12 von 12 im Juni

In den letzten paar Monaten habe ich 12 von 12 nicht geschafft, vielleicht gelingt mir die regelmässige Teilnahme jetzt wieder. Wer es nicht kennt: Hier ist die Erklärung und hier sind die anderen 12 von 12 aus diesem Monat.

Am frühen Morgen gelingt mir ein überaus erstaunliches Bild, es sieht darauf so aus, als sei diese Wohnung aufgeräumt und halbwegs dekorativ hergerichtet. Das Gegenteil ist der Fall, aber uns bleibt jetzt immer dieses Bild. Voll schön.

Sohn II absolviert schon vor der Schule Lesezeit, ich berichtete bereits von den dafür auszumalenden Bären. Die Motivation hält.

Ich bringe Sohn I zum Start seiner Klassenfahrt. Er reist mittlerweile häufiger als der Rest der Familie, es ist interessant, wie früh sich so etwas Bahn bricht. Wo man doch meinen sollte, ein Kind in dem Alter könne so etwas kaum beeinflussen – aber die Umstände fügen sich oft elegant so, dass er unterwegs sein kann.

Ich fahre nach Mölln, wo ich ein- bis zweimal im Monat arbeite, die Firma hat dort einen weiteren Standort, hier im Bild der Parkplatz. Während ich früher gerne über Mölln gelästert habe, Kaff am Arsch der Welt eben, finde ich es heute dort ganz nett. Die Firma liegt quasi im Wald, wenn ich dort parke, steht manchmal ein Reh auf dem Parkplatz, das mir erst dann huldvoll Platz macht, wenn ich langsam näher rolle. Es riecht am Morgen nach Sommerregen, nach nassem Holz, Moder und Erde, es riecht sehr, sehr anders als in Hamburg-Mitte. Ich steige aus und finde alles schön. Schöner Wald, schönes Reh, schöne Morgenstimmung. Wenn man schon altersmilde wird, sollte man es auch geniessen – und ich nicke dem Reh vom Dienst betont freundlich zu.

Wieder in Hamburg gehe ich im Auftrag von Sohn II einkaufen, es gibt schon wieder Weißwurst. Vielleicht gibt es jetzt auch wochenlang Weißwurst, das wird noch zu verhandeln sein. Auf dem Gehweg steht wieder alle paar Meter “Frei sein”, eine Dame malt das hier seit mittlerweile vielen Monaten überall hin, es soll Kunst sein. Natürlich halten das nicht alle für Kunst, natürlich gibt es in den Facebook-Gruppen des Stadtteils wüste Kommentare und Unfreundlichkeiten aller Art zum Thema. Neulich stand ich daneben, als die Polizei dieser Dame erstaunlich ruppig drohte, die Kreide demnächst sicherzustellen, das sei ja immerhin eine Ordnungswidrigkeit, diese Kreideschmiererei. Nun ja.

Ich singe ebenso verstimmt wie situationsbedingt beim Einkauf Teile einer alter Weise:

“Es regnet sehr und er ward –
nass.”

Und das Schaf auch.

Dann ein dringend notwendiger Rettungskaffee beim Portugiesen. Neben mir sitzen ein Vater und eine Tochter und unterhalten sich, sie sprechen Englisch. Nur eine deutsche Vokabel fällt, von beiden ganz selbstverständlich in den Redefluss eingebaut: “Schweinebaumeln.” Das ist natürlich ein wichtiges deutsches Wort, das kann man sofort nachvollziehen. Aber ob es keine englische Entsprechung hat?

Zwischendurch immer Laternenpfähle lesen, man könnte sinnvolle Hinweise finden. So wie den hier.

Bevor ich Sohn II an der Schule treffe, kann ich einer seltsamen Lieblingsbeschäftigung nachgehen, die andere nur begrenzt nachvollziehen können: Ich räume gerne das Kinderzimmer auf. Allerdings nur dann, wenn keine Kinder darin sind und widersprechen können. L’Ordnung, c’est moi.

Eigentlich lese ich ja was anderes, allerdings liegt der Kipling ganz dicht daneben, da muss ich also auch einmal schnell hineinsehen, es ist wirklich fatal. Nur ein paar Seiten! Das Buch ist neulich irgendwo – weiß der Teufel wo – jubelnd besprochen worden, deswegen ist es auf dem Nachttisch gelandet.

Das von Sohn II bestellte Abendessen, für Bayern ist das natürlich so nicht vorzeigbar, schon klar. Als Norddeutscher ist man da etwas freier. Ich stelle außerdem fest, dass die Herzdame leider auch Weißwürste gekauft hat. Es wird also in Kürze noch einmal Weißwürste geben müssen. Hm.

Der Rest des Tages wird mit Bildbearbeitung für die nächste Folge von “Was machen die da” verbracht. Es wird Bilder geben, die haben Sie so noch nie gesehen, wage ich einmal zu behaupten. Aus Gründen.

Nebenbei frisch auf Youtube gefunden: Eine Live-Aufnahme von Summer Wine, die ich noch nicht kannte.

