Geschütz. Aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen bin allerdings nie damit gefahren, was wahrscheinlich zum Kindheitstrauma geführt hat. Denn wer mich kennt, der weiß, dass es mein größter Traum ist, endlich einmal Bagger zu fahren. Oder noch lieber Bobcat (keine bezahlte Werbung).

Darüber hinaus habe ich während meiner Kindheit auf dem Bau aber eigentlich nichts wirklich Brauchbares gelernt. Leider. Ich kann gerade mal einen Nagel krumm in die Wand schlagen und habe dabei auch noch Angst, etwas kaputt zu machen. Da ich dazu noch einen Mann geheiratet habe, der zwar mit Füller und Bleistift umgehen kann, sonst aber zwei linke Hände hat, wird in unserem Haushalt quasi gar nicht gehandwerkt. Sehr zum Bedauern von Sohn 2, der gerne und sehr kreativ mit Hammer und Schrauber hantiert.

Ich bin auch immer wieder erschüttert über unsere Beziehung, zwei Handwerkerkinder, die nichts können. Egal …

Als wir uns mit dem Thema Strebergarten befasst haben, habe ich mich auch gedanklich intensiv damit auseinandergesetzt, dass man dann nicht alles extern machen lassen kann und irgendwie selbst ran und dazulernen muss. Nun habe ich mir einen Ruck gegeben und gleich mal mit der Kettensäge angefangen.

Freunde von uns haben sich ein Wochenendhaus auf dem Land gekauft, welches sie gerade zum Großteil selbst komplett renovieren. Anfangs fand ich es ziemlich meschugge, dass sie die Bruchbude nicht einfach abreißen und neu bauen. Soo viel Arbeit! Mittlerweile habe ich aber kapiert, dass das ja der Witz ist … selbst zu renovieren. Und so sind wir auch schon ein paar Mal damit hingefahren und haben mitgeholfen.

Weil aber immer nur Rasenmähen und Steineschleppen auf Dauer uncool ist, habe ich darum gebeten, dort Kleinholz zu machen. Mit der Kettensäge. Natürlich.

Brrrrmmmm brrrrmmm

A post shared by Maret Buddenbohm (@hildchen77) on

Und weil das so ein befriedigendes Gefühl ist, wenn der Holzhaufen zentimeterweise kleiner wird, und weil es toll ist, wenn man sich körperlich verausgabt, und weil es so befreiend ist, wenn man bei seiner Arbeit mal nicht nachdenken muss, bin ich jetzt voll auf den Geschmack gekommen und möchte das öfter machen.

Weil man aber nach der Arbeit nicht immer aufs Land rausfahren kann, habe ich mir jetzt bei uns im Garten was für die Kettensäge gesucht: Die Koniferen.

Auf unserer Parzelle haben wir 10, in Worten „zehn“ Koniferen. Und wo die Koniferen stehen, wächst kein einziger Grashalm mehr. Deshalb spricht man davon wahrscheinlich auch als Friedhofsbaum. Alles drumherum ist tot. Nicht nur auf dem Friedhof.

Außerdem hat unser Vorgänger einen Großteil der Koniferen als Sichtschutz direkt vor der Laube gepflanzt. So dicht, dass absolut kein Licht mehr reingekommen ist. Wobei ich mich da frage, wozu er dann überhaupt Fenster in die Laube gebaut hat. Egal, die Koniferen müssen weg.

Jetzt hätte es natürlich auch die Möglichkeit gegeben, wieder mal jemanden damit zu beauftragen. Oder vielleicht den Abrissunternehmer, der hoffentlich bald mal die Laube abreißt, das auch machen zu lassen. Aber das ist unsportlich. Das kann man ja auch selbst machen, dafür muss man niemanden bezahlen.

Der Ehrgeiz hatte mich gepackt und ich habe mich kurzerhand mit unserem Kettensägen-Freund verabredet und brrrrmmmm … Kettensägenmassaker.

Die ersten drei von zehn Koniferen haben wir geschafft. Angefangen haben wir mit den beiden direkt vor dem Fenster unserer Laube. Ehrlich gesagt, hatte ich anfangs dann schon noch ein bisschen Angst, dass es mir vielleicht doch nicht so gefallen würde, wenn alles gerodet ist.

Ich habe mir das nach dem ersten gefällten Baum noch mal genau angeschaut, aber es war alles richtig so. Der Blick durch den Garten auf die Laube… eigentlich schade jetzt, dass sie abgerissen wird. Mit ein bisschen Farbe könnte sie noch ganz hübsch werden.

Und drinnen erst! Da hat man jetzt richtig Tageslicht. Und einen tollen Ausblick auf den Garten. Das müssen wir unbedingt bei der Ausrichtung der neuen Laube berücksichtigen.

