Labskaus – ein besonderes Vergnügen –

Da ich regelmäßig für die Herzdame und mich koche, kommt es eher selten vor, daß ich einmal ein Fertiggericht esse. So selten, daß ich mich manchmal schon darauf freue. Einerseits wegen der gewonnenen Zeit, anderseits auch wegen der Geschmackserinnerung, denn früher habe ich, wie sicher viele männliche Singles, längere Zeit praktisch von Fertiggerichten gelebt. Als die Herzdame in der letzten Woche einmal sehr lange im Büro blieb, habe ich mir daher mit Freude eine Dose Labskaus aufgemacht, ein Vergnügen, daß Süddeutsche sicher nicht verstehen können und auch nicht müssen. Dummerweise hatte ich aber eine Dose der falschen Marke erworben, ein wirklich schwerer Fehler, denn es schmeckte tatsächlich in etwa so, wie es aussah – bei Labskaus ein überaus unangenehmer Effekt. Ich habe dennoch etwa die Hälfte davon gegessen. Als mir zusehends blümerant wurde, habe ich das Abendessen aber doch aufgegeben. Unter normalen Umständen hätte ich die Reste auch sofort entsorgt, allerdings wurde mein Magen auf dem Weg in die Küche etwas rebellisch und ich hatte es plötzlich sehr eilig, mich etwas hinzulegen. Um der Herzdame trotzdem den wenig erfreulichen Anblick einer halbgegessenen Labskausportion zu ersparen, stellte ich die Schüssel mit dem Rest zunächst zurück in die Mikrowelle, um sie erst einmal schnell verschwinden zu lassen und später zu entsorgen. Ich bin auch in Krisensituationen durchaus noch zu fürsorglichen Gedanken fähig, stellte ich dabei mit Freuden und nicht ohne Stolz fest.

Die Herzdame, die etwa drei Tage später etwas in der Mikrowelle heiß machen wollte, war überaus unangenehm überrascht von den mittlerweile nicht schöner gewordenen Resten meiner Fertiggerichtfreuden, an die ich seit jenem Abend keinen Gedanken mehr verschwendet hatte. Kaum zu beschreiben, wie Labskaus aussieht, wenn man es ein paar Tage stehen läßt, unglaublich, nun ja, organisch. Wenn ich den Blick der Herzdame richtig gedeutet habe: Furchterregend.

Es ist mir leider nicht gelungen, ihr überzeugend zu vermitteln, daß meine eigentliche Absicht, nämlich ihr die Reste gerade nicht zu Gesicht kommen zu lassen, doch wohl höher zu bewerten ist als die ungeplante Tatsache, daß sie nichtsahnend hineingegriffen hat. Wir haben uns aber vollkommen problemlos darauf einigen können, daß es auf absehbare Zeit in diesem Haushalt kein Labskaus mehr geben wird. Wobei sie sich noch nicht ganz sicher ist, ob sie aus unserer Küche überhaupt je wieder irgendwas essen wird.

Schöne Ostern allerseits

Die Herzdame und ich fahren über Ostern in ihr Heimatdorf, wo man beim Osterfeuer der alten Tradition halber reichlich “Schwatten” (Kaffee mit Korn) trinkt. Das ist selbstverständlich ein hundsgemeines Getränk mit gravierenden Folgen für den Tag danach, aber ich sehe das sportlich. In einer Ehe muß man auch mal ein Opfer bringen können, und sei es, sich den Trinkgewohnheiten des Stammes der Frau anzupassen. Ich erwarte von ihr im Gegenzug ja auch zum Beispiel den Verzehr von Labskaus – dazu dann in ein paar Tagen mehr. Wir wünschen schöne Feiertage!

Theaterabend: Die Entdeckung der Currywurst

Im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater läuft seit vorgestern eine Bühnenfassung der Novelle “Die Entdeckung der Currywurst” von Uwe Timm. Vor dem Theater steht jetzt ein Imbißwagen der, extra und passend zum Stück, Currywurst verkauft, welche die Herzdame und ich auch zur Einstimmung probierten. Die Firma, die dort die Chance zur Werbung für ihre Wurstwaren nutzt, sollte sich allerdings schämen für die lausige Qualität, die dort angeboten wird, denn wenn die erwartete Bratwurst nach schlabberiger Brühwurst schmeckt, kann sie mit keiner noch so guten Sauce mehr gerettet werden.