Der Mensch braucht achtzehn Sorten Milch

Der Familienalltag folgt hier wie überall auch den Gezeiten der pädagogischen Ambitionen der Eltern. Mal verebbt alles in einem gelassenen Laissez-Faire, mal schlägt die Flutwelle der guten elterlichen Absichten über den Söhnen zusammen, dass denen Hören und Sehen vergeht. So auch jetzt gerade, denn es wird mit Macht und Einsatz die hohe Kunst des Einkaufens vermittelt. Und das kam so: Im Matheunterricht eines der Söhne ging es um Preise für Lebensmittel, ums überschlägige Rechnen und auch ums Ermitteln von Gesamtpreisen, also was kostet ein Kuchen mit folgenden Zutaten und dergleichen Aufgaben mehr. Die Eltern wurden gebeten, mit den Kindern ab und zu im Laden etwas zu addieren. Das war der eine Aspekt.

Ein weiterer Aspekt bestand darin, dass ich bisher der alleinige Einkäufer in der Familie war, denn die Herzdame und ich haben eine ebenso seltsame wie strikte Art der Aufgabenverteilung. Ich kaufe ein, sie nicht. Das ging auch jahrelang gut, allmählich merke ich aber, dass die Söhne erheblich größer geworden sind und jetzt wesentlich mehr verbrauchen, in Wachstumsphasen auch gerne so viel wie gewisse Raupen in Bilderbüchern. Sie essen also mehr, sie trinken mehr – und ich schleppe immer alles ran. Als fast durchgehender Autoverweigerer natürlich zu Fuß oder mit dem Rad. Und ich war mit dieser täglichen Schlepperei allmählich ein klein wenig unzufrieden.

Also habe ich den erstaunten Söhnen am letzten Montag kurzentschlosssen verkündet, dass sie in den nächsten Wochen für das Einkaufen zuständig sein werden. Sie haben bitte ab sofort festzulegen, was hier gegessen werden soll, wozu eine gewisse und immer gleiche Summe pro Tag zur Verfügung steht, die in der Höhe zwar etwas sportlich, aber auch nicht zu spartanisch festgelegt wurde. Sie können pro Tag gerne etwas mehr oder auch weniger ausgeben, über eine Woche gerechnet muss es aber hinkommen, da freut sich dann nämlich auch die Mathelehrerin. Sie müssen natürlich nicht jeden Tag alles selbst kaufen, wir können das gerne zu dritt erledigen oder irgendwie aufteilen, wie auch immer. In jedem Fall brauche ich aber einen Einkaufszettel, der von ihnen definiert wurde, mehr wird einfach nicht gekauft. Wochenrestguthaben, das ist ganz wichtig, werden auf die nächste Woche angerechnet und verwandeln sich nicht etwa in Taschengeld. Das ist deswegen festzulegen, weil die Söhne sonst plötzlich sechs Tage von Knäckebrot und Leitungswasser leben und am Sonnabend je zehn Fidget Spinner und etliche Pokémonkarten kaufen gehen würden. Das möchte ich aber nicht, denn ich neige zu Hunger und Appetit zwischendurch.

Das also war die Ausgangslage. Wir haben noch definiert, dass es bei all dem nur um Lebensmittel geht, nicht um Sachen aus dem Drogeriemarkt und Sonstiges. Und wir haben festgelegt, dass wir nicht von Schokolade und Gummibären leben wollen. Zumindest nicht komplett.

Es folgte eine Woche voller interessanter Erkenntnisse. Wenn ich mich zum Beispiel kategorisch weigere, irgendwas zu kochen, was nicht von den Kindern vorgeschlagen wurde, entwickeln sie tatsächlich brauchbare Ideen. Pellkartoffeln mit Quark, spottbillig und gesund, doof sind sie ja nicht. Am nächsten Tag dann Backofenkartoffeln mit Dip, also gleich die Kartoffeln und den Quark aufgebraucht, wirklich recht clever. Dann Weißwurst mit Krautsalat, süßem Senf und Laugenbrezeln, alles Fertigprodukte, aber alles noch voll im Preisrahmen. Im Preisrahmen, den sie, das war eine große Überraschung, mit anderen Fertigprodukten aber nicht eingehalten hätten. Tiefkühlpizza für vier richtig hungrige Personen? Gar nicht mal so billig! Dann doch lieber selber kochen. Auf dem Einkaufszettel standen auch die Sachen, die wir für die Schulbrote brauchen, dabei wurde ebenfalls gespart. Es geht plötzlich ohne jeden Schnickschnack in den Brotdosen. Sie kaufen weniger ein, als ich routinemäßig einkaufen würde. Die Schränke leeren sich ein wenig. Wer Vorräte aufbraucht, der gibt nichts aus.