Hier kann man sich bei Instagram durch die Vorher-/Nachherbilder klicken:

Und es werde Licht! #Kleingarten #Schrebergarten #Garten #BillerhuderInsel

A post shared by Maret Buddenbohm (@hildchen77) on

Und wo wir gerade so gut dabei waren, haben wir uns auch sofort an die größte Konifere im Garten gemacht. Immer alles sportlich angehen!

Es war nicht ganz einfach, da die Konifere doch deutlich größer war als wir. Aber wir haben es dann zu zweit geschafft, sie Stück für Stück umzulegen. Ein bisschen schade war es dann, dass es so stark zu regnen anfing, dass wir abbrechen und den Stumpf stehen lassen mussten. Jetzt dient er den Söhnen als Kletterbaum und Hochsitz. Ich befürchte, er wird auf ewig da stehen bleiben müssen.

Da musste ich also erst fast Ende 30 werden, um meinen ersten Baum zu fällen. Und das fühlt sich richtig gut an. Brrrmmm.

Frauen bei der Arbeit:

Frauen bei der Arbeit #Kettensäge #Kleingarten #Schrebergarten #Garten #BillerhuderInsel

A post shared by Maret Buddenbohm (@hildchen77) on

Hier kann man sich bei Instagram durch die Vorher-/Nachherbilder klicken:

#BillerhuderKettensägenmassaker #Kettensäge #Schrebergarten #Kleingarten #Garten #Billerhuderinsel

A post shared by Maret Buddenbohm (@hildchen77) on

Sämtliche Sicherheitsbelehrungen über fehlende Ausrüstungsgegenstände und Sicherheitsvorkehrungen sind übrigens schon reichlich durch den Gatten erfolgt. Mehrfach.

PS: Beim Schreiben dieses Blogposts musste ich an den Horrorfilm „Texas Chainsaw Massacre“ denken und weil ich dann mal „kurz“ recherchieren musste, ob ich den Film in meiner Jugend eigentlich gesehen habe und wenn ja, worum es da noch ging, bin ich dann die nächsten zwei Stunden im Internet hängen geblieben und habe die Trailer sämtlicher Splatterfilme gesehen. Um dann festzustellen, dass ich offensichtlich ziemlich wenig dieser Filme geguckt habe und auch nicht das Bedürfnis habe, dieses jemals nachzuholen.

PPS: Als ich Sohn 2 dann am nächsten Abend zu Bett brachte, in sein Hochbett kletterte und dann am Regal, an der weißen Wand, am Bettrahmens und auf dem Bettlaken die weiträumig verteilten Blutspritzer des letzten Niesers mit Nasenbluten sah … brrrmmmm.

Beifang vom 02.11.2017

Es ist gerade nicht so einfach, weswegen hier ungewöhnlich lange nichts erschienen ist, nun aber doch wenigstens ein paar Links. Das ist ja kein Zustand, so ganz ohne Blog.

Lars Fischer über die Pest: “Wir werden alle sterben”.

Eine Dachfarm in New York. So etwas gibt es meines Wissens in Hamburg noch nicht, auch erstaunlich. Oder ich bekomme wieder nichts mit.

Ein Nachruf auf die Rowohlt-Monographien, die Älteren erinnern sich.

Thalia als Muse der Mafia.

Auf Twitter wurde die Herzdame um einen bebilderten Produkttest zur Guldkannan gebeten. Wobei ich mittlerweile so im Gartenwahn bin, ich finde das Produkt durchaus einleuchtend. Der Preis ist allerdings etwas gaga.

Sie haben keinen Fährmann mehr.

Es übersteigt mein musikalisches Wissen dramatisch, aber ich lese dennoch gerne solche Erklärungen zu Liedern, die ich kenne.

Ein Filmverriss. Ich habe mich beim Titel verlesen und war zuerst bei “Barbie – die Magd der Delfine”, seitdem habe ich allertrashigste Drehbuchfantasien. Schlimm.

Und gerade gefunden: Jan Johansson. Man müsste Klavier spielen können, müsste man nicht?

Beifang vom 24.10.2017

Anton Tschechows kurzes Leben.

Gabriel Kords in der Zeit über die weggebrochene A20. Ein wenig Schwund ist eben immer.