Für mich ist Uwe Timm ein Autor, dem es um das Besondere hinter dem Alltäglichen geht, um die Geschichten, die den Begriffen erst Geschmack und Würze geben. Versessen auf das Wunderland an Erlebnissen und Personen, das sich nur dann offenbart, wenn man genauer hinsieht, nachfragt, mitdenkt und nachfühlt. Geht man mit dieser Haltung durch das Leben, wird eben auch der Hintergrund einer Currywurst zu einer bezaubernden Geschichte, zu einer Erzählung mit interessanten Figuren, besonderen Umständen, mit Dramatik und Witz. Diese seltsame Verbindung eines profanen Auslösers mit dem ganz Besonderen einer Lebensgeschichte liebe ich an dieser Erzählung. Uwe Timm kann sich in seinem Buch mit vollkommen nachvollziehbaren Stolz an den gefundenen Schätzen erfreuen und dem Leser ergeht es bei der Lektüre nicht anders, man übernimmt die Inhalte beglückt und spielerisch in sein eigenes Erzählrepertoire. Gerade die Entdeckung der Currywurst dürfte ein Musterbeispiel für dieses Leseergebnis sein, die Geschichte von Lena Brücker, die in der Endzeit des Zweiten Weltkriegs den fahnenflüchtigen Soldaten Hermann Bremer versteckt und kurz darauf durch einen Zufall die Currywurst erfindet ist sicher Allgemeingut geworden, zumindest in Hamburg. Von dem Problem mit Berlin reden wir hier lieber nicht.

Lena Brücker ist keine besondere Frau und Hermann Bremer ist kein spektakulärer Held, daher ist es auch ein eher leises und feines Buch, die Geschichte lebt nicht von Schlagzeilen sondern wird erst durch liebevolles Nachsinnen zu einer bemerkenswerten Angelegenheit. Dramatik liefert der historische Rahmen genug. Warum das Theaterstück nur aus Schlagzeilen besteht, ist mir daher vollkommen unerfindlich. Die Hauptfigur der Lena Brücker (Saskia Fischer) ist seltsam krawallig angelegt und agiert in permanenter Aufregung, sie ist im Tonfall überzogen vulgär und einfach zu laut. Ihre Gefühlswelt kann man nicht recht nachvollziehen. Diese Spielart paßt doch eher in das Ohnsorgtheater, nur wäre sie dort wenigstens erfolgreich erheiternd, nehme ich an. Das Berührende und Feine an der Geschichte dieser einfachen Frau, die einen Deserteur versteckt und liebt, während ringsum die Welt untergeht, bleibt für mich gänzlich auf der Strecke, übrig bleibt eine eher hektische Szenenfolge, die zwar eine Geschichte erzählt, aber nichts mitschwingen läßt. Auch die männliche Hauptfigur (Torben Krämer) überzeugt mich nicht, auch ihm werden die stilleren Momente, die seine schwere Lage besser darstellen würden als das wilde Agieren, von der Regie (Johannes Kaetzler) nicht gegönnt. Warum schließlich die teils glänzend besetzten Nebenfiguren so deutlich ins Klamaukhafte abdriften müssen, erschließt sich aus dem Stück nicht, aus dem Buch schon gar nicht.

Überzeugend aber das unverändert bleibende Bühnenbild (Peter Schmidt), daß im Zusammenspiel mit den Lichteffekten bemerkenswert souverän durch etliche Zeitebenen und Ortswechsel trägt und wenigstens etwas von der vermißten Gefühlstiefe der eigentlichen Geschichte rettet. Durch den Bedeutungswandel, den eine Wand oder ein Fenster hier aushalten, ahnt man zumindest ein wenig davon, daß es eigentlich um eine Geschichte vor allem hinter den Dingen geht.

Als wir das Theater verließen, hatte der Imbißwagen schon geschlossen, obwohl man dadurch wahrscheinlich den Hauptumsatz des Abends verpaßte. Wir fanden es seltsam stimmig.

PS: Ich bin übrigens der Ansicht, daß man Zuschauer, die es fertig bringen, ihr Handy während der Vorstellung laut klingeln zu lassen und die dann noch, nachdem sie den Anruf weggedrückt haben, mit laut piepsenden Tasten eine SMS schreiben, aus dem Theater prügeln sollte. Aber sonst bin ich natürlich ein friedliebender Mensch.