Die Kinder gehen durch die Gänge des Supermarktes und rechnen, sie verzichten auf etliche Sonderwünsche. Sie betrachten Sparen als Erfolg und gewinnen eine Vorstellung, was was kostet, das ist alles pädagogisch ganz prächtig. Ich mische mich nur begrenzt ein. Wenn etwas falsch gekauft wird, besprechen wir das hinterher. Die Kinder kaufen Apfelsaft, sie nehmen aber den schlechtesten zum höchsten Preis, der hatte eben die hübscheste Verpackung. Was hängt da inhaltlich alles dran? Der Unterschied zwischen Direktsaft und Konzentrat, die Sache mit dem Marketing und der Werbung, die Sache mit dem Preisvergleich und die Frage, was man eigentlich will und worauf man reagiert. Bio, regional, lecker, billig, hübsch verpackt, groß, klein, mit Zuckerzusatz und immer so weiter, die Aspekte hören gar nicht mehr auf, wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken. Man geht gar nicht mal eben so schnell einkaufen, man denkt nur, dass man das tut. In Wahrheit ist das ein ungeheuer komplexer Vorgang.

“Und warum kaufen wir überhaupt Apfelsaft, Papa?”

“Ja, Himmel, weil ihr den jeden Tag trinkt!”

“Müssen wir nicht. Kostet nur Geld, so wichtig ist der gar nicht, Wasser geht auch.”

“Ach was?!”

Ein Sohn geht Milch kaufen, in dem Laden stehen zwei Sorten, das kennt er schon. Da weiß er, was er nehmen soll, nämlich die Packung mit der richtigen Prozentzahl drauf. Am nächsten Tag geht er aber in einen anderen Laden, in unseren Edel-Edeka, da stehen achtzehn Sorten Milch. Achtzehn Sorten, ganz im Ernst, ich habe das nachgezählt. Inklusive lactosefreier Spezialmilch, Hafermilch, Heumilch, Buttermilch, Regionalmilch, Biomilch, Bioregionalmilch, Billigmilch, Noname-Milch und immer so weiter, achtzehn Sorten lang, zwei Meter Milch. Was zum Teufel nimmt man da? Und warum gibt es die alle, braucht die jemand, brauchen wir als Gesellschaft die? Die stehen da, weil sie jemand kauft, weil wir so überaus feinsinnige Konsumenten sind oder weil wir offensichtlich keine anderen Probleme haben, man kann das böse oder gelassen betrachten. Achtzehn Sorten Milch, und bei einer Blindverkostung wird der Geschmack dann achtzehnmal zutreffend als milchig bezeichnet.

“Als ich klein war, da gab es einfach nur Milch, wir hatten ja nichts.”

“Ja, Papa, früher!”

Wenn wir Erwachsenen einkaufen gehen, entscheiden wir mal eben nach Weg und Zeit, in welchen Laden wir gehen. Wir entscheiden nach Preis und Erfahrung, welches Produkt in Frage kommt, im Hintergrund des Kopfes spielen sicher auch moralische Aspekte und Meinungen eine Rolle, irgendwelche Überzeugungen. Der Konzern da ist böse, der Discounter ist blöd, im Bioladen sind alle zu langsam, generell lieber kleinere Hersteller, aber ach guck, ein Sonderangebot, und ach guck, das da kenne ich ja noch gar nicht und das da gab es doch neulich bei X, das hat saugut geschmeckt und das da gibt es jetzt neuerdings als Hausmarke, kann man ja mal probieren. Einkaufen ist irre kompliziert und ich verhalte mich nicht geradlinig dabei.

Wir oft folge ich meinen Überzeugungen und weiß ich genau, wann ich das nicht tue, ist das dann Absicht, ist das Nachlässigkeit, Ignoranz, Zeitknappheit, Budgetknappheit? Warum kauft man eigentlich manchmal falsch ein oder doch nur so mittelrichtig? Und bei bestimmten Produkten aber immer goldrichtig? Weil das Craftbeer einfach besser schmeckt, weil der Laden eben auf dem Weg lag, das sind doch im Grunde schwache Antworten, die man sich da selbst geben muss. Man kann alles noch einmal neu durchdenken, wenn man es Kindern beibringt, denn die merken ja sofort, dass man sich nicht an die eigenen Regeln hält, die man so wortreich erklären kann. Also von vorne nachdenken, warum auch nicht. Ich finde das immer noch gut, auch seine Prioritäten im Alltag kann man ruhig einmal aufräumen.

Heute gab es Hühnersuppe, morgen gibt es asiatische Bratnudeln, vom Speiseplan her ist das Programm bisher gut auszuhalten. Im Schrank steht jetzt ein sehr großes Glas Nutella, das stand da vorher nicht. Unterm Strich bin ich mehr als zufrieden mit der ersten Woche.

An der Fleischtheke stand vor uns ein junger Mann, der bestellte nicht etwa zwei Rumpsteaks, der bestellte: “Zwei so Slices vom Rind.” Der Sohn neben mir hörte es und sah mich fragend an. Wir haben wirklich noch viel zu klären in den nächsten Wochen. Sehr viel.

Väter und Söhne am Boden

Nein, das hat mit dem Familienleben gar nichts zu tun. Mir fiel nur gerade ein, dass “Väter und Söhne” von Turgenew das Buch ist, das ich eigentlich gerade lese. Seit etwa einem Jahr, glaube ich, wenn nicht sogar länger, wahrscheinlich sogar länger. So lange habe ich es jedenfalls nicht in der Hand gehabt, aber ich weiß doch noch ungefähr, wo ich gewesen bin, als ich es zuletzt weggelegt habe. Nein, wo ich bin, denn ich bin ja noch beim Vorgang des Lesens. Irgendwie.

