Verklemmt auf der Reeperbahn

Ich war wieder einmal mit meiner Freundin Birgit im Sommersalon auf der Reeperbahn, denn der letzte Abend, den wir dort verbrachten, erwies sich als so lehrreich (hier nachzulesen), daß uns nach einer Fortsetzung war. Es war überraschend warm gestern und es fiel kein Regen, es sprach also nichts dagegen, draußen vor der Tür zu sitzen und uns und das Bier unter freiem Himmel zu genießen. Nun ist der Sommersalon ein eher cooler Laden und hat als solcher auch coole Sitzgelegenheiten vor der Tür. Stillgelegte Autoscooter sind es, die da herumstehen, sowie ein, zwei normale Liegestühle, welche aber schon besetzt waren. Also zwängten wir uns hinter das Steuer eines eher winzigen dauergeparkten Gefährts. Ich weiß nicht, ob es sich bei dem Ding vielleicht um eine Version für Kinder handelte oder ob ich nicht vielleicht doch zu fettreich koche, aber die Zeiten, in denen ich in so etwas mit Begleitung elegant hineinpaßte, sind definitiv vorbei. Es war eng, sogar sehr eng. Hätte ich Birgit in einem durchschnittlichen Wandschrank auf den Schoß genommen, wäre es auch nicht enger gewesen. Aber drinnen in dem Laden war es stickig und rauchig und die Abende, an denen man in Hamburg ohne zu Frieren draußen sitzen kann, sind knapp bemessen. So blieben wir dort sitzen, wobei einzelne Arme und Beine etwas seltsam anmutend aus dem dauergeparkten Gefährt hingen. Ich legte der Raumnot gehorchend meinen Arm in einer mantafahrermäßigen Geste um ihre Schultern und ignorierte die sichtlich amüsierten Passanten nach Kräften.

Als ich nach einer Weile in den Laden ging, um am Tresen Getränkenachschub zu ordern, wollte mein verbogener, um die Dame gelegter Arm allerdings nicht so recht freiwillig in seine angestammte Position zurück und auch das Durchdrücken der unter dem Steuerrad verklemmten Knie gelang nicht gerade auf Anhieb. So schob ich mich also in recht befremdlicher Haltung zu der Bedienung, wobei mir die jugendlichen Gäste sehr freundlich aus dem Weg gingen und mich an der Theke sogar vorließen. Wahrscheinlich hielten sie mich für körperbehindert oder auch sonst schadhaft. Nette junge Leute.

Vielleicht ist es doch Zeit, coole Sitzgelegenheiten zu meiden und mich nach Etablissements mit schweren, tiefen Ledersesseln umzusehen.

Kleine Zeichen

Eine Freundin rief mich an und bat um Rat bei einer Beziehungsfrage. Sie ist seit kurzer Zeit mit einem Mann zusammen, hatte auch die letzte Nacht mit ihm verbracht und am Morgen im Bad dann schockiert festgestellt, daß er ihr kein Handtuch herausgelegt hatte. Da sie aber an den anderen Morgen davor jeweils ein frisches, liebevoll bereitgelegtes Handtuch vorgefunden hatte, war sie höchst besorgt und drauf und dran, den Handtuchmangel als Zeichen einer plötzlich bevorstehenden Trennung aufzufassen, worauf sich dann auch die Frage an mich bezog: “Will der mich etwa schon loswerden?”.

Aufgrund meiner reichen Lebenserfahrung konnte ich sie natürlich beruhigen. Es ist unwahrscheinlich, daß sich ein Mann mit so subtilen Hinweisen aus einer Beziehung verabschiedet (“Eigentlich möchte ich doch lieber nicht mit ihr zusammen sein, aber darüber zu reden ist doof. Ich lege einfach mal kein Handtuch hin, vielleicht geht sie dann von selbst. Frauen sind ja sensibel, sagt man, sie versteht das also schon. Wenn das nicht klappt, mache ich eben den Kaffee jeden Tag etwas dünner. Irgendwann muß sie ja merken, worum es geht.”) Es ist dagegen sehr wahrscheinlich, daß ein Mann irgendwann annimmt, daß die besuchende Dame allmählich in der Lage sein könne, sich selbst ein Handtuch aus dem Regal zu nehmen. Wie überwältigend der erste Überschwang auch sein mag, in der Regel hört man doch irgendwann auf, die geliebte Person wie einen Staatsgast zu behandeln und geht allmählich zu familiäreren Formen über (“Ich bin doch hier nicht dein Page!”).

