Kunst und Vorsorge

Während ich mich sonst mit Kritik an Lehrpersonal aller Art zurückhalte, bin ich im Moment doch schwer genervt von der Unterart der Kunstpädagoginnen, männliche Exemplare sind mitgemeint. Denn wenn man ein Kind hat, das gerne mal vieles gestalterisch ausprobieren möchte, dann ist es wirklich nervtötend, wenn es überall, nicht nur in der Schule, auch bei anderen Anbietern, sehr klare Anweisungen bekommt, was und wie es in der Kunst genau zu produzieren hat, bis hin zur Wahl der Farben, das ist doch etwas absurd. Weil nämlich, kreativ geht ja anders, hm? Mal machen lassen? Mal auf was kommen lassen? Mal scheitern lassen, mal Spaß haben lassen? Scheint gerade nicht im Trend zu liegen. Oder wie das Kind enttäuscht sagt: “Und die haben auch wieder nur Anweisungen gegeben. Die ganze Zeit.” So kann man Interesse auch abwürgen.

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Ansonsten ist die Fastenzeit angebrochen. Ich zitiere dazu aus dem Tagebuch von Gerard Manley Hopkins, geschrieben 1866: “Für die Fastenzeit: Keinen Pudding an Sonntagen. Keinen Tee, es sei denn, ich müsste mich wachhalten, und dann ohne Zucker. Fleisch nur einmal am Tage. Keine Verse in der Passionswoche oder an Freitagen. Nicht im Lehnstuhl sitzen, außer wenn ich anders nicht arbeiten kann. Aschermittwoch und Karfreitag Brot und Wasser.”

Hier hat derweil ein Sohn, nachdem er einen Bericht in der Tagesschau über den Beginn der Fastenzeit gesehen hat, ganz alleine beschlossen, in diesen Wochen weitgehend auf das Neinsagen zu verzichten. Das ist zum einen für seine Verhältnisse ziemlich heroisch, das ist zum anderen für die Eltern recht angenehm.

“Gehst du bitte ins Bett?”

“Nei … ich meine, ja, gerne.”

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In Hamburg wird wieder abgerissen.

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Um meinem Landpomeranzendasein nun also noch die Krone aufzusetzen, und mich im Übrigen für alle Eventualitäten vorzubereiten und zu stählen gegen die Unbillen der anfälligen digitalgesteuerten Energieversorgung, rüste ich mich nun also aus und auf. Ja, lachen Sie ruhig, wir sprechen uns dann beim Stromausfall wieder. (Späßle g’macht, wir können uns beim Stromausfall gar nicht sprechen, es sind ja dann alle Leitungen tot, haha.).

Tja. Sollte man darüber tatsächlich nachdenken? Hier gibt es überhaupt keine verlässlichen Vorkehrungen für den Fall eines längeren Stromausfalls. Aber in Kürze, wenn die neue Laube steht, dann sieht das schon etwas besser aus, dann würde man da immerhin mit Holz oder Gas kochen können. Und aufs Kompost-Klo könnte man auch. Und Gemüse pflücken! Und Beeren! Doch, lassen wir den Schrebergarten ruhig mal als Vorsorge durchgehen. Puh, das war knapp.

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Falls der Valentinstag bei der einen oder dem anderen übrigens noch nachwirkt, es darf jetzt mitgesungen werden (“und eeeeewig ….”:

Lazarettreport und Blumen

In der morgendlichen S-Bahn ist die Grippewelle nicht mehr zu übersehen oder zu überhören, etwa ein Drittel der Wagenbesatzung sieht nach Lazarettzug aus, bleich und fiebernd. Eine Frau hustet so dermaßen, dass erst alle von ihr wegrücken und sich umsetzen, dann aber doch von den neuen Plätzen aus lange Hälse machen und sich fragen, ob da wohl gleich Blut oder sonstwas mit hochkommt, so wie in diesen Filmen immer, das kennt man doch, wo man immer hofft, das jetzt bitte keine Nahaufnahme kommt. Die Frau wird doch wohl nicht gerade final verröcheln? Ob man da nicht vielleicht doch einen Notarzt … die Frau ringt nach Luft, sie hustet zum Gotterbarmen, wedelt aber freundliche Fragen weg und wankt schließlich zur Tür. Im besten Fall geht sie zum Arzt oder ins Bett, vermutlich geht sie aber einfach zur Arbeit, warum sollte man auch sonst in Hammerbrook aussteigen. Normal.

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“Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.”