Neben meinem Bett liegt der Stapel ungelesener Bücher, da liegen die Väter und Söhne ganz unten, die sind das Fundament des Turms. Mein Problem ist, dass ich bei neu erworbenen Büchern zwanghaft immer direkt nach dem Erwerb kurz hineinsehen muss, was dann dummerweise leicht ausartet und mich ein, zwei Kapitelchen weit in die Handlung hineinführt, wo ich dann aber leider auch nicht bleiben kann, weil ich ja weiter Bücher erwerbe oder – Gott bewahre! – auch noch welche aus der Bücherei hole, die ich dann natürlich noch dringender und mit erheblichem Zeitdruck lesen muss, diese Büchereibücher haben also eh immer Vorfahrt vor allen anderen. Wobei es aber auch bei Büchereibüchern vorkommen kann, dass ich in dieser Woche einen Stapel und in der nächsten Woche einen anderen … na, und immer so weiter. Weswegen ich übrigens auch Bücher nie kapiere, bei denen man irgendwo in der Mitte einen entscheidenden Satz mitbekommen und verstehen muss, einen winzigen Hinweis nur, der dann der Schlüssel zu allem ist. Ich scheitere an so etwas ziemlich kategorisch. Genau genommen hoffe ich nur, dass es an einem Leserverhalten liegt, dass ich so etwas oft nicht verstehe. Es kann andererseits auch sein, dass ich einfach etwas dumm bin, das soll man als Erklärungsmöglichkeit nie voreilig ausschließen.

Vielleicht ist mein Leserverhalten auch der tiefere Grund, warum es in den Büchern, die ich gerne lese, fast immer hauptsächlich um Liebe und Familien geht. Da weiß man immerhin nach wenigen Sätzen Bescheid, wenn man wieder quer irgendwo einsteigt, wo man der vagen Erinnerung nach vermutlich schon einmal gewesen ist. Er liebt sie, sie liebt ihn, er sie nicht, sie ihn nicht, sie dürfen nicht, sie können nicht, sie scheitern an sich oder an den Umständen, sie leben in seltenen Fällen glücklich bis ans Ende ihrer Tage und ihren Nachkommen wird eines Tages das alles gehören. Das kann man sich meistens nach drei, vier Dialogzeilen wieder halbwegs zusammenreimen, auch wenn man gerade versehentlich acht Wochen Pause vom Buch gemacht und sich mit einem anderen Paar in einem anderen Roman amüsiert hat.

Aber bei einem Krimi, einem Agentenroman, einem Thriller, einem historischen Roman usw. – keine Chance. Mir sind auch AutorInnen sympathisch, die sich thematisch wiederholen, die an Figuren, Schlüsselszenen und Konstellationen hängen, da liest man dann oft über die Büchergrenzen hinweg auf vertrautem Grund. Ulrich Treichel ist so einer, die Geschichte mit dem verlorenen Bruder, die sich immer wiederholt, in mittlerweile etlichen seiner Bücher. Bei Max Frisch ist es die vergeigte Reaktion eines Mannes auf die Schwangerschaft seiner Frau, die kommt in mindestens drei Büchern von ihm vor, das finde ich gut. Dann verstehen das nämlich auch unstete und flüchtige Leser wie ich. Leitmotive for the win!

Die Väter und Söhne liegen derweil die ganze Zeit geduldig am Boden des Stapels. Ich weiß noch, dass es ein sehr gutes Buch ist. Die beiden männlichen Hauptfiguren stehen gerade im Garten hinter einer Hecke, jemand kommt vorbei und hört einen Teil des Gesprächs. Und dann geht es irgendwie weiter, ich werde es noch herausfinden, doch, doch. Irgendwann.

Beifang vom 06.06.2017

Hüffenhardt und hippe Ernährung: Für die GLS Bank habe ich hier sechs Links zum Wochenanfang zusammengestellt.

“Er sieht nun aus wie eine Figur von Charles Dickens aus einem Londoner Hinterhof kurz nach der letzten Pest, melancholisch und räudig, er könnte einen Zylinder aufhaben und dazu einen schmutzigen Frack.” Nachdenken über Phil Collins. So ein Name, bei dem viele sofort weiterklicken, der Artikel ist aber interessant.

Hier geht es um die ausbleibende Begeisterung von kleinen Großstadtjungs für Autos, ich kann das aus Hamburger Sicht bestätigen: Autos sind doof, uncool, uninteressant. Elektroautos werden bejubelt, kein Lärm, kein Dreck, die sind in Ordnung. Aber sonst: Autos können weg.

Das Moralische muss wieder stark werden”: In der taz werden die Beziehungen zwischen den Hippies, den politischen Richtungen und der Moral untersucht. “Statt des Technokratischen muss das Spielerische, Amateurhafte und Rebellische im Vordergrund stehen.” Im Rahmen meines Projektes “Langhaariger Zausel 2017” begrüße ich natürlich alle Artikel zum Summer of Love.