Aber trotzdem fasziniert mich die Vorstellung, man könne auf diese Art eine Trennung einleiten. So undramatisch. Ein Blick auf das fehlende Handtuch, die schlagartige Erkenntnis, der Abgang. In Japan merkt man ja angeblich, daß einem gekündigt wurde, wenn morgens kein Stuhl mehr vor dem Schreibtisch steht, ein sehr ähnlicher Sachverhalt. Vielleicht könnte man auch zum Beispiel bei Ehepaaren Scheidungen auf diese Art stilvoll einleiten, etwa in dem die Frau nur eine Hälfte des Bettes frisch bezieht. Oder in dem der Ehepartner mit Küchendienst abends nur ein einsames Kotelett brät. Faszinierende Möglichkeiten! Wobei die Herzdame und ich natürlich keineswegs die Absicht haben, künftig getrennte Wege zu gehen, wie ich an dieser Stelle wohl anmerken sollte.

Und daß sie heute morgen den Frühstückstisch nur für sich allein gedeckt hat, liegt sicher nur daran, daß sie annahm, ich hätte ohnehin keine Zeit. Wie auch immer sie darauf kam.

Der Techniker

Während ich in der letzten Woche an einem verträumten Bürovormittag versuchte, eine harmonische Stimmung in mir zu generieren, in dem ich sämtliche Zellen eines leeren Excel-Blattes mandalamäßig mit netten Farben befüllte, standen plötzlich zwei Männer in Overalls in meinem Büro. “Guten Tag, wir sind der Techniker”, sagen sie zeitgleich. Ich sehe sie etwas verblüfft an und frage nach: “Sie beide sind DER Techniker?”. Die Männer sehen sich an, zeigen aufeinander und antworten dann perfekt synchron: “Ja, er ist der Techniker.”

Das kommt wohl dabei heraus, wenn man in Jobsharingverträgen nicht genau festlegt, wer wann arbeitet, nehme ich an. Die beiden haben dann seltsam gestelzt den Grund ihres Auftritts bekanntgegeben, wobei allerdings nur noch einer sprach: “Bei ihnen wurden Zugerscheinungen festgestellt.” Ein angestellter Hausmeister hätte vermutlich einfach gesagt “Bei ihnen zieht’s wohl”, aber die neuerdings outgesourcten Haustechniker stellen natürlich Zugerscheinungen fest. Alles wird komplizierter.

Das war auch der Moment, in dem ich beschloß, ein verlängertes Wochenende zu brauchen. Wenn man Erscheinungen hat, sollte man sich dringend erholen.

Vorsicht bei der Sportwahl

In der S-Bahn steht eine Gruppe jugendlicher Türken. Sie sind in diesem Look irgendwo zwischen Gangsta, Mafiaschick und Mannschaftssport gekleidet, sie stehen alle sehr breitbeinig, drücken die Brust weit raus und können vor Kraft kaum gehen. Alle im schlimmsten Angeberalter und, wie man leicht erkennt, in schärfster Konkurrenz zueinander. Sie reden über Sport und erzählen die Großtaten vom Wochenende, was sie im Fußball klargemacht haben (“Die haben wir gekillt, aber ganz schnell”), was sie an Gewichten gestemmt haben, wie die erste Stunde Kickboxen war (“Kickboxen! Voll der Hammer!”). Alle haben natürlich fast unvorstellbare Heldentaten vollbracht. Einer erwähnt, daß er am Sonntag Nordic Walking gemacht hätte. An der Alster. Mit der Familie. Die anderen schweigen irritiert, sehen ihn an, sehen dann sich an, sehen ratlos den an, der wohl der Anführer der wilden Truppe ist, er sieht ein wenig älter aus als die anderen. Er fragt im Tonfall ausdrücklichen Unglaubens:

“Nordic Walking? So mit Stöckern gehen? Mit deinen Tanten? Willst du uns verarschen?”

Dem Angesprochenen wird natürlich klar, daß er einen fatalen Fehler gemacht hat, hektisch erzählt er von den besonderen Anforderungen an die Kondition (“Das geht auf die Pumpe, ich sag dir!”) und an die Beinmuskulatur, aber es ist sinnlos. Der Rudelchef legt ihm die Hand auf die Schulter, sieht sich im vollen Bewußtsein seiner Verantwortung im Kreise seiner Gefolgschaft um, guckt sehr ernst und sagt dann zu dem verhaltensauffälligen Jungkrieger:

“Alter, ich bin dein Freund. Wenn du schwul bist, laß uns reden.”