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Währenddessen buddelt der Abrissunternehmer den ganzen Tag mit seinem Bagger in unserem Garten herum, meldet ab und zu Fundstücke und wir können nicht einmal zusehen. Stelle wiederholt fest, dass mir das Konzept Berufstätigkeit dauernd bei allem im Weg ist. Schlimm.

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Beide Kinder krank, eines nur nachts, das andere auch tagsüber. Fast möchte man selbst auch einmal etwas Bauchweh haben und dazu dann einen freundlichen Menschen, der einem pfefferminzigen Tee bringt und die Decke aufschüttelt und so über die Stirn streicht, wie es Eltern unweigerlich immer machen, und der dann noch ein paar Bücher und das iPad und die Salzstangen anreicht und die Tür leise wieder hinter sich schließt. Na, das machen bei uns dann später die Pflegeroboter.

Wegen des kranken Kindes jedenfalls wieder am Vormittag aus dem Büro ins Home-Office gewechselt, dadurch leider komplett verpasst, wie sich am Nachmittag zum Büroschluss wie in jedem Jahr an diesem Tag eine Hundertschaft genervter Männer vor dem Blumenladen im Hauptbahnhof aufreiht, um dort über Nacht teurer gewordene Rosen zu erwerben, die augenrollend bezahlt werden. Also nachdem eine sinnige Auswahl getroffen worden ist, die preislich möglichst exakt mittig zwischen Geiz und Größenwahn liegt. Romantik!

Egal. Hier noch was mit Liebe.

Heimwerken, Festhalten

Beim abendlichen Besteigen seines Hochbettes kracht Sohn I eine der Latten unter seiner Matratze runter, was ihn vom Schlafen abhält, da er verständlicherweise Angst hat, der Rest der Bretter könnte im Laufe der Nacht auch nachgeben und er auf seinen unter dem Bett befindlichen Schreibtisch abstürzen, was wiederum schon deswegen schlimm wäre, weil darauf sein Computer steht, so dass der Schaden am Bett also sofort repariert werden muss. Und auch repariert werden kann, denn es geht nach meiner Diagnose nur um eine einzige große Schraube, die wohl beim Aufbau damals nicht fest genug gedreht worden ist. Es ist die letzte in einer langen Reihe von Schrauben, da hatte jemand wohl keine Lust mehr oder schon Wochenende. Allerdings ist die Schraube an einer Stelle, die der Teufel selbst ausgesucht haben muss, sie ist nur unter üblen Verrenkungen zu erreichen und wir brauchen mindestens sechs Hände, um dort mit einem Werkzeug heranzukommen. Ein Vater, zwei Söhne, das sind allerdings genau sechs Hände, manchmal muss man eben auch Glück haben bei der Familienplanung. Wir stehen, knien und hocken also so um das Hochbett drapiert, als wollten wir mit der Nummer im Zirkus auftreten, einer hebt von oben die Matratze und zieht am Brett, einer drückt von unten alles in Position, einer hockt auf dem Schreibtisch und dreht in Yogapose über Kopf die Schraube. Zu dritt müssen wir dabei auch noch die Herzdame aus dem Zimmer werfen, die vorbeikommt und im falschen Moment besser weiß. Die Übung gelingt aber tatsächlich, auch ganz ohne Herzdamenspezialwissen, was vor allem daran liegt, dass Sohn II bei handwerklichen Problemen nur Lösungen sieht, so albern das klingt. Das Kind ist die personifizierte Heimwerkermarktreklame, es gibt immer etwas zu tun oder wie das heißt. Und er ist vor allem immer selbst zuständig und schafft es dann auch, es ist sehr faszinierend, mit welcher Kraft Begabungen über die Menschen kommen können.

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In der FAZ war ein kurzer Text über eine der Glaubensfragen im Garten, über “EM”. Effektive Mikroorganismen, die Kennerinnen verwenden stets nur die Abkürzung, das gehört zum Spiel. Es ist sehr kompliziert und etwas esoterisch.

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Außerdem habe ich mich bei der abendlichen Lektüre in einem Buch über den Gemüseanbau verlesen, denn der Satz “Halten Sie den Boden fest, bis die ersten Blätter sprießen”, der stand da gar nicht wirklich, da stand natürlich feucht, nicht fest. Danach aber das Licht ausgemacht und im Geiste immer weiter den Boden festgehalten, dabei sehr gut eingeschlafen. Besser als die Nummer mit den Schafen!

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Herr M. macht nicht mehr mit.

