Der Affe und ich

Ich bin aus guten Gründen kein sehr eitler Mensch und ich rechne nicht damit, in alltäglichen Situationen mit Komplimenten überschüttet zu werden. Ich baue aber auf das gute Benehmen der Mitmenschen und rechne daher auch nicht damit, frei heraus beleidigt zu werden, was normalerweise auch gut klappt. Es klappt aber natürlich nicht bei Kindern, denn die kennen noch nicht alle Spielregeln und sind daher für seltsame Überraschungen gut.

Heute war ich mit meiner Freundin Andrea und ihrer dreijährigen Tochter Johanna-Marie in Hagenbecks Tierpark, wobei die Kleine natürlich reichlich Obst und Gemüse an diverse Tiere verfütterte. Füttern ist toll, Elefantenrüssel kommen aus dem Himmel herab, Ziegenmäuler ziehen am T-Shirt, Meerschweinchen fressen aus der Hand, alles ist großartig, da kann man im Überschwang des Moments auch mal gönnerhaft dem begleitenden Merlix etwas anbieten – und so stand sie strahlend vor mir, direkt neben dem Pavianfelsen, reichte mir ein Stück Obst auf der flachen Hand, guckte mich strahlend an und sprach zu mir: “Affe!”.

Das enttäuschte mich schon ein wenig, wie man vielleicht verstehen kann. Noch während ich krampfhaft überlegte, ob die Äußerung vielleicht nur ein Zeichen frühkindlicher Intelligenz war, der ferne evolutionäre Zusammenhang zwischen Pavian und Merlix also soeben dem schlauen Kind schlagartig klar geworden war, oder ob ich tatsächlich irgendwelchen Baumbewohnern verdächtig ähnlich sehe, erlöste mich allerdings die Mutter mit der korrekten Übersetzung des Wortes “Affe”. Das nämlich hieß eigentlich gar nicht Affe sondern “Apfel”, was für die junge Dame aber noch nicht auszusprechen ist. Sie hat also gar nicht mich als Primaten benannt, sondern nur ganz korrekt das mir angebotene Stück Obst. Das gute Kind.

Ich sollte mir vielleicht dennoch eine bessere Haltung, insbesondere einen aufrechteren Gang angewöhnen. Nur zur Sicherheit.

Aus dem Reisetagebuch: Nürnberg

Auf der Fahrt nach Österreich haben wir in Nürnberg übernachtet. Wir hätten auch bis zum Ziel durchfahren können, aber Nürnberg kannten wir alle nicht und bis dahin zu kommen, schien in jeden Fall streßfrei. Um gleich mit ein wenig Erlebnisurlaub zu starten, haben wir dort in der Jugendherberge übernachtet, die in der Burg über der Stadt eingerichtet ist. Ein Viererzimmer im siebten Stock, mit schmalen Etagenbetten und großartigem Ausblick.

Verblüffenderweise gab es auf dem Flur Gemeinschaftsduschen für beide Geschlechter, in denen nicht einmal die Kabinen abschließbar waren – da muß einem die Jugend ja leid tun, die heutzutage auf diese Art um den Spaß des nächtlichen Flurwechsels gebracht wird. Wir haben uns damals auf Klassenfahrten noch nächtelang als Fassadenkletterer, Einbrecher und Sturmtrupp bemühen müssen, um die Etage der Mädchen zu erreichen. Da kriegt man ja Lust, Heranwachsende um sich zu scharen und von alten, harten Zeiten zu erzählen.

Wie Isa auch schon bemerkte, die ebenfalls kürzlich in einer Jugendherberge war, hätten wir glatt zum Frühstück roten Tee aus riesigen Blechkannen getrunken, eigentlich hatten wir uns darauf sogar gefreut, die Geschmackserinnerung (war es eigentlich Malve? Hibiskus?) war mir den ganzen Morgen über ganz erstaunlich präsent. Leider scheint auch diese Tradition gebrochen, im Frühstücksraum stand ein moderner Kaffeeautomat, der sogar Cappuccino und Milchkaffee ausgeben konnte. Irgendwie ernüchternd. Und nicht einmal das Geschirr muß man selbst abwaschen, daher war das eigentlich erwartete Animationsprogramm doch etwas unterhalb unserer Erwartungen. Aber für sechzehn Euro pro Person gut geschlafen.

Nürnberg selbst hat mich insofern begeistert, als in jedem zweiten Geschäft in der Innenstadt entweder Rostbratwürstchen oder Lebkuchen verkauft werden. Ich schätze es sehr, wenn etwas meinem Vorurteil entspricht, das empfinde ich immer als angenehm stabilisierend. Auf den Verkehrsschildern, die Fußwege ausweisen, trägt der abgebildete Mann in der Nürnberger Innenstadt noch einen Hut, in Hamburg tut er das schon lange nicht mehr. Er ist hier eigentlich gar nicht mehr als Mann erkennbar, es ist eher eine geschlechtlich undefinierbare Strichfigur. Haben wir etwa metrosexuelle Verkehrsschilder und der katholische Süden nicht? Manche Reisebeobachtungen lassen einen ratlos zurück.