Zwischendurch auch einmal grandios an einem Buch scheitern! Das Elefantengedächtnis von António Lobo Antunes (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann) überfordert mich komplett, das braucht wesentlich mehr Konzentrationsvermögen, als ich abends zur Zeit noch über habe. Selbstverständlich kann es dennoch ein prächtiges Werk sein, das möchte ich gar nicht ausschließen. Ich würde auch so etwas wie den Ulysses im Moment nicht schaffen.


Stattdessen lese ich jetzt in den Schwierigen von Max Frisch, das ist im Vergleich zum Werk des Portugiesen geradezu locker-flockig geschrieben.


Und zur Belebung zwichendurch ein paar Gedichte, das kann ja nicht schaden. Und die Werke des Herrn Bernstein gehören eh stets auf Wiedervorlage.


Der Musiktipp kommt heute wieder einmal von der Herzdame, sie hat mich ja mit Tipps reich bevorratet, etwa auf zwei Jahre im Voraus. Es spielen zwei musikalisch stets verlässliche Herren:

Kurz und klein

Beifang vom 03.06.2017

Glumm über den Drummer von “Ain’t no sunshine”.  Das Stück hatte ich mal als Klingelton für eine gerade vehement angebetete Dame, fällt mir gerade ein, und die Titelzeile war mehr als passend für unser Verhältnis. Das war noch zu einer Zeit als man stolz war, wenn man so einen individuellen Klingelton selbst eingestellt bekam, und dann noch mit Kontaktzuordnung! Damit war ich technisch damals ganz vorne. Es klingelte allerdings einmal, mit ihrem Namen im Display, während ich mit einer anderen Dame in einem Restaurant saß, zum Zwecke der Beziehungsklärung. Das war dann ein insgesamt eher schwieriger Abend. Nun ja, ich habe zu beiden Damen leider keinen Kontakt mehr. Aber das ist sowieso ein Thema für den November, das hat hier gar nichts verloren. Und heute ruft mich eh kein Mensch mehr an, wer telefoniert schon noch.

Gleich noch ein Stück Kulturgeschichte – die Bad Salzuflener Schule. Wichtig natürlich auch für Hamburg,

Hier geht es um die hohe Kunst der Meinungslosigkeit.

Eine abgefahrene Geschichte aus dem Wirtschaftsteil: In Dänemark gibt es ein Austernproblem.

Patricia über Fidget Spinner. Seit gestern gibt es die auch in diesem Haushalt, ich übe noch Tricks. Man kann damit jedenfalls, um noch eine sinnvolle Anwendung für den späteren Abend beizusteuern, auch Bierflaschen öffnen.

Die 17 Hippies spielen demnächst in Hamburg. Die kamen hier vor längerer Zeit schon einmal vor, das sind die hier:

Mathe, Deutsch, Nerds, Bären

Das Blog geht nach, es geht sogar erheblich nach. Hier kamen beitragswürdige Ereignisse nicht vor, die sind schon Wochen oder Monate her, da liegen hingesudelte Stichwörter auf Halde, zu denen fällt mir mittlerweile schon nix mehr ein. Wieso steht da Milch? Was wollte ich bloß zu Milch schreiben? Oder war das mal ein Einkaufszettel? Ich habe keinen Schimmer. Das liegt diesmal nicht nur am üblichen “Man kommt zu nix”, das liegt diesmal auch an der Schule. Und an den Kindern, eh klar. Der eine Sohn will Hilfe, der andere braucht Hilfe, währenddessen ist Sommer und die Söhne sind draußen im Park oder Gott weiß wo unterwegs, sie sind jedenfalls nicht da, wo man ihnen diese Hilfe angedeihen lassen könnte. Also versucht man permanent, die wenigen freien Stunden, die man überhaupt nur gemeinsam als Familie verbringt, so kunstvoll, verdichtet, qualitätsbewusst und dennoch pädagogisch wertvoll und natürlich auch spaßorientiert auszufüllen, dass man sich schier einen Wolf daran denken kann, wie das bloß hinzubekommen ist. Der Familienterminplan als Gesamtkunstwerk, Eltern kennen das. Und immer diese Versuchung, irgendwie doch wieder an den Randbedingungen des ganzen Konstrukts zu raspeln, aber da gibt längst nichts mehr nach, alles Stahl und Beton, festgefügt und unverrückbar.

Die Söhne haben mittlerweile deutlich mehr Termine als ich, was mich in die seltsame Situation bringt, dass ich hier bald derjenige bin, der für die Kinder Handys haben möchte, noch bevor sie selbst dringend welche haben wollen. Was man natürlich nicht laut sagen darf, aber es macht mich allmählich irre, dass man sich mit ihnen nicht mal eben zwischendurch abstimmen kann, wo das doch so wahnsinnig praktisch wäre. Aber nein, man muss ihnen hinterherradeln und sie erst einmal finden, wenn es irgendwelche unvorhergesehenen Entwicklungen gibt, man muss sich face to face mit ihnen abstimmen. Und das nervt. Ich kann ihnen nicht “Bring Apfelsaft mit” per was auch immer schicken, dabei wäre das eine so große Erleichterung. Je länger ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher finde ich es sogar, dass die Herzdame und ich die Söhne so üppig mit Aufträgen eindecken werden, wenn sie erst Handys haben, dass sie vermutlich schon bald lieber wieder offline und ungebunden durch die Stadt laufen werden. Was natürlich ein pädagogisch ungemein wertvoller Plan ist, keine Frage.