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“Papa, warum steht da ein Buch “Kinder verstehen” im Regal?”

“Was?”

“Warum das Buch da steht?”

“Ich verstehe dich nicht?”

“Papa! Das ist nicht lustig!”

“Was?”

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12 von 12 im Februar

Die anderen Ausgaben zahlloser Bloggerinnen wie immer hier.

Die Woche beginnt problematisch, ein krankes Kind, wir haben da gerade ein Abo. Dafür hatten wir in den letzten Jahren auch ziemlich viel Glück, statistisch ist alles okay. Kann man sich aber auch nichts für kaufen.

Also die übliche Spontanverhandlung mit der Herzdame, wer wie lange ins Büro kann, erfreulicherweise schaffen wir das regelmäßig ohne Streit.

Ich fahre kurz ins Büro, d.h. ich würde fahren, wenn die S-Bahn fahren würde, sie fährt aber nicht, sie steht. Der Herr mir gegenüber sieht, und das ist wirklich irritierend, aus wie Mr. Bean, macht aber nichts Lustiges. Das stelle ich mir sehr schwierig vor, wie Mr. Bean auszusehen. Nach zehn Minuten eingehender Mr.-Bean-Betrachtung fährt die Bahn dann doch einmal los.

Im Büro dann das Highlight des Tages, ein Kollege hat Hanseaten für alle mitgebracht. Hanseaten sind hier nicht nur die Bewohner der Stadt, Hanseaten sind auch Kuchenstücke. Da keiner weiß, warum die eigentlich so heißen, googeln wir das eben und guck an! Die kommen aus Lübeck, wie ich. So ein Büro ist also manchmal doch ganz sinnvoll, da lernt man was.

Danach verlasse ich die architektonische Perle Hammerbrook aber schon wieder. So schade.

Das kranke Kind braucht im Grunde gar keine Betreuung , das kranke Kind macht Sudokus und möchte nicht gestört werden. Wozu fahre ich dann durch die Gegend?

Danach liest das Kind in Tintenherz, weil der Bruder das auch gerade durchgelesen hat. Da könnte man ja sonst was verpassen, das immer noch eine der besten Motivationsstrategien ever.

Ich spiele währenddessen Home-Office und starre zwischendurch Tulpen an. Denn wenn ich rausgucken würde, ich müsste den Schnee wahrnehmen, das ist keine Alternative.

Das kranke Kind langweilt sich dann doch ein wenig und bastelt lieber Anzuchttöpfchen aus Toilettenpapierrollen. Wir haben jetzt sehr viele davon. Enorm viele. Wenn Sie nicht wissen, wie man so etwas bastelt – einfach hier abgucken.

Und weil das Kind danach immer noch alles langweilig findet, bügelperlt es eben etwas.

Ich hole den gesunden Bruder von der Schule ab und werde nass. Ich bringe den Bruder nach Hause, werde dabei wieder nass und gehe dann zum Einkaufen, wobei ich noch einmal nass werde. Meine Laune ist deutlich ausbaufähig, hier ein Symbolbild.

Später pikiert das kranke Kind Tomaten, alle Samen hat es natürlich selbstgewonnen, das Kind neigt in Gartenfragen zur Gründlichkeit. Die Tomaten wachsen vor sich hin, obwohl es noch viel zu früh ist.

Das andere Kind gewinnt gerade Hibiskussamen und tütet sie ein, eventuell sind wir alle etwas frühlingsreif. Eventuell ist auch die Küche voller Erde, wir haben etwas umgetopft. Schlimm.

Unterm Strich aber doch wieder so ein Tag, an dem es mir etwas hilft, abends brülllaut The Peddlers über Kopfhörer zu spielen. Irgendwo muss die Energie ja herkommen.

Charakter, Himbeeren, Sound

Zum letzten hier erschienen Text von der Herzdame und Sohn II möchte ich noch kurz etwas anmerken. Denn ich habe zwar tatsächlich in diesem Rollenspielding nichts verstanden, vermutlich weil mir einfach die Begabung für Spiele komplett fehlt und ich routinemäßig schon beim Wort “Spielregel” abschalte. Aber ich habe doch mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, dass man in der Goblinstadt seinen Charakter über fünf Level und mehr unverändert behalten kann.

Und das ist doch schön, dass die Kinder dergleichen dort lernen und es als normal und sogar erstrebenswert kennenlernen, einfach mal den Charakter nicht zu ändern. Dann können sie das später bei ihren Karrieren in den Konzernen und in der Politik ja einfach so beibehalten. Das wird super!

