Ausgleichende Gerechtigkeit

Die Herzdame und ich haben nach längerer Pause mal wieder eine Wohnung besichtigt, und gleich mit schönem Erfolg. Wenn man es als Erfolg sehen möchte, daß uns wieder eine Maklerin bewiesen hat, einem vollkommen moralfreien Berufsstand anzugehören, denn die Bestätigung von Vorurteilen hat ja auch immer etwas Stabilisierendes. Die Maklerin gestern hatte eine Anzeige aufgegeben, in der so gut wie nichts stimmte, nicht die Zimmerzahl, nicht die sanitäre Ausstattung, nicht die Kosten. Letztere stiegen vielmehr mit jeder Gesprächsminute und jedem besichtigten Zimmer, denn hier wäre noch etwas zu machen, da etwas zu reparieren und ein Fußboden, na ja, müßte wohl auch noch rein. Wobei sie eine Summe, die leicht auf einige tausend Euro zu schätzen war, ständig als “ein paar Euro” bezeichnete. Und dann wären da ja außerdem noch die Abstandsforderungen der Vormieter. Auch noch ein paar Euro.

Als wir in dem Zimmer zur Straße standen, rumorte es von draußen unüberhörbar, laute Motor- und Maschinengeräusche. Die Maklerin wies beflissen darauf hin, daß es eigentlich in der Straße ganz ruhig sei, das sei jetzt sicher eine Ausnahme, könne sie sich gar nicht erklären. Ich stand am Fenster und hätte ihr die Geräusche schon erklären können, denn ich sah, wie ein Abschleppwagen gerade ihren roten Sportflitzer aufnahm, aber ich wollte natürlich nicht so unhöflich sein, ihren werbenden Redestrom zu unterbrechen. Als wir nach der Besichtigung vor dem Haus standen, da wo eben noch der Sportwagen falsch parkte, war es tatsächlich ganz leise in der Straße und wir haben uns von einer nun sehr schweigsamen Maklerin verabschiedet.

Die Wohnung nehmen wir aber lieber nicht und die Suche geht weiter.

Gestern im Showprogramm der Tankstelle

Um seltsame Dinge zu erleben, muß man keineswegs weit reisen. Es reicht vollkommen aus, den Stadtteil zu verlassen, wie die Herzdame und ich gerade wieder gemerkt haben, als wir gestern Abend auf der Suche nach einer Gelegenheit zur Autowäsche verblüffende Irrwege fuhren. In Hamburg scheint die Autowäsche nach achtzehn Uhr unüblich zu sein, zumindest haben die meisten entsprechenden Anlagen da schon geschlossen. Wir gerieten nach erstaunlich vielen Fehlversuchen irgendwo in Hamburgs Osten in Autobahnnähe an eine geeignete Tankstelle, fuhren das Auto in die Waschanlage und warteten davor.

Ein Golf, aus dem laute Musik kam, fuhr rasant auf den Parkplatz der Tankstelle, hielt ruckartig an – und dann passierte etwas, was man eigentlich immer nur so sagt, aber nie so meint: Der Fahrer sprang aus dem Auto. Dieser hier tat es aber wirklich, mit einem sogar ziemlich beeindruckenden Satz. Kaum daß er auf seinen Füssen stand, knickte der Oberkörper ein, die Arme vollführten einige ausgesprochen exzentrische Bewegungen und der Kopf zuckte ruckartig. Wir standen staunend vor diesem Auftritt. Der Fahrer, ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren, richtete sich wieder auf, drehte sich pirouettenmäßig und besah sich in den Spiegelungen seiner Autoscheiben, wobei er weiter äußerst originelle Bewegungen vollführte, die mir nicht gerade tankstellenadäquat erschienen. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich verstand, daß da jemand Tanzen übte, irgend etwas zwischen schon geradezu altmodischem Breakdance und wildestem Freestyle. Die irritierten Zuschauer ringsum an den Zapfsäulen schienen ihn nicht zu stören, während er sich da weiter vor seinem Auto verbog.

Er drückte mehrmals an seiner Musikanlage im Auto ein Lied wieder auf Start und versuchte anscheinend, eine bestimmte Abfolge durchzutanzen, wobei er sich genau in den Scheiben beobachtete. Er scheiterte immer an der gleichen Stelle, was er mit laut gebrüllten Flüchen sehr deutlich machte. Schließlich setzte er sich wieder in seinen Golf, spielte das Stück ab und schlug dabei mit den Händen auf das Lenkrad ein. Er stieg noch einmal aus, versuchte die Bewegungen vergeblich und stieg schließlich doch wieder ein. Man sah durch die Rückscheibe, wie er sich die Haare raufte und mit den Armen Tanzbewegungen im Sitzen andeutete, immer wieder die gleichen Abfolgen. Er stieg ein letztes Mal aus und machte jetzt alles ohne Musik und ganz langsam, wie in Zeitlupe. Er kam dennoch nicht über eine bestimmte Armposition hinaus, woraufhin er mehrmals kräftig gegen das Vorderrad trat, einstieg und weiterfuhr.

Wir sahen ihm irritiert nach. Der Auftritt erschien mir sehr merkwürdig, aber andererseits war diese Showeinlage auch ein klarer Beweis für den Vorteil des von uns gepflegten Standardtanzes. Denn ich scheitere zwar auch regelmäßig und bis zur Verzweiflung am Tanzen, aber ich habe dabei wenigstens eine Frau im Arm – und das ist dem Alleinsein auf Tankstellenparkplätzen doch ganz grundsätzlich vorzuziehen.