Duftprobe in Friedewalde

Herzdame in Friedewalde

Wir waren am Wochenende im Heimatdorf der Herzdame, um zu sehen, wie sich die Sommerhitze anderswo anfühlt.

Wenn man da an einem heißen Sommerabend um das Dorf spazieren geht, kann man es riechen, wie sich der kühlende Schatten der Dämmerung langsam im hohen Gras ausbreitet. Man kann riechen, wie die feucht werdenden Kräuter und Blüten anfangen, würziger zu duften, es macht Hunger, wenn man da durch geht. Von den schon abgeernteten Feldern dahinter riecht es noch trocken und heiß nach Staub, Stroh und Häcksel. Auf den Feldwegen zwischen den Gehölzen, wo der Boden tausendfach von silbrigen, wirren Spuren übersät ist, riecht es süßlich nach Schnecken und Waldboden. An einer Wegbiegung ragt ein alter Quittenbaum aus einem Garten, die Zweige hängen schwer über den Zaun und die zertretenen Früchte auf dem Weg duften schwer und vergoren. Die Felder, auf denen Bataillone von mannshohen Maisstauden stehen, riechen nach sandiger Erde und grünem Schatten. Der halb vertrocknete und erstickte Graben voller Entengrütze riecht schwach feucht und moderig. Aus den Gärten vor den Häusern riecht es nach Abendbrot und Grill, von den Höfen kommt der Geruch von Tieren, mal etwas stechend aus einem Kuhstall, mal der kindheitsselige Duft grasender Pferde auf den Koppeln hinter den Ställen.

Hamburg dagegen riecht bei dieser Hitze nur nach: Man kriegt einfach keine Luft.

Wer?

Wenn man in einer Partnerschaft lebt und nachts im gleichen Bett schläft, was sind wohl die typischen ersten Worte, wenn morgens der Wecker klingelt und beide die Augen aufmachen? Etwas wie: “Guten Morgen, mein Schatz”? Bei der Herzdame und mir ist es standardmäßig ein leicht vergrübeltes: “Wer?”

Das liegt nun nicht etwa daran, daß wir uns fragen würden, wer da klingelt, es ist uns beiden durchaus bewußt, daß es sich um den Wecker handelt. Die Frage resultiert vielmehr daraus, daß wir beide abwechselnd morgens für Kaffee sorgen, an einem Tag sie, am nächsten Tag ich. Das heißt, einer von uns beiden hat jeweils die Chance, noch eine Viertelstunde liegenzubleiben, während der andere sich in die Küche schleppen muß. Da wir beide nun aber morgens nur begrenzt denkfähig sind, müssen wir uns erst mühsam durch das Dickicht der halbverschlafenen Gedanken kämpfen, bis uns einfällt, wer an diesem Morgen dran ist. Daher die Frage: “Wer?”

Und da wir beide zu früher Stunde unsere eigentlich gar nicht so rücksichtslosen Charaktere noch nicht voll hochgefahren haben, sondern uns noch im Bereich eher niederer Triebe bewegen, antworten wir beide wie aus eine Munde dem jeweils anderen in der vollen Überzeugung des Moments: “Du!” Und im Laufe der sich daran entzündenden Debatte werden wir langsam wach.

Ich gebe gerne zu, daß es sehr seltsam ist, so etwas jahrelang zu spielen, und sogar ohne nachlassende Begeisterung. Andererseits haben wir anderen Paaren damit etwas voraus, da nach der Klärung der Lage jeweils nur einer von uns aufstehen muß: Für jeden von uns beginnt so zumindest jeder zweite Tag mit einem Sieg. Kann wahrscheinlich auch nicht jeder von sich behaupten.

Notwehr

Auf dem Hamburger Rathausmarkt wird gerade irgend etwas auf- oder umgebaut, einige Handwerker tragen in der sengenden Sonne Pfosten und Latten herum. Wahrscheinlich wird die nächste Großveranstaltung vorbereitet, was immer es auch gerade sein mag. Auf dem Rathausmarkt gibt es keinen Schatten, die hellen Steine auf dem Boden sind am Mittag so aufgeheizt, daß man wahrscheinlich Pizza darauf backen könnte, darüber flimmert es. Die Luft glüht, es sind nur sehr wenige Menschen unterwegs.

Ganz am Rand des Platzes, wo einige wenige Bäume stehen, hat sich ein junger Handwerker, wohl ein Lehrling, in den Schatten gesetzt. Er hat einen sehr roten Kopf, seine Kleidung ist klitschnaß, er hat eine leere Wasserflasche in der Hand, die er sich eben über den Kopf gekippt hat. Ein älterer Kollege geht auf ihn zu und sagt: “Na, wieder zu faul zum Arbeiten? Los, wir haben noch zu tun.” Der Junge sieht auf den Platz, über den sich seine Kollegen sehr langsam bewegen, er antwortet mit einem Blick, dem man wahre Verzweiflung deutlich ansieht und in einem Tonfall, dem man anhört, das ihm alles egal ist: “Wenn ich dafür in die Sonne muß, hau ich dir aufs Maul.”

