Der Duft der Limetten im Sommer

World CupAn dem sambadurchtosten Stand der Brasilianer auf dem Fan-Fest zur WM in Hamburg werden zur Cocktailerzeugung Unmengen von Limetten verwertet. Die Limettenstückchen aus den leergetrunkenen Gläsern landen in großen Mülltonnen, von wo sie unter starker Sonneneinwirkung nach kurzer Zeit ganz erstaunlich heftig und weit riechen. Gärende Limettenreste riechen, wie ich als ehemaliger Landbewohner sofort erkenne, ganz eindeutig nach Gülle, in diesem Fall mit einem süßlichen Einschlag. Deutsche Besucher, die an den Mülltonnen entlangflanieren, halten ihre Nasen erfreut in den Gülleduft und ergreifen nicht etwa die Flucht sondern rufen entzückt: “Oh lecker, Caipirinha!”.

Das gehört für mich zu den großen Sommerrätseln, gleichauf mit der Frage, wieso es toll sein soll, in Beachclubs sandige Füße zu bekommen oder irgendwo in der prallen Sonne herumzuliegen. Vollkommen unbegreiflich.

Die Liebe und der Vaterlandsverrat

Young fan from South KoreaEin Schweizer Familienvater stand vor dem Spiel der Schweizer gegen die Südkoreaner auf dem Fan-Fest in Hamburg am Stand seines Heimatlandes und brüllte gemeinsam mit seinen Landsleuten aus Leibeskräften den für unsere Ohren drolligen Schlachtruf “Hop Schwiz!”. Er hatte dabei einen etwa sechsjährigen Sohn an der Hand, dessen Arm er fortwährend zum Mitjubeln hochriß. Der Sohn wirkte eindeutig unmotiviert, versuchte den Arm seinem Vater zu entwinden und störte den Familienfrieden außerdem empfindlich durch knurriges Rufen des falschen Begriffs: “Korea!”.

Der Vater war weit davon entfernt, das erheiternd zu finden, er zeigte nachdrücklich auf die Fahne, die sein Trikot schmückte, auf all die anderen Schweizer ringsum, gab wieder “Hop Schwiz” von sich, rüttelte am Arm des Jungen und sah ihn erwartungsvoll an. Dieser schob nur sehr entschlossen die Unterlippe vor: “Korea!”.

Und als der Vater sich gerade suchend nach jemandem umsah, wahrscheinlich nach der Mutter, die jetzt dringend um Rat gefragt werden mußte, verstand ich auch, warum der Nachwuchs das falsche Land bevorzugte. Er ging nämlich, kaum war seine Hand frei, ein paar Meter weiter zu einer Fangruppe aus Korea, stupste etwas tapsig eines der bildschönen kleinen Mädchen dort an und wiederholte mit einem wirklich sehr charmanten Lächeln die entscheidende Parole: “Korea!”.

Gute Arbeit!

Ich bekam vor einigen Tagen eine Mail eines Kollegen und Vorgesetzten aus Frankreich, die begann mit “Zunächst herzlichen Glückwunsch zu der ausgezeichneten Leistung, ein ganz wundervolles Ergebnis!”. Sehr nett, dachte ich, dabei krampfhaft überlegend, ob ich tatsächlich irgend etwas sehr gut gemacht hatte. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich darauf kam, daß nicht etwa mein besonders schwungvolles Zahlenschubsen der letzten Werktage gemeint war, sondern das Ergebnis des Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Ecuador.

Ich bin Deutschland, zumindest für ausländische Kollegen. Daher kann ich mich in diesen Wochen ganz entspannt in meinem Bürostuhl zurücklehnen und ohne jede Anstrengung geradezu meisterliches vollbringen. Ich entdecke doch mehr und mehr Vorteile an dieser WM.

Die Frage der korrekten Beflaggung gemischtnationaler Fahrzeuge

Zur Zeit liegt es ja sehr im Trend, Fahnen an den Autos zu befestigen, um dadurch seine Unterstützung für eine der Nationalmannschaften zum Ausdruck zu bringen. Wie ich seit einem Gespräch mit einem Bekannten weiß, ist der Vorgang der Beflaggung gar nicht so einfach, wenn zwei Eigner eines gemeinsamen Autos verschiedenen Nationen angehören. Dieser Bekannte ist ein in Deutschland lebender Brite mit deutscher Frau. Als seine Gattin den Wunsch äußerte, eine deutsche Fahne an das Autofenster zu klemmen, war er verständlicherweise nur unter der Bedingung dazu bereit, daß am anderen Fenster die britische Flagge zu wehen habe. Wobei die beiden sich schon im Vorwege nicht ganz darin einig waren, ob die Fahne auf der Fahrerseite nicht eventuell prominenter placiert sei als die andere, was es im Sinne der Fairness natürlich zu vermeiden galt.