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Mein heutiger Lieblingssatz aus dem wunderbaren Gartenteil des britischen Guardian: “Autumn-fruiting raspberries are embarrassingly easy to grow.” Embarassingly easy to grow, man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. Genau die Pflanzen, die ich brauche!

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Um das Blog kurz mal um den Bereich Heimat zu erweitern: Ein Bericht mit Filmchen über einen Reetbauern. Mir ist Reet ja etwas suspekt, seit meiner Schwester einmal ein Reetdachhaus abgebrannt ist, aber auf den Anblick von solchen Häusern möchte man dann doch nicht verzichten.

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Schließlich habe ich etwas gesehen und eine Frage dazu. Im Blog der GLS Bank werden jetzt Texte nämlich auch vorgelesen, d.h. am Anfang einiger Artikel gibt es eine Audiodatei, die man abspielen kann (hier ein Beispiel). Verschiedene Mitarbeiterinnen der Bank werden für diese Aufnahmen eingespannt und ich finde die Idee recht sympathisch, nicht nur für Nutzerinnen mit Sehbehinderung, auch z.B. für solche, die neben dem Konsum des Textes noch etwas anderes tun wollen, denn der Mensch an sich ist heute ja unkonzentriert oder multitaskend, was ich zwar für weitgehend identisch halte, aber egal, es liegt mir fern, das zu bewerten, chacun à son gout und so. Was ich fragen wollte – ist das eventuell auch für die eher erzählenden Texte im Blog hier interessant und wünschenswert? Dann würde ich da mal drüber nachdenken und vielleicht etwas damit herumspielen.

Die Herzdame und Sohn 2 waren das erste Mal in der Goblinstadt

(Der Buddenbohm zwar auch, aber der hat überhaupt nichts verstanden. Und Sohn 1 war schon x-mal da.)

Hier kommt jetzt erst einmal Sohn 2 zu Wort, und zwar mit seinem ersten komplett selbst getippten Text:

Mein erster Besuch in der Goblinstadt

Heute war ich mit meiner Familie in der Goblinstadt. Das ist eine Fäntesiewelt, da kann man Rätsel lösen. Man sucht sich einen Charakter aus. Jeder bekommt eine Ausstattung mit der er spielen kann. Wenn man einen Auftrag gelöst hat, bekommt man als Belohnung Rohstoffe. Die kann man mit anderen tauschen. Wenn man genug hat, kann man sich aufleveln. Und so immer weiterspielen. Man kann die Charaktere und die Rohstoffe auch mit nach Hause mitnehmen und ein anderes Mal weiterspielen. Die Goblinstadt hat mir sehr gut gefallen.

Boff! Ende Gelände!

Und jetzt die Herzdame:

Bei Sohn 1 gab es Zeugnisse und weil er sich so richtig angestrengt hatte, musste das gebührend mit einem Familienevent gefeiert werden. Er durfte aussuchen, also musste nun die ganze Familie mit in die Goblinstadt.

Die Goblinstadt ist eine Rollenspiel-Anlage, wo Kinder ab 7 Jahren in einer „Fäntesiewelt“ – wie Sohn 2 bereits schrieb – Aufgaben lösen müssen. Dafür gibt es dann Belohnungen in Form von Rohstoffen. Das Regelwerk der Goblinstadt umfasst 20 PDF-Seiten und ist für Erwachsene ungefähr so einleuchtend wie die Spielregeln von Pokémonkarten oder diese ganzen Apps wie „Monster Legends“ & Co. Sohn 1 war aber schon ein paar Mal dort gewesen und ist absoluter Kenner. Für alle anderen gab es am Anfang eine Spieleinführung.

Und was wäre ein Rollenspiel ohne Rollen? Sohn 2 wurde Krieger (was sonst), Sohn 1 Magier, der Gatte Heiler (auch wenn er nichts kapiert hat) und ich Schlitzohr (nun ja). Wir bekamen entsprechend der Rollen unsere Ausrüstung, die uns helfen sollte, die Aufgaben zu lösen. Sohn 2 bekam ein Schwert, um uns gegen Monster zu verteidigen, der Gatte eine Umhängetasche mit Verbandsmaterial, Sohn 1 eine Lampe, um uns in der düsteren Stadt zu leuchten und ich einen Schlüssel, um verschlossene Türen zu öffnen.

