Wir geben ein Beispiel

Eine stumpfe Flechte ist nicht, wie man vielleicht denken könnte, ein Hauterkrankung, nein, es ist eine Drehfigur aus zwölf Schritten im Langsamen Walzer. An dieser haben die Herzdame und ich gestern abend des längeren geprobt. Es war erfreulicherweise einer der seltenen Abende, an denen ich durch sofortiges und fortwährendes Gelingen aller Drehungen und Wendungen meine Seelenverwandtschaft mit Fred Astaire wieder sehr deutlich merkte, denn meine Füße machten die Schritte wie von selbst, kaum daß ich überhaupt nachdenken oder auch nur dem Trainer zusehen mußte. Ein klein wenig könnte das auch daran gelegen haben, daß wir, wie mir im Laufe der Stunde dämmerte, ebendiese Figur im letzten Jahr schon einmal gelernt hatten.

Meine Stimmung stieg ob meiner glänzenden Leistungen beträchtlich, ich machte mich gerader, ich führte die Herzdame deutlicher als je zuvor, ich ließ sie förmlich durch das Lied schweben, was sie zu der mich überraschenden Frage brachte, ob ich ihr die Schulter brechen wolle. Kaum konnte ich nach einer kleinen Pause den Beginn des nächsten Liedes erwarten und stürmte zurück auf die Tanzfläche, die Herzdame ebenfalls, nur in eine andere Richtung. So standen wir in zwei Ecken des Saales, jeder auf einer vermeintlich idealen Startposition für die nächste Runde. Da beim Tanzen nun aber der Mann zu führen und die Frau zu folgen hat, wartete ich ab, ob die Herzdame nicht vielleicht zu mir kommen wollte, nachdem sie sich, sicher irrtümlich, verlaufen hatte. Sie stand aber weiter dort und verschränkte die Arme, nachdem sie mir mit den Händen deutliche Zeichen gegeben hatte, die in Sprache übersetzt etwa gelautet hätten: “Lauf da nicht rum wie ein überdrehter Gockel und stell dich gefälligst hier neben mich.” Wenn man sich lange genug kennt, kann man solche Handzeichen sehr wörtlich übersetzen. Ich verfolgte gleichzeitig sehr ähnliche Gedanken, vielleicht eher an aufgeplusterte Hennen als an Gockel denkend, aber doch auf derselben Ebene. Außerdem war ich in einem fortgeschrittenen Führungsrausch, also verschränkte ich auch die Arme und wartete ab.

Die Musik begann, um uns herum bastelten die anderen Paare unsicher an der neuen Figur, man sortierte allgemein Füße und wunderte sich über Drehrichtungen und Positionen im Raum. Menschen gifteten sich an, weil der jeweilige Partner nicht begriff, welches Bein was machen sollte, Paare stießen zusammen und blieben grummelnd stehen. Man war sich allerseits uneins über die Schritte, man schob Schuld hin und her und gestikulierte, auf Beine und Wände zeigend, man zählte demonstrativ den Takt an drei Fingern ab und blieb in merkwürdigen Posen auf der letzten Zahl stehen, den unwilligen Partner zurechtrückend. Kein schönes Bild.

Nur die Herzdame und ich, wir standen in perfekt gleicher Körperhaltung, sogar die gleichen Sätze denkend, getrennt und doch einander zugewandt, voll auf den anderen konzentriert, angemessen angespannt und einig im Streben. Wir standen und gaben ein Beispiel.

Für Harmonie in der Partnerschaft.

Der Leicafritze

Auf dem Weg zu einer literarischen Veranstaltung lief ich noch ein wenig durch den mir eher unbekannten Hamburger Stadtteil Hasselbrook. Ich hatte eine gerade erworbene Kamera um den Hals und sah mich nach Motiven um, als mich ein älterer Mann ansprach. Ich habe bisher immer gedacht, daß man in Hamburg nur von Fremden angesprochen wird, wenn man einen Hund (“Süß!”) dabeihat, der nicht gerade irgendwo hinmacht, oder auch ein Kleinkind (“Süß!”), das nicht gerade schreit. Seit kurzer Zeit weiß ich, daß man auch angesprochen wird, wenn man eine Kamera dabei hat, die ein wenig so aussieht, als wäre sie ein Profigerät (was sie allerdings in Wahrheit durchaus nicht ist). Seltsam oft kommen Fremde auf mich zu und fragen nach den technischen Daten der Kamera oder nach der aktuellen Motivwahl, nach dem Preis und nach Markenvergleichen. Ich kann die Fragen nicht beantworten, da ich mir solche Daten nie merke, abgesehen vom Preis, aber man kommt doch ins Gespräch. Die Stadt ist anscheinend voller Hobbyphotographen mit Austauschbedürfnis. Alleinstehende sollten sich eine möglichst große Kamera kaufen und suchend gucken. Der Rest ergibt sich, nehme ich an.