Der Laden, in dem sie die Klemmfahnen für Autofenster dann erwerben wollten, hatte sehr, sehr viele türkische Fahnen, noch einige wenige deutsche und nur eine Handvoll für andere Länder, Großbritannien war gar nicht dabei. Es gab zwar eine einzige britische Fahne, die aber nicht für das Einklemmen vorgesehen war, man hätte sie vielmehr selber aus dem Fenster halten müssen. Die Frau fand das akzeptabel („Tu eben was für dein Land!“), der Mann hatte Bedenken („Am Ende ist es illegal, in Deutschland eine Fahne mit der Hand aus dem Fenster zu halten. Hier ist doch immer alles verboten.“) Der Mann schlug als Kompromiß vor, zwei türkische Fahnen zu kaufen, denn er hatte die Vermutung, daß er, wenn er damit bei seinem türkischen Gemüsehändler vorfahren würde, mit lebenslangem Rabatt rechnen könne. Der Frau erschien das nicht akzeptabel, sie kaufte eine deutsche Fahne und war der Ansicht, die Frage der Beflaggung wäre schlichtweg durch die Umstände entschieden. Der Brite war damit selbstverständlich nicht einverstanden, und so fahren die beiden nun, wenn sie gemeinsam einsteigen, ganz ohne wehendes Landessymbol. Wenn der Gatte aber das Auto verläßt und sie alleine weiterfährt, hißt sie die deutsche Fahne, wenn er einsteigt, wird sie wieder eingezogen, da er sich sonst weigert, mitzufahren.

Es bringt eben doch ganz ungeahnte Schwierigkeiten mit sich, Ausländer zu heiraten.

Drei Jungs aus Ecuador und die Hamburger Höflichkeit

Nach dem letzten Spiel der Mannschaft aus Ecuador saß ich in einer S-Bahn in der Hamburger Innenstadt, gerade in der Zeit, als sich allgemein die Büros leerten und Heerscharen von Angestellten in Anzügen oder Kostümchen nach Hause fuhren. Drei Jungs aus Ecuador stiegen ein, was man unschwer aus der Kleidung in den Landesfarben schließen konnte, und auch daraus, daß sie ohne Unterlaß “Ecuadooor” grölten, wenig abwechslungsreich unterbrochen durch Olé-Olé-Rufe und wenig kunstvolle Lalala-Versatzstücke.

Die drei waren in dem Alter etwa zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, in dem man typischerweise gerade interessante Erfahrungen mit übermäßigem Alkoholgenuß macht, außerdem waren sie durch den Verlauf des Spiels hochgradig euphorisiert. Sicherlich waren sie vor wenigen Minuten noch in einem größeren Pulk von Fußballfans, durch irgendeinen Zufall waren sie jetzt aber die einzigen drei Begeisterten in einem Waggon voller ansonsten eher ermatteter und unfroher Menschen. Sie tanzten in wildester Weise um die Haltestangen, sangen unentwegt, hüpften gemeinsam auf und ab, traten gegen die Türen und gaben sich überhaupt die allergrößte Mühe, wild und krawallig zu wirken. Die Hamburger Büromenschen ringsum auf den Bänken rollten etwas mit den Augen und hielten die Zeitungen höher, allerdings sah man hier und da auch ein Lächeln auf einem Gesicht, denn Hamburg ist WM-Stadt, und da ist man natürlich gastfreundlich, auch wenn sich die Gäste seltsam benehmen oder einfach zur falschen Uhrzeit auftauchen.

Die drei Jungs versuchten mit erheblichen Anstrengungen, ihre Stimmen so laut einzusetzen, daß sie nach mehr als nur drei klangen, wobei sie auch ziemlich erfolgreich waren. Da sich aber übermäßiger Alkoholgenuß, wildes Herumhüpfen und permanentes Schreien nicht dauerhaft gut vertragen, gab es nach zwei Stationen eine Zwangspause, die drei sanken an der Haltestange lachend und nach Luft ringend auf den Boden und saßen da selig grinsend, die Beine ausgestreckt, wedelten sich mit ihren Schals Luft zu und machten neue Bierflaschen auf.

Die Hamburger ringsum sahen jetzt hoch, legten für einen Moment ihre Zeitungen beiseite und klatschten, als hätte man es seit Monaten gemeinsam einstudiert, kurz Beifall. Kein begeisterter Beifall, eher so eine höfliche Variante, etwa als wenn man nach der Grußadresse eines Vorstandsvorsitzenden respektvoll ein wenig klatscht. Ein geschäftsmäßiger Applaus.

Die drei Jungs aus Ecuador sahen zu den Anzugträgern ringsum auf – und man sah ihrem Blick sehr deutlich an, wie vollkommen absurd ihnen die Situation erschien: Da müht man sich nach Kräften, ungeheuerliche Freude auszudrücken und dabei noch ganz wilde Kerle zu spielen – und das völlig ungerührte Publikum geht weder mit noch beschwert es sich, es applaudiert nur beiläufig und liest dann weiter.

Die drei Fans saßen auf dem Boden der S-Bahn und guckten mit offenen Mündern auf die wirklich sehr seltsamen Einwohner dieser Stadt. An der nächsten Station stiegen sie nach eher leiser Beratung untereinander ohne weitere Gesänge aus.