Aus dem Trainingslager

Die Frühlingslesung rückt näher, erschreckend näher sogar. Die Herzdame ist der Ansicht, ich müsse mangels einschlägiger Erfahrung unter möglichst realen Bedingungen trainieren, Texte laut und wohlartikuliert zu lesen. Dazu trägt sie sehr gerne bei, was ihr möglich ist. Das heißt, ich lese laut vor mich hin, während die Herzdame auf dem Sofa vor mir sich mit Feuereifer die Seele aus dem Leib hustet, mit imaginären Sitznachbarn über den Blödmann am Mikro spricht, an den falschen Stellen lacht, ihr Handy klingeln läßt oder sms schreibt. Sie hat auch schon mitten im Text kommentarlos den Raum verlassen, nach jedem zweiten Wort “Lauter!” gebrüllt und ist laut polternd von einem ebenfalls imaginären Klappstuhl gefallen. Sie gibt sich wirklich Mühe. 

Seit sie auf die Idee gekommen ist, mich beim Lesen mit Unterwäsche und Kuscheltieren zu bewerfen, hat die Sprechübung auch einen Aspekt von Torwarttraining bekommen, aber das ist in diesem WM-Jahr ja nur stimmig. Immer mit dem Zeitgeist gehen.

 

Mutig voran

Aus verschiedenen, leider hier gar nicht erläuterbaren Gründen, habe ich gerade, zumindest für mein Verständnis, alles Recht der Welt schwer mißgestimmt zu sein und zwar in weit fortgeschrittenem Ausmaß. Das kommt ja mal vor, daß man mit dem, was einem im Leben so geboten wird, nicht ganz einverstanden ist, um es betont milde auszudrücken, das gibt es auch im gepflegtesten Alltag. Natürlich bin ich aber kein Typ, der sich lange in der Opferrolle des Schlechtbehandelten wohl fühlen würde. Ich lehne es vielmehr weitestgehend ab, anderen Menschen mit meinen Fehlstimmungen auf den Wecker zu gehen, wenn es nicht gerade vollkommen unvermeidbar ist. Rücksichtsvoll wie ich bin, habe ich daher den Tag heute weitestgehend damit zugebracht, mich in geradezu leidenschaftlicher Weise in eine betont fröhliche Stimmung zurückzudenken, um zum Beispiel der Herzdame nicht den gemeinsamen Tanzabend durch depressives Herumgejammer und zerbeulte Launen zu verderben. Nein, so etwas tut man nicht, da gibt man sich eher ein gewaltigen Ruck, richtet sich seelisch heroisch auf und tritt dem Leben, dem Walzer und vor allem der Herzdame strahlend und positiv entgegen. Menschen, die sich selbst gut kennen und die eigenen Reaktionsmuster abschätzen können, lassen sich von gelegentlichem schweren Wetter nicht ausreichend beeindrucken, um es sich unnötig anmerken zu lassen, solche Menschen leisten erfolgreich Gegenwehr. Dachte ich zumindest. Die Herzdame ist aber eine scharfsinnige Frau, der, als wir uns in der Tanzschule trafen, ein Blick auf mich und meine mühsam präparierte sonnige Ausstrahlung reichte, um mich mit den Worten: “So ein tapferer kleiner Kerl” zu begrüßen.

Es gibt einfach Tage, die kann man nicht gewinnen.

