Die Frühlingslesung

 

Normalerweise hat man als kinderloser Mensch ja nicht unbedingt Übung im Vorlesen. Welch glücklicher Umstand also, daß ich der Herzdame regelmäßig abends Märchen vorlese (wir berichteten), da fange ich beim Üben für diese öffentliche Lesung (danke für die Einladung an die beiden Organisatoren!) nicht ganz bei Null an. Schwierig wird es aber dennoch, schwant mir, vielleicht sogar sehr schwierig, vor allem wegen meiner Füße.

Ich bin nämlich ein überzeugter Gewohnheitsmensch und werde leicht verunsichert, wenn Dinge nicht so ablaufen, wie ich es gewohnt bin, derlei bringt mich dann schnell aus dem Takt. So bin ich es zum Beispiel gewohnt, daß die Herzdame mir die Füße massiert, während ich ihr vorlese. Das tut sie nicht aus lauter Liebe, recht verstanden, das tut sie DAMIT ich vorlese, mit anderen Worten, das ist die Geschäftsgrundlage der abendlichen Märchenstunde. Unsere Ehe ähnelt überhaupt in mancherlei Hinsicht einer erfolgreichen Handelsbeziehung, denn wozu etwas verschenken, wenn man dafür auch etwas bekommen kann. Während mir also die Herzdame die Füße massiert, lese ich mit ruhiger, abendtauglicher Stimme und in entspanntester Haltung und klarem Geist Märchen vor, was nichts anderes heißt, als daß ich fehlerfrei und ohne unnötige Aufregung lese, sofern sie mir diese Behandlung angedeihen läßt. Ob ich das allerdings auch kann, wenn sie das nicht tut, ist leider vollkommen unbewiesen und von daher höchst fragwürdig.

Als intimer Kenner des Charakters der Herzdame bezweifele ich aber leider stark, daß sie bereit sein könnte, mir auch während einer öffentlichen Lesung die Füße zu massieren, obwohl das ganz zweifellos stark beruhigend und absichernd auf mich wirken würde. Wobei ich aber auch einsehe, daß es ein etwas unangemessen jesusmäßiges Element hätte, während eines öffentlichen Vortrages gesalbt zu werden, und das, wo ich als Jesusdarsteller schon wegen meiner Stoppelfrisur gänzlich ungeeignet wäre.

Es kann daher wohl nur eine Schlußfolgerung geben: Ich werde üben müssen. Sehr viel üben. In Schuhen.

 

13 Kommentare

  1. Oha, fools garden ist ja nicht so groß – kann man Karten reservieren? Hier per Kommentar vielleicht?

  2. @Klaus: Ich dachte, da passen etwa hundert Leute rein? Kenne den Laden aber bisher nicht aus eigener Anschauung,
    @Isabo: Da fällt mir auch nach stundenlangem Nachdenken nichts ein, leider. Ihre Bestechlichkeit hat leider Grenzen, fürchte ich.

  3. Etwa hundert könnte passen, wenn man genug Stühle aufstellt – aber was sind hundert Zuschauer für so eine illustre Runde? (Besonders wenn man die Möglichkeit bedenkt, dass die Fussmassage-Gewohnheit sich nicht ablegen läßt, sondern auf der Bühne zelebriert wird…)
    Ich bin regelmässig bei den Zuckerschweinen dort und da würde ich die Platzanzahl auf 60-70 schätzen, das ist aber auch noch mit kleinen Tischen in den Stuhlreihen. Wenn man da optimiert, kommt man wohl auf hundert.

  4. Ich schlage aufgrund spontaner Eingabe folgendes Szenario vor: Unter dem Lesungstisch ein großer Pappkarton, in welchem die Herzdame bequem kauern kann – nein, das ist kein Widerspruch in sich – zu Füßen des Merlix, welcher ebendiese Füße durch eine Öffnung zur gefälligen Behandlung in den Karton schiebt, wo ihm die zur Wahrung der gesellschaftlichen Konventionen an den Füßen festgemachten Schuhe von der Herzdame ausgezogen und auf ein Stichwort, aber jedenfalls rechtzeitig vor Beendigung der Lesung, wieder angezogen werden. Würde aber implizieren, dass die Herzdame während der gesamten Lesung verborgen bleibt, so sie unerkannt bleiben mag.
    Mit einer unbestechlichen Herzdame auch keine echte Alternative, was?

  5. @waschsalon: Ich weiss nicht recht, aber die These bietet sich als Grundhaltung unbedingt an, denke ich.
    @Etosha: Die Herzdame in einem Pappkarton zu meinen Füssen ist auch nicht recht vorstellbar, fürchte ich. Und es sähe auch merkwürdig aus, diesen dann doch recht grossen Karton zu Beginn und Ende meiner Lesezeit auf die Bühne zu wuchten.

  6. Ich würde mir da ja überhaupt keine Sorgen machen. Was könnte es für einen Jünger Jesus … äh … Merlix denn Großartigeres geben, als einmal in seinem Leben für zehn Minuten die Rolle der Herzdame zu übernehmen?

    Es werden also an diesem Abend Scharen begeisterter Pilgerer mit hoffnungsfrohem Gesicht zu Dir aufblicken und um die Gnade Deiner Gunst flehen. Fußtechnisch prognostiziere ich da eine extrem entspannte Lesung.

    Geschäftsgrundlage der Beziehung? Die bloße Anwesenheit des Erleuchteten befriedigt natürlich alle Wünsche, aber ewiger Ruhm kann durch die Aufnahme in seinen Schriften erlangt werden 😉

  7. @Gunnar: Sehr clever, bei einem Hanseaten gleich die Geschäftsgrundlage zu skizzieren, da fühle ich mich gleich verstanden.
    @KleinesF: Nicht meine Scheu ist hier das Problem, die Herzdame reagiert auf das Thema irgendwie zu gereizt, um wirklich erfolgreich weiter verhandeln zu können. Aber es ist ja noch etwas Zeit.

  8. Über kurz oder lang geht es doch nur um die Alternative, ob Gunnar oder die Herzdame dem Merlix die Füße massiert… und da würde ich mich als Herzdame doch wirklich mal auf die Socken machen… 😉

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