Diese Buchbesprechung klang interessant. Da geht es auch um Beerdigungen, und es wird bald November, da sind Beerdigungen natürlich ein legitimes Thema, das passt schon. Ich habe deswegen gerade im Blog gesucht, wann eigentlich J. gestorben ist, darüber habe ich damals geschrieben und guck, das ist schon so lange her. Und tut immer noch weh. Ich stelle mir heute noch bei ganz vielen Situationen vor, wie sie das finden würde, was sie wohl sagen würde. Damals hat ihr Bruder, der beruflich Zauberer ist, was auch wieder so absurd klingt, dass es wunderbar zu ihr gepasst hat, die Trauerrede gehalten. Das war die traurigste Rede, die ich je gehört habe, und er hat sie geradeaus durchgesprochen, ganz langsam, ganz bedacht, ganz bemüht, zusammengerissen und sehr konzentriert. Das schreibe ich nur auf, weil mir gerade bewusst wird, dass das eine der großen Heldentaten war, die ich erlebt habe. So eine Rede zu halten. Und durchzuhalten. Wie außerordentlich beeindruckend. Kann man sehr viel anderen Quark dagegen vergessen, gegen solche Leistungen.

Ansonsten lasse ich mir zwischendurch von Charles Dowding das Gärtnern erklären, schon weil er so entzückend “Kohlrabi Superschmelz” mit britischem Akzent sagt. Lovely, isn’t it? Für Menschen ohne Garten natürlich vollkommen uninteressant, schon klar.

Jetzt aber noch Musik. Dave Brubeck Quartet: La Paloma Azul. Auch so ein Stück, das ich jedes Jahr schöner finde. Wirklich gepflegte sieben Minuten.

Beifang vom 23.10.2017

Bei der GLS Bank habe ich einige Links zum Thema Plastik zusammengestellt. Mit Staat Nummer 194! Wo doch Autonomiebestrebungen gerade so in sind.

Das Papa-Glücksgeheimnis.

Eine lange Geschichte über ein Hochhaus.

Silke van Dyk über die Postwachstumsökonomie.

Christoph Koch zur Frage, ob die sozialen Medien die Welt verbessern oder nicht.

Und nun ein englisches Lied aus dem letzten Jahrhundert mit spanischen Untertiteln in seltsamer Typo. Warum auch nicht.

Der Erlkönig, neue Version

Ein Text von Jojo Buddenbohm, auch bekannt als Sohn I, zehn Jahre alt.

Mein Vater hat mir den Erlkönig von Goethe vorgelesen, das habe ich hier neulich ja auch schon als Rap empfohlen. Ich finde das Gedicht cool, aber es hat ein schlechtes Ende, das gefällt mir nicht. Papa und ich haben es daher umgedichtet. Nach einiger Zeit kamen wir darauf, dass man nur eine einzige Zeile ändern muss, damit das Gedicht viel besser und friedlicher endet.

Wir sagen ab jetzt nur noch unsere Version des Gedichts auf. Man kann alles so lassen, “Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, das ist der Vater mit seinem Kind …” und so weiter und das ganze Gedicht in der bekannten Form durch bis zu den beiden letzten Zeilen. Und da dann:

“Erreicht den Hof mit Müh und Not –

Und schmiert dem Sohn ein Käsebrot.”

Wir gucken uns demnächst noch weitere Gedichte an.

 

Beifang vom 20.10.2017

Die Sache mit der schlechten Luft in norddeutschen Städten und den ausbleibenden Lösungen: “Es fehlt nicht am Weg, es fehlt eher am Willen.”

Das Stadtradsystem in Hamburg soll ausgebaut werden.

Eine neue Ausgabe von Keiner davon ist witzig”.

Eine Busgeschichte.

Eine Fluggschichte.

Eine Zuggeschichte.

Ich bin gestern auch Zug gefahren, das dritte Bahndesaster in diesem Jahr. Oder, wie die Zugbegleiterin sagte: “Einmal die Fahrscheine bitte. Oder eher die Standscheine, haha!” Sehr lange in Schleswig-Holstein sinnlos herumgestanden, 40 Minuten mit Blick auf Brombeergestrüpp und Brennnesseln, so gesehen hätte es schlimmer werden können, immerhin war das Natur, keine Großstadtbrache. Ab und zu verzweifelte Durchsagen des Lokführers, “ich weiß auch nicht, wann wir wo ankommen, aber keine Sorgen, wir haben einen Schlafwagen dabei.” Dann Weiterfahrt fast in Schrittgeschwindigkeit, man konnte immer noch die Brombeerranken vor dem Fenster zählen, die Stäbe an den Brückengittern (146!), die herbstlichen Birken am Bahndamm, die Kühe auf den Weiden. Das alles in historisch anmutenden Waggons, die Mitreisenden und ich versuchten, sie dem richtigen Jahrzehnt zuzuordnen, das war gar nicht so einfach. Ein Aufkleber innen an der Abteiltür, auf dem gebeten wurde, zur eigenen Sicherheit doch bitte die Tür zu verriegeln. Daneben baumelte tatsächlich eine Kette, wie man sie von Wohnungstüren kennt. Hinter Pinneberg war dann das Netz weg, wie immer, warum soll man nicht einmal in Ruhe Birken zählen, digital Detox und so. Aber unterm Strich – es geht mit der Bahn eher abwärts, geht es nicht?