Sohn II in der Goblinstadt

Außerdem bekamen wir erst einmal einen Grundstock an Rohstoffkarten. Weitere Rohstoffe gibt es später als Belohnung für eine gelöste Aufgabe. Diese Karten benötigt man, um sich „aufzuleveln“ wie Sohn 1 uns erklärte. Mit jedem „Aufleveln“ gibt es bessere Fähigkeiten. Uff! Ich versuchte dem Ganzen zu folgen, während der Gatte schon komplett abgeschaltet hatte und nur noch Schritt für Schritt das tat, was man ihm sagte: „Gib den Verband!“, „Nimm deine Rohstoffe!“, „Halt mal die Lampe!“, „Komm jetzt mit!“.

Dann mussten wir unsere erste Aufgabe lösen. Dafür mussten wie durch die Gänge und Häuser der Stadt wandern und im Dunkeln mögliche Hinweise finden. Die Söhne rannten aufgeregt vorweg, ich hinterher, weil ich Rätsel lösen eigentlich ganz gut finde. Der Gatte blieb irgendwo in den Gängen zurück und starrte Löcher in die Dunkelheit. Nach gelöster Aufgabe, sammelten wir den Gatten wieder ein und holten unsere Belohnungen bzw. Rohstoffe ab.

Aufgabenkarten n der Goblinstadt

Danach das nächste Programmhighlight. Wir suchten uns einen freien Tisch und bereiteten unsere Rohstoffe aus. Es dauerte keine Sekunde, schon standen Tausende Ritter, Magier, Heiler und Schlitzohren um uns herum und wollten mit uns Karten tauschen. Der Kartentausch ist wichtig, damit man sich schneller „aufleveln“ kann. Und es fühlt sich so ähnlich an, wie Paninibildchen tauschen bei der Fußball-WM.

Nach erfolgreichem Tausch konnten wir uns alle „aufleveln“ und uns den neuen Auftrag abholen. Wir zogen den Gatten hinter uns her und weiter ging es, die nächsten Rätsel lösen.

Als Eltern muss man nicht mitspielen, sondern kann auch entspannt am Tisch sitzen bleiben, Automaten-Cappuccino trinken und die Rohstoffe bewachen. Am besten bringt man sich aber ein Buch und eigenen Kaffee mit, weil es zum einen keinen Empfang oder WLAN gibt und zum anderen der Pulvercappuccino unterirdisch schmeckt.

Aber sonst ist die Goblinstadt eine feine Sache. Rundum glückliche Kinder, moderate Preise, sehr nettes Personal und irgendwie waren wir am Ende viel länger da, als wir eigentlich wollten.

Tagebuchvertiefung und anderes

Phänologischer Kalender: Im Supermarkt entdeckt man jetzt die ersten Bärlauchprodukte, zartgrün leuchten sie aus dem Kühlregal, ein weiteres Zeichen des Vorfrühlings.

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Wenn das Tagebuchbloggen in diesem Jahr schon so seltsam aktuell ist, kann ich das ja auch theoretisch etwas unterfüttern, dachte ich, strebsam wie ich bin. Also habe ich mir noch einmal den Hocke, “Europäische Tagebücher” auf den Nachttisch gelegt. Das Buch habe ich zwar vor Ewigkeiten schon einmal gelesen, davon weiß ich aber so gut wie nix mehr, außer dass es zwei Teile hat, einen recht langen literatur- und geistesgeschichtlich einordnenden Anfang und nachfolgend eine üppige Anthologie mit Originaltexten. Es ist natürlich auch eine prächtige Fundgrube. Etwa bei Samuel Pepy: “In Westminster Hall kam ich mit Mrs. Lane ins Gespräch. Sie redete viel, daß sie niemals fortkäme; so nahm ich sie mit ein Weinhaus und gab ihr einen Hummer …”

Vielleicht stoße ich auf Erkenntnisse, die mit dem heutigen Bloggen etwas zu tun haben? Als das Buch geschrieben wurde, war die Entwicklung des Internets noch nicht zu ahnen.

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Ganze vier Schulen in Schleswig-Holstein bleiben bei G8. Das war dann wohl eine Schulreform mit durchschlagendem Erfolg. Mannmannmann!

Don Dahlmann über Athen.

Drüben bei der GLS Bank habe ich Daniel Überall vom Kartoffelkombinat um einen Gastbeitrag zum Thema Landwirtschaft gebeten, bitte hier entlang. Unter dem Artikel übrigens auch ein sinniger Kommentar aus dem Publikum. Ferner habe ich drüben drei Links zum Wochenende gepostet, mit Kunstrasen!