Man könnte darauf wetten, daß es im Laufe der Woche eine neue Anmeldung beim Kickboxen gibt.

Die erhabene Stille der Schuhgeschäfte

Es gibt Momente im Leben eines Mannes, an die es keine Erinnerung gibt, sie sind einfach weg, gelöscht. Das ist zu einem Teil natürlich jugend- und alkoholbedingt, denn man durchlebt ja experimentelle Phasen, was den Getränkekonsum angeht. Bei manchen Menschen liegt es sicher auch an anderen Drogen oder sonstigen Exzessen, daß nicht mehr alles gespeichert ist, in meinem Fall liegt es teilweise aber einfach daran, daß ich mit der Herzdame in Schuhgeschäften war.

Obwohl ich eigentlich ein sehr nützlicher, interessierter und auch motivierender Einkaufsbegleiter bin, sogar zu beträchtlichem Enthusiasmus fähig, ist es doch regelmäßig so, daß mich beim Betreten eines Schuhgeschäftes eine so unfaßbare, erdrückende Langeweile überfällt, daß mein Hirn in eine Art Stand-by-Betrieb verfällt und ich erst beim Verlassen des Ladens wieder merke, daß zwischen Hereinkommen und Hinausgehen irgend etwas gewesen sein muß. Ich spüre beim Betreten des Geschäftes förmlich, wie das Denken heruntergefahren wird, es wird leiser und leiser, es verglimmt. Eine Erfahrung, für die andere in Meditationskursen viel Geld bezahlen. Alles Äußere verbleibt am Rande meines Bewußtseins, ich höre wohl die Stimmen um mich herum, ich sehe Schuhe, sehr viele Schuhe, aber es denkt nicht weiter, nichts assoziiert sich, keine Gedankenketten rattern, die Synapsen liegen still und starr. Die Herzdame spricht auf mich ein, ich sehe wie sich ihr Mund bewegt, ich höre sehr oft das Wort Pumps, aber eigentlich ist Hören nicht das richtige Wort. Die Sätze der Herzdame gelangen gar nicht als Wahrnehmung in meinen Kopf, es ist eher so, als würden sie sich in der Luft um mich herum stapeln, teilnahmslos stelle ich fest, wie sie sich auftürmen, mechanisch nickt mein Kopf von Zeit zu Zeit. Die Herzdame zeigt immer wieder auf ihre Schuhe, dann auf andere Schuhe und ganz andere Schuhe, unaufhörlich spricht sie dabei, sie murmelt Schuhfarben, Größen und Absatzhöhen, es ist eine Art Mantra, ich lasse mich darauf ein und werde innerlich vollkommen gelöst. Dabei vergehen Minuten oder Stunden, wer weiß, ich stehe und werde älter, die Erde kreist, das Sonnensystem dehnt sich aus, ich kann es spüren und mein Atem wird ruhiger und ruhiger. Wenn die Herzdame lange genug für ein Paar Schuhe brauchen würde, könnte ich dabei Erleuchtung erlangen. Ich würde diese Methode dann predigen und verbreiten, ich würde als Pumpspapst heilbringend durch die Metropolen der Welt ziehen und in Schuhgeschäften predigen, in die ich mit einem Gefolge barfüssiger Priesterinnen Einzug halten würde.

Die Herzdame steht derweil vor mir und sieht mich an und irgend etwas in ihrem Blick, daß fürchterlich bedrohlich wirkt, holt mich aus meiner Stille und Leere zurück. „Der?“, fragt die Herzdame und zeigt auf ihre Füße, die in verschiedenen Schuhen stecken „ich frage jetzt zum fünften Mal, der? Soll ich den nehmen? Hallo?“.

Und bei der Gelegenheit habe ich dann festgestellt, daß man mit einer kurzen Gegenfrage viel Kredit und ehelichen Frieden verspielen kann, obwohl ich mich ehrlich bemüht habe, Interesse zu zeigen. Interesse zu zeigen reicht aber nicht, wie die Erfahrung lehrt, es kann im Gegenteil fatale Folgen haben und dazu führen, daß die Herzdame den Rest des Tages ohne mich einkaufen geht.

Dabei habe ich nur gefragt: „Welcher ist der Neue?“