Ein paar der Blogstichwörter landen auf Twitter oder Facebook und manchmal sind da Sachverhalte dabei, die muss ich hier kurz wiederholen, damit sie auch die mitbekommen, die nicht in den sozialen Medien lesen. Wie etwa die wunderbare Rechenaufgabe von Sohn II vorgestern. Ich fragte ihn, was 8+4 ist. Sohn II ist in der ersten Klasse, die Aufgabe flog hier auf einem Zettelchen herum. Der Sohn wusste die Antwort, allerdings hat mich gewundert, wie er darauf kam, er hat nämlich aus 8+4 im Kopf 16-4 gemacht, er fand das einfacher so. Also 8+4 = 16-4=12. Logisch?

Den Reaktionen auf Twitter und im Bekanntenkreis nach zu urteilen, gibt es drei typische Reaktionen von Erwachsenen auf dieses Rechenspiel. Eine Minderheit sagt: “Logisch, ist doch klar.” Weil das Kind da erfolgreich mit der Viererreihe spielt, weil es die Rechenaufgabe in einen Zehnerblock zusammenzieht und dann nicht mehr über eine Zehnergrenze hinweg rechnen muss.

Eine zweite und größere Gruppe denkt erst einmal nach, vielleicht auch einen Moment länger -und versteht dann, was da gemacht wurde. Der eine oder die andere spielt dann selbst etwas herum, und fragt sich, ob das auch mit anderen Aufgaben geht und wie die Logik nun genau ist? Dann kommen sie darauf, selbst wenn sie nie im Leben so gerechnet haben, und vielleicht finden sie es sogar interessant.

Eine dritte Gruppe bekommt Panik nach dem ersten Blick auf die überraschende Gleichung und gibt sofort auf. Denkt dann vielleicht doch noch einmal nach. Sieht irgendwann ein, dass die 12 jedenfalls schon passt und lässt es schließlich dabei bewenden.Man muss sich ja nicht mit jedem Quatsch belasten. Zu dieser Gruppe hätte ich als Kind übrigens auch gehört.

Und noch etwas fiel mir auf, gerade bei der oben erstgenannten Schnelldenkertruppe. Es gibt da einen gewissen Nerdstolz, den es in meiner Kindheit noch nicht gab. In meiner Kindheit war Mathe definitiv uncool, aber so etwas von. Und wer Mathe konnte, war kein Nerd, die waren damals ja noch nicht erfunden. Wer Mathe konnte, war einfach doof. Also nach der damals gültigen und allgemein verbindlichen Coolnessgewichtung jedenfalls. Heute ist man nicht mehr doof, wenn man Mathe kann, heute ist man eben gut in den MINT-Fächern, man ist Nerd, Geek, künftiger IT-Profi, angehender Programmierer oder Ingenieur, so etwas in der Art. Das halte ich für eine gute Entwicklung.

Und was ist mit Deutsch? Für Deutsch lesen die Erstklässler zuhause Bücher, irgendwelche Bücher, irgendwelche Texte, es kommt gar nicht darauf an, was das genau ist. Wenn sie fünf Minuten gelesen haben, dann können sie auf einem Arbeitsbogen einen kleinen Bären ausmalen, wenn sie zehn Minuten gelesen haben, können sie einen großen Bären ausmalen. Auf dem Bogen sind große und kleine Bären für drei Stunden, wenn sie alle ausgemalt worden sind, geht das Exemplar von den Eltern unterschrieben zurück in die Schule. Also eine Art Bonussystem, das allerdings besser funktioniert als in vielen Betrieben. So lesen sich schon die Grundschüler einen Bären – und ich bin jetzt versucht, bei Kiki nach Lesebären für Erwachsene zu fragen, denn ich bin leider sonst in keinem Bonusprogramm. Vielleicht nach jedem Roman einen ausmalen? Da könnte ich endlich einmal nennenswerte Erfolge erzielen.

“Machst du endlich Licht aus?”

“Nur noch drei Seiten bis zum Bären!”

Beifang vom 29.05.2017

Eine etwas längere Ausgabe als sonst, offensichtlich habe ich in den letzten Tagen anderes gemacht. So war ich etwa bei einem Treffen meines 87er Abiturjahrgangs, zack, schon sind dreißig Jahre vorbei. Da sitzt man dann und staunt, aber dazu vielleicht später einmal mehr.

Ich habe für die GLS Bank einige Links zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen gesammelt. In den dort verlinkten Blogs findet man gute, sachliche und konstruktive Diskussionen zum Thema, das gibt es ja heute kaum noch.