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Die alte Gartenlaube wurde jetzt komplett abgerissen und war, das ist dann doch etwas überraschend, über die ganze Länge unterkellert. Vermutlich stammt das noch aus der Nachkriegszeit, gut möglich, dass auch der Pächter vor uns gar nichts davon wusste. Die Stelle, wo die Gemüsebeete hinsollen, liegt jetzt endlich auch frei – und sieht nach Arbeit aus. Also im Grunde sieht sie nach nichts aus, was auch zutrifft, da ist eben gar nichts, davon aber reichlich. Blanker Boden im Winter, man möchte ihn sofort mit irgendwas zudecken, es greift einem förmlich ans Herz. Wir konnten aber nicht lange bleiben, denn wir hatten aufgrund einer wie immer komplexen Terminlage bizarr deplatziert wirkende Kinder in äußerst luftigen Karnevalskostümen dabei, die mussten wir zuerst wieder zudecken. Prioritäten!

Die Herzdame: Statt Instagrambild

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die heute laufen war.

Ich war gerade krank, drei Tage nur zwischen Bett und Sofa gewechselt. Jetzt fühle ich mich deutlich besser, aber vom Nichtbewegen aufgedunsen wie eine fette Qualle. Außerdem habe ich mittlerweile Rückenschmerzen vom vielen Liegen. Ich brauche Bewegung. Es friert zwar, aber die Sonne scheint, bestes Wetter um zu Laufen. Ich ziehe mich warm an und gehe zur Alster runter. Beim Atlantic starte ich meine Runde, will es aber langsam angehen und nur eine halbe Alsterrunde machen. Mir kommen Zweifel, ob Laufen jetzt überhaupt schon so eine gute Idee war. Aber es ist schön an der Alster. Ich prokel mir die Ohrstöpsel rein und höre ein Jazz-House-Album aus den späten 90ern. Perfekt zum Laufen.

Da wir im Auto nur ein altes Radio mit CD-Player haben, habe ich angefangen meine alte CD-Sammlung nach und nach wieder anzuhören. Ich traue mich nicht, ein neues Radio mit mp3-Player einbauen zu lassen, weil ich immer Angst habe, dass dann unser altes Auto den Geist aufgibt. Aberglaube, ich weiß. Aber ist es nicht immer so? Radio neu – Auto kaputt.

Also höre ich jetzt wieder CDs. Manche Sachen davon dann auch bei Spotify, so wie jetzt. Schnell komme ich in den Flow, ein Schritt nach dem anderen, synchronisiert mit dem Beat der Musik. Nur noch der Sound, die Bewegungen und ich. Gelegentlich bekomme ich mit, wie mich andere Jogger überholen. Das ist eigentlich immer so. Es gibt niemanden, der mich nicht überholt. Frustrierend ist es dann aber, als die mega unsportlich aussehende, schnatternde Frauengruppe an mir vorbeizieht und dann auch noch der Rentner, der bestimmt zwanzig Jahre älter ist als ich. Egal, ich werde immer die langsamste Joggerin an der Alster bleiben. Aber ich habe ja die Musik.

Dann komme ich an den Anleger am Uhlenhorster Fährhaus, wo ich umdrehen will. Ich halte kurz an, weil mir auffällt, dass die Alster langsam beginnt zuzufrieren. Es ist immer noch etwas diesig, die Wintersonne kann nicht ihre ganze Kraft entfalten und die Alsterwiesen auf der gegenüberliegenden Seite erscheinen in einem warmen, diffusen Licht. Die kahlen Äste der Weiden hängen noch schlapp ins Wasser und warten darauf, vom Frühling wach geküsst zu werden. Das Eis glitzert in der Sonne und nur noch in der Mitte sieht man leichte Wellen, auf denen sich Möwen treiben lassen.

Für einen kurzen Moment sieht der Blick auf die andere Alsterseite gar nicht mehr aus wie Hamburg. Ich muss an einen See denken. Vielleicht in den Bergen, vielleicht in Italien. Die Berge hinter mir. Alles sehr ruhig und friedlich, wie unter einem Schleier. An einem anderen Ort. Nur die Möwen stören ein bisschen.