Die Zukunft des Businesslooks

City-Süd

Nachdem die Auswirkung der Hitze auf Damen mit Piccolo schon hier beschrieben wurde, geht es heute um die Folgen für die Berufstätigen. In der Hamburger City-Süd, in der ich meinen Berufsalltag verbringe, wimmelt es normalerweise von Anzugträgern und Damen im Kostüm, durch die Hitzewelle in den letzten Wochen hat sich hier allerdings einiges geändert. Zuerst verschwanden nach und nach Sakkos und Krawatten aus dem Straßenbild, dann sah man zusehends mehr Kurzarmhemden, in der Anfangsphase noch meist in weiß. Später wurden diese immer öfter auch in bunten und sehr bunten Varianten getragen, bis hin zu einer ungeahnten Enthemmung, was die tragbaren Muster angeht. Hierbei gilt offensichtlich die einfache Grundregel: Je Sachbearbeiter der Mensch, desto lustig das Hemdmuster. Mittlerweile ist der klassische Anzug hier vollkommen ausgestorben, der Siegeszug der offenen Sandalen ist nicht mehr aufzuhalten und ein gewisser Trend zu zwei und auch drei oberen Hemdknöpfen zeichnet sich deutlich ab. Die Damen tendieren zu weit fallenden Kleidern und luftigen Umhängen. Es gibt da erstaunliche Varianten, die mich an diese seltsamen Umkleidedinger aus Stoff erinnern, die man in den Siebzigern mit zum Strand nahm, um sich unter diesem Überwurf, der eine Einstiegsöffnung mit Gummizug hatte, dann vor dem Baden schamhaft umzuziehen. Heute mittag ging vor mir eine Frau, die etwas trug, daß ich für einen Bettbezug gehalten hätte, wenn sie nicht dringesteckt hätte. Auf einer Kanalbrücke hielt sie an, stellte sich quer zum leise wehenden Lüftchen, hob die Arme und gab jauchzende Geräusche von sich, als der Wind ihre in der Sonne leuchtenden Stoffbahnen etwas aufblähte. Die sie begleitenden Kolleginnen machten es ihr umgehend nach, so daß vier oder fünf Frauen in wehenden Gewändern, die Arme gen Westen erhoben, wie heidnische Priesterinnen über die Brücke wallfahrteten. Man wundert sich allmählich über gar nichts mehr.

Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis mir auf dem Weg zur Kantine die ersten Menschen in aktueller Bademode entgegenkommen. Oder in Baströckchen. Ich werde berichten.

Links in den Nahen Osten

Demonstration

Am Freitag gab es vor dem Hamburger Hauptbahnhof eine eher kleine prolibanesische Demonstration. Etwa fünfzig Menschen standen da auf dem Bahnhofsvorplatz, ein Redner sprach, sie hielten Transparente gegen Israel und Amerika hoch. Es interessierte überhaupt niemanden der Passanten, die aus den Büros heimkamen, man ging zügig vorbei. Wenn man überhaupt hinsah, dann eher ratlos und irritiert. In Hamburg sind Demonstrationen von Ausländergruppen, Exiliranern, Kurden, Türken, Chinesen etc. nicht gerade selten, man ist es gewohnt. Da Reden dabei oft in den jeweiligen Landessprachen gehalten werden, ist ohnehin zweifelhaft, ob man wirklich versteht, worum es gerade geht. Der Redner, der da am Freitag auf einem Lieferwagen stand, sprach auf deutsch von dem friedliebenden und freundlichen Volk im Libanon, im nächsten Satz aber auch schon von dem grundlegenden Recht auf Rache, von Selbstverteidigung, israelischen Kriegsgefangenen und absolut notwendiger Kriegsführung. Er schlingerte sozusagen zwischen den Positionen hin und her. Keine überzeugende Friedensrede, die Existenz der Hisbollah wurde nicht einmal erwähnt. Es hätte nur minimaler Textänderungen bedurft, um dieselbe Rede auf einer pro-israelischen Demonstration zu halten. Bilder von zivilen Opfern wurden hochgehalten, auch die Bilder wären natürlich leicht austauschbar gewesen. Die demonstrierenden Zuhörer wirkten dabei keineswegs aggressiv, auch sie schienen eher ratlos und standen etwas unschlüssig um den Redner herum. Zwischen den Reden spielte Musik aus Lautsprechern, keine arabischen Stücke, sondern entspannter Reggae. Daß die Demonstranten nicht nur libanesische, sondern auch deutsche Flaggen eifrig schwenkten, gehört sicher zu den bemerkenswerten Folgen des WM-Sommers. Fast fällt es einem schon gar nicht mehr auf, daß dies noch vor kurzer Zeit so gut wie undenkbar gewesen wäre.

In vielen Blogs (etwa hier und hier) liest man derzeit den Hinweis auf das deutschsprachige Blog “Letters from Rungholt” wo eine Frau aus Israel klug abwägend und ausführlich über die Lage schreibt. Ich schließe mich diesen Empfehlungen sehr gerne an. Wenn man sich da aber erst einmal festgelesen hat, ist der “Nahe Osten” allerdings auf einmal tatsächlich näher, als man vielleicht denkt.

Mehr Blogs aus der gesamten Region werden zum Beispiel hier aufgeführt.