Drei Jungs aus Ecuador und die Hamburger Höflichkeit

Nach dem letzten Spiel der Mannschaft aus Ecuador saß ich in einer S-Bahn in der Hamburger Innenstadt, gerade in der Zeit, als sich allgemein die Büros leerten und Heerscharen von Angestellten in Anzügen oder Kostümchen nach Hause fuhren. Drei Jungs aus Ecuador stiegen ein, was man unschwer aus der Kleidung in den Landesfarben schließen konnte, und auch daraus, daß sie ohne Unterlaß „Ecuadooor“ grölten, wenig abwechslungsreich unterbrochen durch Olé-Olé-Rufe und wenig kunstvolle Lalala-Versatzstücke.

Die drei waren in dem Alter etwa zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, in dem man typischerweise gerade interessante Erfahrungen mit übermäßigem Alkoholgenuß macht, außerdem waren sie durch den Verlauf des Spiels hochgradig euphorisiert. Sicherlich waren sie vor wenigen Minuten noch in einem größeren Pulk von Fußballfans, durch irgendeinen Zufall waren sie jetzt aber die einzigen drei Begeisterten in einem Waggon voller ansonsten eher ermatteter und unfroher Menschen. Sie tanzten in wildester Weise um die Haltestangen, sangen unentwegt, hüpften gemeinsam auf und ab, traten gegen die Türen und gaben sich überhaupt die allergrößte Mühe, wild und krawallig zu wirken. Die Hamburger Büromenschen ringsum auf den Bänken rollten etwas mit den Augen und hielten die Zeitungen höher, allerdings sah man hier und da auch ein Lächeln auf einem Gesicht, denn Hamburg ist WM-Stadt, und da ist man natürlich gastfreundlich, auch wenn sich die Gäste seltsam benehmen oder einfach zur falschen Uhrzeit auftauchen.

Die drei Jungs versuchten mit erheblichen Anstrengungen, ihre Stimmen so laut einzusetzen, daß sie nach mehr als nur drei klangen, wobei sie auch ziemlich erfolgreich waren. Da sich aber übermäßiger Alkoholgenuß, wildes Herumhüpfen und permanentes Schreien nicht dauerhaft gut vertragen, gab es nach zwei Stationen eine Zwangspause, die drei sanken an der Haltestange lachend und nach Luft ringend auf den Boden und saßen da selig grinsend, die Beine ausgestreckt, wedelten sich mit ihren Schals Luft zu und machten neue Bierflaschen auf.

Die Hamburger ringsum sahen jetzt hoch, legten für einen Moment ihre Zeitungen beiseite und klatschten, als hätte man es seit Monaten gemeinsam einstudiert, kurz Beifall. Kein begeisterter Beifall, eher so eine höfliche Variante, etwa als wenn man nach der Grußadresse eines Vorstandsvorsitzenden respektvoll ein wenig klatscht. Ein geschäftsmäßiger Applaus.

Die drei Jungs aus Ecuador sahen zu den Anzugträgern ringsum auf – und man sah ihrem Blick sehr deutlich an, wie vollkommen absurd ihnen die Situation erschien: Da müht man sich nach Kräften, ungeheuerliche Freude auszudrücken und dabei noch ganz wilde Kerle zu spielen – und das völlig ungerührte Publikum geht weder mit noch beschwert es sich, es applaudiert nur beiläufig und liest dann weiter.

Die drei Fans saßen auf dem Boden der S-Bahn und guckten mit offenen Mündern auf die wirklich sehr seltsamen Einwohner dieser Stadt. An der nächsten Station stiegen sie nach eher leiser Beratung untereinander ohne weitere Gesänge aus.

8 Kommentare

  1. Das find ich klasse ^^
    Ob das auch bei lärmenden Fans in Autos funktioniert? Die terrorisieren die Wiesbadender Innenstadt nämlich des Nachts gerne…

    Grüße

  2. Ich glaube, das tun sie in jeder Stadt – auch in Mainz. Aber ich glaube, Wiesbaden hat es besonders schlimm erwischt. Öffentliche Verkehrsmittel kann man nicht mehr benutzen. Man könnte meinen, das WM-Fieber sei ausgebrochen – für manche avanciert es tatsächlich zum Fieber, gegen das es kein wirksames Medikament gibt. In regelmäßigen Schüben (ca. dreimal am Tag) unterbricht es den normalen Tagesablauf. Und alle paar Tage, nämlich dann, wenn die Mannschaft des Gastgeberlandes spielt, ist friedliches, ruhiges Leben in den gewohnten Bahnen völlig unmöglich.
    Und natürlich- die Medien stürzen sich – verständlicherweise – in ihrem Sommerloch auf die Weltmeisterschaft wie ausgehungerte Problembären, die seit Wochen kein Schaf mehr gerissen haben.
    Als wäre es nicht schon schwer genug, den beflaggten, gröhlenden Massen auszuweichen oder nach einem Spiel Deutschlands vor 0.00 h in den Innenstädten dieses Landes den verdienten Schlaf zu finden – nein, wer nicht auf dem neusten Stand oder zumindest absolut begeistert ist, kann nicht mitreden.

  3. Es gibt natürlich Wege, sich damit zu arrangieren, auch ganz ohne Interesse am Fußball. Seit ich mich zum Beispiel dafür erwärmt habe, die Fans aus aller Welt zu fotografieren, gefällt mir die Sache doch sehr gut. Die Menschen gucken die Spiele an, ich gucke dabei die Menschen an, bestens.

  4. @Manuel: Das Spiel, um das es hier ging, haben sie gewonnen, ja. Ist schon ein paar Tage her, weiß leider nicht mehr, gegen wen das war. Vermutlich war es ihr erstes Spiel.
    @Etosha: Danke!

  5. So sind sie, unsere Hamburger.
    Wenn eine Frau schreiend und nackt die Mönkebergstraße herunterrennen würde, ginge sofort der typische hamburgische , empörte Aufschrei durch die Reihen:
    „Ts!“.

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