Der alte Mann, der jetzt vor mir stand und mit dem Finger auf meine Kamera zeigte, war vielleicht siebzig Jahre alt. Er war betont ordentlich angezogen, mit Anzug, Krawatte und sehr sauberen Schuhen. Er guckte auf die Kamera, sah sich dann um und sagte: “Na junger Mann, was wollen sie hier denn einfangen, hier ist doch nichts.” Ich antwortete, daß mir der Gedanke auch schon gekommen sei und ich mich daher einfach nur ziellos umsehen würde.

“Ich hab früher auch sehr viel photographiert, wissen sie” sagte der alte Mann. “Ich war ein Leicafritze, immer die besten Kameras, immer Leica natürlich und jede freie Minute unterwegs, immer draußen. Man findet ja doch immer irgendwas, man braucht nur Geduld. Habe früher auch Ausstellungen gehabt und Preise gewonnen und alles. Na, ist schon eine Weile her jetzt, daß ich da richtig was gemacht habe”.

Ich fragte ihn, ob er heute nicht mehr photographieren würde, er sah mich an, er sah auf den Boden und dann fing er vollkommen unvermittelt an zu weinen, Tränen liefen aus den Augen und tropften an ihm herunter, er wischte sie nicht weg, er wurde sehr rot und dann sagte er schnell und leise:

“Nee, ich mach gar nichts mehr. Seit drei Monaten. Wisse sie, meine Frau ist im Krankenhaus, sie hat was im Kopf und die Ärzte sagen – also die sagen es wird nichts mehr. Das war’s dann wohl. Da bin ich jetzt allein zu Hause, dauernd, seit drei Monaten, ganz allein. Und da merke ich, ich kann das gar nicht. Das ist ein Ding, so etwas zu merken, ich dachte immer, ich wäre ein ganz strammer Kerl. Und jetzt lauf ich so rum und kann gar nichts mehr. Ich lauf hier auch einfach nur so in der Gegend rum, ich hab gar kein Ziel, einfach so rum, ich mag nicht in der Wohnung sein und dahinten ist die Klinik, da liegt sie. Da war ich heute morgen. Haben sie eine Frau?”

Ja, sagte ich, das habe ich.

“Dann seien sie mal froh, daß sie eine haben. Ich wünsch ihnen was. ” Damit ging er hastig weiter.

Die Frühlingslesung

 

Normalerweise hat man als kinderloser Mensch ja nicht unbedingt Übung im Vorlesen. Welch glücklicher Umstand also, daß ich der Herzdame regelmäßig abends Märchen vorlese (wir berichteten), da fange ich beim Üben für diese öffentliche Lesung (danke für die Einladung an die beiden Organisatoren!) nicht ganz bei Null an. Schwierig wird es aber dennoch, schwant mir, vielleicht sogar sehr schwierig, vor allem wegen meiner Füße.

Ich bin nämlich ein überzeugter Gewohnheitsmensch und werde leicht verunsichert, wenn Dinge nicht so ablaufen, wie ich es gewohnt bin, derlei bringt mich dann schnell aus dem Takt. So bin ich es zum Beispiel gewohnt, daß die Herzdame mir die Füße massiert, während ich ihr vorlese. Das tut sie nicht aus lauter Liebe, recht verstanden, das tut sie DAMIT ich vorlese, mit anderen Worten, das ist die Geschäftsgrundlage der abendlichen Märchenstunde. Unsere Ehe ähnelt überhaupt in mancherlei Hinsicht einer erfolgreichen Handelsbeziehung, denn wozu etwas verschenken, wenn man dafür auch etwas bekommen kann. Während mir also die Herzdame die Füße massiert, lese ich mit ruhiger, abendtauglicher Stimme und in entspanntester Haltung und klarem Geist Märchen vor, was nichts anderes heißt, als daß ich fehlerfrei und ohne unnötige Aufregung lese, sofern sie mir diese Behandlung angedeihen läßt. Ob ich das allerdings auch kann, wenn sie das nicht tut, ist leider vollkommen unbewiesen und von daher höchst fragwürdig.

Als intimer Kenner des Charakters der Herzdame bezweifele ich aber leider stark, daß sie bereit sein könnte, mir auch während einer öffentlichen Lesung die Füße zu massieren, obwohl das ganz zweifellos stark beruhigend und absichernd auf mich wirken würde. Wobei ich aber auch einsehe, daß es ein etwas unangemessen jesusmäßiges Element hätte, während eines öffentlichen Vortrages gesalbt zu werden, und das, wo ich als Jesusdarsteller schon wegen meiner Stoppelfrisur gänzlich ungeeignet wäre.

Es kann daher wohl nur eine Schlußfolgerung geben: Ich werde üben müssen. Sehr viel üben. In Schuhen.