Ich denke, ein Foto für Instagram wäre jetzt schön, ich habe schon lange keines mehr gemacht. Und da fällt mir dann auch auf, dass ich gar keine Musik mehr höre. Verflixt noch mal, der Akku hat schon wieder seinen Geist aufgegeben. Mein iPhone ist schon alt, also richtig, richtig alt. Und der Akku hält auch maximal nur noch einen halben Tag. Bei dem Gatten ist es nicht besser, aber wir müssen damit noch weiterhin leben, weil erstmal Anschaffungen für den Garten wichtiger sind. Akku-Heckenschere, Bohrmaschine, Werkzeuge und so weiter. Egal. Auf jeden Fall stehe ich hier schon wieder ohne iPhone und kann kein Foto machen.

Um dieses Bild dennoch möglichst lange in meinem Kopf zu behalten, stehe ich da minutenlang und versuche mir alles einzuprägen. Das Glitzern, das Licht, die andere Alsterseite, die nicht nach Hamburg aussieht. Dann setze ich mich wieder in Bewegung und laufe zurück. An der Alsterperle bleibe ich noch einmal stehen, hier ist die Alster deutlich breiter und noch etwas diesiger. Ich schaue Richtung Innenstadt, vom Ufer auf der anderen Seite ist nicht mehr so viel zu sehen. Hier komme ich mir jetzt vor wie am Meer. Vielleicht wie in einer Bucht an der Ostsee.

In der Mitte, da wo die Alster nicht zugefroren ist, sitzen an der Eiskante zig Möwen, aufgereiht wie Perlen, vielleicht sind es auch Enten oder was auch immer, soweit kann ich gar nicht gucken. Hin und wieder fliegt ein Vogel in die Luft, dreht eine Runde und lässt sich dann wieder am Rand des Eises nieder. Es soll ja Menschen aus Süddeutschland geben, die ernsthaft denken, Hamburg wäre am Meer. Ich habe tatsächlich mal jemanden kennengelernt, der enttäuscht war, dass man bis zum Meer dann doch noch ein bis zwei Stunden mit dem Auto braucht.

Ich stelle mir also vor, ich stehe an einer Bucht an der Ostsee und schaue auf das langsam zufrierende Mer. Die salzige Luft fehlt irgendwie noch, aber vielleicht kann ich sie mit meiner Rotznase auch einfach nur nicht riechen. Ich höre die Möwen schreien und im Hintergrund klingt der Autoverkehr wie die steife Brise an der winterlichen See. Bestimmt sehe ich gleich einen Fischkutter aus dem Nebel von weit draußen in den Hafen einlaufen.

So lange kann ich aber nicht warten, vom Herumstehen wird mir langsam kalt. Ich setze mich wieder in Bewegung in Richtung unserer kleinen Reetdachkate am Strand, wo ein heißer Grog auf mich wartet. Naja, vielleicht auch nur eine heiße Dusche in Hamburg-Mitte.

ÖPNV

Wenn ich morgens doch einmal mit der S-Bahn zur Arbeit fahre und nicht zu Fuß gehe, weil es etwa regnet oder kalt ist oder noch dunkel oder neblig oder mir ein klein wenig zu grau, wenn es also irgendein furchtbar extremes Wetterereignis gibt, das mich vom Frühsport bedauerlicherweise abhält, dann sind die Bahnsteige im Hamburger Hauptbahnhof immer brechend voll. Wenn Sie Hamburg vielleicht nicht so gut kennen, die sind voller, wesentlich voller, als Sie sich das jetzt vielleicht vorstellen. Sie müssen etwas mehr Richtung Tokio denken, nicht Richtung Berlin oder so. Sie sind oft sogar so voll, dass man, wenn man sie von oben sieht und die Treppen zu den sich dort unten stauenden Massen staunend hinuntergeht, denkt: “Oha!” Das ist natürlich nicht sehr geistreich, was man da denkt, aber es ist eben auch noch verdammt früh und es trifft immerhin den Kern.

Der Hamburger Hauptbahnhof ist zu Stoßzeiten also dramatisch überfüllt. Wie man das baulich irgendwie auffangen kann, das wird seit Jahren thematisiert, mehr passiert ist bisher aber nicht. Die meisten Menschen in dieser Masse da auf dem Bahnsteig sind außerdem mörderisch schlecht gelaunt, denn sie müssen zur Arbeit, und die Szenen, die sich abspielen, wenn eine Bahn einfährt und die Türen aufgehen, die sind nicht immer schön. Denn obwohl die Bahnen alle zwei oder drei Minuten fahren, es müssen natürlich ausnahmslos alle genau die nehmen, die da jetzt gerade kommt, in drei Minuten ist alles rettungslos zu spät, ist alles vorbei.