Der Musiktipp kommt heute von der Herzdame, Buridane mit Badaboum.

Die Sache mit den drei Astscheren also

Als wir im Sommer den Garten übernommen haben, hatten wir keine Ausrüstung dafür, wirklich gar keine. Keine Harke, keinen Spaten, keine Gießkanne, gar nichts. Ich hatte auch mangels jeglicher Kenntnis keine genaue Vorstellung, was man für einen Garten alles so braucht, es schien mir aber auf jeden Fall teuer zu werden, immerhin hatten die Nachbarn in der Gartenkolonie ganze Schuppen voller Gerätschaften. Teilweise sogar recht große oder gar mehrere Schuppen. Wir beschlossen also, die Gartengeräte nicht neu, sondern bei Ebay-Kleinanzeigen zu kaufen. Die Herzdame schrieb bereits einmal darüber, glaube ich.

Ich hatte mit dieser Plattform vorher keinen Kontakt gehabt, sie ist natürlich auch wieder eine Welt für sich und man könnte darüber wunderbare Witze machen, die aber durch die Bank schon gemacht worden sind, wie mir scheint. Das Netz ist voll von lustigen Verkäufer- und Käuferklassifizierungen, von falschen Zustandsbeschreibungen etc. Lassen wir das also, keine Scherze über Ebay. Zumal es in unserem Fall auch gar keinen Grund zum Scherzen gab, eher im Gegenteil, denn es zeigte sich, dass gerade Gartengeräte nicht selten von Menschen verkauft werden, die den Hausstand von Verstorbenen auflösen. Und das ist nicht lustig, wenn man etwa in einer Hochhauswohnung steht, in der jemand mit dem versteinerten Gesicht der Trauernden vor großen Gartengerätschaften steht, die in diesem kleinen Flur grotesk fehl am Platz wirken, wenn dieser Mensch stöhnend etwas räumt, etwas stapelt, etwas sucht und dabei murmelt: “Er hat doch auch noch eine andere Astschere gehabt.” Und man schließt dann erst langsam, dass er wohl nicht mehr da ist, man erfährt noch, dass er mit seinen Geräten immer sehr gut umgegangen ist und wo sein Garten war, wie groß und schön der immer war, die Äpfel! Man sieht im angrenzenden Zimmer ein Stück vom Pflegebett, in dem er gelegen hat – und mehr wird man zu ihm niemals erfahren. Aber man geht immerhin mit seiner Astschere aus dem Hochhaus und lässt trauernde Menschen zurück, die seufzend weiter Reste verräumen, die er ihnen hinterlassen hat und die darauf warten, dass die Stapel in den Zimmern und im Flur bald kleiner werden.

Es war einer der wenigen warmen Tage in diesem Sommer, als ich im fernen Norden der Stadt auf diese Art gleich drei Astscheren kaufte, unhandliche Riesengeräte, bestens gepflegt. Eine war zwar vorne an der Schneide etwas kaputt, aber damit hatte er dennoch weiterhin gearbeitet, wie die Tochter sagte, die ging schon noch, die Schere. Und ob ich nicht noch? Sie zeigte auf zahlreiche andere Geräte, die ich teilweise nicht einmal erkannte, alle merkwürdig sauber, als wären sie nie in einem Garten gewesen. Nein, ich wollte nicht noch mehr, ich wollte diese drei wirklich günstigen Astscheren, mit denen er so gut umgegangen ist. Ich zahlte und ging. Die Tochter scrollte durch ihre Ebay-Liste: “Es ist immer noch so viel.”

Eine der Astscheren ging immer wieder auf, sie ließ sich wegen ihrer Größe schlecht greifen. Es war viel schwieriger als gedacht, drei große Astscheren durch die Gegend zu tragen. In meinen Rucksack passten sie nicht und ich merkte zu spät, dass er eine der Scheren vor nicht allzu langer Zeit noch geölt hatte. Ich kam aus dem Büro und trug ein weißes Hemd, das schon nach ein paar Schritten schwarzverschmiert war. Ich kam mir albern vor, wie ich da erfolglos versuchte, diese drei Riesenscheren zu bändigen, mir wurde allmählich heiß und der Weg zum S-Bahnhof war weiter als gedacht. Ich merkte, die entgegenkommenden Leute auf dem Fußweg fingen an, mich seltsam anzusehen. Dem Schild an der Kreuzung nach zu urteilen, war das außerdem gar nicht der Weg zum Bahnhof.

(Fortsetzung folgt. Ich baue jetzt einfach wieder jeden Morgen eine halbe Stunde Schreibzeit ein.)