 

Verbindungslos

Wenn man morgens Zeitung liest, nebenbei den Computer hochfährt und dann etwa fünfzehn Minuten lang immer wieder irritiert auf einen unverändert fast komplett weißen Bildschirm starrt, statt das bunte Internet begucken zu können, dann kann das die Qualität des Morgens schon etwas beeinträchtigen. Wenn man sich dann schwarz ärgert, weil es anscheinend gerade keine Onlineverbindung gibt, da, wer weiß, der Internetprovider technisch zusammengebrochen ist, irgendein blöder Bagger wieder ein wichtiges Kabel gekappt hat, die Software sich verheddert hat oder das Notebook nun doch endgültig vergreist ist, dann kann einem das sogar gewaltig die Stimmung verderben, sogar bis zu dem Punkt, an dem man mit stumpfen Gegenständen auf die nutzlose Hardware einprügeln möchte, insbesondere dann, wenn man gerade sehr, sehr dringend an eine Email möchte.

Man könnte aber auch genauer hinsehen und gleich darauf kommen, daß man auf eine leere Wordseite guckt, nicht auf den Browser.

Im Frequenznirwana

Ich habe vor einiger Zeit bei einem sehr großen Elektronikkaufhaus einen billigen Radiowecker mit CD-Teil erworben. Da ich das Gerät in die Küche stellen und beim Kochen nebenbei benutzen wollte, kaufte ich das billigste Ding aus dem überreichlichen Angebot, einen befremdlich gestalteten Silberkasten, er sah aus wie ein Bordgerät des Raumschiffs Orion. Der erste Test zuhause ergab leider, daß es nicht möglich war, einen Sender einzustellen, ohne daß der Suchmechanismus aus ganz eigenem Antrieb nach einigen Minuten beschloß, auf Wanderschaft ins Frequenznirwana zu gehen, woraufhin endloses Rauschen ertönte. Eine CD abzuspielen ging auch nicht recht, denn offensichtlich war der CD-Teller nicht ganz eben, weswegen jede CD vor sich hin hoppelte und dabei einen nicht vorgesehenen, aber recht lauten Percussioneffekt abspielte. “Klack.”

Am nächsten Tag brachte ich den Radiowecker zurück und stellte mich eine halbe Stunde an der Information des Marktes an, um zu erfahren, wie der Umtausch stattfinden könne. Man schickte mich nach dem Ausfüllen einiger Formulare direkt in die Fachabteilung, wo ich eine weitere halbe Stunde auf einen Verkäufer wartete. Ein endlich frei gewordener Verkäufer nahm das Gerät deutlich genervt in Empfang, hörte sich meine Schilderung an und erklärte mir dann: “Sie haben ja auch das billigste Ding gekauft. Da können sie doch gar nichts erwarten.” Ich antwortete, daß ich schon erwarten würde, daß das Gerät funktioniert, vielleicht nicht in bester Qualität, aber doch im Prinzip. Er schüttelte den Kopf: “Also bei dem Preis…- das kann ja nicht gehen” Meine Frage, warum sie denn wohl bekanntermaßen nicht funktionierende Geräte verkaufen würden, wollte er nicht recht beantworten. Ich nahm ein zehn Euro teureres Produkt und ging.

Zuhause stellte sich beim Auspacken heraus, daß es sich um ein typengleiches Gerät handelte, wie jenes, welches ich gerade getauscht hatte, es klebte lediglich ein anderer Herstellername auf der Verkleidung. Ohne weitere Funktionsversuche habe ich es unter Opferung von weiteren anderthalb Stunden Freizeit wieder getauscht, noch einmal zehn Euro dazubezahlt und ein anderes Produkt ausprobiert. Allerdings ließen sich auch darauf keine CDs abspielen, zu hören war diesmal nur gehackter Ton, etwa zehn Sekunden Musik, zehn Sekunden Stille, zehn Sekunden Musik usw.. Es scheint sehr schwer und anspruchsvoll zu sein, solche Geräte fehlerfrei herzustellen.

Für einen weiteren Aufpreis nahm ich am nächsten Tag ein wirklich funktionsfähiges Gerät mit nach Hause – und es spielt tatsächlich CDs tadellos ab. Allerdings haben weder die Herzdame noch ich die Anleitung ganz verstanden, da jeder Knopf xfach belegt ist und seine Bedeutung wandelt, sobald man einen der anderen Knöpfe, alle nur mit kryptischen Piktogrammen erklärt, parallel drückt, weswegen wir weder die Uhr noch den Wecker benutzen und auch den Radiosender lieber nicht mehr verstellen. Mittlerweile ist mir allerdings die Lust vergangen, jeden Tag in den Elektronikmarkt zu gehen, daher steht auf der Küchenfensterbank nunmehr eine ungenutzte Technikruine und blinkt unentwegt hektisch und um Aufmerksamkeit bittend vor sich hin, weil die Uhrzeit nicht gestellt ist.

Sobald das CD-Laufwerk kaputt geht, was sicher nicht lange dauern wird, singe ich wieder selber beim Kochen. Die Herzdame ist in der Hinsicht Kummer gewohnt.

Nachtrag: Dieser Text erschien auch in dem Magazin “mindestens haltbar”.