Jo…

Wenn sich zwei Menschen in Hamburg voneinander verabschieden, könnte einer zum Beispiel „Tschüss dann“ sagen, woraufhin der andere schlicht entgegnen könnte: „Ja, tschüss“. Dann könnten sie sich voneinander abwenden, jeweils in eine S-Bahn springen, das Auto starten oder über eine Straße rennen und sie hätten für den Abschied in etwa fünf Sekunden gebraucht.

Im Heimatdorf der Herzdame, im abgeschiedenen Nordostwestfalen, vollzieht sich so ein Abschiedsritual ganz anders. Treffen sich dort zwei Menschen, etwa an einem Ackerrand, und unterhalten sich eine Weile, so steht ihnen am Ende des Gesprächs eine zeitraubende Prozedur bevor, ein kompliziertes Ritual, das für Gäste wie mich äußerst faszinierend ist. Ich versuche im Folgenden in etwa wiederzugeben, wie sich ein typisch ostwestfälischer Abschiedsdialog abspielt. Man muß sich dabei allerdings, um es richtig nachvollziehen zu könne, ziemlich lange Pausen zwischen den einzelnen Beiträgen vorstellen. Weit ausgedehnte Pausen, in denen die beiden Sprecher in den Himmel gucken, sich Dreck von den Schuhen klopfen, ihre Hunde streicheln oder einfach etwas mit den Füßen scharren und mit den Fingern spielerisch Getreidehalme abknicken. Für hektische Großstadtmenschen, denen solche Szenen vollkommen fremd sind: Stellen Sie sich die Pausen einfach etwas länger vor, als sie es für möglich und erträglich halten. Es stehen also zwei Menschen am Ackerrand, es ist zwischen ihnen gesagt, was zu sagen war, sie fangen an, sich zu verabschieden:

Mensch A „Jo…“

Mensch B „Nech…“

Mensch A „Denn…“

Mensch B „Denn will ick mol.“

Mensch A „Jo…“

Mensch B „So is dat.“

Mensch A “ Also…“

Mensch B „Jo…“

Mensch A „Jo denn…“

Mensch B „Denn man to.“

Mensch A „Nech…“

Mensch B „Ich geh denn mal.“

Mensch A „Mok dat.“

Mensch B „Jo…“

Mensch A „Ick dann ook, nech.“

Mensch B „Jo…“

Mensch A: Also…“

Mensch B „Denn man los…“

Mensch A „Sieh zu.“

Mensch B „Bis denn.“

Mensch A „Jo, bis die Dage.“

Mensch B „Man sieht sich.“

Mensch A „Wird man wohl.“

Mensch B „Jo…“

Die Sprecher verwenden im Laufe des Dialoges so viele Satzanfänge, die über drei Pünktchen am Ende ins Leere verlaufen, daß dem zugereisten Zuhörer aus der Großstadt davon ganz krümelig im Kopf wird. Irgendwann im Laufe der nächsten Minuten kommt vielleicht ein Moment, an dem beide genau zeitgleich „Jo“ sagen. Dann drehen sie sich um und gehen langsam auseinander. Sie könnten aber auch, bevor sie diesen Punkt erreichen, die gesamte Gesprächsschleife noch einmal durchlaufen. Oder auch zweimal.. Man hat Zeit. Ringsherum wächst währenddessen das Getreide. Es wird langsam dunkel. Jo…

11 Kommentare

  1. Die Heimat der Herzdame scheint um die Ecke von meiner zu sein… Wir sind auch so! 🙂 Schlimm, dass sich das sogar bis in meine Generation fortsetzt, Telefonate beenden ist schwierig.
    „Okaaay….“ „ja… dann…“ „wir telefonieren dann…“ „okay“ „Okay, bis die tage, ne?“ usw. So normal, ist mir nie aufgefallen. 🙂

  2. Cori, mir gehts manchmal genauso, als absoluter Nicht-Bauer auf den die Jugend im schönen Westfalen aber doch abgefärbt hat… jo.. nech.. ich will dann ma.. to!

  3. 1. wird mir die Herzdame immer sympathischer. Ich bin gebürtiger Niederrheiner, Zwangskölner und Wahlwestfale. (Wobei ich den Umzug meines besten Freundes von Münster ausgerechnet nach Bielefeld nicht gutheißen mag.)

    2. hör Dir mal die rheinischen Abschiedssinfonien an. Das Feinste daran ist der Dialogteil „Bisse weg?“ gefolgt von einem definitiv gelogenen „Ja.“

    3. Falls Du ihn noch nicht gehört hast: Beikircher anhören. Die Programme über das Rheinland und die umliegenden Gegenden. Unbedingt. Westfalen kommen da nicht gut bei weg, aber es lohnt sich. Erhellend, scharfsinnig und erheiternd.

  4. Triple_Double: Faszinierende Idee, aber leider fehlen uns für Podcasts alle Voraussetzungen, sowohl was Hardware, als auch was Kenntnis betrifft. Zumindest noch.
    Tobias: Beikircher sagt mir gar nichts. Wo kann man den (?) hören?
    Cori: Ja, auch der Nachwuchs legt das Ritual meiner Erfahrung nach keineswegs ab.
    Fräulein Anna: Definitiv ist die Sprache herrlich, gar keine Frage. Und unentbehrlich.
    Die Herzdame und ich sind übrigens gerade wieder im Heimatdorf, Bericht folgt.

  5. Am günstigsten mal in der Stadbücherei schauen, inzwischen hat seine „Rheinische Trilogie“ 7 oder 8 Teile…
    Tourdaten u.ä. gibts natürlich auf http://www.beikircher.de, aber das ist natürlich ne andere Preisklasse. Oder halt im CD-Laden einfach mal nachfragen und vor Ort an die R(h)einhörstation…

  6. Jetzt weiß ich endlich, warum ich jeden zweiten gebloggten Satz mit Pünktchen aufhöre…

    Dann will ich mal wieder.

    Nech…

    Bis die Tage dann.

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