Lokalpatriotismus

Die Herzdame und ich waren im Theater, worüber ich später noch ausführlicher berichten werde, hier aber schon eine Kleinigkeit vorweg. Im Laufe des Stückes sagte der Hauptdarsteller den Satz “Ich komme aus Petershagen an der Weser”. Sicher kein poetisches Meisterstück erster Klasse, er wird aber doch einigen Zuschauern in Erinnerung bleiben, da die Stimme der Herzdame aus dem Zuschauerraum, gedämpft aber doch sehr gut allgemein hörbar, ebenso unvorhergesehen wie von Begeisterung getragen erwiderte: “Ich auch!”

Die Herzdame liebt ihre Heimat, kein Zweifel.

Entspannungstherapie auf der Reeperbahn

Selbstverständlich ist es etwas albern, sich länger mit der Frage abzugeben, was genau es für einen selbst bedeutet, vierzig Jahre alt zu werden. Es ist natürlich auch einfach nur eine Zahl, Vierzig ist gar kein Alter und selbstverständlich stehen einem noch alle Möglichkeiten offen. Aber ja doch. Warum ich bei Treffen mit Gleichaltrigen, denen das Ereignis in diesem Jahr ebenfalls bevorsteht, dennoch regelmäßig in äußerst sentimentalen Themengefilden mit vehementen Anfällen von “weißt du noch…” lande, kann ich mir gar nicht recht erklären.

Gestern abend war ich mit meiner Freundin Birgit, wenige Tage jünger als ich, im Sommersalon auf der Reeperbahn, einer meiner bevorzugten Adressen, wenn es um einen entspannten Abend geht. Birgit hatte gerade festgestellt, daß die Kurse, die sie an der Hamburger Universität nehmen möchte, unter die Bezeichnung “Kontaktstudium für ältere Erwachsene” fallen und war einigermaßen angeschlagen von diesem Begriff. Ich schlug ihr folgerichtig vor, in der Mensa nach dem Seniorenteller zu fragen. Einige wenige Getränke später waren wir bereits bei der Planung monströser Alles-vorbei-Partys, fragten uns gegenseitig nach Faltenbildung und grauen Haaren, zählten auf, was wir alles nicht mehr erreichen würden und taten uns nach Kräften leid. Man muß sich bei solchen Gelegenheiten ja nur kurz fragen, wer aus dem Bekannten- und Freundeskreis bereits tot, schwer krank, ruiniert oder geisteskrank ist, um sich die Stimmung und den Schwung sehr erfolgreich zu ramponieren. “Was macht eigentlich die Dings?” “Die hat sich doch umgebracht.” “Ach…”.

Um uns herum war es während des Gesprächs voll geworden, wir sahen uns etwas um und stellten fest, daß wir mit Abstand die ältesten Gäste waren. Nicht nur mit etwas Abstand, sondern mit dramatischen rund zwanzig Jahren Abstand. Vielleicht war eine Party zum Studienbeginn dort eingefallen, vielleicht war es ein feiernder Abiturjahrgang, wir müssen jedenfalls gewirkt haben wie die zuständigen Jugendbetreuer.

Und während wir die extrem jungen Gäste beobachteten, die ums uns her angestrengt, aber unbedingt lässig sein wollend herumstanden, deutlich auf Wirkung bedacht und sich sorgsam selbstinszenierend, dauernd guckend, wer wohl guckt und mit allen Anzeichen von geradezu fieberhaftem Balzverhalten, aus unserer Sicht modisch albern, aber sicher sehr durchdacht aufgebrezelt und durch und durch auf Show bedacht, da haben wir es doch gemerkt: So jung möchte man auf keinen Fall noch einmal sein. Vierzig ist schon in Ordnung. Ein feines Alter. Man kann einfach irgendwo sitzen. Ohne dauernd auf seine Wirkung zu achten, ohne sich etwas beweisen zu müssen, ohne krampfhaft permanent die Flirtwirkung testen zu müssen. Einfach so. Herrlich! Was für eine Freiheit. Wir rutschten tiefer in die Sessel und stellten übereinstimmend fest: Mit vierzig Jahren hat man sich etwas Entspannung redlich verdient.