Kleine Schwächen

Die Herzdame hat einen geländetauglichen Charakter und ist nicht leicht zu erschüttern, aber natürlich gibt es auch bei ihr einige Schwachstellen. Zum Beispiel eine als panisch zu bezeichnende Angst vor Spritzen, welche bewirkt, daß sie nach so einem kleinen Stich gerne mal umfällt und in Arztpraxen für Aufruhr sorgt. Aller Erfahrung nach fällt sie sogar mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit dem Arzt nach dem Pieks vor die Füße, wie sie mir des längeren erklärt hat. Heute morgen waren wir nun beide zu einer Schutzimpfung (hat ja auch etwas von Romantik, das erste Mal gemeinsam in einem Sprechzimmer) und ich habe mich insgeheim schon das ganze Wochenende darauf gefreut, nach erfolgter Impfung die erbleichende Herzdame in meinen Armen aufzufangen und zur nächsten Liege zu tragen, denn so etwas ist ja eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich als Gentleman mit sehr hohem Nutzfaktor zu erweisen. Und was passiert – nichts. Die Herzdame guckt nur etwas krampfhaft zur Decke, der Arzt sticht, sie zieht sich ungerührt wieder an und geht aufrechten Schrittes aus dem Behandlungsraum. Einfach so.

Ich fühle mich um eine glänzende Möglichkeit betrogen.

Mädchenbier

Ich habe schon seit über eine Woche dauernd Lust auf etwas, das ich bis vor ganz kurzer Zeit noch als Pipi- oder Mädchenbier bezeichnet habe, während die Herzdame es gerne weiter als Spülwasser tituliert, auf diese neumodischen, goldigen, nach Sonnenschein im Glas aussehenden Varianten eines anständigen Pils. Ich hoffe doch sehr, es liegt nur am akuten Sonnenentzug in dieser Stadt, daß es mich plötzlich zu so etwas drängt, und nicht etwa an einer grundsätzlichen und dauernden Geschmacksänderung.

Wie steht man denn sonst da, wenn man so etwas womöglich in einer Kneipe bestellt. Wie peinlich.

Theaterabend: Die Ziege oder Wer ist Sylvia

Es hat einen irgendwie merkwürdigen Beiklang, so nach dem letzten Eintrag, aber das Stück “Die Ziege oder wer ist Sylvia” in den Hamburger Kammerspielen handelt tatsächlich von Sodomie, von der Liebe zu einer Ziege. Im ideellen und durchaus auch im körperlichen Sinne, da bleibt es nicht bei zarten Andeutungen. Natürlich reiner Zufall, daß es hier auf diesen anständigen Seiten schon wieder um geliebte Tiere geht.

Das Stück von Edward Albee soll, wenn man den Zeitungskritiken glaubt, viele Fragen zur Moral und zur Wirkung der Liebe aufwerfen. Ich denke es mir bei allem Respekt vor dem Autor eher so: Er hatte die interessante Idee, daß sich ein Mann von fünfzig Jahren plötzlich in eine Ziege verliebt – und viel mehr fiel ihm dann auch nicht ein zu dem Thema, zu Ende gedacht wird da eher wenig und ein moralisch aufrührendes Stück ist dann doch etwas anderes. Macht aber nichts! Ganz egal, wenn das Stück so brillant inszeniert und so grandios besetzt ist. Vor allem mit Catrin Striebeck in der weiblichen Hauptrolle, die absolut hinreißend ist und mit einer Leidenschaft spielt, die geradezu raumfüllend ist. Guntbert Warns und Stefan Jürgens ebenfalls in Bestform, Sven Fricke in der Nebenrolle des Sohnes zeigt wundervoll, wie man mit einigen wenigen Sätzen eine Figur vollkommen überzeugend darstellen kann.

Sie alle spielen viel besser als das Stück ist, es ist eine Freude, ihnen zuzusehen, es lohnt den Besuch. Vorführungen noch bis 30.April. Hingehen!

Aber wie kann es eigentlich sein, daß meine Freundin Andrea und ich die einzigen Menschen unter sechzig Jahren in so einer Vorführung sind? Können die Jahrgänge vor uns etwa mit Sodomie mehr anfangen? Man sollte ja eigentlich denken, wir wären ein geburtenstarker Jahrgang, der ganze Arenen füllen könnte. Seltsam.

Das war leider bei allen Theaterbesuchen der letzten Zeit sehr deutlich, man geht da doch anscheinend erst als Rentner hin. Aber auch das hat natürlich seinen Vorteil – an den Theaterabenden fühle ich mich so wenigstens durch und durch jung.