Neuerdings stehen da jetzt, das wollte ich eigentlich nur sagen, Türlotsen auf dem Bahnsteig. Menschen mit signalgelben Westen , auf denen hinten groß “Türlotse” steht. Schülerlotsen lotsen Schüler, Türlotsen aber keine Türen, man möchte Deutsch auch lieber nicht als Fremdsprache lernen. Die Türlotsen stehen jedenfalls auf dem Bahnsteig und an der Bahnsteigkante herum und wenn die S-Bahn abfährt, dann stellen sie sich in die zugehenden Türen, damit niemand mehr in letzter Sekunde hineinhechtet und auch damit keine weiteren Ringkämpfe mehr in den sich schließenden Türen stattfinden. Mehr machen die Westenträger nicht, das ist wohl der Job. Die Bahn fährt ab, sie machen einen Ausfallschritt in die Tür, ansonsten stehen sie da eben und sind da. In Tokio schieben und drücken sie bekanntlich auch Menschen in Bahnen, das ist in Hamburg nicht so, sie fassen niemanden an. Aber Menschen, die so gucken wie Hamburger auf dem Weg zur Arbeit, die möchte auch niemand anfassen, das ist soweit verständlich.

Das ist nun einer der wenigen Fälle, in denen Jobs neu entstehen, für die man vermutlich keinen hochkomplexen Ausbildungsweg braucht, was ich überhaupt nicht beleidigend meine, denn es ist ja erstrebenswert, dass es von diesen Jobs viele gibt. Und weil man immer nur davon liest, wo und wie diese Jobs mit eher geringer Qualifikationsschwelle überall verschwinden, durch die Globalisierung, die Digitalisierung und weiß der Kuckuck welche -ungen noch, muss man doch auch einmal zur Kenntnis nehmen, wo diese Jobs offensichtlich neu entstehen, nämlich bei der Verkehrswende.

Denn je mehr Menschen den ÖPNV nutzen, desto mehr Menschen brauchen wir wohl, die uns daran hindern, uns beim Ein- und Aussteigen umzubringen. Weil der Mensch als solcher eben doof und rücksichtslos ist und Platz da jetzt, ich bin stärker als du – das Problem kennen wir ja von der Autobahn, das verlagert sich also auch in den ÖPNV.

Faszinierend.

Offline

Ich war, wo ich sonst nie bin, ich war in einem Kaufhaus. Also in einem ganz großen, in der Hamburger Innenstadt stehen noch welche. Da gab es in der hinterletzten Ecke einen Ständer mit Notizbüchern im dringenden Sonderangebot, denn vermutlich werden Notizbücher überhaupt nur im Januar verkauft: “Dieses Jahr schreibe ich aber mal was auf!” Und dann liegen sie da doch wieder leer herum und niemand kauft im Februar ein zweites und in den Kaufhäusern schiebt murrendes Personal lustlos die Stapel hin und her. Aber wo Notizbücher liegen, da blättere ich jedenfalls interessiert herum, denn Notizbücher kann man nie genug haben und die Suche nach dem perfekten Notizbuch ist bekanntlich endlos und nein, Moleskine ist doch nicht die Antwort auf alles.

Da lagen dann, ich habe sehr gestaunt, “Blogger-Notizbücher”, das stand tatsächlich so auf dem Einband. Man konnte vorne seine Followerzahl eintragen, auch seine Wunschfollowerzahl und seinen Blognamen mit Domain und so etwas, überall waren lustige Bulletpoints und handgeletterte Dingse und Aufzählungszeichen für viele, viele tolle Ideen, die man dann verbloggen soll, kann, was auch immer. Unten auf jeder Seite stand lustig “Eat. Blog. Sleep. Repeat”. Vielleicht war es auch eine andere Reihenfolge, vielleicht war es auch noch ein Wort mehr, ich konnte das kaum erkennen, ich musste so lachen. Blogger-Notizbücher! Es war leider schon spät und kurz vor Ladenschluss, sonst hätte ich noch schnell bei der Herrenmode nachgesehen, ob man in diesem Frühling Bloggeranzüge und Bloggerübergangsjäckchen trägt. Aus besonders selfiefreundlichem Material und mit Extratasche für das Blogger-Notizbuch.

Eat. Blog. Sleep. Repeat. Wirklich, dieses Offline ist viel unterhaltsamer als man immer denkt. Da ruhig mal hingehen!

Jetzt erst einmal eat.