Und dann, das ist eigentlich auch ein Thema für den Wirtschaftsteil, diese kleine Meldung heute zur irreführenden Bezeichnung “Klimawandel”. Im Kontext dieser Meldung brachte mich der Herr Bielinski auf einen Vortrag zum Thema Framing, und dieses Thema muss man ja aus gleich mehreren Gründen spannend finden, als Vater, Wähler, Angestellter usw. Das Ding ist 56 Minuten lang, aber es lohnt sich tatsächlich. Eine erhellende Geschichte, sehr empfehlenswert.

Jetzt etwas kultureller weiter: Frisch und Dürrenmatt und ein sehr kurzer Auftritt in einem Film.

Sven ist raus und keiner merkt was.

Mimimi – ein Ausdruck und seine vermutliche Herkunft. Wer hat’s erfunden? Nicht die Schweizer.

Schiffe gucken ist schön, man sollte nur nicht dabei atmen.

Patricia über Verhandlungen, Abmachungen und Kommunikation in Beziehungen. Die Herzdame und ich hatten neulich erst ein ungeplantes und ergiebiges “Was machen wir hier eigentlich?”-Gespräch, das war überaus sinnvoll. Ab und zu mal gemeinsam überlegen, sich gegenseitig der völligen Planlosigkeit versichern und dann dennoch mal eben abstimmen, wie die nächsten Meter aussehen könnten. Weitermachen und auf Sicht fahren. Läuft.

Ruedi und die Eritreer. Eine Geschichte von der Integration.

Ich lese in Max Frischs “Montauk”, ein Buch, in dem ich etliche Sätze finde, die ich markieren möchte, wozu ich sonst überhaupt nicht neige. Etwa: “Je älter ich werde, um so weniger halte ich mich aus, wenn ich nicht arbeite.” Danach kann man doch glatt mal den Computer ausmachen und etwas nachdenken gehen, nicht wahr. Auf dem Balkon oder so.

Später auf dem Balkon habe ich dann Frischs “Entwurf zu einem dritten Tagebuch” gelesen, nach Montauk ist das der logische und erhellende Anschluss. Noch später saß mir in der S-Bahn jemand gegenüber, auf dessen T-Shirt “Montauk” stand. Der Passagier zum Buch! Ich machte auf dem Handy Instagram auf, ein Exkollege postete da gerade Bilder von einem Strand in den USA – der Hashtag sagte: Montauk. Und im Bahnhof hingen Bilder, die den anlaufenden “Montauk”-Film bewarben. Manchmal ist es ja etwas unheimlich.

Der eher unergiebige Briefwechsel Frisch-Dürrenmatt dagegen ist wohl nur etwas für Hardcore-Fans der beiden, der sagte mir gar nichts. Jetzt bin ich bei Homo Faber angekommen (in der schönen Büchergildenausgabe mit Bildern von Felix Scheinberger), den ich seltsamerweise nie in der Schule gelesen habe. Nanu.

Und hier noch völlig zusammenhangslos der unlängst erwähnte Fabrizio de André, von dem auf Youtube ziemlich wenig zu finden ist. Seltsam.

Terminhinweis Juli

Das ist noch lange hin, aber manche Menschen führen ja so sorgsam gepflegte Terminkalender, die freuen sich auch über frühe Ankündigungen.

Am Sonntag, dem 16.07.2017 gibt es eine Lesung im Rahmen der Lesebühne Hamburger Ziegel um 18 Uhr auf den Magellan-Terrassen in der Hafencity, bei schlechtem Wetter im Kesselhaus ein paar Meter weiter.

Dort lesen Kat Kaufmann, Jens Eisel und Sascha Preiß – und ich. Es moderiert Daniel Beskos, den Herrn haben Isa und ich übrigens hier einmal interviewt.

Ich lese da eine Geschichte, die in Hamburg erfreulicherweise noch fast niemand kennt, die habe ich bisher nur einmal auf Helgoland vorgelesen. Es geht in der Geschichte um diese Insel, es geht um die Liebe, eh klar, und es geht auch um die Unmöglichkeit, irgendwelche Geschichten zu erzählen. Wovon man ruhig einmal erzählen kann.

 

Zusammenhänge

Wenn ich S-Bahn fahre, sehe ich immer diesen Satz oben an den digitalen Hinweistafeln durchlaufen: “Bitte beachten Sie das geltende Rauch- und Alkoholverbot!” Und jedesmal ärgere ich mich über den Schwachsinn dieses redundanten “geltende” im Satz. Es ist eben nicht nur ein Verbot, nein, es ist sogar ein geltendes Verbot, na dann! Dann halten wir uns natürlich lieber dran. Würde da nicht “geltend” stehen – nicht auszudenken. Man wüsste gar nicht, ob es wirklich und in echt und auch jetzt gerade gilt. Kann ja sein, es gilt oder gildet, wie die Söhne sagen würden, nur vormittags, nur nachts oder in ungeraden Wochen. Da ist es doch tröstlich, dass man sich das nicht fragen muss, dass es da ganz klar steht, es ist geltend. Himmel.

Ich hatte mal einen Chef, ich erwähnte ihn schon ein paarmal, der ein sehr intelligenter Mann war, vielleicht der intelligenteste, der mir je über den Weg gelaufen ist. Er hatte eine interessante Sonderbegabung, die vielleicht auch eine Störung war, wer weiß, er dachte zwanghaft in Zusammenhängen. Er konnte kein Haus sehen, ohne sich zu fragen, woraus es gebaut worden ist, woher die Baumaterialien kamen und zu welchem Preis und was da eigentlich vor dem Haus gestanden hat und wie die Gegend sich im nächsten Jahr entwickeln wird und immer so weiter. Er konnte an keiner Pommesbude vorbeigehen, ohne die monatlichen Umsätze und die Anzahl der Kunden pro Stunde, Tag und Monat und die Miete zu überschlagen und alle Posten bis auf den Verdienst des Studenten herunterzubrechen, der da gerade Salz auf die Pommes für uns streute. Dann aß er und murmelte plötzlich eine Zahl. Wenn ich irritiert nachfragte, war die Zahl der geschätzte Gewinn, denn der Laden abwarf. Er stellte sich kurz vor, Pommesbudenbesitzer zu sein, er wollte das verstehen. Er ging durch die Stadt und dachte an Mieten, Gehälter, Architekturgeschichte, Stadtentwicklung, Soziologie und immer so weiter. Das machen wir alle in irgendeinem Ausmaß, er machte das allerdings zwanghaft und exzessiv. Er las Sachbücher ohne Ende und behielt unvorstellbar viel Wissen im Kopf.

Und wenn er etwas nicht wusste, dann fragte er eben nach. Er fragte wildfremde Menschen nach allem, was er durch bloßes Ansehen nicht herausbekommen konnte. Man ging mit ihm spazieren und plötzlich ging er mitten im Satz in ein Restaurant, denn er hatte im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel eine rot lackierte Wand darin schimmern gesehen. Woraus war die nun genau, wieso glänzte die so schön, wie hat man das gemacht? Und er war bei diesen Fragen so charmant und so leidenschaftlich neugierig, dass er den Leuten nicht auf den Geist ging, sondern kurz darauf mit dem Inhaber des Restaurants an einem Tisch saß, natürlich per Du war, zu etlichen Freigetränken eingeladen wurde und mit ihm ein absurd detailliertes und abendfüllendes Fachgespräch über japanische Lacktechniken in der Innenraumgestaltung führte. Weil doch alles interessant war. Ich saß daneben und staunte. 

Als ich einmal ein Meeting mit ihm hatte, klebte er einen Zettel außen an die Bürotür, auf dem stand: “Bitte nicht stören, solange dieser Zettel hängt.” Ich habe gelacht und ihm erklärt, dass der zweite Satzteil aber so etwas von entbehrlich sei, denn wenn der Zettel nicht hängt, dann – so unter uns Schlaubergern, nicht wahr – kann auch keiner auf die Idee kommen, nicht stören zu dürfen. Sinnvoll wäre doch nur der Hinweis: “Bitte stören, wenn dieser Zettel nicht hängt”, aber das auch nur, wenn sich jemand den Inhalt merken würde, um diese Anweisung dann direkt nach dem Entfernen des Zettels umzusetzen. Oder als Alternative: “Bitte stören, wenn dieser Zettel hängt”, so als Aufforderung zur Belustigung gelangweilter Vorgesetzter. So war das aber gar nicht gemeint, es ging doch einfach nur um ein “Bitte nicht stören”, mehr nicht. Und wenn der Zettel nicht hängt, dann ist da eben keine Anweisung mehr vorhanden, weswegen man einfach jederzeit stören kann.

Woraufhin mein Chef und ich vergaßen, worum es in dem Meeting gehen sollte und uns lange und intensiv um Logik stritten, um Anweisungen und Verbote und Kommunikation und Sprache. Es war ein heißer Sommertag, die Lage der Abteilung war heikel und wir waren beide angespannt. Die Tür mit dem Zettel draußen dran flog irgendwann krachend zu. Und so heftig stritten wir, dass er irgendwann einen Locher nach mir warf. Die Älteren erinnern sich, das war einmal ein Bürogerät, so etwas gab es im letzten Jahrhundert an jedem Arbeitsplatz. Ein Locher war üblicherweise in Größe, Form und Gewicht als Wurfgeschoss recht gut brauchbar, er verfehlte mich aber dennoch und wir vertrugen uns auch noch am gleichen Tag wieder. Mit Logik ist eben nicht immer zu spaßen. Es blieb eine tiefe Schramme in der Raufasertapete und es wurden nach diesem Vorfall nie wieder Zettel an Türen gehängt.

Ich habe neulich erst gehört, dass der Mann nicht mehr lebt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er im Jenseits erst einmal ein paar drängende Fragen zu gewissen Zusammenhängen gestellt hat, die er immer schon verstehen wollte. Weil doch alles interessant ist.

In meinem papierlosen Büro heute gibt es übrigens nichts mehr, womit man werfen könnte, also abgesehen vom Notebook, aber damit wirft man ja nicht. Man beachtet natürlich das geltende Notebookwurfverbot. Aus nostalgischen Gründen könnte ich aber auch “Nicht mit Notebooks werfen, solange dieser Zettel hängt” auf ein Blatt Papier malen.